Braucht Indien noch
Entwicklungshilfe?
Streitgespräch zwischen Regine und
Hansjörg Linder am 29. August 2009
Lieber Hansjörg, Indien ist ein großes Land, ein
Subkontinent, der in Ausmaßen und Vielfalt mit Europa verglichen werden kann.
Indien hat viele Gesichter, und eines davon ist leider – auch 60 Jahre nach der
Unabhängigkeit – das der Armut.
Heute
noch ist ein Drittel der knapp 1,2 Milliarden Inder sehr arm, muss von einem
Dollar oder weniger am Tag auskommen. Was das heißt? Das heißt, dass die
Menschen in oft unwürdigen Behausungen leben, dass sie keinen Zugang zu
sauberem Trinkwasser haben, von Abwasser und sanitären Einrichtungen ganz zu
schweigen, dass sie wohl nur einmal am Tag zu essen haben und dass sie oft
nicht wissen, wann sie das nächste Mal ihren Hunger stillen können. So erklärt
es sich auch, dass die Hälfte der 350 Millionen jungen Inder bis 15 Jahren
unterernährt ist – das sind etwa 175 Millionen Kinder!
Und da
meinst du, Indien sei kein bedürftiges Land?
Ja, da hast du recht, es sind Millionen, die in der IT-Branche
in Indien arbeiten – aber es sind nur DREI Millionen Menschen. Wenn ich das auf
die Gesamtbevölkerung umrechne, ergibt das keine 0,3% - also vergiss es!
Nicht
vergessen sollte man andererseits, dass in Indien 30% der Männer und knapp 50%
der Frauen immer noch nicht lesen und schreiben können.
Das hört sich toll an – aber lass mich mit einem Beispiel
antworten.
Wenn ich
100 Euro habe und bekomme 10% Zinsen, dann habe ich einen kleinen Gewinn; habe
ich aber 1.000 oder gar 10.000 Euro und habe 10% Zinsen, so bekomme ich ein
erkleckliches Sümmchen. Was ich damit sagen will? Die Wachstumsrate in Indien
mag ja hoch sein, aber WAS da wächst, die Basis des Wachstums, ist ja immer
noch sehr bescheiden. Und obwohl Indien 13 mal so viele Einwohner hat wie
Deutschland, ist sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) nominal zumindest nur etwa 1/3 des deutschen!!
Noch ein
weiterer Vergleich zu Deutschland: der deutsche Staatshaushalt ist etwa doppelt so
groß wie der indische.
So mögen
sich auch die Schwierigkeiten erklären, die der indische Staat hat, um die
gravierenden Mängel in der Infrastruktur zu beheben. Über das Bildungsniveau
habe ich schon kurz gesprochen, auch das Gesundheitswesen lässt sehr zu
wünschen übrig. Aber auch in Sachen Verkehr – Wasser – Strom ... gibt es
unglaubliche Defizite.
Bei diesen Zahlen liegt meine Antwort auf der Hand: Wie
sollen etwa 170 Millionen Menschen die Probleme einer Nation von knapp 1,2
Milliarden lösen? Wie sollen 170 Millionen weitere 1.000 Millionen
unterstützen?
Außerdem:
diese 170 Millionen leisten ja schon einen Beitrag, indem sie Steuern zahlen
und somit etwas für das Allgemeinwohl tun.
Und last
but not least: Man sollte die indische Mittelklasse mit ihrem in der Regel sehr
bescheidenen Wohlstand nicht mit unserer deutschen oder europäischen
Mittelklasse vergleichen.
Zum einen hat wohl jedes Land das Recht und die Pflicht,
seine Bürger zu verteidigen. Zum anderen lass mich mit absoluten Zahlen
kontern: der deutsche Rüstungshaushalt ist nämlich um 50% höher als der
indische – und das, obwohl Deutschland ein relativ kleines Land ist und in
einem sicheren Bündnis mit den Vereinigten Staaten steht.1
Indien
hingegen steht allein da – und es hat trutzige Nachbarn: Pakistan und China.
Beide Länder haben ebenso die Atombombe und stehen Indien nicht wohlwollend
gegenüber, ja, Konflikte scheinen eigentlich vorprogrammiert. In diesem
Zusammenhang sei noch an ein Ereignis erinnert, das sich vor über 40 Jahren
abgespielt hat und bis heute ein indisches Trauma ist: 1962 sind die Chinesen
über den Himalaya in Indien einmarschiert, bis in die Niederungen von Assam,
ohne dass die indische Armee sie aufhalten konnte; sie haben sich nach einem
Monat überraschend wieder zurückgezogen, aber der Denkzettel hat gut gesessen.
Da gibst du mir ja ein Argument in die Hand. Wo, wenn nicht
in einer stabilen Demokratie, ist denn sinnvolle Entwicklungsarbeit möglich?
Nämlich eine langfristige und nachhaltige Arbeit, bei der man nicht fürchten
muss, dass Unruhen oder Bürgerkriege alle Bemühungen zunichte machen.
Die
jetzige indische Regierung ist im Übrigen wiedergewählt worden – und sie tut
vieles für die Armen im eigenen Land. Es gibt viele gute Regierungsprogramme
zur Bekämpfung der Armut – nur kommen die ungebildeten Bedürftigen, die die
Amtssprache weder schreiben noch lesen können, nicht an sie heran. Hier haben
die Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Aufgabe, die die indischen
Partner-Organisationen der Indienhilfe erfüllen. Im Rahmen ihrer Arbeit führen
sie die Armen an die Regierungsprogramme heran und helfen, sie abzurufen und
umzusetzen. Aus einem der Indienhilfe gespendeten Euro werden so bis zu sechs
Euro Hilfe zum Wohl der Kastenlosen und der Urbevölkerung, zum Wohl der Frauen
und vor allem der Kinder. Private Entwicklungshilfe ist auch deswegen nicht nur
ein Tropfen auf den heißen Stein!
1 Die Zahlen im Überblick (alle Angaben für 2008, in USD):
| Staatshaushalt | Deutschland | Indien |
| 357 Mrd. | 187 Mrd. |
| Militärausgaben | Deutschland | Indien | China | USA |
| 47 Mrd. | 30 Mrd. | 85 Mrd. | 607 Mrd. |
Das Streitgespräch zum Download im pdf-Format finden Sie hier (pdf, 66 kb)