Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,
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in einem Interview mit dem Dirigenten Ennoch zu Guttenberg und dem Bassisten Yorck Felix Speer über ihre Zusammenarbeit und Interpretation von Schostakowitschs 13. Symphonie ‚Babi Jar' sagt Speer: „... Natürlich, wir können nur etwas für das, was in der Zeit passiert, in der wir leben. ..."1 Dieser Satz fasst für mich auf einfachste Weise zusammen, was auch uns bei der Indienhilfe bewegt, in Bewegung versetzt: das Bewusstsein unserer persönlichen Verantwortung für das, was in unserer Zeit passiert. Unsere
erste erschütternde Erfahrung der unentschuldbaren Kluft zwischen Überfluss bei
uns und todbringendem Mangel im Entwicklungsland Indien, 1979 als
Medizinstudentinnen bei Mutter Teresa in Kalkutta, ließen meine Schwester
Angelika und mich 1980, vor 30 Jahren, die Indienhilfe gründen. Heute sind es
jährlich 800-900 Spender und Unterstützergruppen, die uns und unseren Partnern
in Indien die Hände reichen, um gemeinsam zu mehr weltweiter Gerechtigkeit und
einem verantwortungsvolleren, nachhaltigeren Lebensstil beizutragen. Das Geben und Teilen wird dabei reich
belohnt durch die Befriedigung, unsere Erde als Handelnde positiv mitgestalten
zu können. Unsere Welt wird lebensfreundlicher, wenn wir uns entscheiden, fair und ökologisch
produzierte und gehandelte Produkte zu bevorzugen und das mit Ausbeutung von
Mensch und Natur verknüpfte „Schnäppchen“ zu ignorieren. Unsere Welt wird froher, wenn wir durch unsere Spende indischen
Kindern und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen - weil sie Achtung
erfahren, weil ihr Recht auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse
respektiert wird. Weil sie befähigt werden, ihre Teilhabe am
gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben
einzufordern und ihren eigenen Beitrag dazu zu leisten. Alle haben etwas zu geben - alle werden beschenkt bei diesem Prozess der „Globalisierung der Solidarität“. Nicht nur bare Münze, auch Freundschaft, kultureller Reichtum, Lebensfreude, Lebensbewältigungs-Strategien, Erfahrung, die Fähigkeit, einfach zu leben etc. sind Währungen, in denen bei diesem Prozess getauscht wird. Deshalb ist es uns wichtig, neben der Projektarbeit die Neugier auf Indien und seine Kultur zu wecken, differenziert über Indien zu informieren und mehrere Schulpartnerschaften und die Städtepartnerschaft Herrsching - Chatra zu begleiten.
2009 machte uns viele Monate lang ein starker Spendenrückgang Sorgen. Doch: Auf Freunde ist Verlass! Mit Ihren Aktionen und Extra-Spenden im Weihnachtsmonat haben wir zum 31. Dezember mit ca. 360.000 € das herausragende Vorjahresergebnis nur |
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knapp um 6 Prozent verfehlt. Unsere Partner in Indien
konnten die Arbeit wie geplant fortsetzen und wir mussten für das neue indische
Projektjahr keine Aufgabe von Projektgebieten planen. Denn:
Einsparmöglichkeiten gibt es bei uns kaum. Wenn, dann müssten gleich ganze
Gebiete mit den dort an der Basis tätigen Dorfanimatoren, Erziehern, Sozial-
und Gesundheitsarbeitern, landwirtschaftlichen Beratern usw. aufgegeben werden.
Laufende Sach- und Programmkosten können oft lokal aufgebracht, staatliche
Aufgaben sollen nicht privat ersetzt werden; die Indienhilfe konzentriert sich auf die Stärkung der Armen innerhalb
ihrer Gesellschaft und ihres Staates, vor allem durch Bildung, Information,
Organisation. Und das geht am Besten über Menschen. Unsere zehn Partner-NGOs erreichten
2009 mit ihren Maßnahmen fast 18.000 Kinder aus 324 Dörfern und Slums, sowie
ca. 25.000 Angehörige, insbesondere in Selbsthilfegruppen organisierte Frauen,
die überwiegend am Existenzminimum von 1 bis 2 Dollar pro Tag leben. Etwa
345.000 € hat die Indienhilfe 2009 für die Projektarbeit ausgegeben,
durchschnittlich 8 € pro Person, um
Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen, bzw. Kindern den Weg dazu zu eröffnen! Im Namen der Indienhilfe danke ich
Ihnen für alle finanzielle wie auch praktische Hilfe im letzten Jahr! Bitte helfen Sie uns mit Ihren Spenden
auch 2010 für unsere laufenden Projekte: 370.000 € benötigen wir dieses Jahr!
Gewinnen Sie neue Spender, sprechen Sie Weltläden an, ob sie ein Projekt
mitfinanzieren können, organisieren Sie Aktionen (Spenden statt Geschenke,
Benefizveranstaltungen, Kollekten, matching grants des Arbeitgebers usw.)
zugunsten der Indienhilfe. Rufen Sie uns an oder mailen Sie uns - wir werden
Sie nach Kräften mit Informationen und Material unterstützen.
Ich
wünsche Ihnen jetzt einen guten Frühling und Sommer mit Kraft und Zeit für neue
Einsichten und Ausblicke,
Ihre Elisabeth Kreuz
1 Süddeutsche Zeitung vom 19.2.10, „Erschütternde
Erfahrungen“
Das Editorial als pdf-Datei (370 kb) finden Sie hier.... |
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Ernährungssicherheit durch Maßnahmen zur Anpassung an
Klimawandel „Wir können Euch nichts zeigen, nichts anbieten. Wir haben alles
verloren.“ Unter Tränen erzählt uns die alte Frau aus dem Dorf Pergumti, wie
sie und ihre Familie den Zyklon Aila überlebt haben, der am 25. Mai 2009 über
weite Teile Westbengalens hinwegfegte. Ums Leben kam zum Glück keiner der
Dorfbewohner, doch die 700 Familien haben sonst fast alles verloren - ihre
einfachen Lehmhütten, aus denen sie nur wenige Habseligkeiten retten konnten;
ihr Ackerland, das wegen des eingedrungenen salzigen Meerwassers
landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar ist; ihre Nutztiere, die in den Fluten
ertrunken oder aus Mangel an Süßwasser verdurstet sind. Am 14. Februar 2010 besuche ich das abgelegene Dorf auf der Insel Samsernagar in den Sunderbans, den Mangrovensümpfen im Ganges-Delta. Bereits die dreistündige Bootsfahrt zeigt, welch verheerende Folgen der Zyklon für das Gebiet hatte. Die über Jahrzehnte errichteten Deiche sind notdürftig wieder stabilisiert, doch die nächste Flut wird sie wieder einreißen. Dort, wo einst Dörfer standen, liegen Ruinen im Wasser, die Reste eines Tempels sind erkennbar. Von vielen Palmen ist nichts übrig als der Stamm, der gerade in den Himmel ragt - die Krone wurde von der Wucht des Sturms weggerissen. Im Dorf Pergumti versperren die Trümmer der eingestürzten Hütten auch neun Monate nach dem Zyklon noch die Dorfstrasse und die meisten Bewohner leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in notdürftig errichteten Unterkünften. In jeder Familie haben ein bis zwei Mitglieder (meist junge Männer) das Dorf verlassen, um in benachbarten Bundesstaaten Arbeit zu suchen und das Überleben der Familie zu sichern. Besonders leiden die Kinder unter der Situation. Ihre ernsten Blicke und traurigen Augen lassen die traumatischen Erlebnisse während des Zyklons erahnen. Ihr gesundheitlicher Zustand ist katastrophal. Der Mangel an sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln - die meisten Kinder müssen mit einer halben Mahlzeit oder weniger pro Tag auskommen - verstärken Durchfallerkrankungen, Mangel- und Unterernährung. An der staatlichen Schule bemühen sich die Lehrer, den Unterricht regelmäßig abzuhalten. Doch die Unterrichtsmaterialien, Bücher und Hefte sind nahezu vollständig zerstört, so dass viele Kinder gar nicht erst zur Schule kommen und in die Kinderarbeit abrutschen. |
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Der Dorfbesuch in Pergumti mit der direkten Erfahrung, welche Auswirkungen der Klimawandel auf jene Menschen hat, die von jeher unter schwierigsten Bedingungen auf den abgelegenen Sunderban-Inseln leben, bewegt mich sehr. Während wir, die Hauptverursacher mit unserem hohen Energieverbrauch, relativ gut geschützt vor Kälte- und Hitzewellen, Starkregen und Stürmen leben, sind diejenigen, die mit ihrem einfachen Lebensstil am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am stärksten durch seine Folgen in ihrer Existenz bedroht und werden mehr und mehr ihrer Lebensgrundlage beraubt. Noch während meines (wie immer privat finanzierten) Aufenthalts in Westbengalen bereiten wir mit unserem Partner DRCSC1 ein dreijähriges Modellprojekt im Dorf Pergumti vor, um die Ernährungssicherheit der Dorfbewohner unmittelbar zu gewährleisten und mit ihnen ein Vorbild für Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels zu entwickeln. Ziel ist es, Zukunftsperspektiven für die Kinder zu schaffen und die Dorfbewohner zu befähigen, sich ihre Lebensgrundlagen unter den sich verändernden Umweltbedingungen durch nachhaltige und ökologische Nutzung der Ressourcen zu erhalten.Recht auf Bildung in Gesetzgebung verankert Wie
wichtig den Eltern der Schulbesuch ihrer Kinder ist, erfahre ich immer wieder
bei den Gesprächen mit den Menschen in den Dörfern und Slums. Eine Mutter, die
mit ihrer siebenköpfigen Familie in einem kleinen Verschlag am Straßenrand im
Stadtzentrum von Kalkutta, direkt neben dem Abwasserkanal, lebt, antwortet auf
meine Frage, ob sie sich vorstellen könne, ihre 12jährige Tochter zur Arbeit
statt zur Schule zu schicken, entschieden, dass ihre Tochter nicht einmal
Wasser an der öffentlichen Wasserstelle holen müsse - der Schulbesuch der
Tochter ist ihr viel wichtiger als deren Mithilfe im Haushalt. Unter keinen
Umständen kann sie sich vorstellen, ihre Tochter vorzeitig aus der Schule zu
nehmen, um sie zum Arbeiten zu schicken oder minderjährig zu verheiraten. Über
den von der Indienhilfe im Rahmen des Nabadisha-Projekts der Women's Interlink
Foundation finanzierten Nachhilfeunterricht ist sie sehr froh, denn als
Analphabetin kann sie ihrer Tochter nicht bei den Hausaufgaben helfen. |
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Jugendliche engagieren sich für nachhaltige Dorfentwicklung Besonders beeindruckt mich das Treffen mit den Jugendlichen des Öko-Clubs im Dorf Paruldanga im Projektgebiet unseres Partners Manab Jamin, die sich für eine umweltfreundliche und nachhaltige Entwicklung ihres Dorfes einsetzen. Im Rahmen des seit fünf Jahren laufenden Öko-Club-Projekts haben alle unsere Projektpartner Jugendliche in Öko-Clubs organisiert, die sich unter fachlicher Anleitung unseres Partners DRCSC mit ökologischen Fragestellungen und Problemen in ihren Dörfern beschäftigen. Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit Umweltthemen ist die Vermittlung von Fähigkeiten wie Datensammlung und -auswertung, Erstellung von Postern und Präsentationen etc. zentraler Bestandteil des Projekts. Aus der ersten Generation der Öko-Club-Kinder, die inzwischen zu Jugendlichen herangewachsen sind, wurden im vergangenen Jahr Mädchen und Jungen mit besonderen Führungsqualitäten ausgewählt und in speziellen Trainings darauf vorbereitet, neue Öko-Clubs mit jüngeren Kindern anzuleiten. Während die Öko-Clubs bisher vor allem Kampagnen zur ökologischen Bewusstseinsbildung organisierten, sind in diesem Jahr zusätzlich konkrete klima- und umweltfreundliche Modelle (z.B. biologische Küchen- und Heilkräutergärten, Kompost- und Biogasanlagen, einfache Solarkocher) in den Dörfern geplant. |
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| Trotz der zahlreichen Erfolge bleibt noch viel zu
tun…. Nach fünf Wochen Projektreise kehre ich mit vielen Eindrücken nach Herrsching zurück. Erschüttert bin ich immer wieder über die extreme Armut und die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen viele Menschen in Indien, vor allem in den ländlichen Gebieten und in den Slums der Großstädte, noch immer leben müssen. Dankbar bin ich für die Erfahrungen und Gespräche bei den Dorfbesuchen, die mir zeigen, wie unsere Partner die Ärmsten der Armen befähigen, einen Weg aus Hunger und Armut zu finden, den Teufelskreis zu durchbrechen und Zukunftsperspektiven für ihre Kinder zu schaffen. Es sind die vielen kleinen Schritte und Erfolge, die eine dauerhafte und nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, vor allem der Kinder bringen. Noch sind viele, viele weitere Schritte notwendig, um allen Kindern den Weg in eine bessere Zukunft frei von Kinderarbeit zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir weiterhin auf Ihre Unterstützung angewiesen - bitte unterstützen Sie uns auch 2010 mit Ihren Spenden! |
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„Kantumma? Oh, die ist schon im letzten Jahr an Entkräftung gestorben.“
Diese Nachricht macht meinen Mann Hansjörg und mich sehr betroffen: Kantumma
(siehe Foto, aus dem Jahr 2002) haben wir im Lauf der letzten zehn Jahre bei
unseren SHED-Projektbesuchen regelmäßig getroffen. Sie war eine selbstbewusste
Bäuerin, im Nebenberuf Hebamme, und wir haben uns immer ausgetauscht über
unsere gleich großen Familien. Ihr Tod mit nur gut fünfzig Jahren ist nichts
Besonderes für die Leute im Projekt, eine höhere Lebenserwartung ist nach wie
vor eher die Ausnahme bei diesen Menschen, die als Kinder und oft auch später zu wenig zu essen bekommen und ihr Leben lang
äußerst schwer arbeiten. Anfang 2010 sind Hansjörg und ich wieder in den Süden
Orissas, etwa 1.000 km südlich von Kalkutta, gereist (wie üblich selbst
finanziert), um uns ein Bild vom Stand der Projekte unserer Partnerorganisation
SHED zu machen. Die Indienhilfe finanziert dort drei ländliche Projekte, sowie
eines für die Slumbewohner der Distrikthauptstadt Rayagada. Die Menschen, denen
die Projektaktivitäten zu Gute kommen, sind im Wesentlichen Ureinwohner
(Adivasi) vom Stamm der Kondhs, aber auch Unberührbare (Dalits). |
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Gut fanden wir
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Kinder: noch viel zu oft von Hunger, Krankheit und
Analphabetismus bedroht
Trotz der Fortschritte muss
noch viel getan werden, bis einzelne Dörfer oder ein ganzes Projektgebiet - wie
bereits geschehen - von SHED unabhängig werden können. Zwischen 70 % und 80 %
der Menschen in den ländlichen SHED-Projekten leben noch unter der
Armutsgrenze. Die Ernährungsgrundlage ist nur für die ersten Monate nach der
Ernte gesichert. Die staatliche Gesundheitsvorsorge ist immer noch völlig unzureichend.
Viele Kinder in den Dörfern sind unterernährt und erhalten keine ausreichende
Schulbildung.
Landwirtschaft
und einkommenschaffende Maßnahmen müssen deswegen weiterhin gefördert werden.
Der Druck auf staatliche Behörden muss fortgesetzt werden: Die bereits
vorhandenen Gesundheitsstationen müssen - nicht nur auf dem Papier - mit
Personal ausgestattet werden, der Staat seinen Pflichten gegenüber den Kindern
nachkommen.
Gerade
für Kinder gibt es bei SHED noch viel zu tun. In vielen Dörfern fehlen immer
noch Schulen bzw. die Lehrer. Aktuell geht es darum, dass das staatliche Integrated Child Development Services (ICDS)
Scheme in möglichst vielen Dörfern, aber auch in der Stadt Rayagada,
korrekt umgesetzt wird: Damit würden alle Kinder von sechs Monaten bis sechs
Jahren, sowie schwangere und stillende Mütter eine warme Mahlzeit am Tag
bekommen und ihre Gesundheit und Entwicklung kontrolliert werden, und die
Kinder würden auf die Schule vorbereitet. Die bisher von SHED betriebenen
Vorschulen würden dann überflüssig. Und die immer noch eklatante Zahl von
unterernährten Kindern könnte auf diese Weise verringert werden gerade kleine
Kinder brauchen ausreichende Nahrung, um lebenslangen Schäden geistiger und
körperlicher Art vorzubeugen. Die heutige junge Generation von Adivasi hätte
damit bessere und höhere Lebenschancen als die Hebamme Kantumma!
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Herrsching, im Oktober 2009
Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen, „Stand up, take action!“ hieß es vor einer Woche beim „Abend der Freundschaft und Solidarität“ im Herrschinger Pfarrzentrum. 175 Kinder und Erwachsene aus Herrsching und Ravina-Romagnano mit den Bürgermeistern Robert Stanchina und Christian Schiller standen nach einem zweisprachigen Countdown demonstrativ auf, während Franzi Walter und Maike Pohl vom Indienhilfe-Jugendteam auf deutsch und italienisch die Regierenden aufforderten: „Haltet Eure Zusagen ein und setzt die Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zur Halbierung von Hunger und Armut bis 2015 um!“ |
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| Foto: Hanni Cawthra | ||
| Herrsching setzte so am weltweiten Aktionstag gemeinsam mit 173.045.325
Menschen in 120 Ländern ein Zeichen gegen extreme Armut und Hunger, für
Bildung, Stärkung der Frauen, Verringerung der Kindersterblichkeit, für
verbesserte Gesundheitsversorgung der Mütter, für ökologische
Nachhaltigkeit und für den Aufbau einer globalen Partnerschaft für
Entwicklung. Der Appell richtete sich an die Politiker, aber auch an
uns ALLE: Jeder zählt. Jeder kann etwas bewegen. Wir alle sind
gefordert, weil alle Menschen ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben
und die Erfüllung der Grundbedürfnisse haben, weil Hunger und Armut
unnötiges Leid verursachen und weil wir das ändern können, wenn wir nur
wollen. Unsere Ammerseegemeinde mit ihren 10.000 Einwohnern gehört in Bayern zu den Vorreitern in Sachen Eine Welt: Herrsching ist Mitglied im Internationalen Klimabündnis, schließt bei der kommunalen Beschaffung ausbeuterische Kinderarbeit aus, ist auf bestem Weg zur Fairtrade-Gemeinde1) . Die Indienhilfe betreibt einen Weltladen und ein Eine-Welt-Medienzentrum, organisiert entwicklungspolitische Ausstellungen und arbeitet mit Schulen und Kindergärten zusammen. Das monatliche Agenda-21-Kino im Kino Breitwand informiert seit 2004 über globale Zusammenhänge2 und regt durch Filmgespräche zu politischem Handeln und bewusstem Konsum und Verhalten an. So diskutierten wir kürzlich im Anschluss an den Film China Blue mit Christiane Schnura / Clean Clothes Campaign über die Ausbeutung junger Wanderarbeiterinnen in der Jeansproduktion in China und erfuhren, wie wir politisch und als Konsumenten Einfluss nehmen können3. |
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Herrsching hat seit 1996 eine Städte- und Schulpartnerschaft mit Chatra bei Kalkutta. Seit im Jahr 2000 eine Partnerschaft mit dem Trienter Stadtbezirk Ravina-Romagnano hinzugekommen ist, arbeitet die Indienhilfe mit den italienischen Freunden am Aufbau einer Nord-Nord-Süd-Partnerschaft. Während L'Allergia und Amici di Madagascar Behindertenarbeit in Madagaskar, einem der ärmsten Staaten der Welt, unterstützen, tut die Indienhilfe das gleiche im Bankura Distrikt in Westbengalen. Die Spenden von 2.128 Euro bei unserem zweiten gemeinsamen „Abend der Freundschaft und Solidarität“ vor einer Woche, bei dem drei Herrschinger Kinderchöre unter Leitung von Elisabeth Schmidt und die Voci Bianche aus Ravina das Publikum begeisterten, wurden geteilt - in Madagaskar können 13 Familien mit einem behinderten Kind 1 Jahr lang betreut werden, und im Bankura Distrikt wird einem 2 ½-jährigen Mädchen die lebensrettende Operation ermöglicht. | |
| Foto: Hanni Cawthra | ||
| Solch ermutigenden Erfahrungen steht ein
Spendenrückgang von 30 % im Jahr 2009 im Vergleich mit dem Vorjahr
gegenüber. Es hängt von den Spenden der nächsten beiden Monate ab, ob
wir unsere ohnehin bereits um 25 % gekürzten Projekte 2010 nochmals
reduzieren müssen. In diesem Info informieren wir Sie beispielhaft
darüber, wie Sie durch Ihre Spenden Kinderarbeit wirksam bekämpfen,
durch Öko-Landbau Familieneinkommen, Ernährung und Gesundheit
verbessern, Adivasi-Kinder und ihre Familien in abgelegenen Dörfern,
aber auch Kinder in Kalkuttas Slums fördern können. Wie gern würden wir
mehr bewirken mit unseren Partnern und Projekten in Indien! Ihre
Spenden befähigen die Menschen zur Selbsthilfe und mobilisieren ein
Mehrfaches an Geld und Ressourcen des indischen Staates für die
Menschen unter der Armutsgrenze! Um unsere Projekte aufrecht zu erhalten, brauchen wir Ihre Hilfe! Bitte unterstützen Sie uns jetzt! Bitte sprechen Sie Ihre Freunde an! Wir unterstützen und beraten Sie gerne bei Aktionen! Ich danke Ihnen für Ihre oft schon langjährige Unterstützung und wünsche Ihnen eine besinnliche Vorweihnachts- und gesegnete Weihnachtszeit, Ihre Elisabeth Kreuz Vorstandvorsitzende & Gründerin der Indienhilfe e.V. |
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„Schule statt Kinderarbeit“
Kinderarbeiter demonstrieren für ihr Recht auf Bildung
(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)
| „Schulbesuch - für jedes Kind!“ „Schule statt Kinderarbeit!“
Voller Spannung und Begeisterung zogen am 12. Juni 2009, dem weltweiten Tag
gegen Kinderarbeit, über 50 Kinderarbeiter durch die Dörfer der Kommune
Atghara-Jasaikati im Projektgebiet unseres Partners Vikas Kendra, etwa 50 km
von Kalkutta entfernt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihr Recht
auf Bildung einzufordern. Einige Wochen später, am 9. August, fand die nächste
Demonstration mit den gleichen Forderungen in der benachbarten Kommune
Tepul-Mirzapur statt, an der sich 46 Kinderarbeiter beteiligten. Die Demos bildeten jeweils den Abschluss eines dreitägigen Kinderarbeiter-Camps, das die acht- bis dreizehnjährigen Mädchen und Jungen, die einer täglichen Erwerbsarbeit z.B. im Teeladen, auf den Feldern, als Fahrradmechaniker und Haushaltshilfen oder im Altglas- und Batterie-Recycling nachgehen, für eine Wiedereingliederung in das Schulsystem motivieren sollte. Neben den thematischen Diskussionen und Arbeitsgruppen stand vor allem das Vergnügen der Kinder im Vordergrund, um ihnen die Angst vor dem Schulbesuch zu nehmen - viele brachen die Schule aufgrund schlechter Erfahrungen mit dem Lehrer ab, die bis zu Schlägen reichen. Geschichten, Lieder und Tänze sowie die Gestaltung der Demo-Plakate regten die Kinder, die sonst kaum Zeit haben, ihre Kindheit zu genießen, zu Kreativität an. Von den teilnehmenden 96 Kindern konnten bereits 50 Kinder wieder in die staatlichen Schulen integriert werden. Um ihren erneuten Schulabbruch zu verhindern, nehmen sie nachmittags am Nachhilfeunterricht teil und können sich bei Fragen und Problemen jederzeit an die Projektmitarbeiter wenden, die sich nun um die Einschulung der restlichen Kinder kümmern. |
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Das Kinderarbeiter-Camp ist Teil der Initiative des von der Indienhilfe mit ihren acht indischen Projektpartnern ins Leben gerufenen Netzwerks gegen Kinderarbeit, zunächst in zwei Kommunen mit insgesamt ca. 45.000 Einwohnern jegliche Form von Kinderarbeit abzuschaffen. Nach der bereits erfolgten Identifizierung von etwa 600 Kinderarbeitern in den Dörfern - bei jedem Kind im Schulalter, das nicht zur Schule geht, kann man von Kinderarbeit ausgehen - werden die Familiensituation und die Ursachen für den Schulabbruch eruiert und ein individueller Plan für die Wiedereinschulung ausgearbeitet. Wichtig dabei ist vor allem die Schaffung des Bewusstseins für Notwendigkeit und Nützlichkeit des Schulbesuchs auf allen Ebenen - bei den Kindern, wie bei den Eltern, den Dorfbewohnern und den Politikern in den Dörfern. Die Schulpflicht muss ernst genommen werden und eine Nicht-Einhaltung darf nicht toleriert werden, denn nur mit elementarer Bildung haben die Kinder eine Chance, dem Teufelskreis von Armut und Analphabetismus zu entkommen. Grundschulbildung für alle Kinder bis zum Jahr 2015 ist das zweite Millenium-Entwicklungsziel (MDG). Noch ist Indien weit davon entfernt: Beim Unesco Education for All Development Index (EDI) 2009 belegte Indien Rang 102 (von 129) - weit abgeschlagen hinter anderen Schwellenländern wie China (59) und Brasilien (80) und findet sich in einer Kategorie mit den ärmsten afrikanischen Ländern (Lesotho 103, Ruanda 114, Äthiopien 125, Tschad 129)1. Trotz Schulpflicht und zahlreicher Gesetze zum Verbot von Kinderarbeit hat Indien weltweit immer noch die höchste Zahl arbeitender Kinder. Aufgrund der hohen Beschäftigungsraten im informellen Sektor sind genaue Zahlen schwierig zu erheben, aber Schätzungen liegen zwischen 60 und 115 Millionen2. Die Abschaffung der Kinderarbeit und die Gewährleistung von Zugang zu Bildung für alle Kinder gehört zu den größten Herausforderungen Indiens im 21. Jahrhundert, denn die Masse heranwachsender Analphabeten, denen heute der Schulbesuch verwehrt bleibt, stellt eine massive Bedrohung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung Indiens und der Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Einwohner dar. |
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Neben der entsprechenden Gesetzgebung ist das weltweite Bewusstsein für das Recht jedes Kindes auf qualitative Bildung entscheidend, um Kinderarbeit dauerhaft abzuschaffen. Während wir dieses Bewusstsein durch unsere entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland zu schaffen versuchen, hat es sich das Netzwerk gegen Kinderarbeit unserer indischen Partner neben der modellhaften Arbeit in den Dörfern zur Aufgabe gemacht, bei einer breiten Bevölkerungsschicht - arm wie reich, Stadt und Land - ein Bewusstsein für die Problematik der Kinderarbeit und für das Recht jedes Kindes auf Bildung zu schaffen. Hierbei gilt es, vor allem die Mittelschicht für das Thema zu sensibilisieren und die „soziale Apathie“ zu überwinden, die in vielen Fällen Kinderarbeit als unvermeidbar in Armutssituationen betrachtet3. Die Aktivitäten des Netzwerks sind vielfältig: 2008 wurde ein Kinderarbeiter-Kalender mit Gedichten und Zeichnungen von Kinderarbeitern und Gesetzestexten erstellt und an staatliche Einrichtungen (Gemeindeverwaltungen, Schulen) und Multiplikatoren (andere NGOs) verteilt. Dieses Jahr wurden in allen öffentlichen und privaten Schulen in den Projektgebieten unserer Partner Infotafeln angebracht, die von den Schülern unter dem Motto „Combat Child Labour - Call for Child Rights“ gestaltet werden sollen, um sie anzuregen, sich mit Menschenrechten und dem Problem der Kinderarbeit auseinanderzusetzen. Ergänzt werden die Tafeln mit aktuellen Meldungen durch die Lehrkräfte und Projektmitarbeiter. Für die Aktivitäten des Netzwerks gegen Kinderarbeit haben wir 8.800 Euro bewilligt. 6.000 Euro fehlen uns noch - bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderarbeit“! |
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Besonders danken wir der Christian-Morgenstern-Volksschule Herrsching, die mit ihrem Flohmarkt „Kinder für Kinder“ am 19.6.09 über 800 Euro zu Gunsten des Netzwerks gegen Kinderarbeit erwirtschaftet hat.
1)
http://www.unesco.org/education/gmr2009/press/efagmr2009_Annex1_EDI.pdf
2) Blakely,
Rhys: „The abandoned generations: how child labourers suffer as India ignores
the law“, in: The Times, 15.10.09
3) Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Einkommen der
Eltern in einem Gebiet steigt, sobald Kinderarbeit dort flächendeckend
abgeschafft werden konnte.
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30 Euro pro Jahr sichern den Nachhilfe-Unterricht für ein Kind und verhindern Kinderarbeit
Das Thema Kinderarbeit beschäftigt unsere Projektpartner nicht nur im Rahmen der Netzwerk-Aktivitäten. Alle Projekte haben die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kinder zum Ziel. Neben der Gesundheitsversorgung und der Arbeit mit den Familien, vor allem den Frauen-Selbsthilfegruppen (SHGs), ist Bildung zentraler Bestandteil aller von der Indienhilfe unterstützten Maßnahmen. So auch im Integrierten Entwicklungsprojekt West Midnapur, wo unser Projektpartner Seva Kendra Calcutta in 55 Dörfern eines sehr abgelegenen Stammesgebietes arbeitet: |
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Bis vor kurzem war der Schulbesuch keine Selbstverständlichkeit für die 1.500 Adivasi-Kinder - Kinderarbeit die Regel. Durch die jahrelangen von der Indienhilfe unterstützten Projektaktivitäten besuchen mittlerweile fast alle Kinder die örtlichen Regierungsschulen. Die Kinder sind meist „first generation learners“, d.h. ihre Eltern sind Analphabeten und können sie nicht bei den Hausaufgaben unterstützen. Zudem ist die Unterrichtssprache Bengali den Santals und Lodhas mit ihren je eigenen Stammessprachen nicht vertraut. Damit die Kinder dem Unterricht folgen können und den Schulbesuch nicht vorzeitig abbrechen, bieten 56 Nachhilfezentren den Kindern Hausaufgabenhilfe und individuelle Förderung an. Kulturelle Aktivitäten wie Tanz und Gesang tragen dazu bei, die Stammeskultur der Kinder zu bewahren. Im Rahmen der Umwelterziehung lernen die Kinder, ihre Umwelt zu beobachten, Veränderungen wahrzunehmen und die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Monatlich überwacht ein Arzt den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder und stellt die medizinische Versorgung sicher. Die Lehrer berufen regelmäßig Treffen mit den Eltern ein, um Themen wie persönliche Hygiene, richtige Ernährung, Wert von Bildung etc. zu diskutieren. |
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| Über 50.000 Euro haben wir dieses Jahr für 56 Nachhilfezentren im Midnapur-Distrikt bewilligt - nur 900 € im Jahr betragen die Kosten für den Betrieb eines Zentrums. Lern- und Lehrmaterialien und medizinische Versorgung für jeweils 30 bis 40 Kinder sowie das Jahresgehalt des Lehrers sind darin enthalten. Wir danken unter anderem den Weltläden Kitzingen, Schrobenhausen und Würzburg sowie einigen anderen Spendern für die bisherige Unterstützung! Doch immer noch fehlen uns 30.000 Euro! Spenden-Stichwort „IDP Midnapur“ | |
Öko-Dorf Dwip Media: Einkommenschancen für Kleinbauern und
Beitrag zum Klimaschutz
(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)
| „Weil ich keine teuren Pestizide kaufen musste, habe ich viel Geld gespart! Kuhdung habe ich genug von meiner Kuh. Außerdem habe ich die hohen Arztkosten gespart, weil ich keine giftigen Chemikalien gesprüht habe.“ freut sich der Kleinbauer Gopal Mondal aus dem Dorf Dwip Media. Wie jedes Jahr hatte er auf seiner kleinen Ackerparzelle Kohl angebaut, doch schon nach wenigen Wochen begannen die Blätter zu faulen. Bei einer Fortbildung unseres Projektpartners Vikas Kendra zu Bio-Pestiziden lernte Gopal Mondal, dass eine Mischung aus Kuhdung und Wasser ein gutes Mittel gegen Blattfäule ist. Sofort sprühte er sein Feld regelmäßig mit der Flüssigkeit ein und schon bald erholten sich die Blätter. Doch das nächste Übel ließ nicht lange auf sich warten: Blattläuse. Wie in der Fortbildung gelernt, hatte Gopal Mondal jedoch Senfkörner zwischen dem Kohl und am Rand des Feldes gesät. Die gelben Senfblüten zogen die Blattläuse an und der Schaden für die Kohlpflanzen hielt sich in Grenzen. Nun ist Gopal Mondal überzeugter Bio-Bauer und teilt sein Wissen bei jeder Gelegenheit mit anderen Bauern. | |||
| Auch Purnima Mondal lebt in Dwip Media und hat an einer
Schulung von Vikas Kendra teilgenommen. Sie erzählt: „Nachdem ich den Reis
geerntet hatte, pflanzte ich in den noch feuchten Ackerboden Kartoffelknollen
ein und düngte sie mit Kuhmist. Anschließend deckte ich die Knollen mit einer 3
bis 4 cm dicken Schicht aus getrockneten Wasserhyazinthen, Stroh und anderen
pflanzlichen Materialien ab. So musste ich das Land nicht zusätzlich bewässern.
Obwohl es zu wenig geregnet hat, konnte ich pro katha (= 266 m2) 150 kg
Kartoffeln ernten.“ Mit dieser Anbaumethode erzielten Purnima Mondal und fünf
weitere Bauern einen Gewinn von 831 Rupies (13,85 Euro) pro katha Land (siehe
Kasten). Gopal und Purnima sind nur zwei der 116 Kleinbauern - alle Angehörige der unteren Kasten (scheduled castes) - aus dem Dorf Dwip Media, das Vikas Kendra zu einem Modell-Dorf für ökologischen Landbau entwickeln möchte. Innerhalb von vier Jahren sollen mindestens 75%1 der 62 Hektar Ackerland dauerhaft auf ökologischen Anbau umgestellt sein. Ausgewählt wurde Dwip Media aufgrund seiner besonderen Lage: Auf drei Seiten wird es vom Fluss Ichhamati umschlossen, auf der vierten Seite befindet sich ein Kanal, über den eine schmale Brücke in das von extremer Armut geprägte Dorf führt - die einzige Verbindung zur Außenwelt. So wird die Kontamination durch auf benachbarten Feldern versprühte Chemikalien immer weiter reduziert, je mehr Bauern in Dwip Media auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Ferner sind die Anbaubedingungen in Dwip Media für die konventionelle Landwirtschaft ungünstig: der Lehmboden ist stark salzhaltig und die Bewässerung hängt von den Regenfällen ab, so dass die meisten Familien, die überwiegend Reis, Jute und Hülsenfrüchte anbauen, mit nur einer Ernte pro Jahr auskommen müssen. Öko-Landbau und angepasste Technologien können hier erhebliche Verbesserungen bringen. |
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Seit April 2007 führen die landwirtschaftlichen Mitarbeiter von Vikas Kendra in Dwip Media Motivationstreffen, Schulungen und Trainings mit den Frauen-Selbsthifegruppen (SHGs), den kommunalen Dorf-Entwicklungsausschüssen und Bürgerversammlungen, den örtlichen Vereinen und vor allem natürlich den Bauern durch, um sie von den Vorteilen des Öko-Landbaus zu überzeugen. |
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| Eine wichtige Maßnahme ist die Anlage von
Demonstrationsflächen für den Bio-Anbau einheimischer Gemüsesorten in
Mischkulturen und von Kompostanlagen. Erfolgreich ist auch die Einführung eines
Integrated Farming Systems, bei dem Tier- und Pflanzenzucht integriert werden,
z.B. Fischzucht in den gefluteten Reisfeldern und Bio-Anbau von Futtergräsern
für das Vieh. Bei einer monatlichen Pflanzen-Sprechstunde können Bauern von
Krankheiten befallene Pflanzen einem Experten zeigen, der sie berät, wie sie
das Problem auf ökologische Weise lösen können. Eine Baumschule für die
Aufforstung mit einheimischen wichtigen Baumarten für verschiedene Nutzungen
wurde angelegt - 3.500 Baumsetzlinge wurden zum Schutz vor Bodenerosion bei
Überschwemmungen an den der Fluss-Seite zugewandten Rändern der
landwirtschaftlichen Flächen gepflanzt. Neben dem Schutz der Umwelt und der Verbesserung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Situation der Familien spielen auch Aspekte des Klimaschutzes eine wichtige Rolle - ökologische Landwirtschaft produziert u.a. weniger CO2 als konventionelle Landwirtschaft. Gerade im Hinblick auf die lebensräumlichen Veränderungen aufgrund des Klimawandels (z.B. Versalzung und Überflutung von Ackerland) werden wir in unseren Projekten künftig vermehrt Aspekte der ökologischen Landwirtschaft aufgreifen. Um hier die richtigen Wege zu gehen, wird momentan eine Evaluierung des Öko-Landbau-Projekts unseres Partners Manab Jamin im Birbhum Distrikt durchgeführt. |
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1) Ursprünglich waren nur 50% geplant, aufgrund der Erfolge in den ersten beiden Jahren wurde das Ziel erhöht.
Entwicklung statt Revolution - Naxaliten finden keine Unterstützer in SHED-Projektgebiet
(Oktober 2009, Regine Linder)
Als Naxaliten - benannt nach einem Aufstand, der 1967 vom westbengalischen Dorf Naxalbari ausgegangen war - werden in Indien militante Guerilla-Gruppen bezeichnet, die mit der Waffe in der Hand gegen Großgrundbesitzer und staatliche Institutionen vorgehen. Sie selbst sagen, dass sie gegen Unterdrückung und Ausbeutung der Landlosen und der Stammesbevölkerung (Adivasi) kämpfen, um eine klassenlose Gesellschaft herbeizuführen; ihre Gegner bezeichnen die Naxaliten als Terroristen, die Menschen im Namen des Klassenkampfes unterdrücken. Die Naxaliten stellen in einigen Teilen Indiens eine echte Gefahr dar. Im sog. Roten Korridor (siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/File:India_Red_Corridor_map.png), der den Teil Indiens bezeichnet, in dem die Naxaliten aktiv sind und der vom Nordosten Indiens bis in den ländlichen Süden des Landes reicht, liegt auch Orissa. Die Liste der naxalitischen Überfälle, z.B. auf Polizeistationen, ist lang, die Anzahl der Getöteten geht in die Tausende.
In dem kleinen Dorf Pondasguda, in dem 23 Adivasi-Familien leben, mussten die Naxaliten unverrichteter Dinge wieder abziehen. M.G. Mony, der Leiter von SHED, kommentierte: „Die Dorfbewohner wissen, dass sie mit SHED zum Ziel kommen, und dass sie nicht irgendeine fragwürdige Unterstützung durch die ‚Roten' brauchen.“
Und was ist nicht schon alles erreicht worden, in diesem Gebiet, in dem SHED auf Wunsch der dortigen Bevölkerung vor sechs Jahren zu arbeiten begann! Die Fläche mit gutem Ackerland hat sich deutlich erhöht (z.B. durch Bewässerung), die Anzahl der landlosen Familien geht stetig zurück (allein im letzten Jahr von 387 auf 343; insgesamt gibt es dort 1167 Haushalte in 25 Dörfern). In jedem Dorf gibt es jetzt eine kleine Medikamenten-Ausgabestelle und die Menschen werden an den Gebrauch von Moskito-Netzen herangeführt. Es gibt 61 Selbsthilfegruppen von Frauen und Männern. Die zehn Vorschulen mit etwa 160 Jungen und Mädchen laufen weiterhin gut.
Die Medienberichte sind nicht falsch, aber sie geben nur einen kleinen Teil der indischen Wirklichkeit wieder. Und sie bewirken, dass immer mehr hilfsbereite Menschen in Deutschland bezweifeln, ob eine Spende für Indien überhaupt noch sinnvoll ist. Auch an uns wird diese Frage immer öfter gerichtet.
In vielen Gesprächen versuchen wir deutlich zu machen, dass die indische Mittelschicht1), die von der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung profitiert, mit ca. 170 Mio. Menschen nur etwa 15 % der Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden ausmacht. Dagegen leben immer noch 34 % der Inder von weniger als 1 US $ pro Tag2). Das sind knapp 400 Mio. Menschen, die zu den absolut Armen zählen!
Die derzeitigen jährlichen Wachstumsraten der indischen Wirtschaft von 8 bis 9 % relativieren sich, wenn man die niedrige Ausgangsbasis berücksichtigt - das indische Bruttoinlandsprodukt (BIP) umfasst nur 1/3 des deutschen, bei einer fast dreizehnmal so großen Bevölkerung.
Noch immer sind 750 Mio. Inder nicht mit Sanitäreinrichtungen versorgt, 160 Mio. haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 175 Mio. Kinder sind unterernährt. Besonders die unteren Kasten und die Adivasi (Stammesbevölkerung) haben aufgrund mangelnder Bildung und der schlechten Infrastruktur in ihrem Lebensraum wenig Zugang zum Wirtschafts- und Arbeitsmarkt.
Die indische Regierung setzt enorme Mittel ein, um die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung zu verbessern: durch Infrastrukturmaßnahmen wie Bau und Unterhalt von Schulen, Entwicklung der Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Bau von Sanitäranlagen sowie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Menschen unter der Armutsgrenze u.v.m. Doch der enorme Bedarf übersteigt derzeit noch bei weitem die Kapazitäten eines sich entwickelnden Landes. Die Regierung ist auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungs-Organisationen (NROs) angewiesen, die die bereitgestellten Gelder abrufen helfen und in die richtigen Kanäle zu den Bedürftigen bringen. Genau diese NROs sind auch die Partner der Indienhilfe.
Mit Ihrer Spende können wir Hand in Hand arbeiten, um die Armut in Indien weiter zu bekämpfen!
www.indienhilfe-herrsching.de/pdf/StreitgespraechWarumnoch
Indien.pdf
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Herrsching, im Juni 2009 Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, Zwei der vermutlich 117 Toten, die Aila in Westbengalen gefordert hat. Zwei Menschen in einem dicht besiedelten Gebiet, das auf Meeresspiegelhöhe liegend von den sich wegen des Klimawandels häufenden Zyklonen, Starkregen und dem Anstieg des Meeresspiegels extrem bedroht ist. Von den Weltmedien wurden sie ignoriert, die tote Mutter und ihr toter Sohn, die da in der weiten Wasserlandschaft treiben. So wie all die anderen Opfer Ailas - neben den toten Menschen zahllose ertrunkene Tiere, entwurzelte Bäume, 600.000 beschädigte/zerstörte Lehmhütten und Häuser, mit denen oft alle Habseligkeiten der Bewohner vernichtet sind, 4,6 Millionen betroffene Menschen, davon 130.000 in 530 Notlagern untergebracht, durch Salzwasser und Kontamination unbrauchbar gemachte Trinkwasserbrunnen und Felder, vernichtete Ernten, mehr als 4.000 Kilometer zerstörter Flussdeiche - eine ständige Bedrohung gerade jetzt, zu Beginn der Monsunzeit. In 13 der 19 Distrikte Westbengalens bis hinauf nach Darjeeling und auch in Bangladesh hat Aila eine Spur der Verwüstung hinterlassen. |
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NGO-Mitarbeiter arbeiten sich oft als erste in die betroffenen Gebiete vor. Auch unsere Partner Swanirvar und DRCSC sind an vorderster Front dabei. Über ihre Verbindungen mit lokalen Bürgerinitiativen, Bauern- und Frauen-Selbsthilfegruppen und kommunalen Gremien stellen sie den örtlichen Hilfsbedarf fest. DRCSC ermittelte 54.000 betroffene Familien in 233 Dörfern, um die sie sich kümmern können, mit einen Finanzbedarf von ca. 160.000 € für die Erstversorgung - 3 € pro Familie. Die NGOs transportieren zu Land und per Boot Trockennahrung, Trinkwasser, Mittel zur Wasserdesinfektion, Medikamente, Kleidung und Hygieneartikel als Akuthilfe in die Dörfer und Auffanglager. Die organisatorische Hilfe der NGOs wird auch für die dringende Reparatur der Flussuferbefestigungen benötigt. Bei jeder Flut strömt im Küstengebiet Meerwasser flussaufwärts, tritt ohne Deiche über die Ufer, überschwemmt die Dörfer und versalzt das Agrarland. Unsere Partner kooperieren mit den kommunalen Gremien und arbeiten im Katastrophen-Rehabilitations-Ausschuss auf Bezirksebene mit.
In Indien hilft jeder nach seinem Vermögen - während Cricketstar Sourav Ganguli 6 Mio. Rupies (etwa 92.000 €) zugesagt hat, spendeten Swanirvars bescheiden bezahlte landwirtschaftliche Mitarbeiter spontan einen Tageslohn. Aus unserem zur Neige gehenden Notfallfonds vor Ort haben wir sofort 100.000 Rs, ca. 1.500 €, zur Verfügung gestellt. Viel mehr wird gebraucht! Helfen Sie den Opfern des Zyklons und des Klimawandels mit Ihrer Extra-Spende auf unser Projektkonto unter dem Stichwort Aila!
In der Katastrophe bewährt/e sich die indische Zivilgesellschaft. Dass sie so stark werden konnte und so besonnen, wie es sich auch im Wahlergebnis der diesjährigen Parlamentswahl widerspiegelt2), verdankt sie nicht zuletzt der zähen Arbeit der indischen NGOs und weltweiter Solidarität. Sie, liebe Spender und Spenderinnen, haben im Verein mit der Indienhilfe einen Beitrag geleistet zu gelingender „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Empowerment“ von Benachteiligten (insbesondere Adivasi, Dalits, Frauen, Behinderten, Kinderarbeitern) in Westbengalen und Orissa.
Für die Indienhilfe und ihre Partner geht die Arbeit der kleinen Schritte weiter - wir wollen die Ärmsten der Armen erreichen. Ich danke Ihnen für Ihre großartige Unterstützung im letzten Jahr und bitte Sie: helfen Sie uns auch 2009 mit Ihrer Spende!
Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer
mit Zeit für das, was Ihnen wichtig ist, Ihre
(Juni 2009, Sabine Dlugosch)
| „Seit Wochen haben wir Temperaturen über 40°C. Die Felder
sind vertrocknet, die unreifen Früchte fallen von den Bäumen - die Bauern sind
verzweifelt. Große Dorfteiche sind ausgetrocknet, in vielen Dörfern wird das
Trinkwasser knapp.“ Was Srikanta Mondal, Leiter des Manab Jamin Projekts, im
April aus dem Birbhum Distrikt berichtet, betrifft alle unsere Partner in Westbengalen
und Orissa, die unter einer Hitzewelle leiden. Gleichzeitig fürchten sie den
kommenden Monsun, der neben der ersehnten Abkühlung die Gefahr von Zyklonen und
Überschwemmungen erhöht (siehe Editorial). Von Überschwemmungen, Dürren, Unwettern und anderen extremen Klimabedingungen sowie der Versalzung oder gar Flutung ganzer Gebiete durch den steigenden Meeresspiegel sind gerade die Länder des Südens am Schlimmsten betroffen. Verlust und Zerstörung ihres spärlichen Besitzes treiben die bereits unter dem Existenzminimum lebenden Menschen noch tiefer in die Armut. Dabei tragen gerade sie am wenigsten zum Klimawandel bei - der CO2-Ausstoss eines einzigen Deutschen entspricht dem von zehn Indern! Dennoch haben sich unsere indischen Partner verpflichtet, Maßnahmen zu Klimaschutz und CO2-Reduktion aufzugreifen. Neben Aufklärungskampagnen über Ursachen und Folgen des Klimawandels geht es ganz konkret vom eigenen sparsamen Umgang mit Licht, Ventilatoren, Generatoren über den Ersatz normaler Glühbirnen durch Energiesparlampen bis zu kraftstoffsparendem Fahrstil. Die Förderung von Ökolandbau und Aufforstung, die Anlage von Küchengärten und Biogasanlagen sowie der Einsatz von Solarkochern und -leuchten gehören zu den in den Dörfern geplanten Klimaschutzaktivitäten. Präventiv werden die Dorfbewohner in Katastrophenschutz-Maßnahmen geschult, wie z.B. der Schaffung von Früherkennungs- und Warnsystemen und dem Aufbau von Rettungs-Teams. |
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In den Öko-Clubs in all unseren Projekten, in denen sich Schülerinnen und Schüler in Theorie und Praxis mit Umwelt und Kinderrechten auseinandersetzen, sind Ursachen und Folgen des Klimawandels wichtiges Thema und die Schüler erlernen umwelt- und klimafreundliches Verhalten.
Für zusätzliche Klimaschutzaktivitäten unserer Partner - neben zahlreichen bereits länger laufenden - haben wir 3.500 € zur Verfügung gestellt. Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Klima“. Für das ebenfalls von DRCSC koordinierte Öko-Club-Projekt benötigen wir 2009/10 knapp 8.500 € - Stichwort „Öko-Clubs“.
| Nach
Ende der Monsunzeit ist Erntezeit, die einzige im Jahr. Menschen
arbeiten auf den Feldern. Aber weit und breit kein sattes Grün wie in
den anderen Regionen zu dieser Jahreszeit. Der Fluss führt nur wenig
Wasser. Am Wegrand weiden Kühe das spärliche Gras. Wir sind mit Madhabi
Mukherjee - äusserst kompetente und engagierte Sonderpädagogin, die die
Arbeit mit ihrem Mann Uttam zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat -
unterwegs im Projektgebiet. Wir begleiten sie und den Mitarbeiter Utpal
Chatterjee zu Hausbesuchen in den Dörfern, in denen hauptsächlich
Scheduled Castes und Adivasi leben. In Upishur leben Aditya und Shampa Mal mit ihren zwei Söhnen, dem siebenjährigen Vivekananda, der schwer spastisch behindert ist, und dem fünfjährigen Subhas. Zusammen mit den Eltern von Aditya lebt die Familie in einem kleinen, dunklen Lehmhaus mit Ziegeldach. Auf dem Vorplatz ist ein Berg Kohle aufgehäuft, die Aditya und Subhas zerhacken, um Kohlestaub zu gewinnen. Dieser wird in Säcke verpackt und auf dem Markt zur Feuerung verkauft. So verschafft sich der Maurer, der gerade wieder einmal keine Arbeit hat, einen kleinen Verdienst. Shampa kann als Erntearbeiterin nur während der Ernte sehr unregelmässig 40-50 Rupien (ca. 0,80 €) am Tag dazuverdienen. Die Nahrung besteht vor allem aus dem magenfüllenden Puffreis, etwas Reis oder Kartoffeln, Fisch ist eine Seltenheit. Vor dem Hauseingang steht ein Bettgestell mit einer durchlöcherten Einlage, auf der Vivekananda liegt. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, als ihn Madhabi anspricht. Utpal, der die Familie wöchentlich besucht, berichtet, dass Vivekananda inzwischen positiv auf Bezugspersonen und mit immer weniger Angst auf Fremde reagiert. Inzwischen gibt er auch Zeichen, wenn er Wasser lassen muss. Vor einem halben Jahr war das Bikash-Team bei einem Besuch im Dorf auf Vivekananda aufmerksam geworden. Sie konnten die Eltern motivieren, ihn zu einer Abklärung ins Bikash-Therapiezentrum zu bringen. Seither erhält er dort wöchentlich Physio-, Logo- und Ergotherapie. Seine Mutter wird angeleitet, ihren Sohn auch zuhause zu fördern. Bei den Hausbesuchen, die in einem Heft dokumentiert werden, geht es konsequent darum, die Familie für elementare Massnahmen im Alltag zu gewinnen: das Wasser vom Brunnen zu holen oder aktuell bei der westbengalischen Regierung einen Antrag für eine subventionierte Billigtoilette zu stellen, für die neben dem Haus Platz wäre. |
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An
dem Beispiel wird deutlich, wie umfassend und nachhaltig die Arbeit von
Bikash ist. Mangelernährte und geschwächte Frauen bekommen zu
früh und in zu kurzen Abständen Kinder und können ihnen
nicht die notwendige Ernährung bieten. Aberglaube ist weit
verbreitet. Daher umfasst die Arbeit von Bikash, neben
hochprofessioneller Behinderten- bis hin zur Berufsförderung, auch
gezielte und systematische Aufklärungsarbeit sowie Gesundheits-,
Hygiene- und Ernährungsförderung. Nur so kann langfristig
armutsbedingter Behinderung vorgebeugt werden. In inzwischen acht
Zentren vor Ort werden die Kinder in Gruppen gefördert, mit dem
Ziel, sie (möglichst auch schulisch) zu integrieren. Bikash nutzt
die vorhandenen Strukturen in den Dörfern wie Selbsthilfegruppen
und arbeitet mit örtlichen Volunteers zusammen. 130 behinderte
Kinder mit ihren Familien bis in die entlegensten Dörfer werden
derzeit erreicht. Die Arbeit geht weiter. Der Arbeitsausschuss der Indienhilfe hat für die Arbeit von Bikash im Jahr 2009-10 knapp 26.200 € bewilligt. Wir bitten um Ihre Spenden unter dem Stichwort „Bikash“! Stellvertretend herzlichen Dank an die Weltläden Ingolstadt, Eichstätt und Weilheim für die Unterstützung des Projekts! |
| Für
die 44 Adivasi-Familien der Siedlung Farmania im Projektgebiet von
Vikas Kendra (SEVA) bedeutet der bengalische Neujahrstag am 15. April
2009 einen wahren Neubeginn: Die Grundsteinlegung für das neue
Kinderzentrum eröffnet ihnen Perspektiven aus generationenlangem
Analphabetismus und extremer Armut. Das Child Development Centre wird
eine Kinderkrippe für die Betreuung der Kleinsten und einen
Förderkindergarten (SVK) zur Vorbereitung der Einschulung für die
Drei- bis Sechsjährigen beherbergen. Den vorzeitigen Schulabbruch der
Älteren, der meist mit Kinderarbeit endet, verhindern
Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Medizinische Betreuung,
zusätzliche Nahrungs-Rationen und das Anlegen von Küchengärten
verbessern den Gesundheitszustand der Kinder und Mütter und bekämpfen
die weit verbreitete Unterernährung mit ihren bleibenden Schäden1. Dank der Armutsbekämpfungsprogramme der indischen Regierung haben sich die Lebensbedingungen im ländlichen Indien zwar etwas verbessert, doch Farmania ist bei weitem kein Einzelfall. Überall stoßen wir bei unseren (stets privat finanzierten) Projektbesuchen auf Dörfer bzw. Dorfteile, in denen noch immer unvorstellbares Elend herrscht. Meist gehören die Bewohner ausgegrenzten Kasten oder den Adivasi an, häufig haben sie sich als Umweltflüchtlinge an fremdem Ort niedergelassen. Jeden Tag beginnt der Kampf ums Überleben aufs Neue: findet ein Familienmitglied Arbeit als Tagelöhner oder muss die Familie wieder hungrig zu Bett gehen? Nur wenige Kinder werden eingeschult und beenden die Grundschule. Die meisten brechen die Schule vorzeitig ab und gehen schon in jungen Jahren schwerer körperlicher Arbeit nach. Ihre Chancen, jemals den Teufelskreis aus Hunger und Armut zu durchbrechen, sind gering. |
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Von Princeton nach Andhermanik:
Der Weg des Sujit Sinha
(Juni 2009, Regine Linder)
Sujit Sinha ist Gründer und Leiter unserer Partnerorganisation Swanirvar, die von der Indienhilfe seit 2004 unterstützt wird. Vor einem Jahr war Sujit in Deutschland, im Rahmen unseres drei Jahre lang vom BMZ geförderten Schulpartnerschaftsprojekts, dessen Koordinator er für uns auf indischer Seite ist. Er hat damals nur ungern diese Reise unternommen, weil er ein vielbeschäftigter Mann ist - aber der gegenseitige Austausch war für ihn und für uns sehr wertvoll. Wir haben später ein längeres Interview mit ihm geführt; hier die Kurzfassung: Geboren wird Sujit Sinha 1956 in Kolkata; Vater Chemiker, Mutter Lehrerin. Er ist ein erfolgreicher Schüler, studiert Chemie an einer Elite-Universität in Indien. Schon in der Zeit, als er seinen Bachelor macht, beschäftigen ihn die Themen Umwelt (Ölkrise!) und Alternative Entwicklung (Gandhi, Huxley, Illich u.a.). Während seines Masterstudiums entscheidet er sich, ein rural development activist werden zu wollen. Nach Abschluss des Studiums geht er als Lehrer an eine Ureinwohner-High-School im Nordosten von Indien, um seine alternativen Ideen von action learning in die Tat umzusetzen, scheitert aber am Widerstand der Schulbehörden. 1980 geht er daraufhin nach Princeton/USA, um dort zu promovieren. Danach arbeitet er bei Bell Laboratories, kehrt jedoch 1986 zurück nach Indien mit dem festen Entschluss, als Entwicklungsarbeiter auf dem Land zu arbeiten. 1989 gründet er im Dorf Andhermanik, North-24-Parganas, seine eigene NGO, die von dort aus heute in mehr als 100 Dörfern des sich bis in die Sunderbans erstreckenden Distrikts. (siehe Editorial!) tätig ist. |
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Seit 1990 ist Sujit mit Sudeshna (Psychologin, Montessori- und Sonderpädagogin, Arbeit mit behinderten und unterprivilegierten Kindern, seit 2005 Leitung der Modelschule Shikshamitra) verheiratet. „Unsere Eltern waren über unsere Heirat nie glücklich, da wir beide damals und auch heute sehr ‚unsichere' Karrieren und Einkommen haben. Die meisten Mittelklassefamilien in der Dritten Welt haben vor so etwas Angst, da all ihre Träume auf eine ‚Mobilität nach oben' und ‚Stabilität' gerichtet sind.“ Das Ehepaar lebt mit dem 1991 geborenen Sohn in einer Mietshaus-Wohnung in Kalkutta, gemeinsam mit den inzwischen hilfsbedürftigen Eltern von Sudeshna. Beider Mangel an freier Zeit mag dazu führen, dass sie manchmal von ganz anderen Aktivitäten träumen, z.B. sich bei einer noch zu gründenden Grünen Partei in Indien zu engagieren, oder einfach an der Uni zu lehren, oder ... - aber lesen Sie selbst in der Langfassung des Interviews weiter, die Sie hier finden!
47.000 € benötigen wir für die beiden von uns geförderten Projekte von Swanirvar:
Für die Modell-Slum-Schule Shikshamitra, in der Slumkinder
ab der 5. Klasse mit alternativen Lehrmethoden unterrichtet und Fortbildungen
für staatliche Lehrer und NGO-Mitarbeiter durchgeführt werden, haben wir fast
17.000 € bewilligt - Spendenstichwort Shikshamitra.
Für das Projekt „Strengthening Local Institutions for Child
Development“ sind knapp 30.000 € nötig, um die 14 Vorschulen zu betreiben und
lokale Institutionen und Entwicklungsinitiativen in 48 Dörfern bei der
Umsetzung staatlicher Dorfentwicklungsprogramme und der Verbesserung des
staatlichen Bildungssystems zu unterstützen - Spendenstichwort SLI.
Der Andreas-Haberger-Stiftung danken wir für die
Unterstützung des SLI-Projekts 2008 mit 18.845 €!
„Hilf mir, es selbst zu tun“
Udo Kirkamp, Vorstandsmitglied der Indienhilfe, Lehrer, auf
Projektbesuch bei SHED
(Juni 2009, Udo Kirkamp)
Die Erfolge der Entwicklungsarbeit sind hier in Timajhola deutlich: Die Dorfstraße ist zementiert, sonst wäre dieser zentrale Ort der Dorfgemeinschaft in der Regenzeit nur Morast. Die umliegenden Felder in den Hügeln sind terrassiert, so dass mehr landwirtschaftliche Fläche entstand; dazwischen stehen Sträucher und Cashewbäume, die die Gefahr der Erosion reduzieren. Zudem bietet der Verkauf der Cashewnüsse den Bauern eine gute Einnahmequelle. Außerhalb des Dorfes wurde ein Teich zur Fischzucht angelegt - ebenfalls ein wertvoller Zuverdienst. Auf Anfrage finden sich mehrere Frauen, die ihr Sparbuch holen und bereitwillig uns wildfremden Europäern Einblick in ihre Ersparnisse geben. Unsere anfängliche Scheu angesichts dieser bei uns unvorstellbaren Situation schwindet infolge des fühlbaren Stolzes der erzählenden Frauen. Sie berichten von den ersten Jugendlichen ihres Ortes, die nach der 6. Klasse Grundschule die 15 km entfernte Internatsschule besuchen. Der Kontakt zwischen dem Projektleiter Panigrahi, unserem Begleiter, und den Dorfbewohnern wirkt freundlich, kameradschaftlich. Neuigkeiten aus dem Dorf werden mitgeteilt, denn Panigrahi ist hier nicht mehr oft: Timajhola ist eines der 30 Dörfer, das über etwa 15 Jahre durch die Entwicklungsprogramme unserer Partnerorganisation SHED unterstützt wurde, aber seit vier Jahren weitestgehend auf sich gestellt ist.
Das von SHED praktizierte Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ sieht vor - ähnlich dem pädagogischen Leitsatz Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ -, die Hilfsbedürftigen so zu fördern, dass sie zukünftig ihr Leben selbst meistern können. SHED arbeitet nach diesem Konzept in ca. 80 Adivasi-Dörfern im Bundesstaat Orissa.
So gibt es ein staatliches Programm, das jedem Dorfbewohner jährlich 100 Tage Arbeit zum staatlichen Mindestlohn garantiert. Das Wissen um das Programm erreicht die Adressaten jedoch nur selten. SHED geht in die Dörfer, informiert die Bewohner, registriert die Arbeiter/innen (meist noch per Fingerabdruck) und begleitet die jeweilige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Bei dem Besuch des Dorfes Ontra sahen wir ein solches Ergebnis: Der Pfad zum Dorf wurde zu einer befahrbaren Straße ausgebaut. Bei diesem vom Dorfkomitee beschlossenen fünfwöchigen Bauprojekt waren 15 Arbeiter/innen aus dem Dorf beteiligt, die vom indischen Staat entlohnt wurden - dank der Vermittlerrolle von SHED.
Für dieses Jahr wurden gut 50.000 € für vier Projekte von SHED bewilligt. Spenden erbeten unter dem Stichwort „SHED Orissa“.
Glimpflich abgelaufen ist der Angriff eines Hindu-Mobs auf ein Projektzentrum der von einem Christen geleiteten Indienhilfe-Partner-Organisation SHED: Lediglich zwei Motorräder verbrannten, Menschen kamen nicht zu Schaden. Seit August kommt es in Orissa zu Exzessen gegen Christen, die ursprünglich meist den Unberührbaren oder den Adivasi angehörten. Tausende flohen aus ihren Dörfern in den Dschungel oder in Flüchtlingslager. Ausgelöst wurden die Ausschreitungen durch den Mord an einem hindu-nationalistischen Guru, der den Christen angelastet wird, obwohl eine maoistische Terrorgruppe sich dazu bekannte. Die Ursprünge des Konflikts gehen auf Missionierungs-Vorwürfe von Hindu-Fanatikern zurück. Die Religion wird vorgeschoben, um wirtschaftliche Interessen und politische Machtansprüche zu sichern1).
Seit 1992 arbeitet die Indienhilfe mit SHED zusammen, um die
extreme Armut von etwa 4.000 Adivasifamilien in 88 unzugänglichen Dörfern und
den Slums von Rayagada zu bekämpfen. Durch einen ganzheitlichen Ansatz mit
Bildung, Gesundheit, Frauen-Selbsthilfegruppen und einkommenschaffenden
Maßnahmen (Mikrokredite) leistet SHED einen wichtigen Beitrag zur friedlichen
Entwicklung in der Region. Menschen, die eine Perspektive für ihren Weg aus der
Armut haben, lassen sich weniger von radikalen Gruppierungen
instrumentalisieren. IH-Vorstand Udo Kirkamp ist derzeit unterwegs zu einem
Projektbesuch bei SHED - wir hoffen, dass er ohne Gefahr reisen kann.
Mit einem Budget von 50.000 € gehört SHED zu unseren größten
Partnern. Uns fehlen noch ca. 25.000 € - Spenden unter dem Stichwort „SHED -
Orissa“
1) Ausführliche Darstellung der komplexen Zusammenhänge finden Sie hier
| Bikash - ein Modell macht Schule: Weitere dörfliche Behindertenzentren im Bankura-Distrikt
eröffnet (November 2008, Sabine Dlugosch) |
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Der Neubau des Sonderpädagogischen Zentrums, der nur durch größte Anstrengungen unserer Unterstützer möglich wurde, wird voll genutzt: in den Therapieräumen finden von morgens bis abends Gruppen- und Einzeltherapie, Arbeitstherapie und Nachhilfeunterricht statt. Daneben betreibt Bikash Lobbyarbeit, klärt über die Rechte Behinderter auf, hilft bei der Beschaffung von Regierungshilfen, sensibilisiert für die Schwierigkeiten von Behinderten und ihren Familien und setzt sich für ihre Integration an den Schulen ein. Was noch fehlt, ist eine Kurzzeitpflege-Station, in der Angehörige ihre behinderten Familienmitglieder temporär unterbringen können, um sie in familiären Notlagen (z.B. Krankheit oder Erschöpfung der pflegenden Angehörigen) zu versorgen. Auf Grund unseres finanziellen Engpasses übernehmen wir derzeit außer den Gehältern für eine Mindestzahl an Sonderpädagogen und Therapeuten für die Tageseinrichtung keine anderen Kosten. Nur mit Extra-Spenden und Zuschüssen könnten wir Bikash die Finanzierung des zusätzlich nötigen Pflegepersonals zusagen. Zusätzlich nötig wäre auch eine verstärkte Präventivarbeit, wie unsere Beraterin Sibani Bhattacharya aus dem Indienhilfe-Büro Kolkata bei ihrem Projektbesuch kürzlich feststellte. |
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Nicht nur Symptome, sondern Ursachen
bekämpfen - neue Initiative der Indienhilfe gegen Kinderarbeit
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)
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Kinder als Hilfsarbeiter in einer Ziegelei |
"Wenn ich groß bin, will ich
Krankenschwester werden!" erzählt die neunjährige Rekha mit glänzenden Augen.
Zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Brüdern lebt sie in Sarada
Colony, der Siedlung der Ziegeleiarbeiter bei Malda, der Distriktstadt im Norden
Westbengalens. Ursprünglich stammt die Familie aus Bihar, dem benachbarten
Bundesstaat, aber Armut und Arbeitslosigkeit zwangen sie, ihre Heimat zu
verlassen. Acht Monate im Jahr lebt die fünfköpfige Familie in einem kleinen
Raum ohne Toilette, den ihnen der Ziegeleibesitzer zur Verfügung stellt.
Während der Regenzeit kehren sie in ihr Heimatdorf nach Bihar zurück.
Seit zwei Jahren arbeiten Rekhas Eltern in der Ziegelei, ihr Verdienst liegt bei
75 bis 100 Rupien (1,50 bis 2 Euro) pro Woche, abhängig von der Anzahl der
hergestellten Ziegel. Die Mitarbeit der Kinder ist unverzichtbar, um das
Überleben der Familie zu sichern. Während die Eltern die Ziegel herstellen, ist
es Aufgabe der Kinder, das benötigte Rohmaterial herbeizuschaffen. In der
brütenden Hitze schleppen sie schwere Gefäße und Schalen mit Wasser und Lehm auf
dem Kopf lange Strecken über das Ziegelfeld. Die Luft ist voller Staub und Ruß,
das Atmen fällt schwer. Die meisten Kinder leiden an Augenentzündungen und
Bronchialproblemen sowie an Unterernährung. Das Mittagessen besteht in Rekhas
Familie aus Kichererbsenmehl mit Wasser und Salz, einer Mahlzeit, die schwer
verdaulich ist und daher für einige Zeit das Hungergefühl unterdrückt. Am Abend
gibt es Reis mit Kartoffeln, dessen Reste am nächsten Morgen gegessen werden.
Gemüse und Obst kann sich die Familie nicht leisten, so dass den Kindern
wichtige Vitamine fehlen.
Rekha ist glücklich: sie besucht die zweite Klasse der Kinderarbeiter-Schule
unserer Partnerorganisation Rural Health Development Center (RHDC). Seit knapp
zwei Jahren unterrichten dort zwei Lehrer täglich von 11 bis 13 Uhr 52 Kinder im
Alter von 8 bis 14 Jahren. Dabei ist die Schule nicht nur Ort des Lernens,
sondern man kümmert sich auch um die ganzheitliche Entwicklung der Kinder. Vor
Beginn des Unterrichts haben die Kinder Zeit, sich beim gemeinsamen Spielen
auszutoben und ihre Kindheit zu genießen. Bevor es schließlich ans Rechnen,
Lesen und Schreiben geht, wird meditiert, um die notwendige Ruhe und
Konzentration zum Lernen herzustellen. Anfangs bestand die Befürchtung, dass die
Migrantenkinder durch lange Fehlzeiten den Anschluss an den Unterricht
verpassen. Diese Sorge erwies sich aber als unbegründet: in ihren Heimatdörfern
in Bihar und Jharkhand besuchen die Kinder eine Schule und der Wechsel der
Unterrichtssprachen zwischen Bengali und Hindi stellt für sie kein Problem dar.
Häufig sind es die Migrantenkinder, die besonders engagiert und regelmäßig am
Unterricht teilnehmen. Ferner besucht regelmäßig ein Arzt die Schule und
überprüft den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder. Im
Gegensatz zu Rekha besuchen ihre Brüder keine Schule. Da sie älter und kräftiger
sind als das zierliche Mädchen, können sie selbst Ziegelsteine herstellen und
dadurch einen wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen leisten - jeder
zusätzlich produzierte Ziegelstein bedeutet einen höheren Verdienst. Auch Rekha
muss ausserhalb der Schulzeiten arbeiten. Wie viele Mädchen in ihrem Alter ist
sie für die Versorgung des Haushalts und das Kochen zuständig, da die Mutter den
ganzen Tag in der Ziegelei arbeitet.
Kinder wie Rekha und ihre Brüder gibt es viele in Indien. Insgesamt wird die
Zahl der arbeitenden Kinder auf bis zu 100 Mio. geschätzt, je nach Definition
und Altersgrenze. Ein Großteil von ihnen ist in der Landwirtschaft beschäftigt,
als Viehhirten, Holzsammler oder Wasserträger. Zu den Tätigkeiten der Mädchen
gehören Kochen, Putzen, Waschen und Hüten der jüngeren Geschwister, sei es im
elterlichen Haushalt oder als Angestellte bei reicheren Familien, wo sie häufig
Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind. