Kleinkreditprogramme

Keine Ausbildung, geringes Einkommen, Abhängigkeit, Verschuldung,  Kinderarbeit - diese Ursachen für Armut und Verelendung bilden einen Teufelskreis der sich über Generationen fortsetzt. Arme Menschen ohne eigenes Kapital haben kaum Möglichkeiten, sich daraus zu befreien. Sie bleiben in der Abhängigkeit von Geldverleihern, die für kleinste Summen Wucherzinsen verlangen. Ihre Kinder haben keine besseren Zukunftsaussichten als sie selbst.

Was tun die Indienhilfe und ihre Partnerorganisationen?

Gewürzherstellung in einer FrauenkooperativeNeben Bildungs- und Gesundheitsprogrammen bieten viele der Indienhilfe-Partner Kleinkreditprogramme und Spargruppen an. Daß Familien sich selbst Geld für Notzeiten zurücklegen, scheitert oft bereits daran, daß die Banken die Einzahlung von kleinsten Summen verweigern. Dieses Problem kann durch den Zusammenschluß von mehreren Frauen oder Familien zu Spargruppen gelöst werden. Die Gruppe verwaltet die einzelnen Konten und ermöglicht den Familien, jederzeit auch kleine Summen zur Verfügung zu haben.

Von der Indienhilfe bereitgestellte Kreditfonds werden durch solche Sparprogramme ergänzt, jede Partnerorganisation hat dabei ihr eigenes System. Meistens kann nur jemand, der oder die bereits selbst eine kleine Summe angespart hat, einen Kleinkredit aufnehmen. Die Rückzahlung erfolgt nach vereinbarten Raten mit einem geringen Zinssatz und wird von den Gruppen selbst überwacht. Im Fall von sozialen oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Kreditnehmer/innen wird individuell nach Auswegen gesucht, die Gruppe haftet gemeinsam für den Kredit.

Meist genügt eine aus deutschem Blickwinkel winzige Summe, um die Zukunftsperspektiven einer Familie substantiell zu verbessern. Mit 15 Euro konnte eine Frau einen kleinen Gebäckhandel aufziehen, eine andere benötigte ein Startkapital von 12 Euro für die Herstellung von Seilen. Eine dritte begann mit 20 Euro, Fischernetze zu produzieren. Mehrere tausend Familien konnten bereits von diesen Kreditprogrammen profitieren.


Kleinstkredite als Keimzelle der Dorfentwicklung
(Mai 2005)

Im Dorf Sindhia, in Nordbengalen direkt am Ganges gelegen, sitzt am Spätnachmittag eine Gruppe von zehn Frauen in ärmlichen Saris auf einer Veranda zusammen. Eine von ihnen verwaltet einen kleinen Blechkoffer, in dem Geldscheine in Kleinbeträgen gesammelt werden. Sie nimmt die Noten von den Frauen entgegen und bestätigt den Erhalt durch einen Eintrag in ein Sparbuch, das jede der Frauen mitgebracht hat - zwei, fünf, zehn Rupien, winzige Beträge, aber für manche ein Tageslohn, den sie sich im Laufe eines Monats vom Mund abgespart hat. Anschließend werden wirtschaftliche Fragen besprochen: Wer für welches Kleingewerbe einen Kredit aus dem gemeinsamen Sparfonds braucht, wer aus welchen Gründen die Raten nicht pünktlich zurückzahlen kann und wie dieser Frau zu helfen ist. Auch um allgemeine Themen geht es: Krankheiten, Alkoholprobleme der Männer, den Schulbesuch der Kinder. Am Ende des Treffens bestätigen die meisten Frauen ihre Anwesenheit durch Daumenabdruck in einem Protokollbuch. Kurz darauf besuchen ihre Kinder auf der selben Veranda eine sogenannte "non-formale" Schule und lernen dort Lesen und Schreiben ...

