Aktuelles aus der Projektarbeit


Editorial zum Herbstinfo 2011
Herrsching, im Oktober 2011
Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder, liebe Spender und Spenderinnen,

„Wir wollen damit Menschen öffentlich würdigen, die sonst in aller Stille an der Basis arbeiten; die das zwar ganz professionell tun, sich aber nach wie vor die Leidenschaft der Ehrenamtlichkeit bewahrt haben. ...die ihre Arbeit als Herzensangelegenheit empfinden.“ - schöner hätte Geschäftsführer Gregor Uhl die Auszeichnung der Indienhilfe e.V. Herrsching - und das sind auch Sie alle, die Sie uns mit Ihren Spenden und Ihrem Engagement über die Jahre begleiten - mit dem Preis der „aktion hoffnung“ am 2. Juli 2011 in Augsburg nicht begründen können.
Der Preis der Hilfsorganisation der Diözese Augsburg wurde anlässlich des 25-jährigen Bestehens in Anwesenheit des früheren UN-Unter-generalsekretärs Prof. Dr. Klaus Töpfer vergeben, für herausragendes Engagement in der Eine-Welt-Arbeit und Ideen mit Vorbildcharakter. Eine besondere Freude für mich war es, den Preis in Begleitung von Vertretern zweier indischer Partnerorganisationen entgegennehmen zu dürfen, die für einige Wochen in Herrsching weilten (s. S. 4). Das Preisgeld in Höhe von 2.000 € widmeten wir der Bildungsarbeit in Deutschland. Wir halten sie neben der Projektarbeit in Indien für unerlässlich für das Erreichen unserer Ziele globaler Solidarität und Gerechtigkeit, aber es ist besonders schwierig, Spenden dafür zu bekommen. Der Anblick des schönen und bedeutungsvollen Preises in Gestalt einer Weltkugel, aus der eine Sonnenblume erwächst und der jetzt neben dem „Two Wings Award“ aus dem Jahr 2007 im Foyer der Indienhilfe-Geschäftsstelle in Herrsching steht, ist uns jeden Morgen Ermutigung und Herausforderung zugleich, unseren Zielen und Aufgaben so gut wie möglich gerecht zu werden.

Was uns Sorgen macht und sich konkret auf unsere Spenden auswirkt, ist die von den Medien genährte einseitige Wahrnehmung vieler Menschen von der „Wirtschaftsmacht“ Indien mit seinen „Superreichen“. Diese Wahrnehmung entsteht, wenn absolute Zahlen verwendet und diese nicht auf die Einwohnerzahl bezogen werden. Der Global Wealth Report 2011 des Versicherungskonzerns Allianz zeigt dagegen auf, dass es die Deutschen sind, die heute so reich sind wie nie zuvor. Mit einem Durchschnitts-Brutto-Geldvermögen von 60.123 € liegen aber auch sie nur an 17. Stelle. An 1. Stelle kommt die Schweiz mit 207.393 €/Kopf, gefolgt von den USA mit 111.897 €. Indien steht auf Rang 49 mit 814 € pro Kopf. Würde das gesamte Geldvermögen Indiens zusammengelegt und gerecht auf alle verteilt, so wären das nur 814 € pro Person. Sehr weit würde das nicht reichen. Die Vermögensstudie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group zeigt, dass das Land mit den meisten Reichen mit mehr als 100 Millionen Dollar die USA sind mit 2.692 Haushalten, gefolgt von Deutschland mit 839 Haushalten. Die größte Millionärsdichte findet sich in Singapur (15,5 % aller Haushalte!), gefolgt von der Schweiz (9,9 %!). Die Zahl der Dollarmillionäre beträgt in den USA 5,22 Millionen, in Deutschland (ca. 80 Mio. Einwohner) 400.000, in Indien 190.000 (bei 1,2 Mrd. Einwohnern etwa 15 Mal die Bevölkerung von Deutschland).
Verleihung Aktion-Hoffnung-Preis

V.l.n.r.: Prof. Dr. Klaus Töpfer, Prälat Dr. Bertram Meier,  E. Kreuz, Dr. Markus Günther, Gregor Uhl                                                                              Foto: Stefan Leuchtenberg

Das Indien, mit dem wir es in unserer Projektarbeit zu tun haben, ist ein anderes: seit 1990 ist Indien von der Gruppe der Staaten mit einem Hungerindex1) gravierend zur Gruppe mit dem Hungerindex sehr ernst „aufgestiegen“, befindet sich damit immer noch auf Rang 67 von 81 Staaten. Nur Bangladesch, Indien und Osttimor weisen einen Anteil an untergewichtigen Kindern unter fünf Jahren von mehr als 40 % auf. Angesichts der Millionen an Hungerfolgen sterbenden Kinder sehen wir es weiterhin als unsere Pflicht an, das Handlungsvermögen der Armen vor Ort zu stärken, vor allem durch Zugang zu Bildung (auch für Behinderte) und Abschaffung von Kinderarbeit, verbesserte Ernährung durch stärkere Selbstversorgung, Stärkung der Frauen durch Selbsthilfegruppen-Förderung, Stärkung der staatlichen Basisinstitutionen und Umsetzung der Regierungsprogramme zur Armutsbekämpfung. „Langfristig hilft nur Bildung, auf Politik, Produktions- und Marktprozesse Einfluss zu nehmen.“2)

Bitte engagieren Sie sich weiterhin mit uns - früher Tod, Hunger, Ausbeutung, Analphabetismus müssen kein Schicksal sein. Gemeinsam können wir viel dagegen tun - Ihre Spenden, Ihre Aktionen, Ihre Unterstützung in jeder Form ermöglichen unsere Arbeit.

Ich wünsche Ihnen eine gute Advents- und gesegnete Weihnachtszeit, Ihre

Elisabeth Kreuz

1) Der Hungerindex 2011 setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Anteil der Unterernährten in der Bevölkerung (Indien: 21 %), Verbreitung von Untergewicht bei Kindern unter 5 Jahren (Indien: 43,5 %) und Sterblichkeitsrate bei Kindern unter 5 Jahren (Indien: 6,6 %). (Welthunger-index 2011, Hg. Deutsche Welthungerhilfe u.a., Bonn, Okt. 2011)
2) So P. Johannes Müller SJ, Fachmann für Entwicklungspolitik an der Hochschule  für Philosophie in München in einem Interview in weltweit Herbst 2011

„Kinderarbeit? - Nicht in unserem Dorf!“
Modellprojekt des "Indienhilfe-Netzwerks gegen Kinderarbeit" auf drei Kommunen ausgeweitet

(Sabine Dlugosch)

Schon von weitem höre ich die Kinderstimmen - „Ek, dui, tin….One, two, three….“. Über den ganzen Hof verteilt stehen Gruppen von drei, vier Kindern. Eines übernimmt die Rolle des Lehrers, im Zickzack fährt sein Finger über die einzelnen Buchstaben und Zahlen auf der Karte in seiner Hand, die anderen Kinder müssen sie entsprechend vorlesen. Die älteren Kinder haben Karten mit ganzen Wörtern und einfachen Rechenaufgaben, die sie bearbeiten müssen. Der Lärmpegel ist hoch, doch die Freude der Kinder am Lösen der Aufgaben ist deutlich zu spüren. Das Lernen ist nicht selbstverständlich für sie. Alle sind ehemalige Kinderarbeiter, die die Grundschule vorzeitig abgebrochen haben und sich nun in der Brückenschule auf die Wiedereinschulung in die ihrem Alter entsprechende Klasse vorbereiten.

Einer von ihnen ist der zehnjährige Sekh, der seit knapp einem Jahr in der Brückenschule lebt. Er stammt aus dem Dorf Shimla, einem der 56 Dörfer, in denen das "Indienhilfe-Netzwerk gegen Kinderarbeit" modellhaft jegliche Form von Kinderarbeit abschaffen möchte. Dabei gehen die Kinderrechtsarbeiter strategisch vor: zunächst identifizieren sie in allen Dörfern jedes Kind, das nicht zur Schule geht, egal, ob es einer Erwerbsarbeit nachgeht, im Haushalt oder Familienbetrieb hilft oder aus anderen Gründen nicht zur Schule geht. Knapp 1.000 Kinder sind es in den drei Kommunen in Westbengalen und Orissa, für die nun individuelle Maßnahmen zur Wiedereinschulung ausgearbeitet werden. Kinder, die die Schule erst vor wenigen Tagen oder Wochen abgebrochen haben, können recht schnell wieder zur Teilnahme am Unterricht motiviert werden. Den verpassten Unterrichtsstoff können sie in kurzer Zeit nachholen. Schwieriger ist es für Kinder, deren Schulabbruch länger zurückliegt. Für sie organisieren die Kinderrechtsarbeiter jährlich ein dreitägiges Camp, in dem sie auf spielerische Weise zur Rückkehr in die Schule motiviert und über ihre Kinderrechte aufgeklärt werden. Nach dem Camp können einige Kinder direkt eingeschult werden. Doch manche Kinder sind zu alt für die Klasse, die ihrem Wissensstand entspricht, oder ihre Familien sind gegen den Schulbesuch. So auch im Fall von Sekh: Über ein Jahr arbeitete er im Betrieb seines Onkels und verdiente sein eigenes Geld. 
Workshop Kinderarbeit

In diesem Jahr werden in allen von uns unterstützten Projekten Jugendliche zu Kinderrechtsaktivisten fortgebildet. In einem gemeinsamen mehrtägigen Training lernen sie, sich als Youth Action Groups auf Distriktebene zu organisieren, um sich für die Einhaltung der Kinderrechte in ihren Dörfern zu engagieren, und welche Maßnahmen sie bei Verstößen gegen die Kinderrechte ergreifen können.                                                                                 Foto: Indienhilfe (Thoughtshop Foundation)

Einen Teil gab er der Mutter, den Rest verwendete er für Zigaretten und andere Vergnügungen. Im Prinzip möchte er, motiviert durch das Kinderarbeiter-Camp, in die Schule zurückkehren, doch fällt es ihm schwer, von seinen alten Gewohnheiten loszukommen. Und auch der Onkel möchte ihn nicht als billige Arbeitskraft verlieren. Nach zahlreichen Gesprächen mit der Familie, den Nachbarn und den Dorfbewohnern zieht Sekh in die Brückenschule um. Dort lernen die ehemaligen Kinderarbeiter nach einem speziellen didaktischen Konzept individuell entsprechend ihrer eigenen Geschwindigkeit und Fähigkeiten und unterrichten gleichzeitig andere Kinder in den Inhalten, die sie bereits gelernt haben. Durch die räumliche Trennung von ihrer Familie und ihrem Dorf fällt es den Kindern leichter, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Die meisten können nach einem Jahr in die staatliche Schule in ihrem Heimatdorf zurückkehren. Dort werden sie weiterhin von den Kinderrechtsarbeitern betreut, um zu verhindern, dass sie trotz aller guten Vorsätze die Schule erneut abbrechen.
Brückenschule Neben der direkten Arbeit mit den Kindern entwickeln die Kinderrechtsarbeiter verschiedenste Methoden, um bei der gesamten Dorfbevölkerung ein Bewusstsein für Kinderrechte, vor allem das Recht auf Bildung, zu schaffen. Dafür organisieren sie mindestens einmal im Jahr eine Demonstration, bei der die Kinder die Wahrung ihrer Rechte fordern. Wandanschriften auf dem Marktplatz oder an belebten Kreuzungen erinnern die Dorfbewohner immer wieder daran, dass Kinderarbeit illegal ist und jedes Kind ein Recht auf Bildung hat. Arbeitgeber, die trotz mehrfacher Hinweise Kinder beschäftigen, werden in einer öffentlichen Zeremonie dafür „ausgezeichnet“, dass sie Kinder beschäftigen und ihnen den Zugang zu Bildung verwehren - auch so kann Bewusstsein entstehen. Als zentrale Anlaufstelle bei Feststellung von Verstößen gegen Kinderrechte gründen die Kinderrechtsarbeiter in jedem Dorf ein sog. „Child Rights Protection Forum“, in dem sowohl engagierte Bürger als auch Vertreter von Gemeinderat und Gemeindeverwaltung vertreten sind. Ziel ist es, in allen Dörfern ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Kinderarbeit geächtet und der Schulbesuch für jedes Kind eine Selbstverständlichkeit ist.

In diesem Jahr benötigen wir 25.000 Euro für die Aktivitäten des "Indienhilfe-Netzwerks gegen Kinderarbeit", das neben dem Modell-Projekt in den drei Kommunen in allen unseren Projektgebieten Maßnahmen zur Sensibilisierung für Kinderrechte und gegen Kinderarbeit durchführt. Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderarbeit“!


Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch - Indienhilfe verabschiedet Selbstverpflichtung
(Sabine Dlugosch)

Aufgeregt kommen die Mädchen in das Projektzentrum unseres Partners Lake Gardens Women & Children Development Centre gelaufen. Es dauert eine Weile, bis die Mitarbeiterinnen herausgefunden haben, was passiert war: auf dem Schulweg hat sie ein Mann verfolgt, der sie unter einem Vorwand in eine dunkle Gasse lockte. Dort fing er an, sich zu entkleiden und anzügliche Bemerkungen zu machen. Bevor er zudringlich werden konnte, liefen die Mädchen weg. Nach einer Anzeige bei der Polizei und wiederholtem Nachhaken der Projektmitarbeiterinnen konnte der Täter gefasst werden - er ist nicht das erste Mal auffällig geworden. Doch eine Verurteilung ist unwahrscheinlich.

Dass dies kein Einzelfall ist, zeigt die vom indischen „Ministerium für die Entwicklung von Frauen und Kindern“1) in Auftrag gegebene Studie „Study on Child Abuse: India 2007“, die das Erleben von Missbrauch und Gewalt von Kindern in 13 indischen Bundesstaaten untersucht. Die Ergebnisse sind erschreckend: Zwei von drei Kindern wurden körperlich misshandelt, 88% von ihnen durch die eigenen Eltern. Mehr als die Hälfte (65%) der Schulkinder berichtet von körperlicher Züchtigung durch Lehrkräfte in der Schule - einer der Gründe, warum Kinder die Schule vorzeitig abbrechen und in die Kinderarbeit abrutschen. Sexuellen Übergriffen ist über die Hälfte (53%) der Kinder ausgesetzt und jedes zweite Kind berichtet von emotionaler Gewalt. Täter sind in den meisten Fällen Eltern, Erziehungsverantwortliche oder nahe Vertrauenspersonen. Insbesondere Straßenkinder, Kinderarbeiter und Kinder, die einen großen Teil ihrer Zeit in Institutionen verbringen, berichten vermehrt von Missbrauch und Misshandlungen.

Wie sowohl der Forschungsbericht aus Indien als auch die Medienberichte zum Ausmaß von Missbrauch und Misshandlungen in deutschen Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen im letzten Jahr deutlich gezeigt haben, sind Einrichtungen und Projekte für Kinder und Jugendliche nicht automatisch gewaltfreie Zonen. Auch in Entwicklungsprojekten können derartige Vorkommnisse nicht ausgeschlossen werden. Um in den von uns geförderten Projekten Gewalt gegen Kinder in jeglicher Form möglichst präventiv zu bekämpfen, hat die Indienhilfe im September 2011 die „Arbeitsgruppe Kinderschutz“ ins Leben gerufen. In einem ersten Schritt hat sich die Arbeitsgruppe auf eine umfangreiche Selbstverpflichtung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen2) verständigt, die die Mitgliederversammlung der Indienhilfe am 22. Oktober 2011 verabschiedet hat.

In den nächsten Monaten wird die „Arbeitsgruppe Kinderschutz“ in enger Zusammenarbeit mit Sibani Bhattacharya, Leiterin des Indienhilfe-Büros in Kalkutta, und den Partnerorganisationen Instrumente ausarbeiten, wie diese Selbstverpflichtung in der Praxis umgesetzt werden kann. An erster Stelle steht die Risiko-Analyse aller Projekte, um besondere Gefährdungspotentiale (enger Kontakt zwischen Kindern und Projektmitarbeitern z.B. in Brückenschulen, Arbeit mit Kindern/Menschen mit Behinderungen etc.) zu identifizieren. Im nächsten Schritt sollen präventive Maßnahmen ausgearbeitet werden, beispielsweise Vorgaben für das Personal wie die Vorlage von Führungszeugnissen und Selbstverpflichtungen aller Mitarbeiter. Konkrete Handlungsrichtlinien und klare Meldewege sollen in Verdachtsfällen innerhalb wie außerhalb der Organisation und der Projekte Handlungssicherheit und schnelles Eingreifen ermöglichen und eine Verschleierung aus Angst vor Sanktionen vermeiden helfen. Fortbildungsangebote sollen die Mitarbeiter für die Thematik sensibilisieren, insbesondere für jegliche Form von Gewalt und Missbrauch innerhalb der Familie, die gerade bei den sehr beengten Wohnverhältnissen nicht selten sind.

Die Einführung der Kinderschutz-Richtlinien ist für die Indienhilfe ein weiterer Schritt, die Qualität der Arbeit zu verbessern und unserem obersten Ziel, dem Wohl der Kinder in allen Lebensbereichen, näher zu kommen.

Alle Projekte der Indienhilfe haben die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern aus besonders armen Familien zum Ziel. Wenn Sie Ihre Spende ohne Angabe eines bestimmten Projektes überweisen, setzen wir sie da ein, wo gerade der größte Bedarf besteht.

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1) Ministry of Women and Child Development
2) Diese entspricht weitgehend dem Kodex Kinderschutz von VENRO, dem Verband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen, dem auch die Indienhilfe angehört.


Globales Lernen hautnah:  Indienhilfe-Partner im Austausch mit deutschen Schülern
(Sabine Dlugosch)

Anshuman und Schüler beim Reisessen mit FingernCurry, Reis, Mango, Tee, Gewürze - die Antworten der Schüler entsprechen dem typischen Bild indischen Essens. Umso erstaunter sind sie, als ihnen unser Projektpartner Anshuman Das1) viele vertraute Gemüsesorten zeigt, wie Tomaten, Blumenkohl, Kartoffeln, die in der indischen Küche eine ebenso wichtige Rolle spielen wie exotische Gewürze. Doch nicht nur die verwendeten Lebensmittel sind Thema des Workshops „Indisches Essen“, den Anshuman Das bei seinem Deutschlandbesuch an mehreren Schulen durchführt. Besonders spannend finden die Schüler das in Indien übliche Essen mit den Fingern, das sie mit gekochtem Reis ausprobieren dürfen. Ihr Fazit: es ist nicht so einfach und erfordert mehr Geschick und Übung als man denkt!

Drei Wochen lang waren Anshuman Das und Sibani Mallick2) auf Einladung der Indienhilfe für ein intensives Begegnungsprogramm nach Herrsching gekommen. An fünf Schulen berichteten die beiden in über 25 Klassen von Jahrgangsstufe 1 bis 10 über das Leben in Indien und ihre Projektarbeit. Während die jüngeren Schüler vor allem am indischen Alltagsleben interessiert waren, stand bei den älteren Schülern das Thema Klimawandel an oberster Stelle: wie wirkt sich der Klimawandel auf die Lebensbedingungen der Menschen in Indien aus, inwiefern ist unser ressourcenintensiver Lebensstil hier in Deutschland für die Ursachen mitverantwortlich? Aus erster Hand zu erfahren, wie an Intensität zunehmende Überschwemmungen und häufiger auftretende Dürren den Menschen auf dem Land das Überleben schwer machen, war für die Schüler eine eindrucksvolle Erfahrung und führte zu lebhaften Diskussionen.

Die Frage, wie sich unsere lokalen Entscheidungen auf globaler Ebene auswirken und welche Folgen sie für das Leben der Menschen in den Ländern des Südens haben, ist zentral für unsere entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Unser Ziel ist es, vor allem bei Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein für einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Lebensstil zu fördern und ihnen entsprechende Handlungsoptionen (z.B. Kauf fair gehandelter Produkte, weniger Fleischkonsum) aufzuzeigen.


Neben dem direkten Austausch mit Menschen aus Indien, die über ihre Erfahrungen berichten, organisieren wir, oft in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Lebensstile/Eine Welt der Agenda 21 Herrsching, Veranstaltungen, Ausstellungen mit Schulklassen-Führungen, Workshops zu diesen Themen und bieten Führungen für Schulklassen, Firmgruppen etc. in unserem Weltladen an.

Unser Medienzentrum mit Indien-Archiv, mit dem die Indienhilfe seit Ende 2009 als eine von bayernweit zwanzig Eine-Welt-Stationen anerkannt ist, bietet Lehrkräften und Multiplikatoren zahlreiche pädagogische Materialien, Hintergrundinformationen, AV-Medien und Themenkisten an, um Themen rund um die Eine Welt in den Unterricht zu integrieren und bei den Schülern ein Bewusstsein für ihre globale Verantwortung zu fördern. Seit Oktober unterstützt uns die Diplom-Geographin Anne Richter in Teilzeit bei der Bildungsarbeit und bei der Begleitung der deutsch-indischen Schulpartnerschaften. Für nächstes Jahr ist der weitere Ausbau der Eine-Welt-Station geplant: sobald das im ersten Stock untergebrachte gemeindliche Jugendhaus im Frühjahr 2012 in ein eigenes Gebäude umzieht, wird die Eine-Welt-Station, bislang noch auf engsten Raum beschränkt, neue Räume und Entfaltungsmöglichkeiten bekommen.
                                                                                               
Spenden für unsere Bildungs- und Partnerschaftsarbeit auf unser Konto:
„Bildungsarbeit in Deutschland“
Konto-Nr. 430 370 411
BLZ 702 501 50
KSK München-Starnberg-Ebersberg

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1) Geschäftsführer von DRCSC (Development Research Communication & Services Centre), unserer Partnerorganisation für das Öko-Jugend-Club- und das Klimaschutz-Projekt Pergumti

2) Gründerin von Ektagram Vikas Samiti, Partner für das Projekt zur Bewahrung traditioneller Heilpflanzen und Bildung für Adivasi-Kinder


Editorial zum Sommerinfo 2011
Herrsching, im Mai 2011

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,

trotz steigenden Wirtschaftswachstums kein nennenswerter Rückgang der Kindersterblichkeit in Indien!? Letzten Endes weil etwa 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die jährlich in Indien Hungers sterben, keine Trauergemeinde haben, „keine lokale, keine nationale und erst recht keine internationale ...“, wie Georg Blume in der ZEIT vom 14. April1) zusammenfasst? Er schreibt voll Zorn und Trauer, vor Augen die Leiche eines zwölf Monate alten Mädchens, unterentwickelt, mit „fingerdünnen Ärmchen“, das vor seinen Augen von den schluchzenden Eltern, armen Landarbeitern, begraben wird. Etwa alle zehn Sekunden haucht in Indien ein Kind wie Romata still und unbemerkt sein Leben aus. „Man kann sie überall im Land sterben sehen ...“.

 

Blume hat recht. Oft sind auch wir damit konfrontiert, dass man von Hunger und andauernder Armut in Indien nichts wissen will oder auf andere Zuständige, die indische Regierung, die Reichen Indiens verweist. Und Blume hat unrecht: es gibt sie doch, die Trauergemeinde, die Gerechtigkeits-Lobby. Die nicht bereit ist, den Hungertod unzähliger Kinder als unabwendbares Schicksal hinzunehmen. Mehr als 800 Spender, Unterstützergruppen und Aktive der Indienhilfe kämpften 2010 mit uns für Gerechtigkeit, gegen Hunger und Ausbeutung. Gemeinsam mit den Mitarbeitern und (Frauen-)Selbsthilfe-Gruppen in unseren Projekten in Westbengalen und Orissa.  Als Teil einer indischen wie weltweiten Allianz von Entwicklungsorganisationen (NGOs), Kampagnen-Netzwerken, integren und engagierten Politikern und Verwaltungsleuten, Profis in den Institutionen, unbestechlichen Richtern, Journalisten wie Georg Blume, Aktivistengruppen von der Schülerin bis zur Oma...

Und Unternehmern wie Azim Premji, 75, ein Bill Gates Indiens mit 17 Mrd. US-Dollar Vermögen, unter dessen Führung das familieneigene Pflanzenölunternehmen zu einem der weltgrößten Software-Entwickler, WIPRO, expandiert ist. Der bescheiden lebende Azim Premji hat 2010 zwei Milliarden US-Dollar für die Errichtung der Azim Premji Universität (APU) gestiftet, die im Juli 2011 beginnen wird, Bildungs- und Entwicklungsfachleute in Masterstudiengängen aus- und erfahrene Schulpraktiker fortzubilden und sie zu befähigen, den gesellschaftlichen Wandel zu einer fairen und gerechten, humanen und nachhaltigen Gesellschaft voranzutreiben. Bewerber vom Dorf, die dann wieder dorthin zurückgehen, werden bevorzugt. (Übrigens ist Sujit Sinha, der Gründer unseres bisherigen Partners Swanirvar, einer der Dozenten für Entwicklungsarbeit.) Die Universität baut auf zehn Jahren Erfahrung der Azim Premji Foundation auf. Deren Ziel ist die Verbesserung der Qualität des öffentlichen Bildungssektors in Indien, mit besonderem Augenmerk darauf, den unterprivilegiertesten Kindern Indiens Zugang zur Grundbildung zu verschaffen. 2,5 Mio. Kinder in 20.000 Schulen wurden bisher erreicht.2)
Mädchen in Nabadisha-Zentrum
Mädchen in einem von uns geförderten Nabadisha-Zentrum in einem Kalkutta-Slum. Aus seinen Augen und seiner Haltung sprechen zu früher Ernst und Trauer, aber auch Entschlossenheit und Mut; den Stift hält es wie eine Waffe. Kinder wie ihr wollen wir ein Stüc Kindheit zurückgeben und eine bessere Zukunft ermöglichen.                                    Foto: Marion Strencioch

Trotz dieser positiven Beispiele greift Blume einen wichtigen Aspekt auf: in Zukunft müssen wir härter daran arbeiten, dass unsere Stimmen dort gehört werden, wo politische Entscheidungen getroffen werden. Damit die Bundesregierung Indien nicht nur als einen gewaltigen Zukunftsmarkt für Deutschland wahrnimmt3), sondern bei seinem politischen Dialog mit Indien das Problem der Unterernährung als einen Verstoß gegen das Menschenrecht auf Leben anspricht, auch wenn dieses Thema den indischen Politikern unangenehm ist. Dass wir uns an politischen Kampagnen beteiligen, um die Rahmenbedingungen für gerechtere Strukturen zu schaffen, soll unsere konkrete Arbeit für derzeit ca. 20.000 Kinder und ihre Familien in extremen Armutssituationen, wie Sabine Dlugosch sie in diesem Info beschreibt, nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Im Namen der Indienhilfe danke ich Ihnen für Ihre großzügigen Spenden und alle Ihre praktische Hilfe und Solidarität im letzten Jahr. Bitte helfen Sie auch 2011, den Hunger indischer Kinder nach Reis, nach Bildung, nach Teilhabe zu lindern! Für die laufenden Projekte benötigen wir 2011 ca. 290.000 €, mit zusätzlichen Spenden kann die Arbeit intensiviert und ausgedehnt werden.4) Wenn Sie Hilfe und Material für Aktionen zugunsten der Indienhilfe benötigen, rufen Sie uns an oder mailen Sie uns - wir werden Sie nach Kräften unterstützen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer mit Zeit für das Wesentliche, Ihre

Elisabeth Kreuz

1) Georg Blume, Indiens sterbende Kinder. Warum das reiche Schwellenland sein Hungerproblem nicht löst.“ www.zeit.de/2011/16/Indien-Arme
2) siehe auch im Internet unter www.azimpremjifoundation.org, www.azimpremjiuniversity.edu.in
3) Deutschland möchte gern den Zuschlag Indiens, das bis 2015 seine alten Kampfjets durch moderne Maschinen ersetzen will, für 126 Eurofighter. Ein Sieben-Milliarden-Geschäft und die Sicherung tausender Arbeitsplätze in der Wehrtechnik, vor allem in Bayern. Siehe „Guttenberg hat das Rüstzeug für Indien“, Münchner Merkur 10.2.11. Ein Betrag, der in etwa den Bildungsausgaben 2011-12 der indischen Zentralregierung, ohne Bundesstaaten, entspricht!
4) Details auf unserer ständig aktualisierten Homepage

Das Editorial als pdf-Datei (120 kb) finden Sie hier....

„Unterernährung und Kinderarbeit gehören der Vergangenheit an!“
Unsere Vision für Indiens Kinder - Teil 2

(Sabine Dlugosch)

100 Tage Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn, ländliche Gesundheitsstationen und Krankenversicherung, Vorschulbetreuung mit Ernährungsprogramm für Mutter und Kind, Bildung für alle Kinder - Indiens Regierung hat gute staatliche Programme zur Armutsbekämpfung auf den Weg gebracht. Doch die Menschen, die am dringendsten auf diese Programme angewiesen sind, leben als Analphabeten in den abgelegensten Dörfern und wissen nichts von den ihnen zustehenden Unterstützungsangeboten. Gerade für die Kinder sind die Folgen fatal: Jeden Tag sterben 4.657 Kinder1) unter fünf Jahren, zu 90 % an den Folgen von armutsbedingtem Hunger - 1,7 Millionen Kinder jährlich!

Genau diese Kinder sind es, die wir mit unseren Projekten erreichen möchten, um ihnen einen Weg aus Hunger und Armut zu eröffnen und ihnen die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Unsere indischen Partnerorganisationen suchen die entlegensten Winkel in ihren Projektgebieten auf, in denen die Ärmsten der Armen, meist Angehörige von Indiens Minderheiten (Dalits, Adivasi, Muslime), ums Überleben kämpfen. Dort vermitteln unsere Partner zwischen den Regierungsstellen und den Dorfbewohnern und überwachen, dass die staatlichen Programme korrekt umgesetzt werden. Ergänzende Maßnahmen unserer Partner, z.B. Nachhilfeunterricht, Schulungen zu Hygiene und Ernährung, Informationsveranstaltungen über Grundrechte, Förderung von Frauen-Selbsthilfegruppen etc., gewährleisten, dass die Regierungsprogramme nachhaltig wirken. Den Erfolg aller unserer Maßnahmen messen wir daran, wie sie zum Wohl der Kinder beitragen, um Unterernährung und Kinderarbeit zur Vergangenheit zu machen!

Teilen Sie mit uns unsere Vision für Indiens Kinder!

Wir wollen …

… dass alle Kinder zur Schule gehen und kein Kind mehr arbeiten muss!

„Ich weiß nicht, wo Samrat ist.“ Ratlos schaut sich Mutter Roma Halder um. Der 11jährige Junge ist nicht zu finden, als ich im Februar 2011 das Dorf Subhasnagar in der Kommune Tepul-Mirzapur besuche. Tepul-Mirzapur ist eine der drei Kommunen in Westbengalen und Orissa, in denen unser Indienhilfe Netzwerk gegen Kinderarbeit innerhalb von fünf Jahren jegliche Form von Kinderarbeit abschaffen möchte. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie Demonstrationen, Radl-Rallyes, Wandanschriften oder der öffentlichen „Ehrung“ von Arbeitgebern, die Kinder beschäftigen, wird bei den über 50.000 Einwohnern in den 56 Dörfern ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Kinderarbeit illegal ist und jedes Kind, egal ob arm oder reich, das Recht auf Bildung und Schulbesuch hat. In jedem Dorf haben die Projektmitarbeiter die arbeitenden und nicht zur Schule gehenden Kinder identifiziert und bemühen sich um deren Wiedereinschulung. Unterstützt werden sie in jedem Dorf von ehrenamtlichen Kinderrechtskomitees, die die Einhaltung der Kinderrechte im Dorf überwachen.

Auf Samrat wurden die Kinderrechtsaktivisten 2009 aufmerksam und bemühen sich seitdem um seine Rückkehr in die Schule. In der 3. Klasse brach er die Schule ab, um für monatlich 300 Rupien (ca. 5 Euro) in einem Süßwarenladen zu arbeiten. Für die Eltern ist die Sache einfach: das Familieneinkommen reicht nicht aus und Samrat hat keine Lust auf Schule, also schicken sie ihren Sohn zum Arbeiten in den Süßwarenladen. Der Arbeitgeber ist sich keiner Schuld bewusst, denn die Eltern haben ihren Sohn ja freiwillig zur Arbeit geschickt. Erst als der Bürgermeister und der Schulleiter sich einmischen, darf Samrat an einem zweitägigen Kinderarbeiter-Workshop teilnehmen, in dem die Kinderrechtsaktivisten die arbeitenden Kinder spielerisch auf eine Wiedereinschulung vorbereiten. Daraufhin kehrt Samrat in die 3. Klasse zurück, doch nach wenigen Tagen ist er nur noch unregelmäßig anwesend. Die Kinderrechtsaktivisten lassen nicht locker: entweder geht Samrat regelmäßig zur Schule oder er muss auf die Brückenschule, in der ehemalige Kinderarbeiter in einem einjährigen Kurs auf die Rückkehr in die staatliche Schule vorbereitet werden. Um nicht aus seinem Dorf fort zu müssen, verspricht Samrat, jeden Tag zur Schule zu gehen. Wöchentlich treffen sich die Kinderrechtsaktivisten mit ihm und den anderen Kindern im Dorf, um über Probleme in der Schule zu sprechen und Lösungen zu finden. Seine Freunde können Samrat schließlich überzeugen, den Unterricht regelmäßig zu besuchen, wovon sich die Kinderrechtsaktivisten bei den Lehrern und Eltern immer wieder vergewissern.

Kinderarbeiter
Sibani Bhattacharya, Leiterin des Indienhilfe-Büros in Kalkutta, und Ishita Dhali, Kinderrechtsaktivistin, ermutigen Samrat Halder, regelmäßig zur Schule zu gehen - sonst "droht" die Brückenschule.    
                                     Foto: Sabine Dlugosch
Gerade als wir gehen wollen, taucht Samrat wieder auf: Er hatte sich auf dem Toilettendach versteckt, aus Angst, dass wir gekommen sind, um ihn in die Brückenschule zu bringen - denn in den letzten beiden Tagen hatte er die Schule erneut geschwänzt. Warum? Das kann er auch nicht sagen, denn in der Schule gefällt es ihm besser als bei der Arbeit.

Samrats Fall zeigt, wie schwer es ist, Kinderarbeiter zur Rückkehr in die Schule zu bewegen, sobald sie längere Zeit gearbeitet und den eigenen Verdienst genossen haben. Daher arbeiten unsere Partner daran, Kinderarbeit von Anfang an zu verhindern: Förderkindergärten und Vorschulen bereiten die Kinder auf die Einschulung vor, schulbegleitender Nachhilfeunterricht verhindert den vorzeitigen Schulabbruch. Besonders Kinder aus Analphabeten-Familien sind gefährdet, in die Kinderarbeit abzurutschen, wenn sie zu Hause keine Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommen können.

Neben der direkten Förderung der Kinder beteiligen sich alle unsere Partner an der Lobby- und Kampagnenarbeit zur Schaffung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für die Einhaltung der Kinderrechte und des Rechts auf Bildung. Dieses Jahr sollen in allen Projektgebieten Aktionsgruppen von Jugendlichen ins Leben gerufen werden, die in ihren Dörfern Kinderrechtsverletzungen öffentlich machen und dafür sorgen, dass alle Kinder Zugang zu Schulbildung haben. So wird bei der kommenden Generation ein Bewusstsein für Kinderrechte und Schulpflicht geschaffen!

… dass sich starke Frauen für die Dorfentwicklung einsetzen und politisch engagieren

Stolz legen mir die Frauen einer Selbsthilfegruppe (SHG) bei meinem Besuch im Dorf Bezda einen Stapel Papiere vor: Es ist ihr Dorfentwicklungsplan, den sie monatelang gemeinsam mit den Mitarbeitern unseres Partners Seva Kendra Calcutta (SKC) sowie dem Bürgermeister und Vertretern des Gemeinderats erarbeitet haben. Nach einer intensiven Dorfstudie vergeben sie Prioritäten für die identifizierten Probleme. An erster Stelle stehen die hohe Arbeitslosenquote, vor allem unter jungen Leuten, die schlechte Verbindung zur Außenwelt durch schlechte Straßen, der Mangel an sauberem Trinkwasser und die Bildungssituation. Die Lösung liegt auf der Hand: Das staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramm, das Familien unterhalb der Armutsgrenze jährlich 100 Tage Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn garantiert, deckt verschiedene Infrastrukturmaßnahmen ab - Straßen- und Brunnenbau fallen darunter. Mit Unterstützung der Regierungsbeamten und der Projektmitarbeiter erstellen die Frauen einen umfassenden Dorfentwicklungsplan, den sie mit den anderen Dorfbewohnern diskutieren und abstimmen. Die Regierung bewilligt den Bau von 15 km Straße und sechs km Abwasserkanal, die Reparatur von sechs Brunnen und die Anlage eines neuen Brunnens sowie den Bau von 40 Toiletten. Dadurch finden 211 Personen im Rahmen des 100-Tage-Arbeit-Programms Beschäftigung und erhöhen somit das Einkommen ihrer Familien, die alle unterhalb der Armutsgrenze leben.

Bei allen unseren Projektpartnern unterstützen wir Selbsthilfegruppen, meist von Frauen, die zunächst als kleine Spar- und Kreditvereine fungieren. Sind die Gruppen gefestigt, können sie von den Banken günstige Mikrokredite bekommen, um einkommenschaffende Maßnahmen wie Ziegenzucht, kommerziellen Blumen- oder Gemüseanbau etc. zu beginnen. Ihr Beitrag zum Familieneinkommen stärkt die Rolle der Frau innerhalb der Familie und kommt meist den Kindern zu Gute, da mehr Geld für Nahrungsmittel oder Schulbücher zur Verfügung steht. Schulungen und Fortbildungen erhöhen das Bewusstsein der Frauen, z.B. für die Bedeutung des Schulbesuchs für ihre Kinder, und motivieren sie zu politischem Engagement - nicht selten treffe ich bei meinen Projektbesuchen engagierte Bürgermeisterinnen oder Gemeinderätinnen, die sich nicht nur für das Wohl ihrer Familie, sondern für das ganze Dorf einsetzen.
Frauen haben Arbeit im Strassenbau gefunden
Schwere Arbeit im Straßenbau. Diese Frauen sind froh, ins Arbeitsbeschaffungs- programm der Regierung aufgenommen worden zu sein.                                        Foto: Sabine Dlugosch

… dass behinderte Kinder bestmöglich gefördert und in die Gesellschaft integriert werden!

„Meist nehmen wir uns nicht genug Zeit für unsere behinderten Kinder. Wir stempeln sie als behindert ab, weil sie anders sind als die anderen Kinder und ihre Bedürfnisse nicht ausdrücken können. Ich musste auch erst lernen, die Stärken meiner Tochter zu erkennen.“ berichtet Debi Karmakar, deren zehnjährige Tochter Anna spastisch gelähmt und in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben ist. Lange Zeit kümmern sich die Eltern wenig um das Mädchen, sie kann tun und lassen, was sie will. Erst als die Mitarbeiter unseres Partners Bikash auf die Familie in dem abgelegenen Dorf Helnasusunia aufmerksam werden, ändert sich die Situation. Regelmäßig besuchen die Dorfmitarbeiter die Familie und helfen der Mutter, die Stärken und Schwächen ihrer Tochter zu identifizieren. Debi erkennt, dass ihre Tochter trotz Behinderung eine Reihe von Tätigkeiten eigenständig ausführen kann, z.B. essen und sich fortbewegen. Fortan nimmt Debi sich mehr Zeit für ihre Tochter und arbeitet intensiv mit ihr an den Übungen, die ihr die Bikash-Mitarbeiter zeigen. So hat Anna gelernt, selbst für ihre Körperpflege zu sorgen und zur Toilette zu gehen. Auch zur Schule geht Anna regelmäßig, sie kann inzwischen ihren Namen schreiben und bis 100 zählen.

Die Förderung von Kindern mit Behinderungen und Entwicklungsdefiziten ist gerade in den ländlichen Gegenden Indiens selten. Die Mütter, die für die Versorgung der Familie hart arbeiten müssen, haben wenig Zeit, auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen und wissen meist nicht, wie sie damit umgehen sollen. Aus Scham und Angst vor Gerede im Dorf verstecken die Familien ihre behinderten Kinder oft. In 68 Dörfern im Bankura-Distrikt Westbengalens ist unser Partner Bikash darauf spezialisiert, behinderte Kinder in den abgelegensten Dörfern und aus den ärmsten Verhältnissen ausfindig zu machen, um ihnen durch optimale Förderung die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Während die Kinder und Jugendlichen in den ersten Jahren zentral in den dörflichen Behindertenzentren betreut wurden, steht heute die individuelle Förderung in den Familien im Vordergrund. Einmal pro Woche besuchen die gut ausgebildeten Sozialarbeiter jede Familie, um mit einfachen Übungen, die auch von den Eltern durchgeführt werden können, die Kinder im gewohnten Lebensumfeld an ein möglichst eigenständiges Leben heranzuführen.

Geschwister helfen taubstummem Bruder beim Lernen
Pushupati Mondal ist taubstumm. Sein älterer Bruder hilft ihm liebevoll und geduldig bei den Hausaufgaben.
Foto: Sabine Dlugosch

Zusätzlich zur Behindertenarbeit in den Dörfern betreuen Sonderpädagogen und Fachärzte über 90 schwer behinderte Kinder im Sonderpädagogischen Zentrum nahe der Stadt Bankura. Ein „Schulbus“ sammelt die Kinder aus den umliegenden Dörfern ein und bringt sie ins Zentrum, kostenlos, um die Eltern, meist Tagelöhner, zu entlasten. Seit September 2010 stehen auch 15 Plätze für Kurzzeit-Pflege zur Verfügung. Momentan sind dort zehn behinderte Jugendliche untergebracht, die an Ausbildungskursen (z.B. im Nähen, in der Sari-Stickerei) teilnehmen. Die anderen fünf Plätze stehen für Notfälle zur Verfügung, wenn z.B. Eltern aufgrund von Krankheiten oder Todesfällen in der Familie kurzfristig nicht für ihr behindertes Kind sorgen können.

Wie in allen Projekten ist auch hier die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen wichtig. So unterstützt Bikash die Familien bei der Beantragung eines Behindertenausweises, der die Voraussetzung für andere staatliche Zuschüsse, z.B. für Brillen, Hörgeräten, Prothesen ist.

Doch genauso wichtig ist die Prävention von vermeidbaren Behinderungen. Harte Arbeit und Mangelernährung während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen. Aber auch Defizite in der frühkindlichen Entwicklung, vor allem durch Mangel- und Unterernährung, können zu Behinderungen führen, die mit einfachen Maßnahmen vermeidbar gewesen wären.

Auch in den anderen Projekten wollen wir vermehrt daran arbeiten, frühkindliche Entwicklungsverzögerungen und Anzeichen von Behinderung zu erkennen.

Wir wollen auch ….
… dass kein Kind mehr unterernährt ist und gesunde Mütter ein förderliches Familienumfeld schaffen!
… dass eine ökologisch betriebene Landwirtschaft die Lebensgrundlage der Menschen, vor allem der am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffenen Menschen, langfristig sichert!

Mit welchen Maßnahmen wir dies erreichen, können Sie hier nachlesen.

290.000 Euro benötigen wir dieses Jahr, um für über 20.000 Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahren Zukunftsperspektiven jenseits von Hunger und Armut zu schaffen -
10 Euro im Monat, damit ein ehemals arbeitendes Kind eine Brückenschule zur Vorbereitung auf die Wiedereinschulung besuchen kann
45 Euro für die Anlage eines biologischen Gemüsegartens für eine Familie im Ganges-Delta
1.000 Euro im Jahr für einen Förderkindergarten für 30 benachteiligte Kinder

Helfen Sie mit Ihrer Spende!

 1) siehe Blume, Georg (2011): Indiens sterbende Kinder, in: Zeit Online, 14. April 2011

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Neuer alter Partner:

Atghara Sanhati Kendra führt Kinderentwicklungsprojekt von SEVA Vikas Kendra fort
(Sabine Dlugosch)

„Welcome German delegation!“ Schon von weitem weist uns das selbst gemalte Schild den Weg in den abgelegenen Weiler Farmania. Hier steht das von uns finanzierte Kinderentwicklungszentrum, das im Februar 2010 feierlich eingeweiht wurde. Seitdem hat sich das Zentrum zu einem lebhaften Ort entwickelt, in dem das Wohl der Kinder im Mittelpunkt steht. Unsere kleine Indienhilfe-Delegation1) hat sich verspätet, die Vorschulkinder sind schon unruhig. In ihren besten Kleidchen warten sie auf uns, um uns zu zeigen, was sie in der Vorschule gelernt haben. Sorgfältig legen sie kleine Samenkörner auf die vorgemalten Linien, bringen Bildkarten mit Zahlen in die richtige Reihenfolge - mit Montessori-Methoden werden die Kinder in ihrer motorischen und geistigen Entwicklung gefördert und auf die Einschulung vorbereitet. Auf der anderen Seite der Trennwand, einer einfachen Holzwand, die bei Bedarf entfernt werden kann, betreuen zwei junge Frauen die 15 Krippenkinder im Alter von sechs Monaten bis drei Jahren. Während die älteren Kinder gerade ihre nahrhafte Mittagsmahlzeit zu sich nehmen, liegen die jüngsten bereits friedlich beim Mittagsschlaf.

Für die Kinder in Farmania ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie eine Kinderkrippe und eine Vorschule besuchen können. Ihre Familien leben als landlose Tagelöhner unterhalb der Armutsgrenze, Hunger und Krankheit gehören zu ihrem Alltag. Das Risiko, dass sie vor dem fünften Lebensjahr an Unterernährung und einfachen Krankheiten sterben, ist sehr hoch. Farmania ist bei Weitem nicht der einzige Ort im North-24-Parganas-Distrikt Westbengalens, in dem die Menschen immer noch in unvorstellbarer Armut leben müssen. Vor zwei Jahren hat das Projektteam von Vikas Kendra 19 extrem arme Siedlungen identifiziert, um dort mit einem ganzheitlichen Projektansatz die Situation der Kinder zu verbessern.

Die von uns seit vielen Jahren unterstützten Förderkindergärten Shishu Vikas Kendra (SVK) haben sie zu ganzheitlich angelegten Kinderentwicklungszentren erweitert, in denen das Wohl der Kinder von 0 bis 14 Jahren im Mittelpunkt steht: Förderkindergärten bereiten auf den Schulbesuch vor, Nachhilfe-Unterricht verhindert vorzeitigen Schulabbruch, in einigen Fällen bietet eine Kinderkrippe die Versorgung der Kleinsten an. Regelmäßig kontrollieren die Gesundheitsarbeiter die körperliche und geistige Entwicklung aller Kinder und ziehen bei schwierigeren Fällen Fachärzte hinzu. Bei Anzeichen von Unter- und Mangelernährung erarbeiten die Mitarbeiter einzelfallspezifische Maßnahmen mit den Familien, zur allgemeinen Verbesserung der Ernährungssituation unterstützen sie die Familien beim ökologischen Obst- und Gemüseanbau in Küchengärten. In Fragen der Kinderpflege und Erziehung sowie bei familiären Krisen können sich die Mütter jederzeit an das Team wenden, das ihnen beratend zur Seite steht.
Kindergärtnerinnen in Farmania
Beruhigt können die Mütter zur Arbeit gehen - die beiden jungen Krippenmütter kümmern sich zuverlässig um ihre Kleinkinder.
Foto: Jonathan Jeschke
Doch nicht mehr überall sind unsere Kinderzentren in vollem Umfang notwendig. Durch die ständige Erweiterung des staatlichen ICDS-Programms2), einem umfassenden Mutter-Kind-Programm mit den Schwerpunkten Gesundheit, Ernährung und Bildung, verlagern sich die Schwerpunkte der von uns unterstützten Kinderzentren langsam. In Dörfern, in denen die staatlichen Zentren bereits eingerichtet sind, sorgt das Projektteam dafür, dass diese korrekt laufen und alle schwangeren Frauen, Mütter und Kinder von null bis sechs Jahren die ihnen zustehende Betreuung erhalten. In anderen Dörfern wiederum, in denen es noch kein staatliches Zentrum gibt, arbeiten die Mitarbeiter darauf hin, dass auch hier eines eingerichtet wird. So soll auch das in Farmania gebaute modellhafte Kinderentwicklungszentrum bald ein staatliches ICDS-Zentrum beherbergen.

Doch erschöpft sind die Aufgaben unserer Projektmitarbeiter noch lange nicht. Während sich die viel zu wenigen staatlichen Angestellten, oft unzureichend auf ihre vielfältigen Aufgaben vorbereitet, vor allem um jene Kinder und Frauen kümmern, die von selbst in das Zentrum kommen, suchen unsere Projektmitarbeiter alle Haushalte im Dorf auf und sorgen dafür, dass sie über die staatlichen Programme Bescheid wissen und diese korrekt umgesetzt werden. Die Entwicklung jedes einzelnen Kinds verfolgen sie von Geburt an und ergänzen die staatlichen Maßnahmen mit eigenen Aktivitäten, z.B. Nachhilfe-Unterricht für eingeschulte Kinder, Unterstützung bei der Anlage von biologischen Obst- und Gemüsegärten zur Prävention von Unter- und Mangelernährung.

Im April 2011 hat sich das Projektteam von SEVA Vikas Kendra, das die zweijährige Pilotphase des Kinderentwicklungsprojekts im North-24-Parganas-Distrikt durchgeführt hat, mit seiner eigenen Organisation Atghara Sanhati Kendra selbständig gemacht, um die Hauptphase des Projekts unabhängig von SEVA durchzuführen. Die ehemals jungen Männer und Frauen aus dem Dorf Atghara, die sich vor 26 Jahren Asok Ghosh bei der Gründung von SEVA angeschlossen haben, um mit ihm an der Verwirklichung seiner Vision eines würdevollen Lebens für die Rechtlosen und Ausgebeuteten zu arbeiten, sind inzwischen erwachsen geworden und haben ausreichend Erfahrung in der Dorfentwicklungsarbeit gesammelt, um sich mit einer eigenen lokalen Organisation selbständig zu machen. Unter Leitung von Palash Bardhan führen sie nun eigenverantwortlich das Kinderentwicklungsprojekt fort, das auch weiterhin von uns unterstützt wird.

Auch SEVAs Manab-Jamin-Team hat im Birbhum Distrikt seine eigene Organisation Bolpur Manab Jamin gegründet. Eine Evaluation der landwirtschaftlichen Aktivitäten von Manab Jamin im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass dort sehr gute Modelle für ökologische Anbaumethoden entwickelt worden sind.

Weil zuletzt unüberbrückbare Differenzen bezüglich der Konzeption der Projektarbeit und des Projektmanagements eine gute Partnerschaft zunehmend erschwert haben, hat die Indienhilfe Ende März nach langen Bemühungen die Zusammenarbeit mit SEVA eingestellt. Die Gründung eigener Organisationen der beiden Projektteams von Vikas Kendra und Manab Jamin hatte die Möglichkeit eröffnet, die erfolgreichen Projekte in Atghara und Bolpur unabhängig von SEVA fortzuführen. Im letzten Moment entschied das Manab-Jamin-Team jedoch, unter SEVA weiterzuarbeiten, die nun die landwirtschaftlichen Aktivitäten über staatliche Programme und aus eigenen Mitteln finanzieren.

So sehr wir das Ende der Zusammenarbeit mit Manab Jamin bedauern, so froh sind wir, in Atghara Sanhati Kendra einen „alten neuen“ Partner zu haben, der das erfolgreiche kinderzentrierte Projektkonzept (früher unter dem Namen Shishu Vikas Kendra - SVK) fortführt, um sich für das Wohl der Kinder aus den am stärksten benachteiligten Familien einzusetzen.

Für das Kinderentwicklungsprojekt von Atghara Sanhati Kendra benötigen wir dieses Jahr 46.000 Euro, um über 2.000 Kindern in den ärmsten Dörfern einen Weg aus Hunger und Armut zu eröffnen. 23 Euro im Jahr, die ein Kinderleben verändern! Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „ASK“!

1) die ihre Reisekosten wie immer privat gezahlt hat
2) Integrated Child Development Services

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Editorial zum Weihnachtsinfo 2010

Arbeitsausschuss der IndienhilfeVorstand, Arbeitsausschuss und Team der Indienhilfe bei der 30-Jahr-Feier und Mitgliederversammlung am 9.10.2010, vorne (v.l.n.r.): Bruce Cawthra, Gudula Leuchtenberg, Günter Schnürer, Ulrike Lesti, Dirk Provoost, Udo Kirkamp; hinten: Sabine Dlugosch, Elisabeth Kreuz, Regine Linder, Regina Haß, Elke Chakraborty, Waltraud Schneiders                                                       Foto: Indienhilfe

Herrsching, im November 2010

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder, liebe Spender und Spenderinnen,

„Aufstehen, aktiv werden, Stellung beziehen!“ ist das Motto der Stunde. Wenn wir eine Welt wollen, in der Freundschaft und Solidarität zählen, wenn das gute Leben der Anderen - auch der Zukünftigen, auch der „Unproduktiven“1) - Teil unseres eigenen Strebens nach einem guten Leben sein soll, wenn wir eine lebensfreundliche Erde wirklich wollen, müssen wir dafür Verantwortung übernehmen.

Helden unserer Zeit überwinden ihre Trägheit, informieren sich, demonstrieren gegen Patente auf Leben, kämpfen gegen Neonazis, gegen Atomkraft, gegen die Ausbreitung gentechnisch manipulierter Pflanzen oder tierquälerische Massentierhaltung, tragen Kröten über die Straße und sensen Streuwiesen; sie nehmen an Sitzungen teil und arbeiten sich durch Gesetzestexte, sie erarbeiten Gutachten und sie klagen. Und sie kümmern sich um Menschen, die es brauchen - als Schüler-Coaches, in Nachbarschaftshilfen, als Demenz- und Sterbebegleiter, als gute Freunde, gute Nachbarn, gute Partner, Eltern, Großeltern und Kinder. Sie übernehmen Ehrenämter, setzen sich in Bürgerinitiativen und in der Politik ein, sie engagieren sich in Kirchengemeinden, Schulgremien und in Agenda-21-Gruppen, sie machen Jugendarbeit, betreuen Behinderte, vermitteln Kindern Naturerleben, arbeiten in Weltläden mit, richten ihre Unternehmen an sozialen und ökologischen Kriterien aus und Tausende andere Dinge mehr.

Schwerpunkt für uns von der Indienhilfe mit unseren Freunden (den Spendern hier bei uns, den Partnern vor Ort) ist es, Katalysator zu sein für ein menschenwürdiges Leben mit einer fairen Zukunftsperspektive für Tausende von Kindern aus benachteiligsten Familien in mehreren Distrikten Westbengalens und Orissas in Indien. (Wie wir das tun - darüber berichtet Sabine Dlugosch hier.) Ihre Spenden helfen, dass wir gemeinsam vielen Kindern und Familien aus unnötigem Leid durch Hunger und Armut helfen und so neue Lebensfreude stiften können.

Die Indienhilfe hat 30 Jahre Erfahrung in selbsthilfe-orientierter Entwicklungszusammenarbeit. Unsere Partner vor Ort sind erprobte einheimische Entwicklungsorganisationen. Über die Jahre haben wir ständig daran gefeilt, sicherzustellen, dass die uns anvertrauten Spendengelder ohne Verluste so wirksam wie möglich eingesetzt werden2). Wir haben ein hochmotiviertes gut ausgebildetes junges Team in unserem kleinen Büro in Kalkutta, das, in ständigem Kontakt mit uns in Herrsching, mit großem persönlichen Einsatz unsere Projekte betreut, die Mittelverwendung und die Umsetzung der geplanten Aktivitäten überwacht und auf die Qualität der Arbeit achtet.

Leider spiegelt sich der deutsche Wirtschaftsboom dieses Jahres in unseren Spendeneingängen noch nicht wieder, vielleicht wegen der beiden ganz großen Katastrophen in Haiti und in Pakistan. Es ist bekannt, dass Menschen bei Naturkatastrophen mehr spenden, wenn dramatische Bilder die Dringlichkeit der Hilfe untermalen. Aber Armutsgebiete, in denen die Menschen auch ohne akute Katastrophe unter ähnlich katastrophalen Bedingungen leben müssen, brauchen eine langfristige Planung und sind auf kontinuierliche Spenden angewiesen.

Daher sind langfristiges und möglichst zuverlässiges finanzielles Engagement für uns sehr wichtig. Viele von Ihnen sind schon lange dabei, manche seit 30 Jahren. Für dieses Vertrauen und diese Treue sind wir sehr dankbar! Bitte helfen Sie uns auch in diesem Jahr mit Ihrer Spende und Ihren Aktionen!

Ich wünsche Ihnen eine gute Advents- und gesegnete Weihnachtszeit, Ihre

                                                                                                                         Elisabeth Kreuz

1) Eine Naturrechts-Philosophie, die die Achtung von Personen nicht letztlich an deren Produktivität koppelt, wie das bei einem verbreiteten utilitaristisch geprägten Liberalismus der Fall ist, wo Menschen, die nichts zum gesellschaftlichen Gesamtnutzen beitragen, rasch die Daseinsberechtigung und menschliche Würde abgesprochen wird, entwickelt Martha Nussbaum, deren Denken vom indischen Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen mitgeprägt ist, in ihrem Buch „Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit.“ (Suhrkamp) Für Nussbaum ist die menschliche Gesellschaft erst dann gerecht, wenn für alle Menschen elementare und gerechtigkeitsbasierte Ansprüche durch nationale und transnationale Rechtsvereinbarungen rechtlich gesichert sind. (SZ vom 3.11.10)
2) Eine ausführliche Schrift dazu kann bei der Indienhilfe angefordert werden.


Das Editorial als pdf-Datei finden Sie hier....

„Unterernährung und Kinderarbeit gehören der Vergangenheit an!“
Unsere Vision für Indiens Kinder
  
(Sabine Dlugosch)

Besuch im Dorf Simulpur: Ausgangspunkt unseres Dorfrundgangs ist der kleine Markt an der Hauptstrasse. Zunächst wundere ich mich, warum unser Partner Vikas Kendra dieses Dorf, das auf den ersten Blick keinen bedürftigen Eindruck erweckt, ausgewählt hat. Doch nach einer halben Stunde stehen wir in einem völlig anderen Dorfteil: hier leben die Menschen in primitivsten Hütten, ohne sauberes Trinkwasser und Toiletten. Vor Jahrzehnten flüchteten sie aus dem heutigen Bangladesch, in der Hoffnung, in Westbengalen eine neue, bessere Existenz aufbauen zu können. Heute leben 228 der 245 Familien unterhalb der Armutsgrenze, müssen mit weniger als 1 Euro am Tag auskommen. Kinderarbeit und Unterernährung sind weit verbreitet.

Das Dorf Simulpur ist kein Einzelfall. Überall in Westbengalen und Orissa gibt es Orte, an denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Genau diese Orte suchen wir mit unseren indischen Partnern, um dort den Ärmsten der Armen, meist Angehörigen der Minderheiten Indiens1), den Zugang zu ihren Grundrechten zu ermöglichen und für ihre Kinder Zukunfts-perspektiven jenseits von Hunger und Armut zu schaffen.

Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Regierungs-stellen, die für die staatlichen Entwick-lungsprogramme zu-ständig sind, z.B. Mutter-Kind-Program-me, Krankenversiche-rungen und Arbeits-beschaffungspro-gramme. Neue Ge-setze garantieren das Recht auf Bildung für alle Kinder bis 14 Jahre und verbieten Kinderarbeit. Oft fehlt den staatlichen Stellen der Zugang zu jenen entlegenen Gebieten, in denen die Not am größten ist. Hier agieren unsere Partner als Ver-mittler und Kontrolleure, die den Menschen zu ihren Rechten verhel-fen und sie bei den Formalitäten unterstützen. Gleichzeitig über-wachen sie die korrekte Umsetzung der staatlichen Programme und machen Missstände öffentlich. So vervielfacht sich der Einsatz unserer Mittel für das Wohl der Kinder!

Teilen Sie mit uns unsere Vision für Indiens Kinder!

Dorfbild

Wir wollen…

... dass kein Kind mehr unterernährt ist und gesunde Mütter ein förderliches Familienumfeld schaffen!

Kinderspeisung Laut schmatzend sitzen etwa 35 Vorschulkinder im Kreis. Vor ihnen steht ein Aluminiumteller mit Reiseintopf und einem gekochten Ei. Ein Mädchen versucht, seinem Sitznachbarn das Ei in den Mund zu stopfen, bis eine der Mütter dafür sorgt, dass jedes Kind sein Ei selbst isst. Es ist Mittagessenszeit im staatlichen ICDS2)-Zentrum, als ich das Dorf Beldangra im Bankura-Distrikt besuche. Madhabi Mukherjee, Direktorin unseres Partners Bikash, erklärt mir: „Früher kamen die Kinder mit einem Henkelmann und haben die ihnen zustehende Essensration mit nach Hause genommen. Dort wurde das Essen zwischen allen Familienmitgliedern aufgeteilt. Oft war es verdorben, nachdem es den ganzen Tag ungekühlt in der Hitze stand. Wir haben lange mit der staatlichen ICDS-Mitarbeiterin nach einer Lösung gesucht. Seit einigen Tagen bekommen die Kinder das Essen nur noch hier im Zentrum. So ist sichergestellt, dass die Kinder wirklich ihre komplette Ration mit allen notwendigen Proteinen und Vitaminen bekommen, um ihren Ernährungszustand zu verbessern. Da viele Kinder Hilfe beim Essen brauchen, war die ICDS-Mitarbeiterin anfangs nicht begeistert von der zusätzlichen Arbeit. Inzwischen konnten wir Mütter und Großmütter gewinnen, abwechselnd bei der Speisung zu helfen.“

Im Kampf gegen die Unterernährung - 42% aller weltweit unterernährten Kinder lebt in Indien3) - arbeiten unsere Partner mit den staatlichen Stellen zusammen. Das in den letzten Jahren ausgeweitete ICDS-Programm leistet mit der Betreuung von schwangeren Frauen und Kleinkindern einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheits- und Ernährungszustands. Doch häufig sind die ICDS-Mitarbeiterinnen unzureichend ausgebildet und von ihren vielen Aufgaben überfordert. Sie sind froh über die Unterstützung durch unsere Partner, z.B. bei der Identifizierung aller Kinder und Schwangeren im Dorf, den regelmäßigen Gewichtskontrollen oder der Einführung der Vor-Ort-Speisung. Auf politischer Ebene setzen sich unsere Partner dafür ein, dass - gemäß den staatlichen Vorgaben - in jedem Dorf ein ICDS-Zentrum eingerichtet und korrekt geführt wird.

Doch die staatliche Versorgung ist nur ein Baustein im Kampf gegen die Unterernährung. Auf individueller Ebene leiten unsere Dorfanimatoren die Familien bei der Anlage von Obst- und Gemüsegärten an, um Menge und Qualität der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zu erhöhen. In Kochkursen lernen die Mütter, aus günstig lokal verfügbaren Lebensmitteln nahrhafte und ausgewogene Mahlzeiten mit ausreichend Vitaminen zuzubereiten.

Müttertreffen stärken die Frauen in ihren Erziehungskompetenzen und vermitteln wesentliche Hygienemaßnahmen zur Prävention von Krankheiten, einschließlich Beschaffung sauberen Trinkwassers und Bau von Toiletten. Informationskampagnen für junge Frauen im gebärfähigen Alter klären über die Risiken von Schwangerschaften in jungem Alter und innerhalb kurzer Abstände, über Methoden der Familienplanung sowie über die Vorteile einer betreuten Entbindung durch geschulte Hebammen auf.
Gesundheitsarbeiterin
Gesundheitsarbeiterin Arati Bardhan kennt alle Kinder und schwangeren Frauen in den Dörfern und kontrolliert ihren Gesundheits- und Ernährungszustand
… dass eine ökologisch betriebene Landwirtschaft die Lebensgrundlage der Menschen, vor allem der am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffenen Menschen, langfristig sichert!

Im Mai 2009 fegte der Zyklon Aila über große Teile Westbengalens hinweg. Am schlimmsten betroffen war das indische Gangesdelta, die Sunderbans. Dort lebt Swapan Mondal mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seinen alten Eltern im Dorf Pergumti, das der Zyklon verwüstet hat. Das kleine Stück Ackerland der Familie war komplett überschwemmt, die Ernte zerstört. Die Versalzung des Bodens macht den Anbau der bisherigen Reissorten unmöglich. Unser Partner DRCSC4) erarbeitet mit den Menschen aus Pergumti Wege, wie sie unter den sich wandelnden Umweltbedingungen mit ökologischen Anbaumethoden ihre Lebensgrundlage sichern können. Nach mehreren Fort-bildungen legten Swapan und seine Frau neben ihrem Haus einen kleinen Obst- und Gemüsegarten an. Eigener Kompost liefert Dünger für Feld und Garten und ökologische Anbaumethoden helfen dem Boden bei der Regeneration. Von DRCSC bekam Swapan 4 kg salztoleranten indigenen Reis, den er auf seinem Feld anpflanzte. Ende November ist der Reis reif. Von der Ernte wird Swapan ein paar Samenkörner für die Aussaat im kommenden Jahr aufheben. Eine kleine Regen-wasserauffanganlage ermöglicht die umweltfreundliche Bewäs-serung der Felder und versorgt die Familie in Notfällen mit salzfreiem Trinkwasser. Im Rahmen eines Kurses in Geflügelhaltung erhielt die Familie vier Hühner und Enten, deren Eier sie meist selbst verzehrt. Die Ernährungssicherheit ver-bessert sich zusehends und die Familie hat Perspektiven, an ihrem Heimatort zu bleiben. Im Fall künftiger Katastrophen ist sie besser vorbereitet.

Auch in anderen Projekten fördern wir den Umstieg auf Öko-Landbau.

Gemüseanbau
Innovativer Anbau in Säcken, die mit dem Lehm der vom Zyklon zerstörten Hütten gefüllt sind - in dieser salzfreien Umgebung wachsen auch empfindliche Gemüsepflanzen.                                    Foto: DRCSC

Wir wollen auch…

… dass alle Kinder zur Schule gehen und kein Kind mehr arbeiten muss!

… dass sich starke Frauen für die Dorfentwicklung einsetzen und politisch engagieren!

… dass behinderte Kinder bestmöglich gefördert und in die Gesellschaft integriert werden!

Mit welchen Maßnahmen wir dies erreichen, darüber berichten wir im nächsten Infobrief im Frühjahr 2011!

Damit unsere Visionen für Indiens Kinder Wirklichkeit werden, brauchen wir Ihre Unterstützung!

In 330 Dörfern und 23 Slums in Westbengalen und Orisssa leiten unsere Dorfanimatoren die Menschen bei der Hilfe zur Selbsthilfe an. 355.000 Euro benötigen wir in diesem Jahr für die 18 Projekte unserer neun indischen Partnerorganisationen. 130.000 Euro fehlen uns noch!

Helfen Sie mit Ihrer Spende!

1) Dazu zählen die indigene Stammesbevölkerung (Adivasi), die Unberührbaren (Dalits) und die Muslime.
2) Integrated Child Development Services (ICDS) Scheme: Programm der indischen Regierung für schwangere Frauen und Kinder von 0 bis 6 Jahren mit Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung
3) Das sind 55 Millionen Kinder, die ihr Leben lang an den Folgen frühkindlicher Mangel- und Unterernährung leiden werden! Quelle: Welthunger-Index 2010
4) Development Research Communication & Services Centre, unser Partner für Schüler-Öko-Clubs und das Klimaprojekt Pergumti

Den kompletten Artikel als pdf-Datei finden Sie hier....


Editorial zum Herbstinfo 2010
Herrsching, im September 2010
Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder, liebe Spender und Spenderinnen,

„Als wir im November 1979 aus Indien zurückkamen, machten wir uns sofort ans Werk. Wir konnten Kalkutta einfach nicht zur Vergangenheit ablegen. Was wir gesehen und erlebt hatten, ließ uns inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft nicht mehr los.“ Im „Info 1“ (Nov. 1980) berichten meine Schwester Angelika (23) und ich (26) über unsere einschneidenden Erfahrungen bei einem zweimonatigen Arbeitsaufenthalt in einem Zentrum Mutter Teresas für halbverhungerte, kranke, behinderte, verwaiste Kinder in Kalkutta, inmitten von Hütten bangladeschischer Flüchtlingsfamilien. Ich ahnte damals noch nicht, dass diese Erfahrungen mein weiteres Leben bis heute bestimmen würden!

Die Rückkehr nach München zu unserem Medizinstudium löste bei uns einen Kulturschock aus angesichts der Diskrepanz zwischen Überfluss und Verschwendung bei uns und Mangel an allem Lebensnotwendigen in Indien. Erfolgreich unterstützt durch unsere heute 87-jährige Mutter begannen wir, mit Dias über Kalkutta zu berichten und für erste Projekte zu werben, wo immer sich eine Gelegenheit ergab. Betroffenheit und Hilfsbereitschaft waren groß. In einem Zeitalter ohne Computer und Internet, als ein Brief von Herrsching nach Kalkutta noch drei bis sechs Wochen unterwegs war, war Indien eine weit entfernte exotische Welt, von der man wenig wusste.

Mit ersten Spenden wurden Hütten für 21 obdachlose Familien finanziert und ihre Kinder zur Schule geschickt. Vor 30 Jahren, am 4. Juli 1980, gründeten wir mit fünf Freunden den Verein Indienhilfe. Vereinszweck waren die Förderung von Selbsthilfeprojekten ausgewählter Partner in Indien und die Förderung der Partnerschaft und Freundschaft zwischen Menschen in Indien und Deutschland.
Sibani zeigt Kindern in Brückenschule Deutschland
Die Leiterin des Indienhilfe-Büros in Kalkutta, Sibani Bhattacharya, zeigt Kinderarbeitern in unserer Brückenschule, wo Deutschland liegt.                                             Foto: Sabine Dlugosch
1982 löste der spätere Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle Angelika im Vorstand ab. Er und zehn weitere Studenten hatten im Sommer 1982 an der ersten Indienhilfe-Gruppenreise nach Kalkutta teilgenommen, was zur Einrichtung eines Arbeitsausschusses aktiver Mitglieder führte, der seither neben der Mitgliederversammlung die Geschicke der Indienhilfe lenkt. 1983 lud der Verein zwei junge Inder zum Gegenbesuch nach Deutschland ein. Seither haben ca. 200 Menschen, auch viele Schüler, an unseren Austauschprogrammen teilgenommen. Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist die Grundlage für unsere Liebe zu Indien, die wir mit anderen teilen möchten.

Mit dem Engagement und Herzblut eines stetig wachsenden Kreises an Indienhilfe-Aktiven, Mitarbeiterinnen nebst Familien, Förderern und Spendern hat sich die Indienhilfe in den 30 Jahren ihres Bestehens ständig weiterentwickelt. Als „lernende Organisation“ haben wir aufgegriffen, was immer Wirksamkeit und Transparenz unserer Arbeit unter sich wandelnden äußeren Bedingungen verbessern konnte.

Im Zentrum unserer Arbeit stehen die Projekte in Westbengalen und Orissa mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Kinder aus den am stärksten benachteiligten Familien zu verbessern1). Die Stärkung und Fortbildung der Mütter in Spar- und Kreditgruppen (SHGs) führt zu besserer Ernährung und Gesundheit der Kinder und zur Reduzierung von Kinderarbeit. Wenn auch immer noch fast die Hälfte der indischen Kinder unterernährt2), die meisten Schulen dürftigst ausgestattet, die Lehrer mangelhaft ausgebildet und die Unterrichtsmethoden veraltet sind: derzeit geht ein spürbarer Ruck durch die indische Gesellschaft. Seit April 2010 ist die kostenlose obligatorische Grundbildung bis zum Alter von 14 Jahren in Indien gesetzlich verankert. Durch Organisationen wie die unserer Partner wird das Gesetz vor Ort bekannt gemacht und durchgesetzt. Unser Indienhilfe-Netzwerk gegen Kinderarbeit (siehe hier), in einigen hundert Dörfern aktiv, dokumentiert Verstöße gegen das neue Gesetz und legt sie der Nationalen Kommission zum Schutz der Kinderrechte vor, die dann gegen die Missstände vorgehen kann.

Der Druck von unten durch Sozialarbeit und Bewußtseinsbildung in der indischen Gesellschaft geht Hand in Hand mit dem internationalen Druck, der durch entwicklungspolitische Bildungs- und Kampagnenarbeit in Deutschland, z.B. für Fairen Handel, gegen Kinderarbeit, für Verwirklichung der Milleniums-Entwicklunsgziele aufgebaut wird. Die Eine-Welt-Arbeit als zweites Standbein der Indienhilfe (siehe hier) zielt auf Weltbürgerschaft und globale Solidarität.

Wir können so viel tun, um Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen! Gemeinsam mit Ihnen und unseren Partnern in Indien haben wir in 30 Jahren viel erreicht, worauf wir stolz sein können!3) Helfen Sie uns heute mit Ihrer Jubiläums-Spende, noch viel mehr zu tun!

Werben Sie für die langfristig angelegte, partnerschaftliche Arbeit der Indienhilfe! Wir unterstützen Sie mit Material für Ihre Aktionen.
Ihre
        Elisabeth Kreuz
-----------
1) z.B. die Menschen im Mündungsdelta des Ganges, die zu den ersten Opfern des weltweiten Klimawandels zählen
2) Die Kindersterblichkeit bis zum Alter von fünf Jahren ist mit 3 % immer noch extrem hoch
3) Mehr Informationen über 30 Jahre Indienhilfe finden Sie demnächst auf unserer Homepage

Das Editorial als pdf-Datei finden Sie hier....

Zentrum für Adivasi-Heilkunde jetzt auch für Kinderrechte und Frauen-Power in den Dörfern aktiv
(Sabine Dlugosch)

Schwach flackert die Glühbirne am Holzmast auf der staubigen Dorfstraße. Jeden Moment droht sie zu erlöschen - doch sie kämpft, hält durch und taucht die Umgebung in schwaches Licht. Die Bewohner des Dorfes Ektagram, mitten in den Wäldern des West Midnapur Distrikts im südlichen Westbengalen, sind stolz auf „ihre“ Glühbirne, die sie mir bei meinem abendlichen Dorfbesuch im Februar 2010 sofort zeigen. Für die Menschen, meist Adivasi (Stammesangehörige), die hier in extremster Armut Jahrzehnte ohne Strom lebten und jeden Tag erneut ums Überleben kämpfen, ist die Glühbirne mehr als eine Lichtquelle, sie ist Zeichen des Fortschritts und der Hoffnung. Als Tagelöhner ohne eigenes Land verdienen die Menschen kaum genug, um ihre Familien zu ernähren. Meist reicht es nur für eine karge Mahlzeit aus Reis, mit etwas Salz und einer grünen Chili-Schote. Vor allem die Kinder leiden an Mangelerscheinungen und Unterernährung, aber auch die Erwachsenen sind geschwächt und anfällig für Krankheiten. Durchfallerkrankungen, Tuberkulose, Lepra, einfache Erkältungen sind weit verbreitet und führen oft zum frühzeitigen Tod, weil die Kosten für Medikamente und ärztliche Behandlung unbezahlbar sind. Auch die Bildungssituation ist katastrophal: Viel zu viele Kinder brechen die Schule vorzeitig ab, ohne Lesen, Schreiben und Rechnen zu können, und haben wenig Chancen, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.

Die Aktivitäten unseres Partners Ektagram Vikas Samiti (EVS)1) verbessern die Lebensbedingungen mittlerweile langsam, und die Menschen schöpfen Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Nach 15 Forschungsjahren in den Wäldern Westbengalens und Orissas gründeten die Ethno-Botanikerin Saraswati Mondal und der Pathologe Raju Das 1999 ihr Zentrum für Adivasi-Heilkunde in einem der abgelegensten und allerärmsten Gebiete. Dort kultivieren und sammeln sie Hunderte teils rarer Heilpflanzen und stellen daraus selbst entwickelte standardisierte Heilmittel her, deren Anwendung und Wirkung sie sorgfältig dokumentieren und wissenschaftlich auswerten. In einer kleinen dörflichen Gesundheitsstation und mobilen Sprechstunden in weitem Umkreis behandeln sie Tausende von Menschen mit indigenen Heilmitteln und erzielen besonders bei chronischen Krankheiten, sogar Lepra und Tuberkulose, große Erfolge. Zur medizinischen Versorgung möglichst vieler Menschen bauen Saraswati und Raju mit der Zeit in entfernteren Dörfern eine „Health Task Force“ auf, die einfache Krankheiten diagnostizieren und mit indigenen Heilmitteln behandeln kann. Bei monatlichen Treffen besprechen die 52 geschulten Gesundheitsarbeiter ihre Fragen und Probleme mit Saraswati und Raju und nehmen regelmäßig an Auffrischkursen teil. Die Weitergabe des Wissens um die Adivasi-Medikamente birgt jedoch das Risiko des Missbrauchs durch kommerzielle Interessen. Daher ließen Saraswati und Raju im vergangenen Jahr eine Handelsmarke auf fünf ihrer selbst entwickelten Heilmittel eintragen und beantragen für diese heuer ein Patent, das ihr geistiges Eigentum schützt und sicherstellt, dass das traditionelle Heilwissen für die Adivasi zugänglich bleibt.
Nachhilfe-Lehrer bei EVS
Nach einer Fortbildung zu Pädagogik und Erstellung einfacher Unterrichtsmaterialien setzen die jungen und engagierten Dorf- entwicklungsarbeiter von EVS die neuen Materialien sofort im Nachhilfeunterricht ein.
            Foto: Sabine Dlugosch

Neben der medizinischen Versorgung begann EVS vor fünf Jahren, in elf Adivasidörfern mit einem ganzheitlichen Entwicklungsansatz für die Verbesserung der Situation der Kinder zu arbeiten. Ausgangspunkt für die Aktivitäten sind die von EVS initiierten dörflichen Nachhilfezentren, in denen 580 eingeschulte Kinder in ihrer körperlichen, geistigen und schulischen Entwicklung unterstützt und gefördert werden. Seit letztem Jahr sind die Nachhilfelehrer zusätzlich zum Unterricht für die gesamte Dorfentwicklung aktiv. Innerhalb eines Jahres gründeten sie 25 Selbsthilfegruppen (SHGs), in denen sich vor allem die Mütter, teilweise auch die Väter, zu kleinen Spargruppen zusammenschließen, und halfen ihnen bei der Eröffnung eines Bankkontos zur Einzahlung der monatlichen Sparbeiträge und zur Abwicklung der kleinen Kredite für einkommenschaffende Maßnahmen. Für die Dorfentwicklung spielen die SHGs eine wichtige Rolle, indem sie sich mit Unterstützung der EVS-Mitarbeiter für die korrekte Umsetzung der staatlichen Entwicklungsprogramme in ihren Dörfern einsetzen. So informierte der Dorfentwicklungsarbeiter im Dorf Ramchandrapur die SHG-Mitglieder über den verzögerten Baubeginn der Dorfschule, die bereits im Jahr 2005 von der Regierung bewilligt worden war.  Am nächsten Tag stellten die Frauen den verantwortlichen Beamten zur Rede, der daraufhin innerhalb kürzester Zeit den Baubeginn veranlasste.

23.000 € bewilligten wir für die laufenden Projektaktivitäten von EVS, sowie 11.000 € für einen dringend benötigten Ambulanzwagen für die mobilen Sprechstunden und den Krankentransport in das 80 km entfernte staatliche Krankenhaus. Ganz herzlich danken wir der Europe Third World Association am Europäischen Patentamt, die das Projekt letztes Jahr mit einer einmaligen Sonderspende unterstützt hat.
Spenden- Stichwort „EVS“
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1) Zum Schutz der Personen und ihres Wissens um traditionelle Heilpflanzen sind die Namens- und Ortsangaben verändert.

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Kabita darf wieder in die Schule gehen!
Indienhilfe-Netzwerk gegen Kinderarbeit setzt sich für Kinderrechte ein
(Sabine Dlugosch)

"Kabita arbeitet nun bei einer Familie in Farakka (im nördlichen Westbengalen) und verdient jeden Monat 900 Rupien (ca. 16 Euro).” erklärt Shaktipada Hatui den Nachhilfe-Lehrern Nilkanta Pani und Sukhendu Bera, als sie sich nach dem Verbleib ihrer zwölfjährigen Nachhilfe-Schülerin erkundigen. Für den Vater ist es selbstverständlich, dass er die jüngste seiner vier Töchter zur Arbeit schickt, nachdem er die älteren Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren verheiratet hat. Doch die beiden Mitarbeiter unseres Partners Ektagram Vikas Samiti (s. S. 2) lernten im Januar 2010 bei einer vom Indienhilfe-Netzwerk gegen Kinderarbeit1) organisierten Fortbildung, wie sie die geltenden Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren umsetzen können. Nach erfolglosen Gesprächen mit dem Vater und dem Arbeitgeber drohten die beiden schließlich mit rechtlichen Schritten gegen die illegale Beschäftigung des Mädchens, woraufhin Kabita in ihr Heimatdorf zurückkehren konnte. Heute lebt sie bei ihrer Tante, die ihr den Schulbesuch ermöglicht. Doch nach Kabitas Rückkehr schickt der uneinsichtige Vater ihren 14jährigen Bruder zur Arbeit nach Kalkutta und Nilkanta und Sukhendu beginnen erneut mit ihren Gesprächen...

Der Fall zeigt, wie schwierig der Kampf gegen die in Indien immer noch weit verbreitete Kinderarbeit ist, die ihre Ursache vor allem im mangelnden Bewusstsein für die Notwendigkeit des Schulbesuchs und die Einhaltung der Kinderrechte hat. Mit gezielten Fortbildungsmaßnahmen zu einzelnen Kinder- und Menschenrechtsaspekten arbeitet das Indienhilfe-Netzwerk gegen Kinderarbeit (IHNACL) für die gesellschaftliche Ächtung jeglicher Form von Kinderarbeit in den Projektgebieten. Nach einer allgemeinen Einführung in die gesetzlichen Grundlagen sind dieses Jahr vertiefende Seminare über das Recht auf Bildung sowie das Recht auf Wasser und Sanitärversorgung geplant. Der „Right to Education Act“ trat am 1. April 2010 indienweit in Kraft und legt die Minimalanforderungen an staatliche Schulen fest, um allen Kindern von sechs bis vierzehn Jahren den freien und kostenlosen Zugang zu qualitativer Bildung zu ermöglichen. Wie sie die neuen Gesetzesvorgaben konkret auf Dorfebene umsetzen können, lernen Projektmitarbeiter, Lehrkräfte und Lokalpolitiker bei einer von einem auf Menschenrechte spezialisierten Anwalt durchgeführten Schulung zum Recht auf Bildung. Das Recht auf Wasser und Sanitärversorgung hat die UN-Generalversammlung am 28. Juli 2010 in den Katalog der Menschenrechte aufgenommen, um allen Menschen weltweit den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern2). Aktive Jugendliche aus den Projektdörfern lernen bei einem Workshop, wie sie in ihren Dörfern den Bau einfacher Latrinen unterstützen und die Dorfbewohner zu deren Nutzung sowie zu einfachen Hygienemaßnahmen anleiten können.

Gleichzeitig setzt das Netzwerk seine Sensibilisierungskampagne mit öffentlichen Anschlagtafeln fort, um bei einer breiten Bevölkerungsschicht das Bewusstsein für die Problematik der Kinderarbeit zu stärken. Im letzten Jahr verteilten die Partner 245 solcher Tafeln an staatliche Schulen in ihren Projektgebieten und übertrugen den Lehrkräften die Verantwortung für deren Gestaltung mit Texten und Zeichnungen zum Thema Kindheit und Kinderarbeit. Teilweise waren die Texte und Bilder über Kinderarbeit sehr nachdenklich, teilweise waren es Kinderbilder mit ländlichen Alltagsszenen3)
Auch wenn nicht alle Beiträge direkten Bezug zu Kinderarbeit und Kinderrechten haben, bieten die Tafeln Kindern aus extrem abgelegenen Gegenden eine bis dato unbekannte Möglichkeit, ihren Gedanken und Vorstellungen öffentlich Ausdruck zu verleihen. Die Beschriftung aller Tafeln mit dem NetzwerkSlogan „Combat Child Labour - Call for Child Rights“4) verweist jedoch stets auf das Hauptanliegen der Tafeln: die Abschaffung von Kinderarbeit und die Einhaltung der Kinderrechte.
Junge zeigt sein Bild zum Thema Kinderrechte

Stolz zeigt mir der Adivasi-Junge seinen Beitrag. Für Kinder in dieser abgelegenen Gegend ist die öffentliche Präsentation etwas ganz Besonderes.                          Foto: Sabine Dlugosch

In diesem Jahr bewilligten wir 13.900 € für die Aktivitäten des Indienhilfe-Netzwerks gegen Kinderarbeit (z.B.: 1.000 € für die Fortbildungen zum Recht auf Bildung und Recht auf Wasser; 4.000 € Jahreskosten für die Brückenschule zur Reintegration von 20 Kinder-arbeitern, d.h. 200 € ermöglichen einem Kinderarbeiter innerhalb eines Jahres die Rückkehr in eine staatliche Schule!).
Spenden-Stichwort „IHNACL“!

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1) In dem Netzwerk, das 2005 von der Indienhilfe initiiert wurde, arbeiten alle unser Partnerorganisationen im Kampf gegen Kinderarbeit eng zusammen, koordiniert werden die Aktivitäten von Sibani Bhattacharya, der Leiterin unseres Kalkutta-Büros.
2) Durchfallerkrankungen aufgrund unsauberen Trinkwassers gehören, neben der weit verbreiteten Unterernährung (in Indien leiden immer noch 175 Millionen Kinder (= Hälfte aller Kinder in Indien) an Unterernährung), weltweit zu den häufigsten Todesursachen von Kindern unter 5 Jahren.
3) Ein Heft mit ausgewählten Texten und Bildern und Informationen zur Kampagne kann ab Oktober gegen Spende bei uns angefordert werden.
4) "Stoppt Kinderarbeit - fordert die Kinderrechte ein"

Den Artikel als pdf-Datei (178 kb) finden Sie hier....

Editorial zum Frühjahrsinfo 2010
Herrsching, im April 2010

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,

in einem Interview mit dem Dirigenten Ennoch zu Guttenberg und dem Bassisten Yorck Felix Speer  über ihre Zusammenarbeit und Interpretation von Schostakowitschs 13. Symphonie ‚Babi Jar' sagt Speer: „... Natürlich, wir können nur etwas für das, was in der Zeit passiert, in der wir leben. ..."1 Dieser Satz fasst für mich auf einfachste Weise zusammen, was auch uns bei der Indienhilfe bewegt, in Bewegung versetzt: das Bewusstsein unserer persönlichen Verantwortung für das, was in unserer Zeit passiert.

Unsere erste erschütternde Erfahrung der unentschuldbaren Kluft zwischen Überfluss bei uns und todbringendem Mangel im Entwicklungsland Indien, 1979 als Medizinstudentinnen bei Mutter Teresa in Kalkutta, ließen meine Schwester Angelika und mich 1980, vor 30 Jahren, die Indienhilfe gründen. Heute sind es jährlich 800-900 Spender und Unterstützergruppen, die uns und unseren Partnern in Indien die Hände reichen, um gemeinsam zu mehr weltweiter Gerechtigkeit und einem verantwortungsvolleren, nachhaltigeren Lebensstil beizutragen.

Das Geben und Teilen wird dabei reich belohnt durch die Befriedigung, unsere Erde als Handelnde positiv mitgestalten zu können. Unsere Welt wird lebensfreundlicher, wenn wir uns entscheiden, fair und ökologisch produzierte und gehandelte Produkte zu bevorzugen und das mit Ausbeutung von Mensch und Natur verknüpfte „Schnäppchen“ zu ignorieren. Unsere Welt wird froher, wenn wir durch unsere Spende indischen Kindern und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen - weil sie Achtung erfahren, weil ihr Recht auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse respektiert wird. Weil sie befähigt werden, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben einzufordern und ihren eigenen Beitrag dazu zu leisten.

 Alle haben etwas zu geben - alle werden beschenkt bei diesem Prozess der „Globalisierung der Solidarität“. Nicht nur bare Münze, auch Freundschaft, kultureller Reichtum, Lebensfreude, Lebensbewältigungs-Strategien, Erfahrung, die Fähigkeit, einfach zu leben etc. sind Währungen, in denen bei diesem Prozess getauscht wird. Deshalb ist es uns wichtig, neben der Projektarbeit die Neugier auf Indien und seine Kultur zu wecken, differenziert über Indien zu informieren und mehrere Schulpartnerschaften und die Städtepartnerschaft Herrsching - Chatra zu begleiten.

2009 machte uns viele Monate lang ein starker Spendenrückgang Sorgen. Doch: Auf Freunde ist Verlass! Mit Ihren Aktionen und Extra-Spenden im Weihnachtsmonat haben wir zum 31. Dezember mit ca. 360.000 € das herausragende Vorjahresergebnis nur

IHNACL-Training
Indienhilfe Network Against Child Labour (IHNACL): In allen Projektgebieten schulte Debashish Banerjee, Rechtsanwalt vom Human Rights Law Network Kolkata, die Partner der Indienhilfe in der Anwendung wichtiger Gesetze, die Kinder betreffen. (Foto: Sabine Dlugosch)

Wenige Tage nach seinem Training bemerkte Sumit Chowdhury, IHNACL Supervisor, im Zug zwei Buben, etwa acht und zwölf Jahre alt, in Begleitung einiger ihnen offensichtlich fremder Männer auf dem Weg nach Kalkutta. Er und eine energische Mitreisende nahmen die Kinder fest bei der Hand, stiegen am nächsten Halt aus und marschierten zur nächsten Polizeistation. Der Ältere hatte als Kind den Vater verloren, die Mutter musste arbeiten gehen und konnte sich nicht um Ripon kümmern. Er arbeitete, statt in die Schule zu gehen, ließ sich einen guten Job in Kalkutta versprechen und führte den beiden Kinderhändlern auch noch den jüngeren Knaben zu. Inzwischen sind die Kinder wieder in ihren Familien. IHNACL wird dem Fall weiter nachgehen, um den beiden Jungen dauerhaft zu helfen.

knapp um 6 Prozent verfehlt. Unsere Partner in Indien konnten die Arbeit wie geplant fortsetzen und wir mussten für das neue indische Projektjahr keine Aufgabe von Projektgebieten planen. Denn: Einsparmöglichkeiten gibt es bei uns kaum. Wenn, dann müssten gleich ganze Gebiete mit den dort an der Basis tätigen Dorfanimatoren, Erziehern, Sozial- und Gesundheitsarbeitern, landwirtschaftlichen Beratern usw. aufgegeben werden. Laufende Sach- und Programmkosten können oft lokal aufgebracht, staatliche Aufgaben sollen nicht privat ersetzt werden; die Indienhilfe konzentriert sich auf die Stärkung der Armen innerhalb ihrer Gesellschaft und ihres Staates, vor allem durch Bildung, Information, Organisation. Und das geht am Besten über Menschen.

Unsere zehn Partner-NGOs erreichten 2009 mit ihren Maßnahmen fast 18.000 Kinder aus 324 Dörfern und Slums, sowie ca. 25.000 Angehörige, insbesondere in Selbsthilfegruppen organisierte Frauen, die überwiegend am Existenzminimum von 1 bis 2 Dollar pro Tag leben. Etwa 345.000 € hat die Indienhilfe 2009 für die Projektarbeit ausgegeben, durchschnittlich 8 € pro Person, um Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen, bzw. Kindern den Weg dazu zu eröffnen!

Im Namen der Indienhilfe danke ich Ihnen für alle finanzielle wie auch praktische Hilfe im letzten Jahr!

Bitte helfen Sie uns mit Ihren Spenden auch 2010 für unsere laufenden Projekte: 370.000 € benötigen wir dieses Jahr! Gewinnen Sie neue Spender, sprechen Sie Weltläden an, ob sie ein Projekt mitfinanzieren können, organisieren Sie Aktionen (Spenden statt Geschenke, Benefizveranstaltungen, Kollekten, matching grants des Arbeitgebers usw.) zugunsten der Indienhilfe. Rufen Sie uns an oder mailen Sie uns - wir werden Sie nach Kräften mit Informationen und Material unterstützen.

Ich wünsche Ihnen jetzt einen guten Frühling und Sommer mit Kraft und Zeit für neue Einsichten und Ausblicke,
Ihre

Elisabeth Kreuz

1 Süddeutsche Zeitung vom 19.2.10, „Erschütternde Erfahrungen“

Das Editorial als pdf-Datei (370 kb) finden Sie hier....

Klimawandel und Recht auf Bildung prägen Projektreise von Indienhilfe-Mitarbeiterin Sabine Dlugosch
(April 2010)

Ernährungssicherheit durch Maßnahmen zur Anpassung an Klimawandel

„Wir können Euch nichts zeigen, nichts anbieten. Wir haben alles verloren.“ Unter Tränen erzählt uns die alte Frau aus dem Dorf Pergumti, wie sie und ihre Familie den Zyklon Aila überlebt haben, der am 25. Mai 2009 über weite Teile Westbengalens hinwegfegte. Ums Leben kam zum Glück keiner der Dorfbewohner, doch die 700 Familien haben sonst fast alles verloren - ihre einfachen Lehmhütten, aus denen sie nur wenige Habseligkeiten retten konnten; ihr Ackerland, das wegen des eingedrungenen salzigen Meerwassers landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar ist; ihre Nutztiere, die in den Fluten ertrunken oder aus Mangel an Süßwasser verdurstet sind.

Am 14. Februar 2010 besuche ich das abgelegene Dorf auf der Insel Samsernagar in den Sunderbans, den Mangrovensümpfen im Ganges-Delta. Bereits die dreistündige Bootsfahrt zeigt, welch verheerende Folgen der Zyklon für das Gebiet hatte. Die über Jahrzehnte errichteten Deiche sind notdürftig wieder stabilisiert, doch die nächste Flut wird sie wieder einreißen. Dort, wo einst Dörfer standen, liegen Ruinen im Wasser, die Reste eines Tempels sind erkennbar. Von vielen Palmen ist nichts übrig als der Stamm, der gerade in den Himmel ragt - die Krone wurde von der Wucht des Sturms weggerissen. Im Dorf Pergumti versperren die Trümmer der eingestürzten Hütten auch neun Monate nach dem Zyklon noch die Dorfstrasse und die meisten Bewohner leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in notdürftig errichteten Unterkünften. In jeder Familie haben ein bis zwei Mitglieder (meist junge Männer) das Dorf verlassen, um in benachbarten Bundesstaaten Arbeit zu suchen und das Überleben der Familie zu sichern.

Besonders leiden die Kinder unter der Situation. Ihre ernsten Blicke und traurigen Augen lassen die traumatischen Erlebnisse während des Zyklons erahnen. Ihr gesundheitlicher Zustand ist katastrophal. Der Mangel an sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln - die meisten Kinder müssen mit einer halben Mahlzeit oder weniger pro Tag auskommen - verstärken Durchfallerkrankungen, Mangel- und Unterernährung. An der staatlichen Schule bemühen sich die Lehrer, den Unterricht regelmäßig abzuhalten. Doch die Unterrichtsmaterialien, Bücher und Hefte sind nahezu vollständig zerstört, so dass viele Kinder gar nicht erst zur Schule kommen und in die Kinderarbeit abrutschen.

Frauen im Dorf Pergumti
Sibani Bhattacharya, Leiterin des Indienhilfe-Kolkata-Büros, im Gespräch mit den Einwohnern des Dorfs Pergumti, das vom Zyklon Aila komplett serstört wurde.                                                                          Foto: Sabine Dlugosch

Der Dorfbesuch in Pergumti mit der direkten Erfahrung, welche Auswirkungen der Klimawandel auf jene Menschen hat, die von jeher unter schwierigsten Bedingungen auf den abgelegenen Sunderban-Inseln leben, bewegt mich sehr. Während wir, die Hauptverursacher mit unserem hohen Energieverbrauch, relativ gut geschützt vor Kälte- und Hitzewellen, Starkregen und Stürmen leben, sind diejenigen, die mit ihrem einfachen Lebensstil am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am stärksten durch seine Folgen in ihrer Existenz bedroht und werden mehr und mehr ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Noch während meines (wie immer privat finanzierten) Aufenthalts in Westbengalen bereiten wir mit unserem Partner DRCSC1 ein dreijähriges Modellprojekt im Dorf Pergumti vor, um die Ernährungssicherheit der Dorfbewohner unmittelbar zu gewährleisten und mit ihnen ein Vorbild für Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels zu entwickeln. Ziel ist es, Zukunftsperspektiven für die Kinder zu schaffen und die Dorfbewohner zu befähigen, sich ihre Lebensgrundlagen unter den sich verändernden Umweltbedingungen durch nachhaltige und ökologische Nutzung der Ressourcen zu erhalten.

Recht auf Bildung in Gesetzgebung verankert
Ein wichtiges Thema beim Jahrestreffen unserer Partnerorganisationen Ende Februar ist der „Right to Education Act“, der den kostenlosen und verpflichtenden Schulbesuch von der ersten bis zur achten Klasse für alle Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren gesetzlich festlegt. Für unsere Partner, die sich seit vielen Jahren für das Recht auf Bildung einsetzen, bringt das zum 1. April 2010 in Kraft getretene Gesetz neue Herausforderungen. Bis zur vollständigen Umsetzung der weitreichenden gesetzlichen Vorgaben ist es noch ein weiter Weg, der viel Lobbyarbeit und Nachdruck der Zivilgesellschaft erfordert. In den nächsten Monaten ist im Rahmen des Indienhilfe Netzwerks gegen Kinderarbeit2 eine Fortbildung für die Projektmitarbeiter geplant, um sie über die genauen Inhalte und Umsetzungsmöglichkeiten des Gesetzes zu informieren. Dieses Wissen werden sie an der Basis einsetzen und weitergeben, um mit den Menschen in den Dörfern Druck auf die staatlichen Stellen auszuüben und den Kindern zu ihrem Recht auf Bildung zu verhelfen.

Wie wichtig den Eltern der Schulbesuch ihrer Kinder ist, erfahre ich immer wieder bei den Gesprächen mit den Menschen in den Dörfern und Slums. Eine Mutter, die mit ihrer siebenköpfigen Familie in einem kleinen Verschlag am Straßenrand im Stadtzentrum von Kalkutta, direkt neben dem Abwasserkanal, lebt, antwortet auf meine Frage, ob sie sich vorstellen könne, ihre 12jährige Tochter zur Arbeit statt zur Schule zu schicken, entschieden, dass ihre Tochter nicht einmal Wasser an der öffentlichen Wasserstelle holen müsse - der Schulbesuch der Tochter ist ihr viel wichtiger als deren Mithilfe im Haushalt. Unter keinen Umständen kann sie sich vorstellen, ihre Tochter vorzeitig aus der Schule zu nehmen, um sie zum Arbeiten zu schicken oder minderjährig zu verheiraten. Über den von der Indienhilfe im Rahmen des Nabadisha-Projekts der Women's Interlink Foundation finanzierten Nachhilfeunterricht ist sie sehr froh, denn als Analphabetin kann sie ihrer Tochter nicht bei den Hausaufgaben helfen.


Jugendliche engagieren sich für nachhaltige Dorfentwicklung

Besonders beeindruckt mich das Treffen mit den Jugendlichen des Öko-Clubs im Dorf Paruldanga im Projektgebiet unseres Partners Manab Jamin, die sich für eine umweltfreundliche und nachhaltige Entwicklung ihres Dorfes einsetzen. Im Rahmen des seit fünf Jahren laufenden Öko-Club-Projekts haben alle unsere Projektpartner Jugendliche in Öko-Clubs organisiert, die sich unter fachlicher Anleitung unseres Partners DRCSC mit ökologischen Fragestellungen und Problemen in ihren Dörfern beschäftigen. Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit Umweltthemen ist die Vermittlung von Fähigkeiten wie Datensammlung und -auswertung, Erstellung von Postern und Präsentationen etc. zentraler Bestandteil des Projekts.

Aus der ersten Generation der Öko-Club-Kinder, die inzwischen zu Jugendlichen herangewachsen sind, wurden im vergangenen Jahr Mädchen und Jungen mit besonderen Führungsqualitäten ausgewählt und in speziellen Trainings darauf vorbereitet, neue Öko-Clubs mit jüngeren Kindern anzuleiten. Während die Öko-Clubs bisher vor allem Kampagnen zur ökologischen Bewusstseinsbildung organisierten, sind in diesem Jahr zusätzlich konkrete klima- und umweltfreundliche Modelle (z.B. biologische Küchen- und Heilkräutergärten, Kompost- und Biogasanlagen, einfache Solarkocher) in den Dörfern geplant.
ENRE-Gruppe in Paruldanga

Stolz präsentieren die Kinder des Öko-Clubs in Paruldanga die Ressourcenkarte, die sie für ihr Dorf erstellt haben.                                                        Foto: Sabine Dlugosch

Trotz der zahlreichen Erfolge bleibt noch viel zu tun….
Nach fünf Wochen Projektreise kehre ich mit vielen Eindrücken nach Herrsching zurück. Erschüttert bin ich immer wieder über die extreme Armut und die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen viele Menschen in Indien, vor allem in den ländlichen Gebieten und in den Slums der Großstädte, noch immer leben müssen. Dankbar bin ich für die Erfahrungen und Gespräche bei den Dorfbesuchen, die mir zeigen, wie unsere Partner die Ärmsten der Armen befähigen, einen Weg aus Hunger und Armut zu finden, den Teufelskreis zu durchbrechen und Zukunftsperspektiven für ihre Kinder zu schaffen. Es sind die vielen kleinen Schritte und Erfolge, die eine dauerhafte und nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, vor allem der Kinder bringen. Noch sind viele, viele weitere Schritte notwendig, um allen Kindern den Weg in eine bessere Zukunft frei von Kinderarbeit zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir weiterhin auf Ihre Unterstützung angewiesen - bitte unterstützen Sie uns auch 2010 mit Ihren Spenden!
1 Development Research and Communication Services Centre
2 IHNACL - Indienhilfe Network Against Child Labour

Den Reisebericht von Sabine Dlugosch als pdf-Datei (315 kb) finden Sie hier....

Auf Projektbesuch in Orissa - Indienhilfe-Mitarbeiterin Regine Linder berichtet
(April 2010)
Hebamme Kantumma
Foto: Hansjörg Linder

„Kantumma? Oh, die ist schon im letzten Jahr an Entkräftung gestorben.“ Diese Nachricht macht meinen Mann Hansjörg und mich sehr betroffen: Kantumma (siehe Foto, aus dem Jahr 2002) haben wir im Lauf der letzten zehn Jahre bei unseren SHED-Projektbesuchen regelmäßig getroffen. Sie war eine selbstbewusste Bäuerin, im Nebenberuf Hebamme, und wir haben uns immer ausgetauscht über unsere gleich großen Familien. Ihr Tod mit nur gut fünfzig Jahren ist nichts Besonderes für die Leute im Projekt, eine höhere Lebenserwartung ist nach wie vor eher die Ausnahme bei diesen Menschen, die als Kinder  und oft auch später  zu wenig zu essen bekommen und ihr Leben lang äußerst schwer arbeiten.

Anfang 2010 sind Hansjörg und ich wieder in den Süden Orissas, etwa 1.000 km südlich von Kalkutta, gereist (wie üblich selbst finanziert), um uns ein Bild vom Stand der Projekte unserer Partnerorganisation SHED zu machen. Die Indienhilfe finanziert dort drei ländliche Projekte, sowie eines für die Slumbewohner der Distrikthauptstadt Rayagada. Die Menschen, denen die Projektaktivitäten zu Gute kommen, sind im Wesentlichen Ureinwohner (Adivasi) vom Stamm der Kondhs, aber auch Unberührbare (Dalits).

Unübersehbare Fortschritte: SHED bringt staatliche Programme in die Projektdörfer
Wir freuten uns sehr über die deutlich sichtbaren Fortschritte in den Dörfern seit unserem letzten Besuch: Die meisten haben nun in ihrer Mitte eine befestigte Straße mit einer Rinne für Abwasser, viele Dächer sind mit Ziegeln gedeckt statt mit Stroh, das von Nässe und Feuer gleichermaßen bedroht ist. Überall gibt es Brunnen. Einige Dörfer werden nun mit elektrischem Strom versorgt, und - man staune - auch Mobilfunkeinrichtungen sind mancherorts zu finden, die den Gebrauch des aus dem Alltag des übrigen Indien nicht mehr wegzudenkenden Handys ermöglichen - Einbruch der Moderne in die ehemals „romantisch“ zurückgebliebenen Dörfer...

Gut fanden wir
  • die vielen funktionierenden Selbsthilfegruppen, vor allem von Frauen. Sie sind nicht nur Spar- und Kreditvereine, sondern auch Motor der dörflichen Entwicklung: sie erwirtschaften zusätzliches Geld, und sie kümmern sich um Belange des Dorfes wie z.B. den Rausschmiss von Alkoholverkäufern oder Säuberungsaktionen rund um den Dorfbrunnen als Prävention gegen Malaria usw.:
  • die Aufforstungen auf den entwaldeten Hügeln mit fuel-fodder-fruit trees (Bäume, die Brennholz, Futter, Früchte liefern) - die Entwaldung der vergangenen Jahrzehnte (teils durch die Dörfler selbst, um Brennholz in bare Münze umzutauschen, teils durch Papierfabriken) führte zu Wassermangel und Erosion:
  • die höheren Ernte-Erträge durch bessere Methoden in der Landwirtschaf (ohne Chemiekeulen, dafür z.B. mit Kompost) und durch Umwandlung von ungenutztem Land in Ackerland durch Bewässerung, zum Beispiel durch Regenwasser-Auffangbecken, kleine Staudämme und Bewässerungskanäle (siehe Foto.)
Solche Bewässerungssysteme, befestigte Dorfstraßen wie auch Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern, die die alten Trampelpfade ersetzen und eine Anbindung an die Außenwelt darstellen, sind in der Regel Ergebnis des Regierungsprogramms NREGA (National Rural Employment Guarantee Act), das in jedem Haushalt unterhalb der Armutsgrenze einer Person pro Jahr 100 Tage Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn (100 Rupien pro Tag, etwa 1,75 €) garantiert. Dass dieses und andere Regierungsprogramme die Dörfer erreichen, ist den Mitarbeitern von SHED zu verdanken, die zusammen mit den Dorfbewohnern diese staatlichen Förderprogramme für die Dorfentwicklung und die Schaffung von Einkommen nutzen.
Staudamm bei SHED
Foto: Hansjörg Linder

Kinder: noch viel zu oft von Hunger, Krankheit und Analphabetismus bedroht
Trotz der Fortschritte muss noch viel getan werden, bis einzelne Dörfer oder ein ganzes Projektgebiet - wie bereits geschehen - von SHED unabhängig werden können. Zwischen 70 % und 80 % der Menschen in den ländlichen SHED-Projekten leben noch unter der Armutsgrenze. Die Ernährungsgrundlage ist nur für die ersten Monate nach der Ernte gesichert. Die staatliche Gesundheitsvorsorge ist immer noch völlig unzureichend. Viele Kinder in den Dörfern sind unterernährt und erhalten keine ausreichende Schulbildung.

Landwirtschaft und einkommenschaffende Maßnahmen müssen deswegen weiterhin gefördert werden. Der Druck auf staatliche Behörden muss fortgesetzt werden: Die bereits vorhandenen Gesundheitsstationen müssen - nicht nur auf dem Papier - mit Personal ausgestattet werden, der Staat seinen Pflichten gegenüber den Kindern nachkommen.

Gerade für Kinder gibt es bei SHED noch viel zu tun. In vielen Dörfern fehlen immer noch Schulen bzw. die Lehrer. Aktuell geht es darum, dass das staatliche Integrated Child Development Services (ICDS) Scheme in möglichst vielen Dörfern, aber auch in der Stadt Rayagada, korrekt umgesetzt wird: Damit würden alle Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren, sowie schwangere und stillende Mütter eine warme Mahlzeit am Tag bekommen und ihre Gesundheit und Entwicklung kontrolliert werden, und die Kinder würden auf die Schule vorbereitet. Die bisher von SHED betriebenen Vorschulen würden dann überflüssig. Und die immer noch eklatante Zahl von unterernährten Kindern könnte auf diese Weise verringert werden gerade kleine Kinder brauchen ausreichende Nahrung, um lebenslangen Schäden geistiger und körperlicher Art vorzubeugen. Die heutige junge Generation von Adivasi hätte damit bessere und höhere Lebenschancen als die Hebamme Kantumma!

 Wir danken allen, die  zum Teil schon seit Jahren  SHED unterstützen! Für die vier Projekte von SHED, die in diesem Jahr insgesamt 15.000 Menschen in 77 Dörfern und etwa ebenso vielen Menschen in den Slums von Rayagada zugute kommen, benötigt die Indienhilfe rund 75.000 €.

Den Reisebericht von Regine Linder als pdf-Datei (392 kb) finden Sie hier....

Indienhilfe-unterstütztes Modellprojekt gegen Mangel- und Unterernährung als UN Dekade Projekt 2010/11 ausgezeichnet
(Dezember 2009)

Das seit 2 Jahren von der Indienhilfe unterstützte Modellprojekt gegen Mangel- und Unterernährung, das in vier Dörfern in der Nähe von Bolpur durchgeführt wurde, ist im Rahmen der Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet worden.

Kurzbeschreibung des Projekts:
55) SILVIA MANGATTER, BADEN-WÜRTTEMBERG (1420)
Projekt: "Shining Eyes - Perspektive für indische Kinder"
Shining Eyes ist ein Ernährungsprogramm für mangelernährte Vorschulkinder im indischen Westbengalen und ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Programm für ihre Mütter. Außerdem werden Abendschulen vor Ort mit Solaranlagen ausgestattet.
Gemeinsam mit vier örtlichen Kooperationspartnern werden unterernährte Kinder über einen Zeitraum von zehn Monaten mit vollwertiger Nahrung versorgt. Parallel werden ihre Mütter über Workshops über Ernährung, Hygiene und Krankheitsprävention informiert. In Kochkursen lernen sie ein vollwertiges Essen mit kostengünstigen Zutaten zuzubereiten. Zudem bekommen sie Saatgut für Obst und Gemüse, das sie unter Anleitung anbauen. Langfristig sollen sie sich so eine Wirtschaftsgrundlage schaffen. Weiterhin wurden bisher in fünf Dörfern Solaranlagen installiert, die die Stromversorgung gewährleisten. Das gesamte Programm wurde bereits auf ein weiteres Dorf übertragen und soll in Zukunft weiter ausgeweitet werden. Um das Projekt in Deutschland bekannt zu machen und andere zu ähnlichen Projekten anzuregen, wurden Vorträge in Schulen und Gemeinden gehalten und Kontakte mit Organisationen wie dem Kindermissionswerk Aachen geknüpft, während die Indienhilfe Herrsching e.V. es finanziell unterstützt.
Kontakt: www.indienhilfe-herrsching.de/projekte_aktuell.htm

(siehe auch http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/Downloads/Dekade-Projekte/Auszeichnung_20M_C3_BCnchen_202009.pdf)

Einen ausführlichen Bericht finden Sie hier...

Editorial zum Herbstbrief 2009
Herrsching, im Oktober 2009



Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,


„Stand up, take action!“ hieß es vor einer Woche beim „Abend der Freundschaft und Solidarität“ im Herrschinger Pfarrzentrum. 175 Kinder und Erwachsene aus Herrsching und Ravina-Romagnano mit den Bürgermeistern Robert Stanchina und Christian Schiller standen nach einem zweisprachigen Countdown demonstrativ auf, während Franzi Walter und Maike Pohl vom Indienhilfe-Jugendteam auf deutsch und italienisch die Regierenden aufforderten: „Haltet Eure Zusagen ein und setzt die Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zur Halbierung von Hunger und Armut bis 2015 um!“
Foto: Hanni Cawthra
Herrsching setzte so am weltweiten Aktionstag gemeinsam mit 173.045.325 Menschen in 120 Ländern ein Zeichen gegen extreme Armut und Hunger, für Bildung, Stärkung der Frauen, Verringerung der Kindersterblichkeit, für verbesserte Gesundheitsversorgung der Mütter, für ökologische Nachhaltigkeit und für den Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung. Der Appell richtete sich an die Politiker, aber auch an uns ALLE: Jeder zählt. Jeder kann etwas bewegen. Wir alle sind gefordert, weil alle Menschen ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben und die Erfüllung der Grundbedürfnisse haben, weil Hunger und Armut unnötiges Leid verursachen und weil wir das ändern können, wenn wir nur wollen.

Unsere Ammerseegemeinde mit ihren 10.000 Einwohnern gehört in Bayern zu den Vorreitern in Sachen Eine Welt: Herrsching ist Mitglied im Internationalen Klimabündnis, schließt bei der kommunalen Beschaffung ausbeuterische Kinderarbeit aus, ist auf bestem Weg zur Fairtrade-Gemeinde1) . Die Indienhilfe betreibt einen Weltladen und ein Eine-Welt-Medienzentrum, organisiert entwicklungspolitische Ausstellungen und arbeitet mit Schulen und Kindergärten zusammen. Das monatliche Agenda-21-Kino im Kino Breitwand informiert seit 2004 über globale Zusammenhänge2 und regt durch Filmgespräche zu politischem Handeln und bewusstem Konsum und Verhalten an. So diskutierten wir kürzlich im Anschluss an den Film China Blue mit Christiane Schnura / Clean Clothes Campaign über die Ausbeutung junger Wanderarbeiterinnen in der Jeansproduktion in China und erfuhren, wie wir politisch und als Konsumenten Einfluss nehmen können3.

Herrsching hat seit 1996 eine Städte- und Schulpartnerschaft mit Chatra bei Kalkutta. Seit im Jahr 2000 eine Partnerschaft mit dem Trienter Stadtbezirk Ravina-Romagnano hinzugekommen ist, arbeitet die Indienhilfe mit den italienischen Freunden am Aufbau einer Nord-Nord-Süd-Partnerschaft. Während L'Allergia und Amici di Madagascar Behindertenarbeit in Madagaskar, einem der ärmsten Staaten der Welt, unterstützen, tut die Indienhilfe das gleiche im Bankura Distrikt in Westbengalen. Die Spenden von 2.128 Euro bei unserem zweiten gemeinsamen „Abend der Freundschaft und Solidarität“ vor einer Woche, bei dem drei Herrschinger Kinderchöre unter Leitung von Elisabeth Schmidt und die Voci Bianche aus Ravina das Publikum begeisterten, wurden geteilt - in Madagaskar können 13 Familien mit einem behinderten Kind 1 Jahr lang betreut werden, und im Bankura Distrikt wird einem 2 ½-jährigen Mädchen die lebensrettende Operation ermöglicht.
Foto: Hanni Cawthra
Solch ermutigenden Erfahrungen steht ein Spendenrückgang von 30 % im Jahr 2009 im Vergleich mit dem Vorjahr gegenüber. Es hängt von den Spenden der nächsten beiden Monate ab, ob wir unsere ohnehin bereits um 25 % gekürzten Projekte 2010 nochmals reduzieren müssen. In diesem Info informieren wir Sie beispielhaft darüber, wie Sie durch Ihre Spenden Kinderarbeit wirksam bekämpfen, durch Öko-Landbau Familieneinkommen, Ernährung und Gesundheit verbessern, Adivasi-Kinder und ihre Familien in abgelegenen Dörfern, aber auch Kinder in Kalkuttas Slums fördern können. Wie gern würden wir mehr bewirken mit unseren Partnern und Projekten in Indien! Ihre Spenden befähigen die Menschen zur Selbsthilfe und mobilisieren ein Mehrfaches an Geld und Ressourcen des indischen Staates für die Menschen unter der Armutsgrenze!

Um unsere Projekte aufrecht zu erhalten, brauchen wir Ihre Hilfe! Bitte unterstützen Sie uns jetzt! Bitte sprechen Sie Ihre Freunde an! Wir unterstützen und beraten Sie gerne bei Aktionen!

Ich danke Ihnen für Ihre oft schon langjährige Unterstützung und wünsche Ihnen eine besinnliche Vorweihnachts- und gesegnete Weihnachtszeit,
Ihre

Elisabeth  Kreuz
Vorstandvorsitzende & Gründerin der Indienhilfe e.V.

1) Dieser Titel wird in Deutschland von Transfair Kampagne Fairtrade Towns verliehen, Kriterien und weitere Details unter  www.fairtrade-towns.de
2) Liste aller Filme mit den informativen Einführungen von Dr.med.Martin Hirte, der die Reihe leitet, zum Download auf www.indienhilfe-herrsching.de/agenda_21.htm
3) Infomaterial kann bei der Indienhilfe angefordert werden.


„Schule statt Kinderarbeit“
Kinderarbeiter demonstrieren für ihr Recht auf Bildung

(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)

„Schulbesuch - für jedes Kind!“ „Schule statt Kinderarbeit!“ Voller Spannung und Begeisterung zogen am 12. Juni 2009, dem weltweiten Tag gegen Kinderarbeit, über 50 Kinderarbeiter durch die Dörfer der Kommune Atghara-Jasaikati im Projektgebiet unseres Partners Vikas Kendra, etwa 50 km von Kalkutta entfernt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihr Recht auf Bildung einzufordern. Einige Wochen später, am 9. August, fand die nächste Demonstration mit den gleichen Forderungen in der benachbarten Kommune Tepul-Mirzapur statt, an der sich 46 Kinderarbeiter beteiligten.

Die Demos bildeten jeweils den Abschluss eines dreitägigen Kinderarbeiter-Camps, das die acht- bis dreizehnjährigen Mädchen und Jungen, die einer täglichen Erwerbsarbeit z.B. im Teeladen, auf den Feldern, als Fahrradmechaniker und Haushaltshilfen oder im Altglas- und Batterie-Recycling nachgehen, für eine Wiedereingliederung in das Schulsystem motivieren sollte. Neben den thematischen Diskussionen und Arbeitsgruppen stand vor allem das Vergnügen der Kinder im Vordergrund, um ihnen die Angst vor dem Schulbesuch zu nehmen - viele brachen die Schule aufgrund schlechter Erfahrungen mit dem Lehrer ab, die bis zu Schlägen reichen. Geschichten, Lieder und Tänze sowie die Gestaltung der Demo-Plakate regten die Kinder, die sonst kaum Zeit haben, ihre Kindheit zu genießen, zu Kreativität an.

Von den teilnehmenden 96 Kindern konnten bereits 50 Kinder wieder in die staatlichen Schulen integriert werden. Um ihren erneuten Schulabbruch zu verhindern, nehmen sie nachmittags am Nachhilfeunterricht teil und können sich bei Fragen und Problemen jederzeit an die Projektmitarbeiter wenden, die sich nun um die Einschulung der restlichen Kinder kümmern.
Dicht gedrängt stellen sich die Kinder für die Demo auf. Die Schrift der Plakate hatten die Projektmitarbeiter vorgezeichnet, die Kinder malten sie aus. (Foto: Vikas Kendra)

Das Kinderarbeiter-Camp ist Teil der Initiative des von der Indienhilfe mit ihren acht indischen Projektpartnern ins Leben gerufenen Netzwerks gegen Kinderarbeit, zunächst in zwei Kommunen mit insgesamt ca. 45.000 Einwohnern jegliche Form von Kinderarbeit abzuschaffen. Nach der bereits erfolgten Identifizierung von etwa 600 Kinderarbeitern in den Dörfern  -  bei jedem Kind im Schulalter, das nicht zur Schule geht, kann man von Kinderarbeit ausgehen - werden die Familiensituation und die Ursachen für den Schulabbruch eruiert und ein individueller Plan für die Wiedereinschulung ausgearbeitet. Wichtig dabei ist vor allem die Schaffung des Bewusstseins für Notwendigkeit und Nützlichkeit des Schulbesuchs auf allen Ebenen - bei den Kindern, wie bei den Eltern, den Dorfbewohnern und den Politikern in den Dörfern. Die Schulpflicht muss ernst genommen werden und eine Nicht-Einhaltung darf nicht toleriert werden, denn nur mit elementarer Bildung haben die Kinder eine Chance, dem Teufelskreis von Armut und Analphabetismus zu entkommen.

Grundschulbildung für alle Kinder bis zum Jahr 2015 ist das zweite Millenium-Entwicklungsziel (MDG). Noch ist Indien weit davon entfernt: Beim Unesco Education for All Development Index (EDI) 2009 belegte Indien Rang 102 (von 129) - weit abgeschlagen hinter anderen Schwellenländern wie China (59) und Brasilien (80) und findet sich in einer Kategorie mit den ärmsten afrikanischen Ländern (Lesotho 103, Ruanda 114, Äthiopien 125, Tschad 129)1. Trotz Schulpflicht und zahlreicher Gesetze zum Verbot von Kinderarbeit hat Indien weltweit immer noch die höchste Zahl arbeitender Kinder. Aufgrund der hohen Beschäftigungsraten im informellen Sektor sind genaue Zahlen schwierig zu erheben, aber Schätzungen liegen zwischen 60 und 115 Millionen2. Die Abschaffung der Kinderarbeit und die Gewährleistung von Zugang zu Bildung für alle Kinder gehört zu den größten Herausforderungen Indiens im 21. Jahrhundert, denn die Masse heranwachsender Analphabeten, denen heute der Schulbesuch verwehrt bleibt, stellt eine massive Bedrohung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung Indiens und der Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Einwohner dar.

Die Schüler der staatlichen Schule im Projektgebiet unseres Partners SHED in Orissa schreiben Slogans zum Kampf gegen Kinderarbeit.  (Foto: SHED)

Neben der entsprechenden Gesetzgebung ist das weltweite Bewusstsein für das Recht jedes Kindes auf qualitative Bildung entscheidend, um Kinderarbeit dauerhaft abzuschaffen. Während wir dieses Bewusstsein durch unsere entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland zu schaffen versuchen, hat es sich das Netzwerk gegen Kinderarbeit unserer indischen Partner neben der modellhaften Arbeit in den Dörfern zur Aufgabe gemacht, bei einer breiten Bevölkerungsschicht - arm wie reich, Stadt und Land - ein Bewusstsein für die Problematik der Kinderarbeit und für das Recht jedes Kindes auf Bildung zu schaffen. Hierbei gilt es, vor allem die Mittelschicht für das Thema zu sensibilisieren und die „soziale Apathie“ zu überwinden, die in vielen Fällen Kinderarbeit als unvermeidbar in Armutssituationen betrachtet3.

Die Aktivitäten des Netzwerks sind vielfältig: 2008 wurde ein Kinderarbeiter-Kalender mit Gedichten und Zeichnungen von Kinderarbeitern und Gesetzestexten erstellt und an staatliche Einrichtungen (Gemeindeverwaltungen, Schulen) und Multiplikatoren (andere NGOs) verteilt. Dieses Jahr wurden in allen öffentlichen und privaten Schulen in den Projektgebieten unserer Partner Infotafeln angebracht, die von den Schülern unter dem Motto „Combat Child Labour - Call for Child Rights“ gestaltet werden sollen, um sie anzuregen, sich mit Menschenrechten und dem Problem der Kinderarbeit auseinanderzusetzen. Ergänzt werden die Tafeln mit aktuellen Meldungen durch die Lehrkräfte und Projektmitarbeiter.

Für die Aktivitäten des Netzwerks gegen Kinderarbeit haben wir 8.800 Euro bewilligt. 6.000 Euro fehlen uns noch - bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderarbeit“!

Besonders danken wir der Christian-Morgenstern-Volksschule Herrsching, die mit ihrem Flohmarkt „Kinder für Kinder“ am 19.6.09 über 800 Euro zu Gunsten des Netzwerks gegen Kinderarbeit erwirtschaftet hat.

1) http://www.unesco.org/education/gmr2009/press/efagmr2009_Annex1_EDI.pdf
2) Blakely, Rhys: „The abandoned generations: how child labourers suffer as India ignores the law“, in: The Times, 15.10.09
3) Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Einkommen der Eltern in einem Gebiet steigt, sobald Kinderarbeit dort flächendeckend abgeschafft werden konnte.

30 Euro pro Jahr sichern den Nachhilfe-Unterricht für ein Kind und verhindern Kinderarbeit

Das Thema Kinderarbeit beschäftigt unsere Projektpartner nicht nur im Rahmen der Netzwerk-Aktivitäten. Alle Projekte haben die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kinder zum Ziel. Neben der Gesundheitsversorgung und der Arbeit mit den Familien, vor allem den Frauen-Selbsthilfegruppen (SHGs), ist Bildung zentraler Bestandteil aller von der Indienhilfe unterstützten Maßnahmen. So auch im Integrierten Entwicklungsprojekt West Midnapur, wo unser Projektpartner Seva Kendra Calcutta in 55 Dörfern eines sehr abgelegenen Stammesgebietes arbeitet:

Bis vor kurzem war der Schulbesuch keine Selbstverständlichkeit für die 1.500 Adivasi-Kinder - Kinderarbeit die Regel. Durch die jahrelangen von der Indienhilfe unterstützten Projektaktivitäten besuchen mittlerweile fast alle Kinder die örtlichen Regierungsschulen. Die Kinder sind meist „first generation learners“, d.h. ihre Eltern sind Analphabeten und können sie nicht bei den Hausaufgaben unterstützen. Zudem ist die Unterrichtssprache Bengali den Santals und Lodhas mit ihren je eigenen Stammessprachen nicht vertraut. Damit die Kinder dem Unterricht folgen können und den Schulbesuch nicht vorzeitig abbrechen, bieten 56 Nachhilfezentren den Kindern Hausaufgabenhilfe und individuelle Förderung an. Kulturelle Aktivitäten wie Tanz und Gesang tragen dazu bei, die Stammeskultur der Kinder zu bewahren. Im Rahmen der Umwelterziehung lernen die Kinder, ihre Umwelt zu beobachten, Veränderungen wahrzunehmen und die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Monatlich überwacht ein Arzt den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder und stellt die medizinische Versorgung sicher. Die Lehrer berufen regelmäßig Treffen mit den Eltern ein, um Themen wie persönliche Hygiene, richtige Ernährung, Wert von Bildung etc. zu diskutieren.

Über 50.000 Euro haben wir dieses Jahr für 56 Nachhilfezentren im Midnapur-Distrikt bewilligt - nur 900 € im Jahr betragen die Kosten für den Betrieb eines Zentrums. Lern- und Lehrmaterialien und medizinische Versorgung für jeweils 30 bis 40 Kinder sowie das Jahresgehalt des Lehrers sind darin enthalten. Wir danken unter anderem den Weltläden Kitzingen, Schrobenhausen und Würzburg sowie einigen anderen Spendern für die bisherige Unterstützung! Doch immer noch fehlen uns 30.000 Euro! Spenden-Stichwort „IDP Midnapur“

Öko-Dorf Dwip Media: Einkommenschancen für Kleinbauern und Beitrag zum Klimaschutz
(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)

„Weil ich keine teuren Pestizide kaufen musste, habe ich viel Geld gespart! Kuhdung habe ich genug von meiner Kuh. Außerdem habe ich die hohen Arztkosten gespart, weil ich keine giftigen Chemikalien gesprüht habe.“ freut sich der Kleinbauer Gopal Mondal aus dem Dorf Dwip Media. Wie jedes Jahr hatte er auf seiner kleinen Ackerparzelle Kohl angebaut, doch schon nach wenigen Wochen begannen die Blätter zu faulen. Bei einer Fortbildung unseres Projektpartners Vikas Kendra zu Bio-Pestiziden lernte Gopal Mondal, dass eine Mischung aus Kuhdung und Wasser ein gutes Mittel gegen Blattfäule ist. Sofort sprühte er sein Feld regelmäßig mit der Flüssigkeit ein und schon bald erholten sich die Blätter. Doch das nächste Übel ließ nicht lange auf sich warten: Blattläuse. Wie in der Fortbildung gelernt, hatte Gopal Mondal jedoch Senfkörner zwischen dem Kohl und am Rand des Feldes gesät. Die gelben Senfblüten zogen die Blattläuse an und der Schaden für die Kohlpflanzen hielt sich in Grenzen. Nun ist Gopal Mondal überzeugter Bio-Bauer und teilt sein Wissen bei jeder Gelegenheit mit anderen Bauern.
Auch Purnima Mondal lebt in Dwip Media und hat an einer Schulung von Vikas Kendra teilgenommen. Sie erzählt: „Nachdem ich den Reis geerntet hatte, pflanzte ich in den noch feuchten Ackerboden Kartoffelknollen ein und düngte sie mit Kuhmist. Anschließend deckte ich die Knollen mit einer 3 bis 4 cm dicken Schicht aus getrockneten Wasserhyazinthen, Stroh und anderen pflanzlichen Materialien ab. So musste ich das Land nicht zusätzlich bewässern. Obwohl es zu wenig geregnet hat, konnte ich pro katha (= 266 m2) 150 kg Kartoffeln ernten.“ Mit dieser Anbaumethode erzielten Purnima Mondal und fünf weitere Bauern einen Gewinn von 831 Rupies (13,85 Euro) pro katha Land (siehe Kasten).

Gopal und Purnima sind nur zwei der 116 Kleinbauern - alle Angehörige der unteren Kasten (scheduled castes) - aus dem Dorf Dwip Media, das Vikas Kendra zu einem Modell-Dorf für ökologischen Landbau entwickeln möchte. Innerhalb von vier Jahren sollen mindestens 75%1 der 62 Hektar Ackerland dauerhaft auf ökologischen Anbau umgestellt sein. Ausgewählt wurde Dwip Media aufgrund seiner besonderen Lage: Auf drei Seiten wird es vom Fluss Ichhamati umschlossen, auf der vierten Seite befindet sich ein Kanal, über den eine schmale Brücke in das von extremer Armut geprägte Dorf führt - die einzige Verbindung zur Außenwelt. So wird die Kontamination durch auf benachbarten Feldern versprühte Chemikalien immer weiter reduziert, je mehr Bauern in Dwip Media auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Ferner sind die Anbaubedingungen in Dwip Media für die konventionelle Landwirtschaft ungünstig: der Lehmboden ist stark salzhaltig und die Bewässerung hängt von den Regenfällen ab, so dass die meisten Familien, die überwiegend Reis, Jute und Hülsenfrüchte anbauen, mit nur einer Ernte pro Jahr auskommen müssen. Öko-Landbau und angepasste Technologien können hier erhebliche Verbesserungen bringen.
Humayun Kabir, Leiter der landwirtschaftlichen Aktivitäten bei Vikas Kendra, erläutert den Frauen einer Selbsthilfe-Gruppe die Vorteile des Öko-Landbaus - für die Gesunheit ihrer Familien und die Umwelt. (Foto: VK)

Seit April 2007 führen die landwirtschaftlichen Mitarbeiter von Vikas Kendra in Dwip Media Motivationstreffen, Schulungen und Trainings mit den Frauen-Selbsthifegruppen (SHGs), den kommunalen Dorf-Entwicklungsausschüssen und Bürgerversammlungen, den örtlichen Vereinen und vor allem natürlich den Bauern durch, um sie von den Vorteilen des Öko-Landbaus zu überzeugen.

Kosten-Nutzen Rechnung Kartoffelanbau pro katha:
Ausgaben:
Kosten Pflanzenkollen (8 kg x 8 Rs)                       64 Rs      1,07 Euro
Biologischer Dünger                                            125 Rs       2,08 Euro
Arbeitskosten (3 Arbeiter x 60 Rs)                        180 Rs       3,00 Euro
Gesamtausgaben                                                369 Rs       6,15 Euro
Verkauf der geernteten Kartoffeln (150 kg x 8 Rs) 1.200 Rs    20,00 Euro
GEWINN (1.200 Rs minus 369 Rs)                        831 Rs    13,85 Euro
Eine wichtige Maßnahme ist die Anlage von Demonstrationsflächen für den Bio-Anbau einheimischer Gemüsesorten in Mischkulturen und von Kompostanlagen. Erfolgreich ist auch die Einführung eines Integrated Farming Systems, bei dem Tier- und Pflanzenzucht integriert werden, z.B. Fischzucht in den gefluteten Reisfeldern und Bio-Anbau von Futtergräsern für das Vieh. Bei einer monatlichen Pflanzen-Sprechstunde können Bauern von Krankheiten befallene Pflanzen einem Experten zeigen, der sie berät, wie sie das Problem auf ökologische Weise lösen können. Eine Baumschule für die Aufforstung mit einheimischen wichtigen Baumarten für verschiedene Nutzungen wurde angelegt - 3.500 Baumsetzlinge wurden zum Schutz vor Bodenerosion bei Überschwemmungen an den der Fluss-Seite zugewandten Rändern der landwirtschaftlichen Flächen gepflanzt.

Neben dem Schutz der Umwelt und der Verbesserung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Situation der Familien spielen auch Aspekte des Klimaschutzes eine wichtige Rolle - ökologische Landwirtschaft produziert u.a. weniger CO2 als konventionelle Landwirtschaft. Gerade im Hinblick auf die lebensräumlichen Veränderungen aufgrund des Klimawandels (z.B. Versalzung und Überflutung von Ackerland) werden wir in unseren Projekten künftig vermehrt Aspekte der ökologischen Landwirtschaft aufgreifen. Um hier die richtigen Wege zu gehen, wird momentan eine Evaluierung des Öko-Landbau-Projekts unseres Partners Manab Jamin im Birbhum Distrikt durchgeführt.
Baumpflanzaktion in Dwip Media (Foto: Vikas Kendra)
Insgesamt haben wir knapp 2.900 Euro für die landwirtschaftlichen Aktivitäten bei Vikas Kendra bewilligt. Etwa 700 Euro fehlen uns noch!
Spendenstichwort „Öko-Landbau“!

Besonders danken wir dem AK „Dritte“ Welt Bayreuth für die jahrelange Unterstützung der landwirtschaftlichen Aktivitäten von Vikas Kendra!
 

1) Ursprünglich waren nur 50% geplant, aufgrund der Erfolge in den ersten beiden Jahren wurde das Ziel erhöht.


Entwicklung statt Revolution - Naxaliten finden keine Unterstützer in SHED-Projektgebiet
(Oktober 2009, Regine Linder)

Im Frühsommer erreichte uns die kurze Nachricht, dass Naxaliten in einem Dorf des SHED Dasmantpur Projekts aufgetaucht waren.

Als Naxaliten - benannt nach einem Aufstand, der 1967 vom westbengalischen Dorf Naxalbari ausgegangen war - werden in Indien militante Guerilla-Gruppen bezeichnet, die mit der Waffe in der Hand gegen Großgrundbesitzer und staatliche Institutionen vorgehen. Sie selbst sagen, dass sie gegen Unterdrückung und Ausbeutung der Landlosen und der Stammesbevölkerung (Adivasi) kämpfen, um eine klassenlose Gesellschaft herbeizuführen; ihre Gegner bezeichnen die Naxaliten als Terroristen, die Menschen im Namen des Klassenkampfes unterdrücken. Die Naxaliten stellen in einigen Teilen Indiens eine echte Gefahr dar. Im sog. Roten Korridor (siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/File:India_Red_Corridor_map.png), der den Teil Indiens bezeichnet, in dem die Naxaliten aktiv sind und der vom Nordosten Indiens bis in den ländlichen Süden des Landes reicht, liegt auch Orissa. Die Liste der naxalitischen Überfälle, z.B. auf Polizeistationen, ist lang, die Anzahl der Getöteten geht in die Tausende.

In dem kleinen Dorf Pondasguda, in dem 23 Adivasi-Familien leben, mussten die Naxaliten unverrichteter Dinge wieder abziehen. M.G. Mony, der Leiter von SHED, kommentierte: „Die Dorfbewohner wissen, dass sie mit SHED zum Ziel kommen, und dass sie nicht irgendeine fragwürdige Unterstützung durch die ‚Roten' brauchen.“

Und was ist nicht schon alles erreicht worden, in diesem Gebiet, in dem SHED auf Wunsch der dortigen Bevölkerung vor sechs Jahren zu arbeiten begann! Die Fläche mit gutem Ackerland hat sich deutlich erhöht (z.B. durch Bewässerung), die Anzahl der landlosen Familien geht stetig zurück (allein im letzten Jahr von 387 auf 343; insgesamt gibt es dort 1167 Haushalte in 25 Dörfern). In jedem Dorf gibt es jetzt eine kleine Medikamenten-Ausgabestelle und die Menschen werden an den Gebrauch von Moskito-Netzen herangeführt. Es gibt 61 Selbsthilfegruppen von Frauen und Männern. Die zehn Vorschulen mit etwa 160 Jungen und Mädchen laufen weiterhin gut.

Dank Ihrer finanziellen Unterstützung kann SHED aktiv sein! Für die fünf Projekte von SHED haben wir dieses Jahr 51.500 € bewilligt, von denen uns noch etwa 25.000 € fehlen. Bitte spenden Sie unter dem Kennwort „SHED“.


Warum noch für Indien spenden?
(Oktober 2009, Waltraud Schneiders)

Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht, indische Firmen, die als Investoren in Europa auftreten, Bangalore als neues "Silicon Valley" - das Indienbild in den Medien hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Nur noch selten ist von Hunger und Armut die Rede, allenfalls wird über die regelmäßigen verheerenden Naturkatastrophen berichtet.

Die Medienberichte sind nicht falsch, aber sie geben nur einen kleinen Teil der indischen Wirklichkeit wieder. Und sie bewirken, dass immer mehr hilfsbereite Menschen in Deutschland bezweifeln, ob eine Spende für Indien überhaupt noch sinnvoll ist. Auch an uns wird diese Frage immer öfter gerichtet.

In vielen Gesprächen versuchen wir deutlich zu machen, dass die indische Mittelschicht1), die von der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung profitiert, mit ca. 170 Mio. Menschen nur etwa 15 % der Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden ausmacht. Dagegen leben immer noch 34 % der Inder von weniger als 1 US $ pro Tag2). Das sind knapp 400 Mio. Menschen, die zu den absolut  Armen zählen!

Die derzeitigen jährlichen Wachstumsraten der indischen Wirtschaft von 8 bis 9 % relativieren sich, wenn man die niedrige Ausgangsbasis berücksichtigt - das indische Bruttoinlandsprodukt (BIP) umfasst nur 1/3 des deutschen, bei einer fast dreizehnmal so großen Bevölkerung.

Noch immer sind 750 Mio. Inder nicht mit Sanitäreinrichtungen versorgt, 160 Mio. haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 175 Mio. Kinder sind unterernährt. Besonders die unteren Kasten und die Adivasi (Stammesbevölkerung) haben aufgrund mangelnder Bildung und der schlechten Infrastruktur in ihrem Lebensraum wenig Zugang zum Wirtschafts- und Arbeitsmarkt.

Die indische Regierung setzt enorme Mittel ein, um die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung zu verbessern: durch Infrastrukturmaßnahmen wie Bau und Unterhalt von Schulen, Entwicklung der Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Bau von Sanitäranlagen sowie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Menschen unter der Armutsgrenze u.v.m. Doch der enorme Bedarf übersteigt derzeit noch bei weitem die Kapazitäten eines sich entwickelnden Landes. Die Regierung ist auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungs-Organisationen (NROs) angewiesen, die die bereitgestellten Gelder abrufen helfen und in die richtigen Kanäle zu den Bedürftigen bringen. Genau diese NROs sind auch die Partner der Indienhilfe.

Mit Ihrer Spende können wir Hand in Hand arbeiten, um die Armut in Indien weiter zu bekämpfen!

Werden auch Sie in Ihrem Bekanntenkreis gelegentlich gefragt, warum Sie sich noch für Indien engagieren? Auf unserer Homepage finden Sie ein Streitgespräch zu diesem Thema mit überzeugenden Argumenten:
www.indienhilfe-herrsching.de/pdf/StreitgespraechWarumnoch Indien.pdf


Editorial zum Sommerbrief 2009

Herrsching, im Juni 2009

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, 
liebe Mitglieder und Spender/innen,

 dieses Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf: eine bewegte bläuliche Wasserfläche, im Hintergrund ein Erddamm, grünes Gebüsch und davor etwas Buntes, das aus dem Wasser herausschaut. Beim genaueren Blick auf das Digitalfoto, das einer unserer Partner vor wenigen Tagen gemailt hat, erkenne ich den aufgedunsenen auf dem Rücken schwimmenden Körper eines kleinen Jungen, etwa vier Jahre alt, und den von einem bunten Sari nur teilweise verhüllten Körper einer jungen Frau, auf dem Bauch treibend, einen Arm über die Beine des Kindes gelegt. Ich stelle mir vor, wie sie, ihr Kind auf dem Arm, an jenem 25. Mai dieses Jahres aus ihrer Lehmhütte in einem Dorf im Hingalganj Block, Distrikt North-24-Parganas, Gangesdelta, vor dem Zyklon Aila floh und von den reissenden Wassermassen eingeholt wurde...

Zwei der vermutlich 117 Toten, die Aila in Westbengalen gefordert hat. Zwei Menschen in einem dicht besiedelten Gebiet, das auf Meeresspiegelhöhe liegend von den sich wegen des Klimawandels häufenden Zyklonen, Starkregen und dem Anstieg des Meeresspiegels extrem bedroht ist. Von den Weltmedien wurden sie ignoriert, die tote Mutter und ihr toter Sohn, die da in der weiten Wasserlandschaft treiben. So wie all die anderen Opfer Ailas - neben den toten Menschen zahllose ertrunkene Tiere, entwurzelte Bäume, 600.000 beschädigte/zerstörte Lehmhütten und Häuser, mit denen oft alle Habseligkeiten der Bewohner vernichtet sind, 4,6 Millionen betroffene Menschen, davon 130.000 in 530 Notlagern untergebracht, durch Salzwasser und Kontamination unbrauchbar gemachte Trinkwasserbrunnen und Felder, vernichtete Ernten, mehr als 4.000 Kilometer zerstörter Flussdeiche - eine ständige Bedrohung gerade jetzt, zu Beginn der Monsunzeit. In 13 der 19 Distrikte Westbengalens bis hinauf nach Darjeeling und auch in Bangladesh hat  Aila eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Foto zum Editorial
Sie verlor Mann und beide Söhne beim Zyklon Aila und lebt nun in einem Notlager                                                        (Foto: DRCSC)

Dass es nicht mehr Tote gab, ist kein Zufall: Die Frühwarnsysteme der Regierung sind in den letzten Jahren verbessert und die Bürger in vielen der mehr als 25.000 betroffenen Dörfer in “Disaster Preparedness” geschult worden. Die Menschen wussten, was im Katastrophenfall zu tun war und die meisten konnten sich auf höher gelegenem Land, auf Hausdächern, in Bäumen in Sicherheit bringen. Innerhalb von 24 Stunden kam die State Inter Agency Group Westbengalens zusammen, Vertreter der wichtigen internationalen und nationalen NGOs1) sowie von UNICEF und UNDP, um ihre Maßnahmen abzustimmen. Die NGOs wollen die Hilfsaktionen der Regierung, die bislang 20 Millionen € bereitgestellt hat, ergänzen, nicht ersetzen, z.B. bei der Erstversorgung abgelegener Gebiete durch freiwillige Helfer, bei der Erfassung der Schäden und deren zügiger Meldung an die zuständigen staatlichen Stellen, bei der Organisation einer gerechten Verteilung der Hilfen an die wirklich Bedürftigen und schließlich bei der Organisation der Rehabilitierungsmaßnahmen.

NGO-Mitarbeiter arbeiten sich oft als erste in die betroffenen Gebiete vor. Auch unsere Partner Swanirvar und DRCSC sind an vorderster Front dabei. Über ihre Verbindungen mit lokalen Bürgerinitiativen, Bauern- und Frauen-Selbsthilfegruppen und kommunalen Gremien stellen sie den örtlichen Hilfsbedarf fest. DRCSC ermittelte 54.000 betroffene Familien in 233 Dörfern, um die sie sich kümmern können, mit einen Finanzbedarf von ca. 160.000 € für die Erstversorgung - 3 € pro Familie. Die NGOs transportieren zu Land und per Boot Trockennahrung, Trinkwasser, Mittel zur Wasserdesinfektion, Medikamente, Kleidung und Hygieneartikel als Akuthilfe in die Dörfer und Auffanglager. Die organisatorische Hilfe der NGOs wird auch für die dringende Reparatur der Flussuferbefestigungen benötigt. Bei jeder Flut strömt im Küstengebiet Meerwasser flussaufwärts, tritt ohne Deiche über die Ufer, überschwemmt die Dörfer und versalzt das Agrarland. Unsere Partner kooperieren mit den kommunalen Gremien und arbeiten im Katastrophen-Rehabilitations-Ausschuss auf Bezirksebene mit.

In Indien hilft jeder nach seinem Vermögen - während Cricketstar Sourav Ganguli 6 Mio. Rupies (etwa 92.000 €) zugesagt hat, spendeten Swanirvars bescheiden bezahlte landwirtschaftliche Mitarbeiter spontan einen Tageslohn. Aus unserem zur Neige gehenden Notfallfonds vor Ort haben wir sofort 100.000 Rs, ca. 1.500 €, zur Verfügung gestellt. Viel mehr wird gebraucht! Helfen Sie den Opfern des Zyklons und des Klimawandels mit Ihrer Extra-Spende auf unser Projektkonto unter dem Stichwort Aila!

In der Katastrophe bewährt/e sich die indische Zivilgesellschaft. Dass sie so stark werden konnte und so besonnen, wie es sich auch im Wahlergebnis der diesjährigen Parlamentswahl widerspiegelt2), verdankt sie nicht zuletzt der zähen Arbeit der indischen NGOs und weltweiter Solidarität. Sie, liebe Spender und Spenderinnen, haben im Verein mit der Indienhilfe einen Beitrag geleistet zu gelingender „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Empowerment“ von Benachteiligten (insbesondere Adivasi, Dalits, Frauen, Behinderten, Kinderarbeitern) in Westbengalen und Orissa.

Für die Indienhilfe und ihre Partner geht die Arbeit der kleinen Schritte weiter - wir wollen die Ärmsten der Armen erreichen. Ich danke Ihnen für Ihre großartige Unterstützung im letzten Jahr und bitte Sie: helfen Sie uns auch 2009 mit Ihrer Spende!

Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer
mit Zeit für das, was Ihnen wichtig ist, Ihre

Elisabeth  Kreuz
Vorstandvorsitzende & Gründerin der Indienhilfe e.V.

Weitere Fotos zu den Folgen des Zyklons Aila finden Sie hier!

"Wenn die Natur tobt, sind wir Menschen ihr hilflos ausgesetzt!“
Indienhilfe-Partner im Kampf gegen Klimawandel und Erderwärmung

(Juni 2009, Sabine Dlugosch)

„Seit Wochen haben wir Temperaturen über 40°C. Die Felder sind vertrocknet, die unreifen Früchte fallen von den Bäumen - die Bauern sind verzweifelt. Große Dorfteiche sind ausgetrocknet, in vielen Dörfern wird das Trinkwasser knapp.“ Was Srikanta Mondal, Leiter des Manab Jamin Projekts, im April aus dem Birbhum Distrikt berichtet, betrifft alle unsere Partner in Westbengalen und Orissa, die unter einer Hitzewelle leiden. Gleichzeitig fürchten sie den kommenden Monsun, der neben der ersehnten Abkühlung die Gefahr von Zyklonen und Überschwemmungen erhöht (siehe Editorial).

Von Überschwemmungen, Dürren, Unwettern und anderen extremen Klimabedingungen sowie der Versalzung oder gar Flutung ganzer Gebiete durch den steigenden Meeresspiegel sind gerade die Länder des Südens am Schlimmsten betroffen. Verlust und Zerstörung ihres spärlichen Besitzes treiben die bereits unter dem Existenzminimum lebenden Menschen noch tiefer in die Armut. Dabei tragen gerade sie am wenigsten zum Klimawandel bei - der CO2-Ausstoss eines einzigen Deutschen entspricht dem von zehn Indern!


Dennoch haben sich unsere indischen Partner verpflichtet, Maßnahmen zu Klimaschutz und CO2-Reduktion aufzugreifen. Neben Aufklärungskampagnen über Ursachen und Folgen des Klimawandels geht es ganz konkret vom eigenen sparsamen Umgang mit Licht, Ventilatoren, Generatoren über den Ersatz normaler Glühbirnen durch Energiesparlampen bis zu kraftstoffsparendem Fahrstil. Die Förderung von Ökolandbau und Aufforstung, die Anlage von Küchengärten und Biogasanlagen sowie der Einsatz von Solarkochern und -leuchten gehören zu den in den Dörfern geplanten Klimaschutzaktivitäten. Präventiv werden die Dorfbewohner in Katastrophenschutz-Maßnahmen geschult, wie z.B. der Schaffung von Früherkennungs- und Warnsystemen und dem Aufbau von Rettungs-Teams.
Foto Klimawandel
Einst war hier ein Dorf - der Zyklon Aila spülte es einfach weg (Foto: DRSCS)

Anshuman Das, Geschäftsführer unseres Partners DRCSC1), leitet die Klimaschut
zaktivitäten aller Partner fachlich an. Auch auf internationaler Ebene (z.B. beim Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen) beschäftigt DRCSC sich mit den Folgen des Klimawandels und gerechten Lösungsansätzen.

In den Öko-Clubs in all unseren Projekten, in denen sich Schülerinnen und Schüler in Theorie und Praxis mit Umwelt und Kinderrechten auseinandersetzen, sind Ursachen und Folgen des Klimawandels wichtiges Thema und die Schüler erlernen umwelt- und klimafreundliches Verhalten.

Für zusätzliche Klimaschutzaktivitäten unserer Partner - neben zahlreichen bereits länger laufenden - haben wir 3.500 € zur Verfügung gestellt. Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Klima“. Für das ebenfalls von DRCSC koordinierte Öko-Club-Projekt benötigen wir 2009/10 knapp 8.500 €  -  Stichwort „Öko-Clubs“.

1) Development Research Communication and Services Centre; seit 2005 Partner der Indienhilfe für das Ökoclub-Projekt ENRE und die Kompostierung von Wasserhyazinthen in Herrschings Partnergemeinde Chatra

Armut und Unterernährung führen zu Behinderung
(Juni 2009, Petra Bald)

80 Prozent der körperlichen und/oder geistigen Behinderungen im stark dürrebetroffenen Distrikt Bankura sind armutsbedingt. Dort widmet sich die Kenduadihi Bikash Society der Früherfassung, Förderung und Integration von behinderten Kindern und der Armutsbekämpfung.

Nach Ende der Monsunzeit ist Erntezeit, die einzige im Jahr. Menschen arbeiten auf den Feldern. Aber weit und breit kein sattes Grün wie in den anderen Regionen zu dieser Jahreszeit. Der Fluss führt nur wenig Wasser. Am Wegrand weiden Kühe das spärliche Gras. Wir sind mit Madhabi Mukherjee - äusserst kompetente und engagierte Sonderpädagogin, die die Arbeit mit ihrem Mann Uttam zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat - unterwegs im Projektgebiet. Wir begleiten sie und den Mitarbeiter Utpal Chatterjee zu Hausbesuchen in den Dörfern, in denen hauptsächlich Scheduled Castes und Adivasi leben.

In Upishur leben Aditya und Shampa Mal mit ihren zwei Söhnen, dem siebenjährigen Vivekananda, der schwer spastisch behindert ist, und dem fünfjährigen Subhas. Zusammen mit den Eltern von Aditya lebt die Familie in einem kleinen, dunklen Lehmhaus mit Ziegeldach. Auf dem Vorplatz ist ein Berg Kohle aufgehäuft, die Aditya und Subhas zerhacken, um Kohlestaub zu gewinnen. Dieser wird in Säcke verpackt und auf dem Markt zur Feuerung verkauft. So verschafft sich der Maurer, der gerade wieder einmal keine Arbeit hat, einen kleinen Verdienst. Shampa kann als Erntearbeiterin nur während der Ernte sehr unregelmässig 40-50 Rupien (ca. 0,80 €) am Tag dazuverdienen. Die Nahrung besteht vor allem aus dem magenfüllenden Puffreis, etwas Reis oder Kartoffeln, Fisch ist eine Seltenheit.

Vor dem Hauseingang steht ein Bettgestell mit einer durchlöcherten Einlage, auf der Vivekananda liegt. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, als ihn Madhabi anspricht. Utpal, der die Familie wöchentlich besucht, berichtet, dass Vivekananda inzwischen positiv auf Bezugspersonen und mit immer weniger Angst auf Fremde reagiert. Inzwischen gibt er auch Zeichen, wenn er Wasser lassen muss. Vor einem halben Jahr war das Bikash-Team bei einem Besuch im Dorf auf Vivekananda aufmerksam geworden. Sie konnten die Eltern motivieren, ihn zu einer Abklärung ins Bikash-Therapiezentrum zu bringen. Seither erhält er dort wöchentlich Physio-, Logo- und Ergotherapie. Seine Mutter wird angeleitet, ihren Sohn auch zuhause zu fördern. Bei den Hausbesuchen, die in einem Heft dokumentiert werden, geht es konsequent darum, die Familie für elementare Massnahmen im Alltag zu gewinnen: das Wasser vom Brunnen zu holen oder aktuell bei der westbengalischen Regierung einen Antrag für eine subventionierte Billigtoilette zu stellen, für die neben dem Haus Platz wäre.
Petra Bald bei Bikash
Petra Bald, seit mehr als 20 Jahren der Indienhilfe verbunden, unternahm Ende der 80er Jahre zwei ausgedehnte Projektreisen. Im November 2008 besuchte sie gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard Gerster erstmals seit sie in der Schweiz lebt wieder Indienhilfe-Projektpartner. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, ihr Mann ist Geschäftsführer des Blauen Kreuzes in Basel. (Foto: P. Bald)
Familie Mal vor ihrem Haus
Vater Aditya Mal strahlt: Dank Bikash hat sein spastisch gelähmter Sohn Vivekananda große Fortschritte gemacht (Foto: P. Bald)
An dem Beispiel wird deutlich, wie umfassend und nachhaltig die Arbeit von Bikash ist. Mangelernährte und geschwächte Frauen bekommen zu früh und in zu kurzen Abständen Kinder und können ihnen nicht die notwendige Ernährung bieten. Aberglaube ist weit verbreitet. Daher umfasst die Arbeit von Bikash, neben hochprofessioneller Behinderten- bis hin zur Berufsförderung, auch gezielte und systematische Aufklärungsarbeit sowie Gesundheits-, Hygiene- und Ernährungsförderung. Nur so kann langfristig armutsbedingter Behinderung vorgebeugt werden. In inzwischen acht Zentren vor Ort werden die Kinder in Gruppen gefördert, mit dem Ziel, sie (möglichst auch schulisch) zu integrieren. Bikash nutzt die vorhandenen Strukturen in den Dörfern wie Selbsthilfegruppen und arbeitet mit örtlichen Volunteers zusammen. 130 behinderte Kinder mit ihren Familien bis in die entlegensten Dörfer werden derzeit erreicht. Die Arbeit geht weiter.

Der Arbeitsausschuss der Indienhilfe hat für die Arbeit von Bikash im Jahr 2009-10 knapp 26.200 € bewilligt. Wir bitten um Ihre Spenden unter dem Stichwort „Bikash“!


Stellvertretend herzlichen Dank an die Weltläden Ingolstadt, Eichstätt und Weilheim für die Unterstützung des Projekts!



„Es gibt noch viele Farmanias!“
Vikas Kendra startet neues Kinderprojekt in „Dorf-Slums“
(Juni 2009, Sabine Dlugosch)

Für die 44 Adivasi-Familien der Siedlung Farmania im Projektgebiet von Vikas Kendra (SEVA) bedeutet der bengalische Neujahrstag am 15. April 2009 einen wahren Neubeginn: Die Grundsteinlegung für das neue Kinderzentrum eröffnet ihnen Perspektiven aus generationenlangem Analphabetismus und extremer Armut. Das Child Development Centre wird eine Kinderkrippe für die Betreuung der Kleinsten und einen Förderkindergarten (SVK) zur Vorbereitung der Einschulung für die Drei- bis Sechsjährigen beherbergen. Den vorzeitigen Schulabbruch der Älteren, der meist mit Kinderarbeit endet, verhindern Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Medizinische Betreuung, zusätzliche Nahrungs-Rationen und das Anlegen von Küchengärten verbessern den Gesundheitszustand der Kinder und Mütter und bekämpfen die weit verbreitete Unterernährung mit ihren bleibenden Schäden1.

Dank der Armutsbekämpfungsprogramme der indischen Regierung haben sich die Lebensbedingungen im ländlichen Indien zwar etwas verbessert, doch Farmania ist bei weitem kein Einzelfall. Überall stoßen wir bei unseren (stets privat finanzierten) Projektbesuchen auf Dörfer bzw. Dorfteile, in denen noch immer unvorstellbares Elend herrscht. Meist gehören die Bewohner ausgegrenzten Kasten oder den Adivasi an, häufig haben sie sich als Umweltflüchtlinge an fremdem Ort niedergelassen. Jeden Tag beginnt der Kampf ums Überleben aufs Neue: findet ein Familienmitglied Arbeit als Tagelöhner oder muss die Familie wieder hungrig zu Bett gehen? Nur wenige Kinder werden eingeschult und beenden die Grundschule. Die meisten brechen die Schule vorzeitig ab und gehen schon in jungen Jahren schwerer körperlicher Arbeit nach. Ihre Chancen, jemals den Teufelskreis aus Hunger und Armut zu durchbrechen, sind gering.
Grundsteinlegung Farmania
Grundsteinlegung für das Child Development Centre im Adivasi-Dorf Farmania

Um die Kinder in gerade diesen „vergessenen Winkeln“ und um ihre Familien will sich Vikas Kendra künftig gezielt kümmern. Gemeinsam haben wir ein ganzheitliches Projektkonzept mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit und Ernährung ausgearbeitet. Dabei werden die Fachabteilungen des Entwicklungszentrums Vikas Kendra in Atghara (Bildung, Vorschulen/SVKs, Gesundheit, Landwirtschaft) zunächst in den ärmsten Vierteln zwanzig ausgewählter Dörfer intensiv in einem Team zusammenarbeiten - stets das Wohl der Kinder als oberstes Ziel im Auge behaltend.

Alle Mitarbeiter - von der Dorfebene bis zum Koordinator - verbringen viel Zeit in „ihren“ Dörfern und erstellen anhand ihrer detaillierten Kenntnisse der örtlichen Lebensbedingungen individuelle Dorfentwicklungspläne. Aufgaben und Tagespensum der Erzieherinnen und Nachhilfelehrer/innen werden erweitert - sie werden zu umfassenderen Dorfanimatoren und „Child Development Workers“ fortgebildet, die neben der täglichen Arbeit in den Nachhilfezentren bzw. Förderkindergärten (SVKs) die Anlage von Küchen- und Heilkräutergärten in allen Haushalten anleiten sowie intensiven Kontakt zu den Familien halten und ihnen beratend zur Seite stehen. Die in allen zwanzig Dörfern einzurichtenden Kinderrechts-Komitees sorgen für die Identifizierung und Wieder-Einschulung von Schulabbrechern und Kinderarbeitern. Um die Dorfbewohner bei der Nutzung der staatlichen Entwicklungsprogramme zu unterstützen, arbeitet das Team eng mit den Regierungsstellen zusammen. Besonders Frauen werden motiviert, sich in Selbsthilfegruppen (SHGs) zu organisieren und sich kommunalpolitisch zu engagieren, z.B. in Dorf-Entwicklungskomitees oder gar als Bürgermeisterin.

Geplant ist, jedes Dorf nach sechs Jahren in die Eigenständigkeit zu entlassen. Zunächst wird jedoch das neue Konzept in einer zweijährigen Pilotphase erprobt und, je nach Bedarf, angepasst. Mit dem neuen Projekt „Child Centred Development“ will Vikas Kendra einen besonders wirksamen Ansatz entwickeln, um die Kinder der „Ärmsten der Armen“ zu befähigen, ihr Schicksal jenseits von Hunger und Armut selbst in die Hand zu nehmen. Wir begleiten die Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit und Neugier!

Herzlichen Dank an die Weltläden in Rosenheim und Brannenburg, sowie an den AK 'Dritte' Welt Bayreuth für die wichtige regelmäßige Unterstützung für Vikas Kendra! Für dieses Jahr haben wir knapp 30.000 € bewilligt und sind dringendst auf weitere Spenden angewiesen! Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Vikas Kendra“!

Besonders danken wir dem Impact on Health e.V. Bad Homburg und dem Soroptimist International Club Fünfseenland Herrsching, die durch ihre großzügigen Spenden den Bau in Farmania ermöglicht haben, sowie Kiran Mukerji für sein großartiges Engagement bei der ehrenamtlichen Ausarbeitung der Baupläne und der persönlichen Überwachung der Baufortschritte vor Ort. Für die Fertigstellung und Ausstattung des Kinderzentrums fehlen uns jedoch noch Sonderspenden in Höhe von 3.000 €  - Spenden-Stichwort „Farmania“

1 Ausführliche Informationen zu Farmania finden Sie im Sommerinfo 2008, das Sie bei uns anfordern können, oder hier mit Fotos zum Baufortschritt in Farmania.

Von Princeton nach Andhermanik:
Der Weg des Sujit Sinha

(Juni 2009, Regine Linder)


Sujit Sinha ist Gründer und Leiter unserer Partnerorganisation Swanirvar, die von der Indienhilfe seit 2004 unterstützt wird. Vor einem Jahr war Sujit in Deutschland, im Rahmen unseres drei Jahre lang vom BMZ geförderten Schulpartnerschaftsprojekts, dessen Koordinator er für uns auf indischer Seite ist.


Er hat damals nur ungern diese Reise unternommen, weil er ein vielbeschäftigter Mann ist - aber der gegenseitige Austausch war für ihn und für uns sehr wertvoll. Wir haben später ein längeres Interview mit ihm geführt; hier die Kurzfassung:


Geboren wird Sujit Sinha 1956 in Kolkata; Vater Chemiker, Mutter Lehrerin. Er ist ein erfolgreicher Schüler, studiert Chemie an einer Elite-Universität in Indien. Schon in der Zeit, als er seinen Bachelor macht, beschäftigen ihn die Themen Umwelt (Ölkrise!) und Alternative Entwicklung (Gandhi, Huxley, Illich u.a.). Während seines Masterstudiums entscheidet er sich, ein rural development activist werden zu wollen. Nach Abschluss des Studiums geht er als Lehrer an eine Ureinwohner-High-School im Nordosten von Indien, um seine alternativen Ideen von action learning in die Tat umzusetzen, scheitert aber am Widerstand der Schulbehörden.

1980 geht er daraufhin nach Princeton/USA, um dort zu promovieren. Danach arbeitet er bei Bell Laboratories, kehrt jedoch 1986 zurück nach Indien mit dem festen Entschluss, als Entwicklungsarbeiter auf dem Land zu arbeiten. 1989 gründet er im Dorf Andhermanik, North-24-Parganas, seine eigene NGO, die von dort aus heute in mehr als 100 Dörfern des sich bis in die Sunderbans erstreckenden Distrikts. (siehe Editorial!) tätig ist.

Sujit Sinha
Sudeshna und Sujit Sinha mit IH-Arbeitsausschuss-Mitglied Regina Hass (Foto: Regina Hass)
Heute weiß er, was es heißt, eine Organisation mit mehr als 100 Mitarbeitern zu leiten. Obwohl er Vieles in andere gute Hände legen kann, lastet Wesentliches auf seinen Schultern, z.B. finanzielle Unterstützer für seine Arbeit zu finden und sie zu halten. Da kann er unzufrieden mit sich werden, wenn er den Eindruck hat, dass er seine eigentlichen Fähigkeiten nicht einsetzen kann, nämlich „Ideen aufnehmen, sie weiterdenken, anderen vermitteln, in die Tat umsetzen; Vernetzungs- und Lobbyarbeit leisten.“ Außerdem hat er eine besondere Gabe, „komplizierte Sachverhalte in verständlichem Bengali für viele Mitarbeiter auf dem Land wie auch für Regierungsbeamte zu schreiben“ - was er für eine sehr wichtige Aufgabe hält. Andererseits ist er - zu Recht! - stolz darauf, dass Swanirvar „ausgezeichnete Arbeit in Sachen alternativer Bildung, Gesundheit, Mikrokrediten und ökologischer Landwirtschaft leistet“. (Die Indienhilfe unterstützt bislang nur die Bildungsprogramme.)

Seit 1990 ist Sujit mit Sudeshna (Psychologin, Montessori- und Sonderpädagogin, Arbeit mit behinderten und unterprivilegierten Kindern, seit 2005 Leitung der Modelschule Shikshamitra) verheiratet. „Unsere Eltern waren über unsere Heirat nie glücklich, da wir beide damals und auch heute sehr ‚unsichere' Karrieren und Einkommen haben. Die meisten Mittelklassefamilien in der Dritten Welt haben vor so etwas Angst, da all ihre Träume auf eine ‚Mobilität nach oben' und ‚Stabilität' gerichtet sind.“ Das Ehepaar lebt mit dem 1991 geborenen Sohn in einer Mietshaus-Wohnung in Kalkutta, gemeinsam mit den inzwischen hilfsbedürftigen Eltern von Sudeshna. Beider Mangel an freier Zeit mag dazu führen, dass sie manchmal von ganz anderen Aktivitäten träumen, z.B. sich bei einer noch zu gründenden Grünen Partei in Indien zu engagieren, oder einfach an der Uni zu lehren, oder ... - aber lesen Sie selbst in der Langfassung des Interviews weiter, die Sie hier finden!

47.000 € benötigen wir für die beiden von uns geförderten Projekte von Swanirvar:

Für die Modell-Slum-Schule Shikshamitra, in der Slumkinder ab der 5. Klasse mit alternativen Lehrmethoden unterrichtet und Fortbildungen für staatliche Lehrer und NGO-Mitarbeiter durchgeführt werden, haben wir fast 17.000 € bewilligt - Spendenstichwort Shikshamitra.
Für das Projekt „Strengthening Local Institutions for Child Development“ sind knapp 30.000 € nötig, um die 14 Vorschulen zu betreiben und lokale Institutionen und Entwicklungsinitiativen in 48 Dörfern bei der Umsetzung staatlicher Dorfentwicklungsprogramme und der Verbesserung des staatlichen Bildungssystems zu unterstützen - Spendenstichwort SLI.
Der Andreas-Haberger-Stiftung danken wir für die Unterstützung des SLI-Projekts 2008 mit 18.845 €!


„Hilf mir, es selbst zu tun“
Udo Kirkamp, Vorstandsmitglied der Indienhilfe, Lehrer, auf Projektbesuch bei SHED

(Juni 2009, Udo Kirkamp)

Unser Besuch ist nicht angemeldet. Niemand im Dorf empfängt uns mit den typischen Tänzen der Stammesbevölkerung (Adivasi) und den Blumenketten, die einem als Gast sonst umgehängt werden.

Die Erfolge der Entwicklungsarbeit sind hier in Timajhola deutlich: Die Dorfstraße ist zementiert, sonst wäre dieser zentrale Ort der Dorfgemeinschaft in der Regenzeit nur Morast. Die umliegenden Felder in den Hügeln sind terrassiert, so dass mehr landwirtschaftliche Fläche entstand; dazwischen stehen Sträucher und Cashewbäume, die die Gefahr der Erosion reduzieren. Zudem bietet der Verkauf der Cashewnüsse den Bauern eine gute Einnahmequelle. Außerhalb des Dorfes wurde ein Teich zur Fischzucht angelegt - ebenfalls ein wertvoller Zuverdienst. Auf Anfrage finden sich mehrere Frauen, die ihr Sparbuch holen und bereitwillig uns wildfremden Europäern Einblick in ihre Ersparnisse geben. Unsere anfängliche Scheu angesichts dieser bei uns unvorstellbaren Situation schwindet infolge des fühlbaren Stolzes der erzählenden Frauen. Sie berichten von den ersten Jugendlichen ihres Ortes, die nach der 6. Klasse Grundschule die 15 km entfernte Internatsschule besuchen. Der Kontakt zwischen dem Projektleiter Panigrahi, unserem Begleiter, und den Dorfbewohnern wirkt freundlich, kameradschaftlich. Neuigkeiten aus dem Dorf werden mitgeteilt, denn Panigrahi ist hier nicht mehr oft: Timajhola ist eines der 30 Dörfer, das über etwa 15 Jahre durch die Entwicklungsprogramme unserer Partnerorganisation SHED unterstützt wurde, aber seit vier Jahren weitestgehend auf sich gestellt ist.

Das von SHED praktizierte Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ sieht vor - ähnlich dem pädagogischen Leitsatz Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ -, die Hilfsbedürftigen so zu fördern, dass sie zukünftig ihr Leben selbst meistern können. SHED arbeitet nach diesem Konzept in ca. 80 Adivasi-Dörfern im Bundesstaat Orissa.

So gibt es ein staatliches Programm, das jedem Dorfbewohner jährlich 100 Tage Arbeit zum staatlichen Mindestlohn garantiert. Das Wissen um das Programm erreicht die Adressaten jedoch nur selten. SHED geht in die Dörfer, informiert die Bewohner, registriert die Arbeiter/innen (meist noch per Fingerabdruck) und begleitet die jeweilige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Bei dem Besuch des Dorfes Ontra sahen wir ein solches Ergebnis: Der Pfad zum Dorf wurde zu einer befahrbaren Straße ausgebaut. Bei diesem vom Dorfkomitee beschlossenen fünfwöchigen Bauprojekt waren 15 Arbeiter/innen aus dem Dorf beteiligt, die vom indischen Staat entlohnt wurden - dank der Vermittlerrolle von SHED.

Für dieses Jahr wurden gut 50.000 € für vier Projekte von SHED bewilligt. Spenden erbeten unter dem Stichwort „SHED Orissa“.


Was trägt Indien selbst bei?
(November 2008, Waltraud Schneiders)

Durch die häufigen Medienberichte über die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien werden wir immer wieder gefragt, ob es denn überhaupt noch notwendig sei, für Indien zu spenden und ob nicht innerhalb des wirtschaftlich erstarkenden Indien mehr gegen die Armut getan werden könnte. Die Frage ist sicherlich berechtigt. Allerdings muss man zunächst die ungeheuren Dimensionen dieses Subkontinents und den geringen Lebensstandard seiner Bevölkerung berücksichtigen: Das Durchschnittseinkommen etwa lag bei der letzten Erhebung 2005 noch wenig über 400 € - im Jahr! Und auf den Großteil der Bevölkerung hat der vielgepriesene Wirtschaftsboom derzeit praktisch keine Auswirkungen. Die unteren Kasten und die Adivasi (Stammesbevölkerung) haben aufgrund ihrer mangelnden Bildung und der miserablen Infrastruktur in ihrem Lebensraum keinen Zugang zum Wirtschafts- und Arbeitsmarkt.

Die indische Regierung tut viel, um hier mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Sie braucht allerdings die Zusammenarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen (NROs), um die Mittel effizient zu den Menschen zu bringen. Und hier kommen die Indienhilfe und ihre Partner ins Spiel.

Beispiel Orissa: Die IH-Partnerorganisation SHED (Society for Health, Education and Development) ist seit Anfang der 90er Jahre in Adivasi-Gebieten im Süden Orissas tätig. Mit Ihrer Hilfe konnte SHED dort Basis-Gesundheitsdienste einrichten, Alphabetisierung betreiben, die Landwirtschaft entwickeln. Die wichtigste und tragfähigste Strategie war aber der Aufbau und die kompetente Begleitung von Selbsthilfegruppen (vor allem von Frauen). Durch sie wurde die Dorfbevölkerung in die Lage versetzt, die vielen von der Zentralregierung und vom Bundesstaat Orissa angebotenen Programme zur Entwicklung von Adivasi-Gebieten abzurufen und in ihren Dörfern umzusetzen. Auf diese Weise hat Ihre Spende einen wesentlich größeren, nachhaltigen Nutzen für die arme Bevölkerung.

Im Finanzjahr 1.4.07 bis 31.3.08 hat SHED von der Indienhilfe 52.673 € für vier Projekte erhalten. Im gleichen Zeitraum konnten für das Projektgebiet, das 3709 Haushalte umfasst, insgesamt knapp 260.000 Euro aus indischen Regierungsprogrammen eingesetzt werden - eine Summe, die das Gebiet ohne das Engagement von SHED, ohne den Aufbau und die ständige Betreuung und Fortbildung der Selbsthilfegruppen nie erreicht hätte.

So wurde Ihre Spende zum maximalen Nutzen der armen Dorfbevölkerung eingesetzt und durch die Mittel der indischen Regierungsstellen versechsfacht.


Unterernährung ist die häufigste Todesursache indischer Kinder: 
Pilotprojekt der Indienhilfe für extrem unterernährte Säuglinge und Kleinkinder in vier Adivasidörfern

(November 2008, Sabine Dlugosch)

„Somenath trinkt nicht. Und meine Frau ist zu schwach, aufzustehen.“ klagt Samu Hembrom, als ihn die dörfliche Gesundheitsarbeiterin nach seinem neu geborenen Sohn fragt. Vor drei Tagen war das Kind im staatlichen Krankenhaus zur Welt gekommen, doch die Umstände waren alles andere als glücklich: Somenath wurde auf dem Flur geboren und fiel während der Geburt zu Boden. Seine Mutter war von der schweren Geburt zu geschwächt, um das Neugeborene zu stillen. Trotzdem hatte der kleine Somenath Glück: Gerade war die deutsche Kinderärztin Monika Golembiewski im Dorf, die sich seit 13 Jahren mehrere Wochen im Jahr um die Gesundheit der Kinder kümmert. Die Untersuchung ergab, dass Somenath stark untergewichtig und dehydriert war. Fütterungsversuche scheiterten. So wurde der Junge in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht, wo er nach einer Infusion bald wieder zu Kräften kam. Ohne die schnelle Hilfe hätte Somenath keine Überlebenschance gehabt. Seine Familie hätte sich weder den Transport ins Krankenhaus, noch die medizinische Behandlung leisten können.

50 Millionen Kinder unter fünf Jahren in Indien sind unterernährt - nicht alle haben so viel Glück wie Somenath. Jedes Jahr sterben mehr als zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren: neben Durchfallerkrankungen und Lungenentzündung vor allem an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Armut, Unwissenheit, falsche Ernährungspraktiken sind wesentliche Faktoren dabei. Verschärft hat sich die Situation im letzten Jahr durch die stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Jede dritte Frau in Indien leidet an Unterernährung und hat so ein erhöhtes Risiko, ein untergewichtiges Kind zur Welt zu bringen mit einer 20-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit, im Säuglingsalter zu sterben1).

In den letzten Jahren haben wir das überwältigende Problem der Unterernährung von Kindern in den Indienhilfe-Projektdörfern intensiver in den Blick genommen, denn die Schäden, die dadurch im Säuglingsalter entstehen, beeinträchtigen irreversibel die gesamte körperliche wie geistige Entwicklung des Kindes. Für jedes einzelne Kind soll ein individuelles Konzept entwickelt werden, um seine Situation nachhaltig zu verbessern.

Deshalb begrüßten wir es, ein Pilot-Ernährungsprogramm zur Normalisierung des Gewichts von 120 stark unterernährten Kindern aus vier Dörfern im Projektgebiet von Manab Jamin2) zu fördern, das die beiden deutschen Studenten Silvia Mangatter und Nico Golembiewski in Zusammenarbeit mit Monika Golembiewski entwickelt haben.

In Kochkursen lernen die Mütter, einen einfachen, aber nahrhaften Brei für Ihre Kinder zuzubereiten. (Foto: S. Mangatter)

Zunächst wurden alle Kinder unter fünf Jahren gemessen, gewogen und kinderärztlich untersucht. Das Ergebnis zeigte, dass viele Kinder an Unterernährung, sowie Protein- und Vitaminmangel leiden, weil sich die Familien hauptsächlich von Reis und Linsen ernähren - Obst, Gemüse, Milchprodukte, Eier oder Fleisch können sie sich nicht leisten. So wurde ein Speiseplan entwickelt, nach dem die Kinder zweimal pro Woche eine gehaltvolle, protein- und vitaminreiche Mahlzeit bekommen. Alle zwei Monate wird das Gewicht der Kinder überprüft. Mütter, die nicht stillen können wie bei Somenath, erhalten Milchpulver. In regelmäßigen Treffen lernen die Mütter, wie sie gesunde ausgewogene Mahlzeiten mit lokal erhältlichen Nahrungsmitteln preiswert zubereiten können und welche grundlegenden Hygiene-Regeln zu beachten sind. Die Mütter kochen abwechselnd mit, um das Essen zu Hause nachkochen zu können.

Durch das Programm, das seit zehn Monaten läuft, hat sich der Zustand der Kinder deutlich verbessert, doch die Gewichtszunahme ist noch nicht befriedigend. Es zeigt sich, dass die Beseitigung von Unterernährung neben Behebung akuter Krisen ein langfristiges Konzept erfordert, das neben Aspekten wie sauberes Trinkwasser, Hygiene, Aufklärungsarbeit mit den Eltern auch einkommenschaffende Maßnahmen umfasst.3) Die Erfahrungen aus dem Ernährungsprogramm werden in die künftige Projektplanung einfließen, um die Mangel- und Unterernährung der Kinder in unseren Projektgebieten wirkungsvoller zu bekämpfen.

Die Kosten für das Ernährungsprogramm belaufen sich auf 1.700 Euro, die wir aus dem Notfallfonds finanziert haben. Für die Weiterentwicklung wie für sofortige Hilfsmaßnahmen sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen!

Spenden-Stichwort „Notfallfonds“

1) Quelle: „UN warning on Indian child health“, BBC online, 5.8.2008
2) Zwei Projektdörfer von Manab Jamin, zwei von Martin Kämpchen betreute Dörfer
3) Drei erfahrene Mitarbeiterinnen von IH-Partnerorganisationen trafen sich im August 08 mit dem Projektteam, um das Konzept kennen zu lernen und es kritisch zu kommentieren. Kopie des Berichts erhältlich gegen eine Spende (Stichwort Notfallfonds-Studie) von mind. 5 €.


Projektpartner SHED von Pogromen gegen Christen in Orissa betroffen
(November 2008, Sabine Dlugosch)

Glimpflich abgelaufen ist der Angriff eines Hindu-Mobs auf ein Projektzentrum der von einem Christen geleiteten Indienhilfe-Partner-Organisation SHED: Lediglich zwei Motorräder verbrannten, Menschen kamen nicht zu Schaden. Seit August kommt es in Orissa zu Exzessen gegen Christen, die ursprünglich meist den Unberührbaren oder den Adivasi angehörten. Tausende flohen aus ihren Dörfern in den Dschungel oder in Flüchtlingslager. Ausgelöst wurden die Ausschreitungen durch den Mord an einem hindu-nationalistischen Guru, der den Christen angelastet wird, obwohl eine maoistische Terrorgruppe sich dazu bekannte. Die Ursprünge des Konflikts gehen auf Missionierungs-Vorwürfe von Hindu-Fanatikern zurück. Die Religion wird vorgeschoben, um wirtschaftliche Interessen und politische Machtansprüche zu sichern1).

Seit 1992 arbeitet die Indienhilfe mit SHED zusammen, um die extreme Armut von etwa 4.000 Adivasifamilien in 88 unzugänglichen Dörfern und den Slums von Rayagada zu bekämpfen. Durch einen ganzheitlichen Ansatz mit Bildung, Gesundheit, Frauen-Selbsthilfegruppen und einkommenschaffenden Maßnahmen (Mikrokredite) leistet SHED einen wichtigen Beitrag zur friedlichen Entwicklung in der Region. Menschen, die eine Perspektive für ihren Weg aus der Armut haben, lassen sich weniger von radikalen Gruppierungen instrumentalisieren. IH-Vorstand Udo Kirkamp ist derzeit unterwegs zu einem Projektbesuch bei SHED - wir hoffen, dass er ohne Gefahr reisen kann.

Mit einem Budget von 50.000 € gehört SHED zu unseren größten Partnern. Uns fehlen noch ca. 25.000 € - Spenden unter dem Stichwort „SHED - Orissa“

1) Ausführliche
Darstellung der komplexen Zusammenhänge finden Sie hier

Adivasi im Radio
Regine Linder und Sabine Dlugosch, Indienhilfe, informierten am 15. September 2008 im „Eine Welt Report aus München“ bei Radio Lora über die Kultur der Adivasi sowie über die Situation in Orissa. (Mitschnitt der Sendung auf CD gegen Spende von mind. 5 €, Stichwort Adivasi-CD).



Bikash - ein Modell macht Schule: Weitere dörfliche Behindertenzentren im Bankura-Distrikt eröffnet
(November 2008, Sabine Dlugosch)
„Seht auf das, was wir k ö n n e n!“ - eine neue Einstellung gegenüber Behinderten macht sich im Projektgebiet von Bikash in einem der ärmsten Distrikte Westbengalens bemerkbar. Gerade wurde in zwei neuen Dörfern eine regelmäßige Behindertenbetreuung eingerichtet, auf Initiative der örtlichen Frauen-Selbsthilfe-Gruppen und mit Unterstützung der Dorfräte, ohne zusätzliches Geld von der Indienhilfe. Räumlichkeiten und Lehrmaterial stellt die Kommune, den Unterricht übernehmen Mitarbeiter der sechs bestehenden, von der Indienhilfe finanzierten, Zentren zusätzlich.

Der Neubau des Sonderpädagogischen Zentrums, der nur durch größte Anstrengungen unserer Unterstützer möglich wurde, wird voll genutzt: in den Therapieräumen finden von morgens bis abends Gruppen- und Einzeltherapie, Arbeitstherapie und Nachhilfeunterricht statt. Daneben betreibt Bikash Lobbyarbeit, klärt über die Rechte Behinderter auf, hilft bei der Beschaffung von Regierungshilfen, sensibilisiert für die Schwierigkeiten von Behinderten und ihren Familien und setzt sich für ihre Integration an den Schulen ein.

Was noch fehlt, ist eine Kurzzeitpflege-Station, in der Angehörige ihre behinderten Familienmitglieder temporär unterbringen können, um sie in familiären Notlagen (z.B. Krankheit oder Erschöpfung der pflegenden Angehörigen) zu versorgen. Auf Grund unseres finanziellen Engpasses übernehmen wir derzeit außer den Gehältern für eine Mindestzahl an Sonderpädagogen und Therapeuten für die Tageseinrichtung keine anderen Kosten. Nur mit Extra-Spenden und Zuschüssen könnten wir Bikash die Finanzierung des zusätzlich nötigen Pflegepersonals zusagen. Zusätzlich nötig wäre auch eine verstärkte Präventivarbeit, wie unsere Beraterin Sibani Bhattacharya aus dem Indienhilfe-Büro Kolkata bei ihrem Projektbesuch kürzlich feststellte.

Bikash-Herbstinfo 08

„Wo gehört der Bindi hin?“ Indienhilfe-Mitarbeiterin Sibani Bhattacharya traf bei ihrem Projektbesuch mit den behinderten Kindern zusammen, die von Bikash betreut werden. (Foto: S. Bhattacharya)



Nicht nur Symptome, sondern Ursachen bekämpfen - neue Initiative der Indienhilfe gegen Kinderarbeit
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)

Kinder als Hilfsarbeiter in einer Ziegelei

"Wenn ich groß bin, will ich Krankenschwester werden!" erzählt die neunjährige Rekha mit glänzenden Augen. Zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Brüdern lebt sie in Sarada Colony, der Siedlung der Ziegeleiarbeiter bei Malda, der Distriktstadt im Norden Westbengalens. Ursprünglich stammt die Familie aus Bihar, dem benachbarten Bundesstaat, aber Armut und Arbeitslosigkeit zwangen sie, ihre Heimat zu verlassen. Acht Monate im Jahr lebt die fünfköpfige Familie in einem kleinen Raum ohne Toilette, den ihnen der Ziegeleibesitzer zur Verfügung stellt. Während der Regenzeit kehren sie in ihr Heimatdorf nach Bihar zurück.
Seit zwei Jahren arbeiten Rekhas Eltern in der Ziegelei, ihr Verdienst liegt bei 75 bis 100 Rupien (1,50 bis 2 Euro) pro Woche, abhängig von der Anzahl der hergestellten Ziegel. Die Mitarbeit der Kinder ist unverzichtbar, um das Überleben der Familie zu sichern. Während die Eltern die Ziegel herstellen, ist es Aufgabe der Kinder, das benötigte Rohmaterial herbeizuschaffen. In der brütenden Hitze schleppen sie schwere Gefäße und Schalen mit Wasser und Lehm auf dem Kopf lange Strecken über das Ziegelfeld. Die Luft ist voller Staub und Ruß, das Atmen fällt schwer. Die meisten Kinder leiden an Augenentzündungen und Bronchialproblemen sowie an Unterernährung. Das Mittagessen besteht in Rekhas Familie aus Kichererbsenmehl mit Wasser und Salz, einer Mahlzeit, die schwer verdaulich ist und daher für einige Zeit das Hungergefühl unterdrückt. Am Abend gibt es Reis mit Kartoffeln, dessen Reste am nächsten Morgen gegessen werden. Gemüse und Obst kann sich die Familie nicht leisten, so dass den Kindern wichtige Vitamine fehlen.

Rekha ist glücklich: sie besucht die zweite Klasse der Kinderarbeiter-Schule unserer Partnerorganisation Rural Health Development Center (RHDC). Seit knapp zwei Jahren unterrichten dort zwei Lehrer täglich von 11 bis 13 Uhr 52 Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren. Dabei ist die Schule nicht nur Ort des Lernens, sondern man kümmert sich auch um die ganzheitliche Entwicklung der Kinder. Vor Beginn des Unterrichts haben die Kinder Zeit, sich beim gemeinsamen Spielen auszutoben und ihre Kindheit zu genießen. Bevor es schließlich ans Rechnen, Lesen und Schreiben geht, wird meditiert, um die notwendige Ruhe und Konzentration zum Lernen herzustellen. Anfangs bestand die Befürchtung, dass die Migrantenkinder durch lange Fehlzeiten den Anschluss an den Unterricht verpassen. Diese Sorge erwies sich aber als unbegründet: in ihren Heimatdörfern in Bihar und Jharkhand besuchen die Kinder eine Schule und der Wechsel der Unterrichtssprachen zwischen Bengali und Hindi stellt für sie kein Problem dar. Häufig sind es die Migrantenkinder, die besonders engagiert und regelmäßig am Unterricht teilnehmen. Ferner besucht regelmäßig ein Arzt die Schule und überprüft den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder. Im Gegensatz zu Rekha besuchen ihre Brüder keine Schule. Da sie älter und kräftiger sind als das zierliche Mädchen, können sie selbst Ziegelsteine herstellen und dadurch einen wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen leisten - jeder zusätzlich produzierte Ziegelstein bedeutet einen höheren Verdienst. Auch Rekha muss ausserhalb der Schulzeiten arbeiten. Wie viele Mädchen in ihrem Alter ist sie für die Versorgung des Haushalts und das Kochen zuständig, da die Mutter den ganzen Tag in der Ziegelei arbeitet.

Kinder wie Rekha und ihre Brüder gibt es viele in Indien. Insgesamt wird die Zahl der arbeitenden Kinder auf bis zu 100 Mio. geschätzt, je nach Definition und Altersgrenze. Ein Großteil von ihnen ist in der Landwirtschaft beschäftigt, als Viehhirten, Holzsammler oder Wasserträger. Zu den Tätigkeiten der Mädchen gehören Kochen, Putzen, Waschen und Hüten der jüngeren Geschwister, sei es im elterlichen Haushalt oder als Angestellte bei reicheren Familien, wo sie häufig Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind. Besonders schlimm ist beispielsweise Recycling-Einheiten, wo mit bloßen Händen Batterien in ihre Einzelteile zerlegt oder Glasscherben sortiert werden, Steinbrüche, in denen Kinder mit schweren Maschinen und Sprengstoffen arbeiten, und auch Ziegeleien, in denen Staub, Hitze und das Tragen schwerer Lasten die Gesundheit der Kinder negativ beeinträchtigen.

Mit der Gründung eines "Netzwerks gegen Kinderarbeit in gesundheitsschädlichen Bereichen" Anfang 2005 hat die Indienhilfe gemeinsam mit ihren indischen Partnern den Kampf gegen Kinderarbeit als neuen Schwerpunkt aufgenommen. Ziel ist es, durch ständigen Erfahrungsaustausch gemeinsam Modelle zu entwickeln, um Alternativen für die Kinder zu schaffen und ihre Rechte zu stärken. Angesichts des riesigen Aufgabenfelds und der Geschäftsinteressen derer, die von Kinderarbeit profitieren, wird zunächst mit einfachen Maßnahmen, wie Schulbildung und medizinische Versorgung, begonnen. Gleichzeitig wird versucht, über Lobbyarbeit ein Bewußtsein bei Regierung und Öffentlichkeit zu schaffen, um die Ursachen von Kinderarbeit langfristig zu bekämpfen.
Momentan besucht Timm Christmann, ein Historiker und Journalist aus Heidelberg, als ehrenamtlicher volunteer die Projektpartner der Indienhilfe und recherchiert über die Situation von Kinderarbeitern in den jeweiligen Gebieten. Den Abschluß seiner sechsmonatigen Reise, die er komplett selbst finanziert, bildet ein zweitägiger Workshop, der zum einen der Lobbyarbeit und zum anderen der Weiterentwicklung des Netzwerks dient. Während am ersten Tag mit Vertretern der Regierung und der Öffentlichkeit Probleme bei der Umsetzung von Regierungsprogrammen im Kampf gegen Kinderarbeit erörtert werden, dient der zweite Tag der Ausarbeitung eines konkreten Aktionsplans des Netzwerks. Neben UNICEF werden die indische Kinderrechtsorganisation CRY (Child Rights and You) sowie die MV Foundation aus Südindien, die bereits 150.000 Kinderarbeiter erfolgreich eingeschult hat, ihre Modelle vorstellen und gemeinsam mit den Indienhilfe-Partnern das weitere Vorgehen diskutieren.


Sie wollen, dass ihre Kinder es besser haben - zu Besuch im Adivasi-Projekt West Midnapur
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)

"Das Haus ist ziemlich groß, man sieht jedoch mit einem Blick, dass es heruntergekommen ist. Der Älteste der Brüder, das Oberhaupt der Familie, gilt als der schlimmste Säufer der ganzen Gegend. Eine Frau in schmutzigem Sari öffnet uns. Vor dem Haus hockt eine alte Frau auf dem Boden und stiert uns mit glasigem Blick an. Es ist die Mutter der Brüder. Sie trägt keine Bluse unter ihrem Sari und trinkt schon zum Frühstück ihr Reisbier.
Wir betreten das finstere, fensterlose Haus. Die Innenausstattung ist ärmlich, es gibt kaum Geräte. Schlafräume sind nicht vorhanden. Der Mann schläft in einem ebenerdigen Getreidespeicher. Die Veranda, nach außen abgegrenzt durch geflochtene Matten, dient gleichzeitig als Stall für Kühe, Ziegen und Hühner. Winzige Küken wuseln herum. Über eine gefährlich steile Leiter gelangen wir in das Obergeschoß. Auch hier ist ein Speicher, der zugleich als Schlafraum dient. Wie und wo hier jemand schlafen kann, ist mir schleierhaft. Ich sehe keinen Platz, wo ein Mensch sich hätte ausstrecken können. Wir entdecken einen Bogen an der Wand, ohne Pfeile. Lawrence flüstert mir zu, dass die Frauen die Pfeile verstecken, damit der Hausherr in betrunkenem Zustand keinen Schaden anrichten kann. Es kommt vor, dass er im Rausch aggressiv wird und einen Nachbarn bedroht.
Das Haus wirkt auf mich bedrückend. Es ist offensichtlich, dass hier elende Armut herrscht und schlecht gewirtschaftet wird. Der Hof ist voll schmutziger, halbnackter Kinder. Frauen kreischen, ohne uns zu beachten."

Eine Haupteinnahmequelle der Frauen ist das Nähen von Sal-Blatt-Tellern. Aus ihren Ersparnissen bezahlen die SHG-Frauen gemeinsam einen Mann, der ihre Ware direkt auf dem Großmarkt verkauft. So werden die Mittelmänner ausgeschaltet, die den Frauen die Teller in den Dörfern für einen sehr viel geringeren Preis abkaufen wollen, um sie selbst weit teurer zu verkaufen. Foto: Karl Rellensmann

Susanne Schaup, Schriftstellerin aus Wien und langjähriges Indienhilfe-Mitglied, verbrachte im Rahmen einer von der Indienhilfe organisierten Projektreise1) im Februar mehrere Tage im West Midnapur Distrikt. Das von ihr besuchte Haus ist keine Besonderheit. Die im Projektgebiet lebenden Adivasi (indigene Bevölkerung), hauptsächlich Santhals und Lodhas, gehören zur ärmsten Bevölkerungsschicht Indiens. Die Abholzung ihres ursprünglichen Lebensraums, des Dschungels, brachte sie um ihre Existenzgrundlage. Statt zu jagen und zu sammeln, versuchen sie, ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner, Pächter und Kleinstbauern zu verdienen. Ihr Einkommen reicht meist nicht einmal aus, die Familien ausreichend zu ernähren. Häufig dient Reisbier als Ersatz für eine Mahlzeit - es ist billig, verdrängt den Hunger, und der Alkohol betäubt die Sorgen. Viele Kinder sind vernachlässigt, unterernährt, verwurmt, häufig krank.

Dem gegenüber sind in den von der Indienhilfe unterstützten Dörfern des "Integrated Development Project (IDP) West Midnapur" schon rein äußerlich deutliche Fortschritte festzustellen: die Menschen achten auf ihr Äußeres, halten ihre Kleidung in Ordnung, sind gesünder, besser ernährt, machen einen wacheren und selbstbewußteren Eindruck. Ihre Dörfer und Hütten sind sauberer und werden instand gehalten. Es gibt üppige Küchengärten, die Trinkwasserstellen sind befestigt und sauber, und sogar Toiletten finden sich! Neben den traditionellen Taglöhnertätigkeiten florieren Handwerk und Dienstleistungsbereich. Die Wände der Lehmhäuser sind mit Werbung für die staatlichen Polio-Impfprogramme und die Ein- bis Zweikindfamilie bemalt.

Partner der Indienhilfe ist hier die kirchliche Entwicklungsorganisation "Seva Kendra Calcutta (SKC)". Dreißig neue Dörfer sollen heuer einbezogen, mehrere tausend Adivasi-Familien, vor allem die am stärksten an den Rand gedrängten Lodhas, in dann insgesamt 77 Dörfern erreicht werden. Rückgrat der Dorfentwicklung sind die Selbsthilfegruppen (SHGs). Jeweils 10 bis 20 Frauen aus Nachbarschaften schließen sich dabei zu Spar- und Aktionsgruppen zusammen und nehmen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen selbst in die Hand, beraten und unterstützt durch die Dorfanimator/innen des Projekts. 307 erfolgreiche Gruppen existieren schon, 90 neue sollen 2006 gegründet werden! Susanne Schaup war beeindruckt von ihrem Treffen mit den Frauen:

" Am Nachmittag treffen wir eine Frauengruppe in einem Lodha-Dorf. Sieben Frauen mit zehn Kindern sind in das von der IH finanzierte "Lernzentrum" gekommen, wo morgens die Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden. Alle Frauen sind in ihren besten Saris erschienen. Sie tragen bunte Armreifen, Nasenbrillanten, eine sogar einen goldenen Nasenring. Immer mehr Frauen strömen herbei und Kinder, die uns zusehen, ein paar recht wilde darunter, andere in ordentlichen Kleidern. Es ergibt sich ein lebhaftes Gespräch. Die Frauen haben einen Sparkreis gegründet. Sie sind Analphabetinnen, können aber immerhin ihren Namen schreiben und zahlen pünktlich ihre monatliche Einlage von 35 Rs (0,70 €). Stolz zeigen sie uns ihre Kasse, eine Metallbox, in der sich ihre Ersparnisse von insgesamt 1.700 Rs (34€) befinden. Es fällt den Frauen nicht leicht, von ihrem geringen Verdienst Geld für die Sparkasse abzuzweigen. Aber sie schaffen es irgendwie. Sie sparen für ihre Kinder und ihre Altersversorgung.
Es fällt mir nicht leicht, von den Dorfbewohnern Abschied zu nehmen. Diese Frauen, die mit uns getanzt und gesprochen haben, die uns an ihrem Alltag teilnehmen ließen, sind mir ans Herz gewachsen. Es ist ihnen ein Anliegen, dass die Entwicklung in ihrem Dorf weitergeht. Sie wollen, daß ihre Kinder es besser haben. Überall habe ich den Eindruck, daß die SHGs von den Frauen bereitwillig angenommen werden und dass sie ihnen einen echten Rückhalt geben."

Der Erfolg des Projekts wird auch im Bereich Bildung deutlich: Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen mittlerweile die lokalen Regierungsschulen, so dass die einstigen Non-formalen Schulen in Nachhilfezentren umgewandelt werden konnten. Weil die meisten Eltern nicht lesen und schreiben können, sind Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe durch die Projektmitarbeiter wesentliche Voraussetzung, um im staatlichen indischen Schulbetrieb bestehen zu können. Neu in diesem Jahr ist die Aufnahme von Umweltbildung in den Zentren. Durch die Beobachtung und Erfassung der wichtigsten Bäume in der Umgebung ihres Dorfes nehmen die Kinder ihre Umwelt bewußter wahr und können Veränderungsprozesse erkennen ("Participatory Vegetation Monitoring"). Auf Basis dieses Wissens sollen die Kinder ein Bewußtsein für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen entwickeln und eigene Aktivitäten zum Schutz der Umwelt durchführen und so dem weiteren Absterben des Dschungels entgegenwirken.
Verantwortlich für die stärkere Einbeziehung von Umweltaspekten in die Aktivitäten ist der neue Koordinator Sudarshan Dey, der das Projekt seit August 2005 leitet. Für ihn ist Entwicklung ein ganzheitlicher Prozess, der Bildung, Gesundheit, Ökonomie und Öklogie umfaßt, die sich gegenseitig beeinflussen: mangelnde Bildung führt zu einem geringen Bewußtsein über Hygiene und vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen. Der dadurch verschlechterte Gesundheitszustand führt zu Verdienstausfällen und der Entstehung hoher Arztkosten, die sich wiederum negativ auf die finanzielle Situation der Familie auswirken. Um das Überleben der Familie zu sichern, müssen die Kinder arbeiten anstatt eine Schule zu besuchen. Gleichzeitig führt die durch Armut und häufige Darmerkrankungen bedingte Mangel- und Fehlernährung zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

(Zitate: Susanne Schaup)


Für das Projekt werden in diesem Jahr 61.000 € benötigt: z.B. 3.300€ für die Ausbildung der SHG-Leiterinnen, Lern- und Lehrmittel à 85 € für 83 Nachhilfezentren, Schuluniformen und -taschen à 2€ für 80 Lodha-Kinder, 390 € für die Umweltbildung, Fernlernkurs "Sektorale Integration" für 17 Mitarbeiter à 50 €, Gehälter für 87 Dorf-Animatoren - der durchschnittliche Jahresverdienst eines Animators beträgt 185 €.

Insgesamt werden mehr als 5.500 Familien erreicht, in denen 10.000 Kinder leben: reelle Zukunftsperspektiven für etwa 6 € pro Kind!
Spenden unter dem Stichwort "IDP Midnapur".

1) selbstverständlich von den Teilnehmer/innen aus eigener Tasche bezahlt


Nicht jeder entwickelt sich gleich schnell
Regine Linder
(Mai 2006)

Haben Sie diese Erfahrung vielleicht auch bei Ihren Kindern gemacht? Bei unserem diesjährigen Projektbesuch haben wir bemerkt, dass diese Feststellung auch auf Dorfentwicklung zutrifft: Von den ursprünglich 64 Dörfern des Dongria Kondh Projekts unserer Partnerorganisation SHED haben sich einige schon nachhaltig entwickelt, so dass sich SHED weitgehend zurückziehen konnte. Bei einigen "Spätzündern" kommt die Entwicklung hingegen nur langsam voran.

Auf einem immer schmaler werdenden Pfad geht es eine halbe Stunde zu Fuß Richtung Berge. Unser Ziel ist das noch sehr ursprüngliche Dorf Raelima. Wir haben dieses Dorf schon vor 6 Jahren besucht. Damals schien es wie ausgestorben, die Dorfbewohner ließen sich nicht sehen. Raelima 2006: Wir werden von neugierigen Menschen umringt, alle sehr freundlich, bereit, uns ihre Häuser zu zeigen... Die Stimmung im Dorf ist auffällig verändert. Vertrauensbildung - unverzichtbare Grundlage für erfolgreiche Entwicklungsarbeit - hat in diesem Dorf offenbar besonders lange gebraucht. Inzwischen hat sich dort mit Unterstützung von SHED eine erste Selbsthilfegruppe gegründet.

Pujariguda ist hingegen eines von mehreren Dörfern, in dem sich SHED seit zwei Jahren überflüssig gemacht hat: Ernährungs- und Gesundheitszustand der Dorfbewohner ist befriedigend, die Kinder gehen in die Schule, die Menschen sprechen nicht nur ihre Stammessprache Kui, sondern auch die Landessprache Oriya, und sie sind politisch selbstbewusst geworden. Hatte bisher SHED dafür gesorgt, dass Fördermaßnahmen der Regierung das Dorf erreicht haben (z.B. eine feste Dorfstraße, ein Schulgebäude), so kümmern sich jetzt diese Dorfbewohner selbst darum.

Die meisten der verbliebenen 50 Projektdörfer werden allerdings SHEDs Unterstützung noch eine Weile brauchen. Das Dorf Dibalpadu z.B, das wir heuer besucht haben, lebt mit seinen 57 Familien nur von Hirse und Reis, 43 Familien sind unter der Armutsgrenze. Die Monate vor der Regenzeit herrscht regelmäßig Hunger, da die Nahrungsvorräte nicht über die ganze Trockenzeit reichen. Der für Dibalpadu zuständige Cluster Worker von SHED kommt einmal pro Woche ins Dorf und hat viel zu tun. Er hilft der Selbsthilfegruppe bei allen Formalitäten (z.B. in Zusammenhang mit Bankkrediten), berät bei Planung und Durchführung von einkommenschaffenden Maßnahmen; daneben wird er bei Krankheiten zu Rate gezogen, motiviert zum Anlegen von Küchengärten und betreut das Village Action Committee: eine Gruppierung von Männern und Frauen, die die Weiterentwicklung ihres Dorfes plant und die analysierten Probleme gezielt anzugehen versucht. Auf Betreiben von SHED wurde in dem Dorf als Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung kürzlich eine staatliche Schule für Kinderarbeiter eingerichtet, die wir besuchten. Zwei junge engagierte Lehrer unterrichten 50 Kinder aus der Gegend, die bisher ihre Tage mit Viehhüten oder Hausarbeit zubrachten.

In den 50 Projektdörfern, in denen etwa 12.000 Menschen leben, wird SHED auch dieses Jahr Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Schwerpunkte sind die Betreuung der Selbsthilfegruppen, die Gesundheitsarbeit, die Förderung von lokalen Führungspersönlichkeiten und die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Auf unterster Ebene sind dafür 10 Cluster Workers zuständig, die etwa 50 € monatlich verdienen. Neben diesen sind die Gehälter des Koordinators, der beiden Ärzte, Trainings, Fahrtkosten usw. zu finanzieren.
Für das Finanzjahr 2006-07 hat die Indienhilfe für dieses Projekt ca. 18.000 € zugesagt. Mit dem Dank an unsere bisherigen Unterstützer verbinden wir die dringende Bitte um Spenden für das "Dongria Kondh Projekt".


Indienhilfe-Partner setzt auf Regenwasser zur Bewässerung und Trinkwasserversorgung
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Unermüdlich setzt sich die Indienhilfe-Partnerorganisation Ektagram Vikas Samiti (EVS) seit vielen Jahren für die Erforschung, Bewahrung und Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen ein. Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene, vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Ein Problem stellte allerdings die Bewässerung der Pflanzen in der Trockenzeit dar. Der Versuch, einen Brunnen zu bauen schlug fehl und daher wurde auf eine innovative und nachhaltige Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: durch Auffangen von Regenwasser ("Rainwater Harvesting") wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Die Regenwasser-Auffang-Anlage soll auch anderen als Modell für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung dienen.

Elisabeth Kreuz, Vorstandsvorsitzende der Indienhilfe Herrsching, konnte sich bei ihrem selbstfinanzierten Besuch im Projekt von der Funktionalität der Anlage überzeugen: erst kürzlich hatte es stark geregnet und das Auffang-Becken war nahezu randvoll. Beeindruckt war sie von der Vorführung, wie mit Hilfe von Schläuchen und einer Pumpe das Wasser in die Heilkräuterplantage geleitet wird, die sich zu einer gut gedeihenden grünen Pflanzenlandschaft entwickelt hat. Sie berichtet von einer weiteren Besonderheit: "Erstaunt stellte ich fest, dass jeden Morgen ein Mitarbeiter der Organisation in dem Auffangbecken schwamm. Auf meine Nachfrage wurde mir erläutert, dass dies notwendig sei, um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhalten, der notwendig ist, um die Wasserpflanzen und Fische am Leben zu halten, die dort angesiedelt sind und zum eigenen Verzehr gehalten werden."

Gleichzeitig wird ein Teil des aufgefangenen Regenwassers in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Gerade in den abgelegenen Dörfern Westbengalens ist die Versorgung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser ein Problem: es gibt zu wenig Brunnen und die Grundwasserreserven reichen nicht aus. Die Menschen müssen daher bakteriell kontaminiertes Wasser verwenden, das oft zu schweren Durchfallerkrankungen und tödlichen Magen-Darm-Erkrankungen führt, vor allem bei Kindern. Die Filterung des Regenwassers bietet hier eine relativ einfache und kostengünstige Möglichkeit der Beschaffung sicheren Trinkwassers.

Bei ihren Aktivitäten beschränkt sich EVS allerdings nicht nur auf die Erforschung des Wissens um traditionelle Heilpflanzen und –methoden, sondern leistet auch einen Beitrag zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der Adivasi im Projektgebiet. Seit diesem Jahr besteht ein Schulungsprogramm, das die Nutzung der traditionellen Heilpflanzen wieder in das Bewusstsein der Adivasi bringen soll. Frauen aus Adivasi-Dörfern werden sowohl in der Gesundheitsvorsorge wie auch im häuslichen Gebrauch traditioneller Heilmethoden unterrichtet. Gleichzeitig lernen die Frauen, wie sie die kostbaren Heilkräuter in ihren eigenen Gärten anpflanzen können, um diese dann zu fairen Preisen an EVS zu verkaufen. Bisher wurden die Fortbildungen immer unter freiem Himmel abgehalten, aber nun soll ein kleines Trainingszentrum gebaut werden.

Für den Bau des Trainingszentrums sucht die Indienhilfe noch dringend finanzielle Unterstützung und bittet um Spenden auf das Konto 430 377 663 bei der Kreissparkasse Mü-Starnberg, BLZ 702 501 50, Stichwort "Ektagram"


“So haben wir noch nie auf Kinder geschaut ...”
ICDP: Ein kulturunabhängiges Kompetenztraining für Eltern und Pädagogen

Dr. Karl-Peter Hubbertz
(Dezember 2005)

"Es ist mir zum ersten Mal nach 12 Jahren Schule deutlich geworden, dass ich jedes Kind als eine eigene und besondere Person sehen und verstehen kann!" Diese Aussage stammt von Anima Chatterjee aus Malda, die im dortigen RHDC-Zentrum Kinderarbeiter/innen unterrichtet. Ihr Statement ist ein Beispiel für die Begeisterung und die Lernmotivation, welche ein Einführungsseminar zum ICDP bei den MitarbeiterInnen in Malda auslöste. Der allgemeine Tenor war: Das ist völlig neu für uns - so haben wir noch nie auf Kinder geschaut!

Im Dezember 2004 und im Januar 2005 wurde an zwei Projektstandorten der Indienhilfe, Atghara (Vikas Kendra) und Malda in West-Bengalen, jeweils ein dreitägiger Einführungsworkshop zum ICDP durchgeführt. Teilnehmer/innen waren Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrer und Ärzte, die in den Bereichen Förderkindergärten (SVKs), Heim, Schule, Gesundheitserziehung und Selbsthilfegruppen von Müttern tätig sind. Viele Teilnehmer/innen waren begeistert von diesem Seminar. Sie wünschten sich eine Fortsetzung ("come again!") und betonten, wie gerne sie weiterlernen würden.

Was ist ICDP? ICDP (= International Child Development Programmes) ist ein speziell für Entwicklungsländer konzipiertes Training. Es wendet sich an Eltern und andere Bezugspersonen, die mit Kindern zusammen leben oder arbeiten, welche in ihrer Entwicklung gefährdet sind. Solche "children at risk" leben meist in Armutsgebieten und sozial benachteiligten Familien. Es sind oft auch traumatisierte Kinder, Kinder, die ihre Eltern verloren haben, entwurzelte Kinder, Kinderarbeiter oder Straßenkinder.

Der beste Weg, solche Kinder langfristig zu fördern, ist neben der Absicherung von Wohnen, Ernährung, Gesundheit und Schulbildung die Unterstützung ihrer primären Bezugspersonen bei der Erziehung. Diesen Grundsatz macht sich das ICDP zu eigen. Das Programm wurde von dem norwegischen Entwicklungspsychologen K. Hundeide entwickelt und in verschiedenen Ländern der Dritten Welt erprobt und evaluiert. Es ähnelt in seiner äußeren Struktur einem herkömmlichen Elterntraining und vermittelt basale Leitlinien kindlicher Entwicklungsförderung und Erziehung.

Drei Prinzipien machen das ICDP für Adressaten in fremden Kulturen besonders geeignet:

- Das Prinzip der Sensibilisierung: Es geht nicht darum, Wissen über Erziehungsprozesse aus unserer westlichen Kultur nach Indien zu importieren. Ziel ist vielmehr, Eltern und Erzieher für eigene, natürliche Erziehungsfähigkeiten zu sensibilisieren. Solche Fähigkeiten (sog. "local child rearing practices and traditions") geraten unter besonders belasteten Lebensumständen oft in Vergessenheit. Sie sollen aktiviert und Erziehungspersonen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden.
- Das Prinzip der Verknüpfung von Einfühlung, emotionaler Zuwendung und Lernförderung: Das ICDP sieht Erziehung und kindliche Entwicklungsförderung als ganzheitlichen Prozess. Es gibt Eltern nicht nur Orientierung für ihre emotionale Beziehung zum Kind, sondern auch praktische Anregungen für kognitive Lernförderung und schulische Bildung.
- Das Prinzip der Einfachheit: ICDP verzichtet weitgehend auf schriftliche Texte und paper-pencil-Übungen. Das Programm arbeitet primär mit Fotos, Rollenspielen und anderen praktischen Übungen. Es beschränkt sich auf die Vermittlung weniger Leitlinien, die von den TeilnehmerInnen im Erziehungsalltag praktisch umgesetzt werden. So ist dieses Training auch besonders für Mütter und Väter geeignet, die weder lesen noch schreiben können.

ICDP wurde von der WHO als Förderprogramm für Entwicklungsländer anerkannt und übernommen. Auch besteht eine enge Kooperation mit UNICEF in verschiedenen Ländern, z.B. in Kolumbien. Weitere Länderschwerpunkte sind Angola, Mozambique und Mazedonien.

Weitere Planung: Geplant ist nun ein weiteres, einwöchiges Seminar im Februar 2006, das für die Teilnehmer aus den verschiedenen Projekten zentral in Kalkutta stattfinden soll. Hier soll es darum gehen, ein strukturiertes ICDP-Programm für Elterngruppen zu vermitteln, das 12 Treffen umfasst und viele praktische Übungen enthält. Auch einzelne Bausteine aus diesem Curriculum können von den Teilnehmern in ihrer Arbeit mit Eltern, z.B. in der Selbsthilfegruppenarbeit, sinnvoll genutzt werden. Für September 2006 ist dann ein Supervisionsseminar vorgesehen, in dem die Kursteilnehmer ihre praktischen Erfahrungen mit dem ICDP reflektieren können und neue Anregungen erhalten.

Weitere Information zum ICDP: www.icdp.info (lohnenswert!)

Der Referent: Dr. Karl-Peter Hubbertz ist Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge. Er war 20 Jahre hauptberuflich in Erziehungs- und Familienberatungsstellen tätig. Seit 1999 ist er Hochschullehrer am Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg und bildet SozialarbeiterInnen aus. K.-P. Hubbertz ist Mitglied der Indienhilfe und hat eine Fortbildung in ICDP absolviert. Er kennt die MitarbeiterInnen der Indienhilfe-Projekte in West-Bengalen und bereitet das Seminar in 2006 zusammen mit ihnen vor. K.-P. Hubbertz finanziert seine ICDP-Fortbildung und seine Indienaufenthalte aus eigener Tasche. Die Indienhilfe trägt lediglich die Kosten, die für Anfahrt, Unterbringung und Verpflegung der IH-Projektmitarbeiter und für eine Übersetzerin vor Ort anfallen. Die Kosten für die ersten Workshops betrugen ca. 550 Euro, für 2006 werden ca. 1.500 Euro benötigt. Spenden unter dem Stichwort ICDP.


10 Jahre Ananda Kendra - Zuflucht für Menschen in Not

Waltraud Schneiders
(Dezember 2005)

Zehn Jahre besteht Ananda Kendra - das "Zentrum der Freude" - nun schon! Angegliedert an das ländliche Projekt "Vikas Kendra" in Atghara (50 km nordöstlich von Kalkutta) bietet es derzeit mehr als 40 Menschen ein Zuhause: 24 Sozialwaisen aus extrem armen und kaputten Verhältnissen, vier mittellosen alten Leuten und zwölf Frauen in Not mit ihren Kindern. Viele von ihnen waren Gewalt und Missbrauch ausgesetzt.

Fachkundige Betreuung soll den Frauen helfen, ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können. Sie erlernen z.B. Schneiderei, Weberei, Stickerei, auch schon mal Barfußtiermedizin, holen eine Schulbildung nach, erhalten die notwendige Gesundheitsversorgung und Beistand, um Konflikte mit Ehemännern und Familien in den Griff zu bekommen oder Unterhaltszahlungen zu erstreiten.

Einige sind psychisch krank und werden entsprechend betreut. Viele Frauen konnten bereits wieder erfolgreich rehabilitiert werden. Es wird versucht, mit ihnen Kontakt zu halten, auch wenn Sie AK verlassen haben - ob allein stehend oder wieder in ihren Familien lebend. Die in AK lebenden Kinder besuchen die örtlichen Schulen und werden mit dem notwendigen Lernmaterial versorgt.

Gerade ist Malina Halder in AK eingezogen, 10 Jahre alt, Tochter einer Schlangenbeschwörer-Familie. Da ihre Eltern häufig außer Haus sind und sie nicht beaufsichtigen können, sollte Malina nun verheiratet werden, um "ihren guten Ruf zu erhalten". Sie wandte sich in ihrer Verzweiflung an die Sozialarbeiter von Vikas Kendra, deren Nachhilfezentrum sie seit einiger Zeit besucht. Nun lebt sie beschützt in AK und darf als erstes Mädchen ihres Viertels eine weiterführende Schule besuchen.

Der indische Staat trägt den größten Teil der Kosten für die erwachsenen Frauen, die Indienhilfe vor allem für die "Sozialwaisen".

In diesem Jahr werden 6.000 Euro benötigt - Spenden unter dem Stichwort "Ananda Kendra". Wir danken dem Verein Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der 3. Welt in Rosenheim/Brannenburg für die regelmäßige Unterstützung.


Krabbelstube für Kalkuttas Slum-Kinder in Lake Gardens

Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Notdürftige Unterkünfte aus Bambusstäben und Plastikplanen, ein Teich als Badezimmer, dazwischen Eisenbahnschienen, auf denen Kinder spielen und in regelmäßigen Abständen die Ringeisenbahn vorbei rattert - die illegale Siedlung im Süden Kalkuttas zwischen den Bahnstationen Dhakuria und Lake Gardens ist nur eine von vielen in der Millionenstadt. Tausende von Menschen, die im Lauf der Zeit aus den ländlichen Gebieten nach Kalkutta kamen, leben in solchen unautorisierten Siedlungen. Im Straßenbau, als Bauarbeiter und mit anderen schlecht bezahlten Tätigkeiten kämpfen sie um das tägliche Überleben ihrer Familien. Ihre Arbeitskraft ist für die Stadtentwicklung unerlässlich, aber Wohnraum ist keiner für sie vorgesehen. Als einzige Lösung bleibt ihnen die Ansiedlung auf öffentlichem Grund, wo sie jahrelang in menschenunwürdigen Verhältnissen leben. Einige der Siedlungen werden später als Wohngebiete anerkannt, aber viele bleiben illegal. So auch die Siedlung Lake Gardens. Die Lebensbedingungen sind katastrophal: keine Toiletten, kein sauberes Trinkwasser, kein Strom, keinerlei medizinische Versorgung. Erschwert werden die Lebensbedingungen durch die ständig drohenden Zwangsräumungen durch die Stadtverwaltung. Die ständige Bedrohung ihrer Existenz ist eine große psychische Belastung und verhindert den Aufbau einer langfristigen Lebensperspektive, worunter vor allem die Kinder zu leiden haben, die mit einem ständigen Gefühl der Unsicherheit aufwachsen.

Besonders schwierig ist die Situation der Mädchen und Frauen. Die Familien sind für ihr Überleben auf das Einkommen beider Eltern angewiesen, so bleibt den Müttern neben Erwerbsarbeit und Haushalt kaum Zeit, sich um die Bedürfnisse und Ausbildung ihrer Kinder zu kümmern. Mädchen werden anstatt zur Schule als Hausangestellte zu wohlhabenden Familien geschickt, wo sie häufig sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind. Lediglich 50% der Mädchen erhalten eine Grundschulbildung, während es bei den Jungen 98% sind. Auch der Gesundheitszustand der Mädchen ist wesentlich schlechter und sie leiden häufiger an Mangel- und Fehlernährung.

Unser neuer Projektpartner Lake Gardens Women & Child Development Center (LGW&CDC) hat es sich daher zur vorrangigen Aufgabe gemacht, die Situation der Mädchen und Frauen im illegalen Slum Lake Gardens zu verbessern. Gegründet wurde LGW&CDC von der Deutschen Cecilie Sircar, die 1990 im Rahmen ihrer Diplomarbeit auf das Elend der Menschen in den Slums am Bahndamm und auf die schlechte Bildungssituation der Mädchen aufmerksam wurde. 1994 eröffnete sie zusammen mit ihrem Mann, einem Bengalen, das Projektzentrum, das als Ort des Schutzes für Mädchen aus den benachbarten Slums dienen soll.

Anfangs besuchten 24 Mädchen den Unterricht, der meist in der Mittagszeit stattfand, um den arbeitenden Kindern die Teilnahme zu ermöglichen. Schon bald kamen immer mehr, so dass in verschiedenen Schichten unterrichtet wurde: am frühen Nachmittag findet Schulunterricht statt, anschliessend wird Nachhilfeunterricht angeboten. Am Abend finden für die älteren Mädchen Kurse in Werken, Handarbeit, Hygiene, Ernährungs- und Gesundheitserziehung sowie Ausbildungen für Schwesternhelferinnen, Schneiderinnen, Kosmetikerinnen etc. statt. In einem kleinen Laden werden die von den Mädchen hergestellten Gegenstände verkauft. Der Erlös wird für jedes Mädchen auf einem Konto angelegt und später als Startkapital für den Beginn einer selbständigen Tätigkeit verwendet.

Die Indienhilfe arbeitet seit diesem Jahr mit LGW&CDC zusammen und unterstützt vor allem die neu eingerichtete Krabbelstube, in der etwa 20 Kinder arbeitender Mütter im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren betreut werden. Fünf Teilzeitkräfte kümmern sich abwechselnd um die Kinder, spielen mit ihnen und bringen ihnen die grundlegenden Regeln persönlicher Hygiene bei. Die Entwicklung und der Gesundheitszustand der Kinder werden regelmäßig von einem Arzt kontrolliert. Kranke Kinder werden in einer separaten Ecke gepflegt und medizinisch betreut. Eine tägliche warme und nahrhafte Mahlzeit trägt zur Verbesserung des Gesundheitszustands der Kinder bei, von denen etwa 80% unter Mangel- und Fehlernährung leiden, wenn sie in das Zentrum kommen.

Für die Mütter ist die Einrichtung der Kinderkrippe eine große Erleichterung. Sie können ihrer Erwerbsarbeit nachgehen und wissen zugleich, dass ihre Kinder gut versorgt sind.

Die Einrichtung und den Betrieb der Kinderkrippe unterstützt die Indienhilfe in diesem Jahr mit 3.300 Euro.

Wenn Sie dieses Projekt unterstützen möchten, spenden Sie bitte unter dem Stichwort "Lake Gardens".


Swanirvar: Start für Shikshamitra, das “Offene Lernzentrum" in Kalkutta
Regine Linder
(Dezember 2005)

Zwanzig Jungen und Mädchen zwischen 9 und 15 Jahren sitzen gedrängt im Kreis um eine volle Tasse Wasser, in der nach und nach immer mehr Münzen verschwinden. Wie viele Geldstücke passen noch in die Tasse, bis sie überläuft? Atemlose Stille...

Später wird die Gruppe geteilt: Die begabteren Kinder werden gemeinsam eine Collage zum Monatsthema "Wasser" gestalten, und noch später wird die Collage im Bengali-Unterricht Gegenstand einer Bildbeschreibung sein - ganzheitlicher Unterricht für junge Menschen, die aus den Slums in Kalkuttas Stadtteil Chetla stammen (die Eltern sind häufig Analphabeten) und in normalen Schulen nicht zurechtkommen. Wenn überhaupt, dann haben die Jungen und Mädchen es nur bis zur vierten Klasse geschafft.

Der andere Teil der Gruppe tut sich selbst hier in dieser Schule nicht leicht. Auch diese Kinder sind schon in öffentlichen Schulen gewesen und zwischen 9 und 15 Jahre alt, aber sie können noch nicht oder kaum lesen und schreiben - sie plagen sich noch zu sehr mit dem bengalischen Alphabet. Dafür malen sie lieber Bilder und erzählen dann Geschichten um ihre Bilder herum. Bilder malen ist das Höchste. Die Kinder sind davon so begeistert, dass sie dabei ganz still werden. Dabei können viele von ihnen sonst kaum ruhig sitzen bleiben, kennen noch keine Disziplin, zeigen Verhaltensstörungen aufgrund ihrer schweren Lebensumstände.
Dies eine Kostprobe aus dem Schulalltag im "Open Learning Centre" unserer Partnerorganisation Swanirvar. Vor einem Jahr hatten wir von der Vision des Ehepaares Sinha berichtet, eine alternative Oberschule für arme Jugendliche in Kalkutta (und später auf dem Land) als Schule mit Modellcharakter für Westbengalen aufzubauen.

Seit Mitte 2004 wurde an den Voraussetzungen für die Verwirklichung des Projekts gearbeitet. Lehrpläne wurden neu durchdacht, geeignete Lehrkräfte mussten gefunden und geschult werden. Als schließlich auch geeignete Räumlichkeiten gefunden und eingerichtet und aus der Umgebung genügend Schulanmeldungen vorhanden waren, wurde die neue Schule am 18.April 2005 feierlich eingeweiht.

Sujit Sinha (ein in Princeton promovierter Chemiker, dem sein soziales Engagement wichtiger als die wissenschaftliche Karriere wurde), hatte 1989 Swanirvar gegründet und sich seither mit Modellkindergärten und -grundschulen für Kinder aus armen Familien auf dem Land, Schülerökoclubs und anderen Initiativen im pädagogischen Bereich einen Namen gemacht (siehe unser Herbst-Info 2004). Dabei stand er in ständigem Kontakt mit staatlichen Behörden. So verwundert es nicht, wenn Swanirvars ganzheitliche Lehrmethoden Aufmerksamkeit und Anerkennung fanden. Dies äußert sich beispielsweise darin, dass Fortbildungen von Swanirvar für staatliche Lehrer sehr gefragt sind.
Die neu eröffnete Schule möchte beispielhaft Jugendlichen aus den Slums von Kalkutta eine über die Grundschule hinausgehende Bildung ermöglichen, die auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, ihre Persönlichkeit fördert und praxisorientiert wesentliche Kompetenzen und Fertigkeiten, Werte und natürlich Wissen vermittelt. Die Jugendlichen sollen in der Lage sein, einen staatlichen Schulabschluss zu machen und dann eine weitere Ausbildung oder eine Arbeit zu finden. Darüber hinaus wird auch ihr Bewusstsein für Umwelt und Soziales geschärft, damit sie sich später dafür engagieren und Verantwortung übernehmen.

Das Zentrum soll keine Konkurrenzveranstaltung zu öffentlichen Schulen sein, sondern ein Ort, an dem für diese Zielgruppe eine adäquate Lernumgebung, Inhalte und Methoden entwickelt und erprobt werden, um sie dann auf öffentliche Schulen zu übertragen.

Für das laufende Finanzjahr hat die Indienhilfe 20.000 Euro zur Verfügung gestellt (Gehälter der Lehrer, Lehr- und Lernmaterial, Grundausstattung der Schule, Miete). Spenden unter dem Stichwort "Swanirvar".


Bewässerung mit Regenwasser
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Erforschung, Bewahrung und Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen der Adivasi in Westbengalen: dafür setzt sich unsere Partnerorganisation EVS - Ektagram Vikas Samiti1) unermüdlich ein.
Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene, vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Der Versuch, einen Brunnen zu bauen, um die wertvollen Pflanzen während der Trockenzeit zu bewässern, schlug fehl. Deshalb wurde jetzt auf eine innovative und nachhaltige Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: Durch Auffangen von Regenwasser (Rainwater Harvesting) wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Ein Teil des Regenwassers wird in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Die Anlage soll auch anderen als Modell für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung dienen. Kosten: ca. 4.000 €. Spenden bitte unter dem Stichwort Rainwater Harvesting .

1) Zum Schutz der Personen und ihres Wissens um traditionelle Heilpflanzen vor Missbrauch wurden in diesem Artikel die Namens- und Ortsangaben verändert


Behinderung kein Randthema für die Indienhilfe -
gemeindebasierte Rehabilitation mit dem neuen Partner BIKASH

Regine Linder
(Juni 2005)

Steht Sie? Bikash-Gruppe in Fengabasa

Wie wäre mein Leben, wenn ich als behindertes Mädchen in Indien zur Welt gekommen wäre? Wenn ich außerdem sechs Geschwister hätte, von denen drei wie ich zu dünne Beine hätten und nicht stehen, nicht gehen könnten? Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als Elisabeth Kreuz, mein Mann Hansjörg und ich im November 2004 einem Treffen von Kindern mit Behinderung, ihren Müttern und jungen ausgebildeten Ehrenamtlichen in der Grundschule von Fengabasa beiwohnten. Vor uns wurde ein mageres, etwa dreijähriges Mädchen im roten Kleid auf seine Füße gestellt - es blieb stehen, zur hellen Freude aller Anwesenden. Tags zuvor hatte sie eine Therapeutin mit Übungen soweit gebracht: ein erster Schritt zur Lebensverbesserung dieses Kindes und seiner Familie.

Wir befanden uns auf Besuch bei BIKASH, einer Entwicklungsorganisation, die aus mehr als 50 Bewerbungen als potentielle neue Partnerorganisation der Indienhilfe ausgewählt worden war. BIKASH hat seinen Sitz im Bankura Distrikt, etwa 200 km nordwestlich von Kalkutta. Seit der Gründung 1996 ist BIKASH rasch gewachsen. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht die Förderung von Kindern und Frauen, insbesondere solcher mit Behinderungen, und ihrer Rechte.
Mit der Gründung von BIKASH verfolgte das Ehepaar Uttam und Madhabi Mukherjee einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit Behinderung. Sie sind sich bewusst, dass die hohe Zahl von Behinderungen im Bankura Distrikt mit der großen Armut der Bevölkerung zu tun hat und nicht isoliert behandelt werden kann.

Über 90 % der Menschen in diesem Distrikt leben auf dem Land und sind überwiegend von der Landwirtschaft abhängig. Die schlechten Böden und häufige Dürre lassen nicht mehr als eine Ernte zu. Die chronische Unterernährung macht anfällig für Krankheiten und Behinderungen. Das heißt: weil die Leute arm sind, weil die schwangeren und stillenden Frauen nicht ausreichend zu essen haben, ihnen kein sauberes Trinkwasser, keine sanitären Anlagen zur Verfügung stehen, weil sie bis zur Geburt (und gleich danach) schwere körperliche Arbeit verrichten, weil ihnen - neben Bildung - medizinische Betreuung fehlt, gibt es so viele Risikogeburten und so viele Kinder mit Behinderung. Und mit behinderten Kindern ist es erst recht aussichtslos, aus diesem Teufelskreis der Armut herauszukommen - außer es gibt Organisationen wie BIKASH, die Hilfestellung geben.

BIKASH mit seinen etwa 60 Mitarbeitern erreicht mehr als 10.000 arme Familien in 120 Dörfern und verbessert ihre Lebensverhältnisse: durch Kleinkreditprogramme und die Förderung von Selbsthilfegruppen, durch spezielle Gesundheits- und Ernährungshilfen für Schwangere und Stillende und ihre Kinder; durch ambulante Behandlung und Förderung von 75 behinderten Kindern und Jugendlichen im Centre for Special Education, und durch ein Programm, das ermöglicht, dass in über 700 Schulen Kinder mit leichten bis mäßigen Behinderungen in das normale Schulleben integriert werden.

Durch die bisherige Arbeit mit Selbsthilfegruppen in den Dörfern hat BIKASH das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen. Ihre Mitarbeiter werden immer öfter um Hilfe für behinderte Familienangehörige gebeten - ungewöhnlich, weil Behinderte eher versteckt werden. Madhabi, Sonderpädagogin aus Leidenschaft, entwickelte die Idee der gemeindebasierten Rehabilitation. Während Kinder mit schweren Behinderungen in überregionalen Einrichtungen oder im Zentrum bei Bankura behandelt werden, ist bei leichteren Formen Hilfe vor Ort möglich. Dafür wurden sechs Unterzentren geplant, die die behinderten Kinder von jeweils fünf umliegenden Dörfern betreuen und Aufklärungsarbeit leisten sollen, um künftige Behinderungen zu vermeiden.

Im Dorf Fengabasa war schon im Oktober des letzten Jahres mit einem "Probelauf" begonnen worden; das kleine Mädchen im roten Kleid konnte bereits von den Bemühungen der Sozialarbeiter und Therapeuten profitieren. Inzwischen haben alle sechs Unterzentren ihre Arbeit aufgenommen. Den jeweiligen Raum stellt entweder die Primarschule oder der örtliche Jugendclub kostenfrei zur Verfügung. In jedes Unterzentrum kommen fünfmal wöchentlich durchschnittlich 16 Kinder (insgesamt 52 Jungen und 47 Mädchen). Für jedes Unterzentrum sind zwei Fachkräfte vorgesehen, die aus den Dörfern rekrutiert und für ihre Aufgaben nach und nach ausgebildet werden. Sie werden von einem lokalen Team von vier Personen unterstützt: zwei Eltern, einem Behinderten und einer weiteren Person der Dorfgemeinschaft. Auf diese Weise wird den behinderten Kindern nicht nur direkt geholfen, sondern ein großer Kreis von Menschen wird für die Belange der Behinderten sensibilisiert. Langfristig wird dies dazu beitragen, dass die Behinderten nicht mehr am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.

Wir wünschen uns, dass möglichst viele junge behinderte Menschen von BIKASH profitieren, ihr Lebenspotential entdecken und entwickeln, und dass ihre gesellschaftliche Integration gelingt!

Auf der Basis unserer Eindrücke vor Ort und des Berichtes unserer indischen Berater bewilligte der Arbeitsausschuss der Indienhilfe für ein "Probejahr" die Kosten des neuen Projekts "Community based rehabilitation Bankura" in Höhe von 300.000 Rupien (etwa 6.000 €) für 2005/06 - 1.260 € für die Ausstattung der sechs Unterzentren, 1.980 € für Schulungen und Treffen und 2.760 € für Personalkosten. Bitte spenden Sie auf unser Projektkonto unter dem Stichwort "BIKASH"!


Der Armut auf den Fersen - Indienhilfe weitet Aktivitäten im Norden Westbengalens aus

Elisabeth Kreuz/Sabine Dlugosch
(Juni 2005)

Darjeeling - mit dem Klang dieses Namens verbinden sich für uns Vorstellungen von anmutigen Teepflückerinnen in grünen Teeplantagen mit dem besten Tee der Welt und von malerischen Hotels im britischen Kolonialstil in einem lieblichen Bergkurort im Himalaya. Doch Dr. Ratan Sarkar, Leiter unserer langjährigen bewährten Partnerorganisation Rural Health Development Centre (RHDC) belehrte uns eines anderen: die Menschen im Darjeeling Distrikt leiden unter schwerwiegenden Problemen und oft unter extremer Armut. Und es gibt bislang kaum NGOs (nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen), die den Menschen dort Wege aus der Not zeigen würden.

Die Briten ebenso wie ihre indischen Nachfolger hatten die Teeplantagen vor allem mit Hilfe nepalesischer Fremdarbeiter (Gurkhas) ausgebeutet. Die enormen Gewinne wurden nicht in die Pflege der Teebüsche, in neue ökologisch verträgliche Methoden und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter/innen reinvestiert. Für die Plantagenwirtschaft wurde der Regenwald rücksichtslos abgeholzt. Der Raubbau bewirkte die Überschuldung und Schließung vieler Teegärten und schwere ökologische Schäden, vor allem die Zerstörung von Regenwald und dramatische Bodenerosion. Zudem war Darjeeling in den 80-er Jahren Schauplatz gewalttätiger ethnischer Auseinandersetzungen mit Aufständischen der Nationalen Befreiungsfront der Gurkhas. Heute hat Darjeeling gewisse Selbstverwaltungsrechte und es geht friedlicher zu, doch lokale Terroristengruppen machen immer noch Sorgen.

RHDC hat seinen Sitz in Malda, ca. 350 km nördlich von Kolkata, 200 km südlich von Darjeeling. RHDC verfolgt einen doppelten Ansatz: konkrete Maßnahmen (Gesundheit, Bildung z.B. für Kinderarbeiter/innen, Frauen-Selbsthilfegruppen, Katastrophenprävention) für die Menschen in besonders armen Gebieten einerseits, gleichzeitige Förderung lokaler Organisationen andererseits, die die Verbesserung der Lebensbedingungen in der mittel- bis langfristigen Zukunft selbständig in die Hand nehmen können. Erfolgreichstes Beispiel: das Gesundheitsprojekt Adampur bei Malda, das RHDC vor zehn Jahren ins Leben gerufen hatte. Dort hat ein eigenständiger Trägerverein Planung und Durchführung der Aktivitäten übernommen. RHDC steht noch beratend zur Seite und regelt die finanzielle Abwicklung mit der Indienhilfe. Seit vielen Jahren ist RHDC in Netzwerken kleiner Dorforganisationen aktiv, die in den Überschwemmungsgebieten um Malda angesiedelt sind. Gemeinsam mit ihnen und sehr konkret wird z.B. weiträumig Schutz vor Überflutungsfolgen eingeübt, aber auch die Selbstorganisation verbessert.

RHDC hat sich nun entschlossen, sein Wissen und seine Erfahrung in neuen Gebieten zur Verfügung zu stellen. Zwei Regionen wurden ausgewählt - wegen ihrer extremen Bedürftigkeit und weil es engagierte Gruppen vor Ort gibt, mit denen RHDC zusammenarbeiten kann.

Eine davon ist die Theatergruppe Uttal Natya Gosthi in Siliguri, der Durchgangsstation am Rande des Darjeeling Distrikts. In der Form von Straßentheater greift Uttal wichtige Themen wie Bildung für alle, Umwelt, AIDS auf. Uttal appellierte an RHDC, nach Patharghata zu kommen, einem Gemeindeverbund etwa 20 km von Siliguri, geführt von einer tatkräftigen Bürgermeisterin. In den 5 Dörfern und 3 Teegärten des neuen Projektgebiets leben 75 % der Einwohner unter der Armutsgrenze, 70% gehören unteren Kasten oder den Adivasi (Stammesvölker) an. Sie arbeiten in Teegärten und Ziegeleien oder auf ihren viel zu kleinen Bauernhöfen und als Taglöhner. Kinderarbeit ist hoch, die Analphabetenrate auch. Es mangelt an einer medizinischen Grundversorgung, an Toiletten und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Es gibt saisonale Migration und Mädchenhandel.

Nach Rampur im Rayganj Block, North Dinajpur Distrikt, ca. 90 km nördlich von Malda, wurde RHDC von der Frauenorganisation SMOKUS gerufen. College-Studentinnen des Rayganj College hatten 1990 SMOKUS gegründet, um sich für die mißachteten Rechte der Frauen in den abgelegenen ländlichen Gebieten ihres Distrikts einzusetzen. Die inzwischen anerkannte NGO kämpft gegen Gewalt gegen Frauen, Schuldknechtschaft, organisierte Prostitution, Mitgiftmorde und Mädchenhandel, ist aber auch Partner im Netzwerk für Katastrophenprävention und initiiert Frauen-Selbsthilfegruppen. Im Rayganj Block steht die Abschaffung von Kinderarbeit zuoberst auf ihrer Agenda. Die Analphabetenrate ist dort mit 70 % extrem hoch, für Frauen sogar 86 %!! Das Land hier ist fruchtbar, doch die meisten Menschen haben nur winzige Parzellen oder arbeiten als Tagelöhner, 65 % gehören den unteren Kasten und Adivasi an und leben unter der Armutsgrenze.

Die Indienhilfe hat für die beiden neuen Projektgebiete in Patharghata/Darjeeling und Rampur/Nord Dinajpur für ein Jahr ähnliche Maßnahmen bewilligt: Durchführung einer detaillierten Feldstudie über die Situation vor Ort und Entwicklung eines bedarfsorientierten Projekt-Plans unter Beteiligung der betroffenen Menschen, der lokalen Organisationen und der gewählten Gemeinderäte (Panchayat Mitglieder), Förderung des Zusammenschlusses von Frauen in Selbsthilfegruppen, Aufbau einer medizinischen Grundversorgung, v.a. für Mütter und Kinder, Start einer Nonformalen Schule für nicht-eingeschulte Kinder und Schulabbrecher in Rampur, und natürlich auch der Aufbau eines guten Projektteams.
RHDC hat ein Kompetenz-Team mit seinen besten und erfahrensten Mitarbeiter/innen gebildet, die regelmäßig die neuen Projektgebiete besuchen werden, um die neuen Mitarbeiter zu schulen, anzuleiten und die Entwicklungen im Auge zu behalten.
Wir sind für die neuen Projekte auf Ihre Spenden angewiesen - 6.000 € werden für das Projekt in Darjeeling und 5.700 € für das SMOKUS-Projekt benötigt!

Bitte spenden Sie unter Angabe des Stichworts "Darjeeling" oder "SMOKUS" auf unser Projektkonto.


Indienhilfe ruft Netzwerk gegen Kinderarbeit in Batterie- und Altglas-Recycling ins Leben

Elisabeth Kreuz
(Juni 2005)

Kinder beim Glasrecycling

Blut tropft von dem braunen Kinderfuß auf die Plastikplane. Offensichtlich nichts Ungewöhnliches - routiniert wickelt ein Junge, etwa 12 Jahre alt, Blätter einer Pflanze, die hier überall wächst, um den Fuß seines kleinen Kollegen und befestigt sie mit Bindfaden. Sie soll blutstillende Wirkung haben. Hoffentlich bekommt er keine Infektion, wie kürzlich der Besitzer dieser Glassortieranlage - 30.000 Rs (600 €) mußte der für seine wochenlange Behandlung aufbringen. 25-50 Rs (50 Cent bis 1 €) ist der Verdienst für einen 8-stündigen Arbeitstag der Kinderarbeiter/innen - aufwendige Behandlungen sind da nicht drin.

Schnittverletzungen und Infektionen gehören ebenso wie Verätzungen zum Alltag der Kinder, die im Glas- und Batterie-Recycling arbeiten. Ein Junge, der einen riesigen mit Glas gefüllten Jutesack auf dem Kopf vom Lager zum Arbeitsplatz trägt, erzählt: "Oft rinnen Reste von chemischen Flüssigkeiten aus dem Sack und laufen mir übers Gesicht oder in die Haare." Die chronischen Vergiftungen der Arbeiter/innen durch Schwermetalle wie Blei und Quecksilber sind weniger augenfällig.

Mitarbeiter/innen von 7 Indienhilfe-Partner-NGOs aus Westbengalen sowie das indische IH-Team und Elisabeth Kreuz aus Herrsching nehmen an diesem Samstag, den 26. Februar 2005 einige der improvisierten Recycling-Anlagen in Augenschein, die sich rechts und links der Straße von Mogramor nach Atghara hinziehen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, der Frauen und Männer, die hier arbeiten - gerne, denn sie haben 30 Tage Beschäftigung im Monat - kümmerte bisher offensichtlich niemanden, und auch nicht die Verseuchung der Umwelt durch gefährliche Gifte. Toxische Brühe rinnt aus den Hügeln ausgeweideter Batterien direkt in die daneben liegenden Reisfelder und bringt die Stoffe in die Nahrungskette.

Gruppenbild des neuen Netzwerks mit der Indienhilfe-Vorsitzenden Elisabeth Kreuz

Die Eindrücke bei der kurzen Ortsbesichtigung bestärken die 26 Aktivist/innen, die sich heute in Vikas Kendra, dem Projektzentrum von SEVA in Atghara, 50 km von Kolkata, zusammensetzen, in ihrem Anliegen: endlich etwas zu tun! Wenn eine einzelne Entwicklungs-NGO zu schwach ist, sich auf die komplexe Problematik einzulassen, die nicht nur technisches Knowhow erfordert, sondern auch Ängste vor massiver Gegenwehr der Profiteure auslöst, dann muß man sich zusammenschließen!

Nach Präsentation erster Ergebnisse stichpunktartiger Untersuchungen und einem folgenden brainstorming der Männer und Frauen, die alle Entwicklungsprofis mit unterschiedlichen Schwerpunkten sind, wird ein gemeinsamer erster Aktionsplan aufgestellt:

  1. Kontaktaufnahme mit engagierten Medienvertreter/innen
  2. detaillierte Bestandsaufnahme der Situation und ihrer schädlichen Wirkungen
  3. Durchführung einfacher Maßnahmen zur Verbesserung der Situation vor allem der Kinder
  4. Erstellung eines langfristigen Aktionsplans auf der Basis klarer Ziele und für deren Erreichung notwendiger Schlüsselergebnisse und Maßnahmen
  5. nächstes Netzwerk-Treffen im November 2005 - Auswertung der vorliegenden Informationen und Planung
  6. mehrtägiger Workshop über kinderzentrierte Entwicklung mit dem Schwerpunkt Kinderarbeit im Februar 2006, gemeinsam mit Teilnehmer/innen der nächsten IH-Gruppenreise und Experten indischer Umwelt- und Entwicklungsorganisationen

    Einigkeit besteht darin, daß das Recycling per se positiv ist, doch daß davon kein Schaden für Mensch und Umwelt ausgehen darf. Die Betreiber der Anlagen werden nicht als Gegner gesehen, sondern sollen als Partner in einem für alle Beteiligten vorteilhaften Prozess angesprochen werden.

    Die Indienhilfe will zunächst 5.000 € zur Verfügung stellen: für die Durchführung der notwendigen Untersuchungen und für erste vertrauensbildende Maßnahmen wie Bereitstellung von Erster Hilfe, Hygiene- und Gesundheitsaufklärung, Einführung von Unfall- und Krankenversicherung, einfach durchführbare Sicherheitsmaßnahmen, Nonformale Schulen, Freizeitangebote.

    Bitte spenden Sie auf das Projektkonto der IH unter dem Stichwort "Recycling-Fonds"!
    Fordern Sie das Protokoll des NetzwerkTreffens an!

     

 


Entwicklung zum Wohl der Kinder - das Ziel aller Indienhilfe-Projekte

Elisabeth Kreuz
(Juni 2004)

Allen NGOs, mit denen die Indienhilfe zusammenarbeitet, ist gemeinsam, daß sie in ihren Projekt-Gebieten wichtige Partner der Kommunalparlamente und Entwicklungsbehörden bei der Umsetzung von Regierungsprogrammen sind. Einerseits. Andererseits befähigen sie durch ihre aufklärende und bewußtseinsbildende Arbeit die Menschen an der Basis, gerade auch die Frauen, ihre Stimme zu erheben, ihre Anliegen unerschrocken vorzubringen und bei der Findung von Lösungen unter Einsatz ihrer eigenen Ressourcen - z.B. Zeit und Arbeitskraft - mitzuwirken. Sie sprechen auch die Übel an, für die sie selbst die Verantwortung tragen, kämpfen gegen Alkoholismus, häusliche Gewalt, gesellschaftliche Vorurteile und Diskriminierung, Analphabetismus. Und eine dritte wichtige Rolle: unsere Partner machen Experimente und schaffen Modelle, von denen wiederum langfristig Gesellschaft und staatliche Institutionen profitieren.
Neben einigen besonderen Modellprojekten (z.B. Öko-Landbau, Frauen- und Waisenhaus, Altenarbeit, Produktion von pflanzlichen "tribal-Medikamenten") in unterschiedlichen Sektoren fördert die Indienhilfe vor allem Projekte ihrer Partner-NGOs, die das Wohl des Kindes in Familie und Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen (child centered community development).

Einige Beispiele:
Gesundheit: Impfprogramme, Fürsorge für Schwangere und Mütter, Ausbildung von traditionellen Dorfhebammen, gynäkologische Sprechstunden, Familienplanung, Gruppenarbeit mit Jugendlichen, sanitäre Hygiene, Verbreitung von Heilpflanzen und deren Anwendung, Förderung von individuellen oder gemeinschaftlichen Gemüse- und Obstgärten. Konkret: Zugang zu sauberem Trinkwasser vermindert bei den Kindern die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen und damit die Fehltage an den Schulen, verbessert den Ernährungszustand, spart Kosten.

Elisabeth Kreuz und Francis Deutsch (ETWA) im Gespräch mit einer Frauen-Selbsthilfegruppe im Midnapur-Projekt

Frauen-Selbsthilfegruppen (Self-Help Groups = SHGs): Erlernen demokratischer Regeln und Mechanismen, Analyse der Dorfsituation und gemeinsame soziale Aktionen, z.B. Kontrolle der Qualität der Trinkwasserbrunnen und ggf. Desinfektion, durch regelmäßige kleine Sparbeträge Aufbau eines gemeinsamen Kapitalstocks, von dem in Notfällen und für wirtschaftliche Investitionen Darlehen vergeben werden, nach Ansparen einer bestimmten Summe staatlich begünstigte Kredite für kooperative Projekte, z.B. die Pacht eines Guaven- oder Mangohains, parboiling von Reis, Betreiben einer Blumenzucht. Die Frauen in den SHGs gewinnen Vertrauen in die eigene Stärke und die Kraft der Solidarität, wenn sie gemeinsam handeln. Der Wille der Frauen, sich weiter zu entwickeln und ihre Armut zu überwinden ist sehr stark. Ein Erlebnis, das der Koordinator unseres Midnapur-Projekts (s. unser Bericht), mir erzählte, zeigt dies beispielhaft: Er traf eines Tages eine der Frauen von einer Selbsthilfegruppe dabei an, wie sie mit Holzkohle an der Lehmwand ihrer Küche Buchstaben übte. Wandschriften an den Lehmhäusern, wie sie z.B. bei der Kinderlähmungs-Impfkampagne angebracht werden, lieferten ihr die Vorbilder... Solche Frauen schicken ihre Kinder, auch die Mädchen, zur Schule und wollen, daß sie weiterkommen. "Wir halten Hühner oder sparen täglich eine Handvoll Reis. Wir sind stolz auf unseren eigenen Verdienst. Die Väter schaffen es oft nicht, ihre Kinder in die Schule zu schicken, aber wenn am Anfang des Schuljahrs eine Gebühr fällig wird, dann verkaufen wir eben ein Huhn...".

Bildung: um für Kinder der unteren Kasten und Unberührbaren (Dalits) oder der Adivasi-Bevölkerung die Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu erhöhen, fördern wir in allen Projektgebieten Vorschulen zur Vorbereitung auf eine erfolgreiche Einschulung (wobei meist gleichzeitig die Mütter in SHGs organisiert werden), nonformale Schulen für arbeitende und andere nicht eingeschulte Kinder mit dem Ziel, sie zum Übertritt in eine staatliche Schule zu befähigen, und Nachhilfezentren für Kinder, die Schwierigkeiten an der Schule haben, z.B. weil die Eltern Analphabeten sind und ihnen bei den Hausaufgaben nicht helfen können. Unsere Partner suchen vermehrt die Zusammenarbeit mit den staatlichen Schulen und unterstützen sie. Hier ist in Zukunft noch viel zu tun!
Gemeinsam arbeiten wir daran, die Qualität des Unterrichts in den Bildungsprojekten zu verbessern. Wichtigste Maßnahme derzeit: die Ausbildung aller Kindergärtnerinnen und nonformalen Lehrkräfte in den didaktischen Methoden des "joyful learning" mit einfachem, doch sehr farbenfrohem, ansprechendem, wirkungsvollem Lehrmaterial, entwickelt an der Loreto School Sealdah in Kolkata. Aus allen Projekten nehmen zwei Lehrer an einem mehrphasigen Training teil, das sie wiederum zur Ausbildung anderer befähigt (ToT - Training of Trainers).

Eine mögliche Folge extremer Armut: Kinderarbeit. Von ca. 20 Mio. Kinderarbeitern in Indien laut Regierung (nur feste Lohnempfänger) über ca. 40 Mio. (UNICEF) bis 70-80 Mio. (Campaign Against Child Labour India, CACL - ein Netzwerk von ca. 700 indischen NGOs) rangieren die Schätzungen. Die letztgenannte Zahl basiert auf der Zahl von Kindern, die keine Schule besuchen. Die meisten dieser Kinder, davon muß man ausgehen, arbeiten. Sie arbeiten zum überwiegenden Teil in der Landwirtschaft, sie arbeiten im sog. "informellen" Sektor, sie arbeiten unsichtbar in Haushalten, sie arbeiten in gefährlichen und gesundheitsschädigenden Bereichen, z.B. in Steinbrüchen, sie werden als Kindersklaven (bonded labour) ausgebeutet oder werden Opfer sexueller Ausbeutung. Die Indienhilfe fördert Kinderarbeiter-Projekte auf dem Land, die den Kindern ermöglichen, ein wenig Zeit zum Spielen und Kindsein zu finden, etwas zu lernen, vielleicht sogar Anschluß ans staatliche Schulsystem zu finden. Sie werden medizinisch betreut, bekommen eine Mahlzeit, lernen zu sparen. Und am Wichtigsten: die Projektmitarbeiter achten sie und gehen liebevoll und fürsorglich mit ihnen um. Sie können entdecken, daß das Leben vielleicht doch auch eine andere Perspektive für sie bereit hält und erhalten Hilfe auf diesem Weg.