Pressemeldung 8.August 2006
Indienhilfe-Jugendteam im Kampf gegen
Kinderarbeit
Fünf Vertreter der Indienhilfe reisen zu Workshop gegen Kinderarbeit nach
Kolkata
|
Die Indienhilfe e.V. engagiert sich seit 26 Jahren für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Indien, insbesondere dem Bundesstaat Westbengalen mit der Hauptstadt Kalkutta. Bei allen unterstützten Projekten, die von erfahrenen indischen Partnerorganisationen durchgeführt werden, steht die Situation von Kindern im Vordergrund, die durch Bildungs- und Gesundheitsmaßnahmen verbessert werden soll. Auch die Eltern werden durch einkommenschaffende Maßnahmen und Bewußtseinsbildung einbezogen, um die Situation der Kinder nachhaltig zu verändern. Durch ihre entwicklungspolitische Bildungsarbeit und den Aufbau und die Begleitung von bayerisch-indischen Schulpartnerschaften versucht die Indienhilfe, auch Kinder hier in Deutschland über das Leben und die Situation von Kindern in Indien zu informieren und sie zu einem nachhaltigeren und gerechteren Lebensstil zu ermutigen. Besonders engagierte Jugendliche haben sich im Indienhilfe-Jugendteam zusammengeschlossen. Drei von ihnen werden am 18. und 19. August gemeinsam mit Elisabeth Kreuz, der Gründerin und Vorsitzenden der Indienhilfe, und Mitarbeiterin Sabine Dlugosch an einem Workshop gegen Kinderarbeit in Kolkata teilnehmen. Ziel der Jugendlichen ist es, als eigene Arbeitsgruppe gemeinsam mit den Schülern der indischen Partnerschulen einen Aktionsplan zu erarbeiten, wie Kinder und Jugendliche in Indien und in Deutschland gemeinsam gegen Kinderarbeit aktiv werden können. |
![]() Arbeitende Kinder in einer Ziegelei bei Malda, Westbengalen (Foto: Regina Haß) |
Indienhilfe – Kinderarbeit – Workshop mit Vertretern von Zivilgesellschaft und Politik
Mit der Gründung eines "Netzwerkes gegen Kinderarbeit in gesundheitsschädlichen Bereichen" Anfang 2005 hat die Indienhilfe gemeinsam mit ihren indischen Partnerorganisationen den Kampf gegen Kinderarbeit als neuen Schwerpunkt ihrer Arbeit aufgenommen. Ziel ist es, durch ständigen Erfahrungsaustausch gemeinsam Modelle zu entwickeln, um Alternativen für die Kinder zu schaffen und ihre Rechte zu stärken.
Aufschwung bekam das Netzwerk durch Timm Christmann, einen Historiker mit Schwerpunkt Internationales Recht aus Heidelberg, der sechs Monate lang als volunteer (auf eigene Kosten!) Informationen zur Situation von Kinderarbeit in den verschiedenen Projektgebieten und bei anderen erfolgreichen Kinderarbeitsorganisationen in Indien sammelte. Neben statistischen Daten liefern Interviews mit Kinderarbeitern wichtige Informationen über die Lebensbedingungen der Kinderarbeiter. Im Norden von Westbengalen arbeiten beispielsweise viele Kinder in Ziegeleien und auf dem Fischmarkt. Einen Teil ihres selbstverdienten Geldes geben sie ihren Eltern, aber den Rest behalten sie und verwenden das Geld für den Kauf von Zigaretten, Alkohol oder Drogen.
Auf der Basis dieser Untersuchungen organisiert Timm Christmann in Zusammenarbeit mit dem Indienhilfe-Büro in Kolkata einen zweitägigen Workshop mit dem Thema "Combat Child Labour – Call for Child Rights", der zum einen der Lobbyarbeit und zum anderen der Weiterentwicklung des Netzwerks dient. Zwei erfahrene Organisationen, die schon lange im Kampf gegen Kinderarbeit erfolgreich arbeiten, die MV-Foundation aus Andhra Pradesh und CRY (Child Rights & You, indienweit), werden in Vorträgen über ihre Ansätze und Projekte informieren und anschließend in kleinen Arbeitsgruppen die Partner der Indienhilfe bei der Erarbeitung eines Aktionsplans unterstützen. Ursprünglich nur für die Partnerorganisationen der Indienhilfe geplant, erwies sich das Thema im Laufe der Zeit als derart brisant, dass auch hochrangige Vertreter der Regierung von Westbengalen sowie große Kinderrechtsorganisationen wie UNICEF ihr Interesse an dem Workshop bekundet haben. Da die Ergebnisse des Workshops wegweisend für die künftige Schwerpunktsetzung bei der Indienhilfe sein werden, werden zwei Mitarbeiterinnen sowie drei Jugendliche nach Indien reisen, um an dem Workshop teilzunehmen.
Indienhilfe-Vertreter besuchen Kinderarbeiter-Projekte
Zwei Wochen lang werden Vertreter der Indienhilfe in Westbengalen verschiedene Kinderarbeiter-Projekte besuchen. Die beiden Jugendlichen Alice Barth (18) und Milan Flach (18) vom Christoph Probst Gymnasium Gilching, wo seit 1999 eine Schulpartnerschaft besteht, flogen bereits am gestrigen Montag nach Kolkata, um eine Partnerorganisation der Indienhilfe im Norden von Westbengalen zu besuchen, wo seit vielen Jahren Schulen für Kinderarbeiter gefördert werden, in denen die Kinder vor oder nach der Arbeit Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und Zeit zum Spielen und Kindsein haben.
Eine Woche später wird Franziska Walter (16), ebenfalls CPG Gilching, mit Elisabeth Kreuz und Sabine Dlugosch von der Indienhilfe nachkommen. (Die preisgünstigen Flüge, 644 Euro, wurden von einigen Spendern finanziert, die die Beteiligung auch von deutscher seite für wichtig hielten. Alle 3 Jugendlichen waren bereits auf eigene Kosten mit der IH in Indien und haben umfassende Vorbereitungsworkshops mitgemacht.) Gemeinsam wird das fünfköpfige Team mehrere Kinderprojekte in Kolkata und Umgebung besuchen, z.B. das neue Indienhilfe-Projekt "Nabadisha", bei dem Slum- und Straßenkinder in besonders kriminellen Stadtteilen auf den Schulbesuch in Regierungsschulen vorbereiten werden. Das Besondere an diesem Projekt ist der enge Kontakt mit der Polizei von Kolkata und Westbengalen, die das Projekt mit ins Leben gerufen hat. Polizeibeamte erhalten hierbei Schulungen im Umgang mit Straßen- und Slum-Kindern und deren spezifischen Bedürfnissen und durch regelmäßige Besuche der Polizei in den Zentren wird bei den Kindern ein Vertrauen zur Polizei geschaffen.
Indienhilfe-Jugendteam und Kinderarbeit
Schon vor ihrer Reise haben sich die drei Jugendlichen mit dem Thema Kinderarbeit beschäftigt und waren mit der Indiengruppe Vikas am CPG Gilching maßgeblich daran beteiligt, dass nach Herrsching auch in Gilching ein Gemeinderatsbeschluss gegen Beschaffungen aus ausbeuterische Kinderarbeit unterzeichnet wurde. Für den Workshop haben die Jugendlichen eine Präsentation über Kinderarbeit in Deutschland vorbereitet, die die indischen Partner über die Situation in Deutschland informieren soll.
In einer eigenen Schüler-Arbeitsgruppe werden die Jugendlichen während des Workshops mit Schülern der indischen Partnerschulen über verschiedene Formen von Kinderarbeit diskutieren und einen Aktionsplan erarbeiten, wie Kinder und Jugendliche in Indien und in Deutschland gemeinsam gegen Kinderarbeit aktiv werden können.
Nach ihrer Rückkehr werden die deutschen Jugendlichen ihre Ergebnisse in den deutschen Partnerschulen vorstellen und sich für die Umsetzung des erarbeiteten Plans engagieren. Ferner werden sie als Referenten über ihre Erfahrungen während der Reise und des Workshops berichten können.
Kinderarbeit in Herrschings Partnergemeinde Chatra
Neben dem Aufenthalt in Kolkata steht auch ein Besuch in Herrschings Partnergemeinde Chatra auf dem Programm. Milan Flach als Jugendvertreter der Gemeinde Herrsching – die auch seinen Flug finanziert hat – und Franzi Walter, Jugendgruppenleiterin der Kath. Pfarrgemeinde Herrsching, werden dort Pronab Biswas, den Bürgermeister von Chatra, und das "Chatra Sensitive Citizens‘ Forum" treffen. Gemeinsam mit den IH-Vertreterinnen soll ein Plan entwickelt werden, wie die Gemeinde Herrsching, die im Juni 2005 einen Gemeinderatsbeschluss gegen ausbeuterische Kinderarbeit verabschiedet hat, mehr für die Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Kinderarbeitern in Chatra leisten kann. Dabei wird auch eng mit der Chatra Boys High School und der Chatra Girls High School zusammengearbeitet, deren Schüler auch an dem Workshop in Kolkata teilnehmen.
Indische Regierung und Kinderarbeit
Dass die indische Regierung dem Problem der Kinderarbeit nicht gleichgültig gegenüber steht, wurde in den letzten Tagen mit Schlagzeilen in allen indischen Medien deutlich: Der bereits 1986 erlassene Child Labour Prohibition Act, der Kinderarbeit in besonders gefährlichen Bereichen (z.B. Steinbrüche, Feuerwerkskörperfabriken, Minen, etc.) verbietet, wurde vergangene Woche um den Bereich von Kinderarbeit im häuslichen Bereich erweitert. Die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren als Hausangestellte, in Teeläden, Restaurants und Hotels wird damit ebenfalls unter hohe Strafen gestellt, die von Geldstrafen (bis zu mehreren tausend Euro) bis zu Gefängnis reichen.
Dieser Beschluss hat weitreichende Folgen, denn in diesen Bereichen ist der Anteil arbeitender Kinder besonders hoch, besonders versteckt, und er betrifft praktisch fast jeden in seinem Alltag. Fast jede Mittelschichtfamilie beschäftigt Kinder, meist Mädchen, für Haushaltsarbeiten. So ziemlich alle, außer den ganz Armen, nehmen Tee oder Mahlzeiten an Imbißbuden ein, in denen Kinder beschäftigt werden. Auch wenn diese Tätigkeiten auf den ersten Blick nicht gefährlich erscheinen, so sind die Kinder dort doch besonders negativen Einflüssen, vor allem auf ihre seelische und Persönlichkeits-Entwicklung ausgesetzt, und werden davon abgehalten, eine Schule zu besuchen. In Teeläden, Restaurants und Hotels kommen die Kinder über Kriminelle oder verkommene Menschen häufig in Kontakt mit Alkohol und Drogen, für die sie ihr selbstverdientes Geld ausgeben. Im häuslichen Bereich ist neben Gewalt die Gefahr des sexuellen Missbrauchs besonders gross, vor allem für Mädchen.
Die neue Gesetzgebung der indischen Regierung weist in die richtige Richtung zur Abschaffung von Kinderarbeit. Allerdings ist es bis dahin noch ein langer Weg, bei dem die Regierung auf die Unterstützung durch zivilgesellschaftliche Organisationen, wie die Partner der Indienhilfe, angewiesen ist. Auch ist es wichtig für die erfolgreiche Einschulung der ehemaligen Kinderarbeiter, dass die Schulen auf deren Bedürfnisse eingehen und qualitative Bildung anbieten. Auch in diesem Bereich sind die Partner der Indienhilfe aktiv.
|
Wenn Sie
einen direkten Beitrag zur Verbesserung der Situation von Kinderarbeitern
leisten möchten, |