Solche kleinen "Frauen-Selbsthilfegruppen" (SHGs) spielen in den Projektgebieten der Indienhilfe eine immer größere Rolle bei den Entwicklungsprozessen in den Dörfern. Dabei findet eine enge Kooperation zwischen den Initiator/innen in den einzelnen Dörfern, sozialen Organisationen (NGOs) und den Regierungsbehörden statt.

Oft hat schon vorher ein Kontakt der NGOs zu den Dörfern bestanden. Meist ist es nach der ersten Kontaktaufnahme recht schnell möglich, die Frauen zu Zusammenschlüssen in Kleingruppen zu motivieren, denn ihr Bedürfnis, ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme gemeinsam in den Griff zu bekommen, ist sehr groß. Die NGOs, in unserem Falle die Partnerorganisationen der Indienhilfe, organisieren zunächst lockere Treffen, um den Frauen den Sinn der Gruppen nahezubringen und um herauszufinden, welche Personen das Potential haben, eine Gruppe aufzubauen und zu leiten. Diese Frauen werden dann geschult und durch erfahrene Sozialarbeiter ständig in ihrer Arbeit begleitet.

Das Kernthema der regelmäßigen Treffen ist zunächst die wirtschaftliche Situation. Hinlänglich bekannt ist ja das Problem, dass sich die Ärmsten, die kein Sparvermögen haben, bei besonderen Ereignissen - Krankheit, Heirat, Tod eines Angehörigen - oft tief verschulden. Geldverleiher geben die benötigten Beträge nur gegen horrende Zinsen. Zu den Banken haben die Armen keinen Zugang, nicht für Kredite, ja nicht einmal für Spareinlagen, da es Mindestbeträge für Einzahlungen gibt, die weit jenseits des Sparvermögens der Menschen liegen. Selbsthilfe bedeutet in diesem Fall, dass sich eine Gruppe zusammentut, gemeinsam ein Sparkonto führt und so die allerkleinsten Beträge auf die "hohe Kante" legen kann. Gerät eine der Frauen in eine Notlage oder werden z.B. Schulbücher für die Kinder gebraucht, besteht die Möglichkeit, aus diesem gemeinsamen Sparfonds einen Kredit zu bekommen. Durch gemeinsame Zielsetzungen und die Beratung der NGOs erreichen die Gruppen in relativ kurzer Zeit eine erstaunliche Einlagenhöhe. Die Frauengruppe von Sindhia etwa verwaltet inzwischen über 4000 Rupien, was auf den Dörfern einem durchschnittlichen Jahreseinkommen entspricht.

Nach ein bis zwei Jahren erfolgreicher Tätigkeit kann die Gruppe mit Hilfe der betreuenden Organisation Kapital von einem Programm der indischen Regierung bekommen, um die wirtschaftlichen Aktivitäten zu intensivieren. So können einzelne Frauen wirtschaftlich aktiver werden, durch den Einkauf von Saatgut und den Anbau von Gemüse etwa, oder durch den Aufbau eines kleinen Handelsunternehmens.

Doch auch über die reinen wirtschaftlichen Verbesserungen hinaus werden durch die SHGs viele Entwicklungen angestoßen. Allein die familiäre Stellung der Frauen ändert sich. Meist müssen sie anfangs noch gegen viele Widerstände kämpfen, ihre Aktivitäten werden von den Männern mißtrauisch beäugt. Nicht wenige sind von Gewalttätigkeiten bedroht, da eine größere Unabhängigkeit der Frauen von den Männern als Bedrohung aufgefasst wird. Meist jedoch legen sich die Widerstände dann, wenn sich der wirtschaftliche Erfolg und die Vorteile für die Familien zeigen.
Man kann guten Gewissens pauschal sagen, dass alle Frauen in den SHGs sich sehr schnell mit übergeordneten Zielen identifizieren können. Sie sind für die NGOs sozusagen die "Eintrittskarte" in die Dörfer, wenn es darum geht, Bildungsmöglichkeiten für die Kinder aufzubauen oder Basis-Gesundheitsdienste zu organisieren. Und immer mehr der aktiven Frauen schaffen sogar den "Marsch durch die Institutionen" - sie werden in Gemeinderäte und Kreistage gewählt. Heutzutage ist es in West-Bengalen keine ganz große Überraschung mehr, wenn man der Bürgermeisterin des Dorfes vorgestellt wird. Es ist offensichtlich, dass ohne starke, überzeugte Frauen, die weibliches Selbstbewusstsein in die Familien tragen, tiefergehende Veränderungen nicht möglich werden. Die Selbsthilfegruppen sind der Grundstein dafür und der Ausgangspunkt für eine Bewegung der Veränderung, die nur einen ganz geringen Kapitaleinsatz von außen benötigt. Das wichtigste sind jedoch die NGOs als Initialzündung.

Beispiele aus Indienhilfe-Projekten:

Die Indienhilfe-Partnerorganisation RHDC (Rural Health Development Centre) betreibt vorwiegend Gesundheitsarbeit und Bildungsprogramme für Kinderarbeiter. Seit 1997 hat RHDC 90 SHGs in 36 Dörfern in Nord-Bengalen aufgebaut, 89 davon besitzen ein Bankkonto. Insgesamt haben die SHGs 1184 Mitglieder, darunter 16 Männer. Da man mit einer durchschnittlichen Familiengröße von sechs Personen rechnen kann, profitieren etwa 7000 Menschen direkt von dem Programm, nicht eingerechnet die Großeltern-Generation, die üblicherweise auch von den Familien mit ernährt wird. Die Mitglieder der SHGs sparen zwischen 20 und 50 Rupien pro Monat, insgesamt haben die Gruppen so ein Sparguthaben von 744.000 Rupien aufgebaut. Bisher wurden darauf 500.000 Rupien Darlehen vergeben, zusätzlich wurden 481.000 Rupien Bankkredite vermittelt. Insgesamt konnten davon bereits 300.000 Rupien wieder getilgt werden.

RHDC kann von einer ganzen Reihe von erfolgreichen Geschäftsfrauen berichten:

Die 25-jährige Aloka Halder z.B., deren Mann als Tagelöhner die Familie nicht ernähren konnte, machte sich mit der Herstellung von Pickles und Soßen selbständig. Die 2.500 Rupien Darlehen, die sie für den Einkauf von Rohmaterial und Geräten brauchte, konnte sie innerhalb von sechs Monaten zurückzahlen. Heute verdient sie etwa 100 Rupien pro Tag und beschäftigt ihren Mann mit dem Verkauf ihrer Produkte.

Sathi Chowdhuries Mann ist Rikscha-Fahrer. Durch die Miete für sein Fahrzeug blieb zu wenig von seinem Lohn für die Familie übrig. Mit Hilfe eines Darlehens konnte Sathi eine eigene Rikscha kaufen. So konnte die Familie ihr Einkommen auf 75 bis 100 Rupien pro Tag steigern und den Weg aus der Armut finden.

SHED (Society for Health, Education and Development), ebenfalls seit etwa 15 Jahren Partner der Indienhilfe, arbeitet in Adivasi-(Ureinwohner-)Regionen im Süden des Bundesstaates Orissa. Dort wurden 197 SHGs in 107 Dörfern aufgebaut. Durch die 2390 Mitglieder profitieren insgesamt mehr als 14.000 Menschen von diesem Programm. Dort wurden sogar noch erheblich mehr Darlehen von Banken vermittelt: über 4,5 Mio Rupien. Hier gibt es eine Reihe von erfolgreichen Unternehmen, die von den Gruppen gemeinsam betrieben werden. Im Dorf Pujariguda etwa begann die Gruppe, die Linsenernte des Dorfes aufzukaufen und selbst mit Profit zu vermarkten - so blieb ein wesentlich höherer Gewinn im Dorf als früher, als über Zwischenhändler vermarktet wurde. Inzwischen kauft die Gruppe sogar in der weiteren Region auf und verarbeitet die Linsen selbst weiter, um sie dann an die Distrikt-Behörden zu verkaufen, die sie für die Schulspeisungen benötigen.

 

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