Menschen mit Behinderungen

Sommerinfo 2016

Kinder mit Behinderungen und ihre Familien stärken – mit unserem neuen Partner SANCHAR

Der Weltbehindertenbericht 2011[1] ist der erste umfassende Bericht zur Situation von Menschen mit Behinderungen welt­weit. Er befasst sich mit ihren Bedürfnissen für eine gleich­berechtigte gesellschaftliche Teilhabe, mit den Arten, der Verbreitung und den Ursachen von Behinderung, entwickelt in allen Bereichen konkrete Empfehlungen. Als Orientierung für die Umsetzung der bahnbrechenden Behindertenrechts­konvention der Vereinten Nationen (UN BRK) von 2006, die Indien als eines der ersten Länder 2007 ratifiziert hat, will er Regierungen und Zivilgesellschaft dabei helfen, eine inklusive und unterstützende Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen mit Behinderungen ihr Potential entfalten können. In einer gründlichen Analyse des aufwändig erhobenen Zahlen­materials kommt der Bericht zu einer Schätzung von weltweit über einer Milliarde Menschen mit Behinderungen (davon 110-190 Millionen mit starken Beeinträchtigungen). Das sind rund 15% der Weltbevölkerung. 80% der Behinderten leben in Entwicklungsländern. Unverhältnismäßig stark betroffene  Gruppen sind Frauen, Alte und unter dem Existenzminimum lebende Menschen. Auf Grund der unterschiedlichen Defini­tionen und der mangelhaften Erfassung[2] fehlen oft genaue Daten. So fanden wir z.B. keine belegte Angabe zur Zahl der behinderten Kinder (0-18 Jahre) in Indien. Indien plant jetzt einen indienweit gültigen elektronischen Behindertenausweis als nationale statistische Datenbasis und für einen korruptionsfreien Zugang zu den verschiedenen staatlichen Hilfen.

Das „field team“ (Außenmitarbeiter*innen) wurde mit Fahrrädern ausgestattet. „Community Mobilizer“ Shubham Mukherjee und „Field Workers“ Jasmina Khatun, Mousumi Khamrui,  Laxmi Ghosh (©: IH)

Menschen mit geistiger Behinderung und psycho-sozialen Erkrankungen, vor allem Frauen, sind besonders stigma­tisiert und schweren Menschenrechtsverletzungen ausge­setzt. Sie werden geschlagen, vergewaltigt, zwangssterilisiert und gegen ihren Willen in Einrichtungen untergebracht, die oft überfüllt, ohne ausreichend Personal und unhygienisch sind (keine Toiletten, Läuse usw.). In Indien werden Menschen mit Behinderungen teils noch als Strafe der Götter betrachtet. Sie werden oft komplett aus dem gesellschaftlichen Leben ausge­grenzt, in die Häuser verbannt oder gar ausgesetzt, den betrof­fenen armen Familien fehlt das Geld für Nahrung und Pflege. Armut ist Ursache und Folge von Behinderung. Die Beseiti­gung extremer Armut oder „Leave no one behind“ als zentrales Ziel der Agenda 2030 wird nicht möglich sein, wenn Menschen mit Behinderung nicht die Ausschöpfung ihres vollen Potentials ermöglicht wird, so Vinod Aggarwal, Secretary, Ministry of Social Justice and Empowerment in einem Interview mit The Indian Express. So manche Behinderungen könnten verhindert werden, wenn Frauen besser ernährt und vor, bei und nach der Geburt besser medizinisch versorgt würden. Unterernährte Frauen gebären unterernährte Kinder, die in der geistigen Ent­wicklung zurück bleiben, ein Teufelskreis. Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten (Dalits, Adivasis) mit Behinde­rungen sind zusätzlich benachteiligt. Sie sind oft völlig von Bildung ausgeschlossen und landen ohne entsprechende Qualifikation am untersten Ende der Lohnarbeit. Bei den Sozial­programmen des indischen Staates werden sie vor Ort oft nicht berücksichtigt. Die Arbeit für Kinder mit Behinderungen auf dem Land[3] ist für die Indienhilfe eine Herzensangelegenheit. Unser neuer Partner dabei heißt Sanchar.[4] Seit der Gründung 1988 bindet Sanchar an seinen Projektstandorten unter dem Motto „Inklusion statt Exklusion gleiche Rechte für Alle“ Menschen mit Behinderungen, ihre Angehörigen und Selbstver­tretungsorganisationen ein. Dabei wird die weltweit anerkannte Strategie Community Based Rehabilitation (CBR) ange­wandt. Gemeindenahe Rehabilitation bedeutet Zugang zu Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Ämtern, Lebens­sicherung durch Arbeit oder staatliche Unterstützung für Menschen mit Behinde­rung vor Ort. Das Thema Behinderung soll nicht aus dem Alltag verbannt, sondern in Familie und Gesellschaft integriert werden. Sanchar schlug für die zweijährige Pilotphase die elf Gram Panchayats (Kommunen) des Panchla Blocks im Howrah Distrikt mit seinen fast fünf Millionen Einwohnern vor (der Block umfasst außerdem sieben Städte). Seit Juni wurden geeignete Mitarbeiter*innen rekrutiert, erste Kommunen kontaktiert, ein Projektbüro angemietet, mit den Hausbesuchen bei den Familien mit behinderten Kindern begonnen, die erste Bürger­versammlung durchgeführt. Im nächsten Info werden wir im Detail berichten.


[2] Die Zahlen für Indien beruhen z.B. auf den alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählungen. Erst 2011 wurden die Fragen zu möglichen Behinderungen breit genug gestellt und die Befrager besonders geschult. Die Auswertung liegt uns nicht vor.

[3] 75 Prozent der Personen mit Behinderungen leben auf dem Land

[4] Der Entscheidung für einen neuen Projektpartner geht immer eine Prüfung der fachlichen und organisatorisch-administrativen Kompetenz (sog. Prefunding Assessment) durch unsere indischen Fachleute, Wirtschaftsprüfer und Senior Project Consultant, voraus.

 


Wir wollen, dass behinderte Kinder bestmöglich gefördert
und in die Gesellschaft integriert werden
!

Pushupati Mondal ist taub-stumm. Sein älterer Bruder hilft ihm liebevoll und geduldig bei den Hausaufgaben. Foto: Sabine Dlugosch

„Meist nehmen wir uns nicht genug Zeit für unsere behinderten Kinder. Wir stempeln sie als behindert ab, weil sie anders sind als die anderen Kinder und ihre Bedürfnisse nicht ausdrücken können. Ich musste auch erst lernen, die Stärken meiner Tochter zu erkennen.“ berichtet Debi Karmakar, deren zehnjährige Tochter Anna spastisch gelähmt und in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben ist. Lange Zeit kümmern sich die Eltern wenig um das Mädchen, sie kann tun und lassen, was sie will. Erst als die Mitarbeiter unseres Partners Bikash auf die Familie in dem abgelegenen Dorf Helnasusunia aufmerksam werden, ändert sich die Situation. Regelmäßig besuchen die Dorfmitarbeiter die Familie und helfen der Mutter, die Stärken und Schwächen ihrer Tochter zu identifizieren. Debi erkennt, dass ihre Tochter trotz Behinderung eine Reihe von Tätigkeiten eigenständig ausführen kann, z.B. essen und sich fortbewegen. Fortan nimmt Debi sich mehr Zeit für ihre Tochter und arbeitet intensiv mit ihr an den Übungen, die ihr die Bikash-Mitarbeiter zeigen. So hat Anna gelernt, selbst für ihre Körperpflege zu sorgen und zur Toilette zu gehen. Auch zur Schule geht Anna regelmäßig, sie kann inzwischen ihren Namen schreiben und bis 100 zählen.

Die Förderung von Kindern mit Behinderungen und Entwicklungsdefiziten ist gerade in den ländlichen Gegenden Indiens selten. Die Mütter, die für die Versorgung der Familie hart arbeiten müssen, haben wenig Zeit, auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen und wissen meist nicht, wie sie damit umgehen sollen. Aus Scham und Angst vor Gerede im Dorf verstecken die Familien ihre behinderten Kinder oft. In 68 Dörfern im Bankura-Distrikt Westbengalens ist unser Partner Bikash darauf spezialisiert, behinderte Kinder in den abgelegensten Dörfern und aus den ärmsten Verhältnissen ausfindig zu machen, um ihnen durch optimale Förderung die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Während die Kinder und Jugendlichen in den ersten Jahren zentral in den dörflichen Behindertenzentren betreut wurden, steht heute die individuelle Förderung in den Familien im Vordergrund. Einmal pro Woche besuchen die gut ausgebildeten Sozialarbeiter jede Familie, um mit einfachen Übungen, die auch von den Eltern durchgeführt werden können, die Kinder im gewohnten Lebensumfeld an ein möglichst eigenständiges Leben heranzuführen.

Zusätzlich zur Behindertenarbeit in den Dörfern betreuen Sonderpädagogen und Fachärzte über 90 schwer behinderte Kinder im Sonderpädagogischen Zentrum nahe der Stadt Bankura. Ein „Schulbus“ sammelt die Kinder aus den umliegenden Dörfern ein und bringt sie kostenlos ins Zentrum, um die Eltern, meist Tagelöhner, zu entlasten. Seit September 2010 stehen auch 15 Plätze für Kurzzeit-Pflege zur Verfügung. Momentan sind dort 10 behinderte Jugendliche untergebracht, die an Ausbildungskursen (z.B. im Nähen, in der Sari-Stickerei) teilnehmen. Die anderen 5 Plätze stehen für Notfälle zur Verfügung, wenn z.B. Eltern aufgrund von Krankheiten oder Todesfällen in der Familie kurzfristig nicht für ihr behindertes Kind sorgen können.

Wie in allen Projekten ist auch hier die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen wichtig. So unterstützt Bikash die Familien bei der Beantragung eines Behindertenausweises, der die Voraussetzung für andere staatliche Zuschüsse, z.B. zu Brillen, Hörgeräten, Prothesen ist.

Doch genauso wichtig ist die Prävention von vermeidbaren Behinderungen. Harte Arbeit und Mangelernährung während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen. Aber auch Defizite in der frühkindlichen Entwicklung, vor allem durch Mangel- und Unterernährung, können zu Behinderungen führen, die mit einfachen Maßnahmen vermeidbar gewesen wären.

Auch in den anderen Projekten wollen wir vermehrt daran arbeiten, frühkindliche Entwicklungsverzögerungen und Anzeichen von Behinderung zu erkennen.

 


Sommerinfo 2009:

Armut und Unterernährung führen zu Behinderung
Petra Bald

80 Prozent der körperlichen und/oder geistigen Behinderungen im stark dürrebetroffenen Distrikt Bankura sind armutsbedingt. Dort widmet sich die Kenduadihi Bikash Society der Früherfassung, Förderung und Integration von behinderten Kindern - und der Armutsbekämpfung.

Nach Ende der Monsunzeit ist Erntezeit, die einzige im Jahr. Menschen arbeiten auf den Feldern. Aber weit und breit kein sattes Grün wie in den anderen Regionen zu dieser Jahreszeit. Der Fluss führt nur wenig Wasser. Am Wegrand weiden Kühe das spärliche Gras. Wir sind mit Madhabi Mukherjee - äusserst kompetente und engagierte Sonderpädagogin, die die Arbeit mit ihrem Mann Uttam zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat - unterwegs im Projektgebiet. Wir begleiten sie und den Mitarbeiter Utpal Chatterjee zu Hausbesuchen in den Dörfern, in denen hauptsächlich Scheduled Castes und Adivasi leben.

Vater Aditya Mal strahlt: Dank Bikash hat sein spastisch gelähmter Sohn Vivekananda große Fortschritte gemacht. Foto: Petra Bald

In Upishur leben Aditya und Shampa Mal mit ihren zwei Söhnen, dem siebenjährigen Vivekananda, der schwer spastisch behindert ist, und dem fünfjährigen Subhas. Zusammen mit den Eltern von Aditya lebt die Familie in einem kleinen, dunklen Lehmhaus mit Ziegeldach. Auf dem Vorplatz ist ein Berg Kohle aufgehäuft, die Aditya und Subhas zerhacken, um Kohlestaub zu gewinnen. Dieser wird in Säcke verpackt und auf dem Markt zur Feue-rung verkauft. So verschafft sich der Maurer, der gerade wieder einmal keine Arbeit hat, einen kleinen Verdienst. Shampa kann als Erntearbeiterin nur während der Ernte sehr unre-gelmässig 40-50 Rupien (ca. 0,80 €) am Tag dazuverdienen. Die Nahrung besteht vor allem aus dem magenfüllenden Puffreis, etwas Reis oder Kartoffeln, Fisch ist eine Seltenheit.

Vor dem Hauseingang steht ein Bettgestell mit einer durchlöcherten Einlage, auf der Vivekananda liegt. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, als ihn Madhabi anspricht. Utpal, der die Familie wöchentlich besucht, berichtet, dass Vivekananda inzwischen positiv auf Bezugspersonen und mit immer weniger Angst auf Fremde reagiert. Inzwischen gibt er auch Zeichen, wenn er Wasser lassen muss. Vor einem halben Jahr war das Bikash-Team bei einem Besuch im Dorf auf Vivekananda aufmerksam geworden. Sie konnten die Eltern motivieren, ihn zu einer Abklärung ins Bikash-Therapiezentrum zu bringen. Seither erhält er dort wöchentlich Physio-, Logo- und Ergotherapie. Seine Mutter wird angeleitet, ihren Sohn auch zuhause zu fördern. Bei den Hausbesuchen, die in einem Heft dokumentiert werden, geht es konsequent darum, die Familie für elementare Massnahmen im Alltag zu gewinnen: das Wasser vom Brunnen zu holen oder aktuell bei der westbengalischen Regierung einen Antrag für eine subventionierte Billigtoilette zu stellen, für die neben dem Haus Platz wäre.

An dem Beispiel wird deutlich, wie umfassend und nachhaltig die Arbeit von Bikash ist. Mangelernährte und geschwächte Frauen bekommen zu früh und in zu kurzen Abständen Kinder und können ihnen nicht die notwendige Ernährung bieten. Aberglaube ist weit verbreitet. Daher umfasst die Arbeit von Bikash, neben hochprofessioneller Behinderten- bis hin zur Berufsförderung, auch gezielte und systematische Aufklärungsarbeit sowie Gesundheits-, Hygiene- und Ernährungsförderung. Nur so kann langfristig armutsbedingter Behinderung vorgebeugt werden. In inzwischen acht Zentren vor Ort werden die Kinder in Gruppen gefördert, mit dem Ziel, sie (möglichst auch schulisch) zu integrieren. Bikash nutzt die vorhandenen Strukturen in den Dörfern wie Selbsthilfegruppen und arbeitet mit örtlichen Volunteers zusammen. 130 behinderte Kinder mit ihren Familien bis in die entlegensten Dörfer werden derzeit erreicht. Die Arbeit geht weiter.

Der Arbeitsausschuss der Indienhilfe hat für die Arbeit von Bikash im Jahr 2009-10 knapp 26.200 € bewilligt. Wir bitten um Ihre Spenden unter dem Stichwort „Bikash“!

Stellvertretend herzlichen Dank an die Weltläden Ingolstadt, Eichstätt und Weilheim für die Unterstützung des Projekts!


Indienhilfe-Herbstinfo 2008:

Bikash - ein Modell macht Schule: Weitere dörfliche Behindertenzentren im Bankura-Distrikt eröffnet
(Sabine Dlugosch)

Wo gehört der Bindi hin? Indienhilfe-Mitarbeiterin Sibani Bhattacharya traf bei ihrem Projektbesuch mit den behinderten Kindern zusammen, die von Bikash betreut werden. Foto: Sibani Bhattacharya

„Seht auf das, was wir k ö n n e n!“ - eine neue Einstellung gegenüber Behinderten macht sich im Projektgebiet von Bikash in einem der ärmsten Distrikte Westbengalens bemerkbar. Gerade wurde in zwei neuen Dörfern eine regelmäßige Behindertenbetreuung eingerichtet, auf Initiative der örtlichen Frauen-Selbsthilfe-Gruppen und mit Unterstützung der Dorfräte, ohne zusätzliches Geld von der Indienhilfe. Räumlichkeiten und Lehrmaterial stellt die Kommune, den Unterricht übernehmen Mitarbeiter der sechs bestehenden, von der Indienhilfe finanzierten, Zentren zusätzlich.

Der Neubau des Sonderpädagogischen Zentrums, der nur durch größte Anstrengungen unserer Unterstützer möglich wurde, wird voll genutzt: in den Therapieräumen finden von morgens bis abends Gruppen- und Einzeltherapie, Arbeitstherapie und Nachhilfeunterricht statt. Daneben betreibt Bikash Lobbyarbeit, klärt über die Rechte Behinderter auf, hilft bei der Beschaffung von Regierungshilfen, sensibilisiert für die Schwierigkeiten von Behinderten und ihren Familien und setzt sich für ihre Integration an den Schulen ein.

Was noch fehlt, ist eine Kurzzeitpflege-Station, in der Angehörige ihre behinderten Familienmitglieder temporär unterbringen können, um sie in familiären Notlagen (z.B. Krankheit oder Erschöpfung der pflegenden Angehörigen) zu versorgen. Auf Grund unseres finanziellen Engpasses übernehmen wir derzeit außer den Gehältern für eine Mindestzahl an Sonderpädagogen und Therapeuten für die Tageseinrichtung keine anderen Kosten. Nur mit Extra-Spenden und Zuschüssen könnten wir Bikash die Finanzierung des zusätzlich nötigen Pflegepersonals zusagen. Zusätzlich nötig wäre auch eine verstärkte Präventivarbeit, wie unsere Beraterin Sibani Bhattacharya aus dem Indienhilfe-Büro Kolkata bei ihrem Projektbesuch kürzlich feststellte.

Wir bitten um großzügige Spenden für Bikash! In diesem Jahr fehlen uns noch 10.000 € - spenden Sie unter dem Stichwort „Bikash“!


Sommerinfo 2008:

Weltläden und Spender finanzierten den Ausbau der Behindertenarbeit von Bikash
(Elke Chakraborty)

Im Februar war ich bei Bikash! Dieses Projekt mit eigenen Augen zu sehen, war für mich sehr spannend, nachdem wir Ingolstädter Frauen vom Freundeskreis Bikash die Leiterin Madhabi Mukherjee 2006 für einige intensive Tage bei uns zu Gast hatten.

Das Ehepaar Mukherjee hat mit Sachverstand und Hingabe in einem der ärmsten Gebiete Westbengalens eine Infrastruktur zur Identifizierung, Behandlung bzw. Förderung von oft mehrfach behinderten Kindern aufgebaut. Gleichzeitig bekämpft Bikash Unter- und Mangelernährung, fehlende Früherkennung, Unwissenheit, Scham und die alles überdeckende extreme Armut als Hauptursachen für gehäufte Behinderung. Seit 2006 finanziert die Indienhilfe die tägliche Förderung von derzeit 113 leicht bis mittelschwer behinderten Kindern in sechs Zentren für 28 Dörfer mit 25.000 Einwohnern. Dazu kommen seit einem Jahr die Personalkosten im Centre for Special Education in Bankura für die Therapie von 73 schwer behinderten Kindern.

Madhabi und ihr Team nehmen mich in drei Zentren mit. Die Aktivitäten in Khasbahar, Sanabandh und Uparsole laufen wirklich sehr gut! Überall fällt mir die freundliche Atmosphäre auf: Eltern, Mitarbeiter und Kinder zeigen Wertschätzung, Freude und Interesse aneinander. Die Kinder profitieren jedes auf seine Weise von den vielfältigen Möglichkeiten. Bei staatlichen Schulen und Kindergärten macht sich Bikash für die Integration der Behinderten stark. So kommen sie in den Genuss der staatlichen Schulspeisung. Gleichzeitig gibt die Integration Anreize zur Sozialisation, denn die Kinder imitieren das Verhalten der gesunden Kinder. In jedem Dorf gibt es einen integrierten Kinderklub - in Shombhupahari präsentieren mir die Kinder stolz ihren Biogarten und eine von ihnen bunt gezeichnete Ressourcen-Karte des Dorfes. Durchdrungen ist die dörfliche Arbeit Bikashs von den vielen aktiven Frauen der Selbsthilfegruppen, die der Motor der Entwicklung für die Dörfer und damit für die Behinderten geworden sind und die Lebensgrundlage der Familien durch Sparprogramme, Mikrokredite, Aufbau von Mini-Unternehmen und Küchengärten verbessern.

Am nächsten Tag schaue ich mir die Aktivitäten im Centre for Special Education an.

Wie an jedem Wochentag fährt um 11 Uhr ein gelber Bus mit 50 mittel- bis schwerbehinderten Kindern aus entfernten Dörfern vor; vielen muss beim Aussteigen geholfen, zwei müssen herausgetragen werden. Die meisten grüßen uns freudig. Der Bus wurde von einer englischen NGO gespendet und ist eine große Entlastung für die Familien. Die Indienhilfe zahlt den Fahrer.

Ich bin neugierig auf den Anbau, der 2007 von der Indienhilfe  finanziert wurde. Die Therapeuten nutzen die neuen Räume intensiv. An langen Tischen sitzen Behinderte beim Tütenkleben. Sechs taubstumme Jugendliche üben an Nähmaschinen, andere lernen auf der Veranda, leckere Chutneys zuzubereiten. Alle zeigen mir stolz ihre Werke. Es geht um das Erlernen sinnvoller Beschäftigungen für die Zeit nach Bikash. Junge Mädchen aus Bankura, die hier einen Computerkurs belegt hatten, helfen nun als Ehrenamtliche stundenweise bei der Betreuung. Ein gutes Beispiel für lebendige Integration!

Am meisten beeindruckt mich der Physiotherapeut Manab Sengupta bei der Balltherapie mit dem schwer spastisch gelähmten dreijährigen Bapa Das (s. Foto). Über einen sehr großen medizinischen Ball ist der zarte Junge gelegt, wobei der Therapeut die Füße festhält und das Kind bei verschiedenen Bewegungen seine Muskeln koordinieren und stärken übt. Ich bin tief bewegt von der jungen Mutter, die als Ko-Therapeutin eingesetzt wird. Sie hält dem Kind ein buntes flatterndes Plastikknäuel in Augenhöhe, mit dem Ziel, dass das Kind den Kopf danach hebt. Wie leuchten die Augen der Mutter, wenn ihr Bapa den Kopf kurz anhebt! Frau Das hat den Sari über den Kopf gelegt, der Mittelscheitel ist tief mit roter Farbe nachgezogen und der rote Punkt prangt groß auf der Stirn. Sie erzählt mir ihre Geschichte: Bapa ist ihr erstes Kind. Mit sechs Monaten merkte sie, dass etwas nicht stimmt. Sie suchte einen Arzt in Kalkutta auf, der eine "Zerebrale Lähmung" diagnostizierte. Aufgrund ihrer Armut konnte sie in Kalkutta keine Hilfe in Anspruch nehmen. Als Bapa 1 ½ Jahre alt war, erfuhr Frau Das über ihre Tante vom Centre for Special Education. Zu Beginn der Behandlung konnte sie das Kind nur auf den Händen tragen, weil Bapa keine Muskelkontrolle an Hals und Kopf hatte und die Beine in sich verdreht waren. Seit die beiden regelmäßig ins Zentrum kommen, hat das Kind gute Forschritte gemacht.

Ein behindertes Kind zu haben ist immer ein schweres Schicksal. Doch während in Deutschland behinderte Kinder frühestmöglich gefördert werden, schrieb im Distrikt Bankura bisher die extreme Armut den Status Quo der Behinderung fest - bis Bikash aufgebaut wurde. Ich werde die traurigen und doch hoffnungsvollen Augen der vielen Mütter nicht vergessen, die in ihrer Armut und im täglichen Überlebenskampf in Bikash einen Anker gefunden haben für ein positives Leben mit ihren behinderten Kindern.

Schaue ich in die Zukunft von Bikash, so denke ich, das Team ist auf einem guten Weg. Aber für Madhabi Mukherjees Vision eines Kurzzeitpflegeheims zur Entlastung der Mütter fehlt immer noch das Geld. Der Anbau ist dank der Indienhilfe geschafft, aber die Kosten für Personal, Einrichtung und Essen sind noch nicht abgedeckt. Deshalb bitten wir weiterhin um vermehrte Spenden für Bikash und die Förderung der behinderten Kinder.

Für 2008-09 werden 16.685 € für die sechs Dorfzentren und das Zentrum in Bankura benötigt. Dies deckt nur ein Minimum an Personalkosten ab. Spenden bitte unter dem Stichwort "Bikash"!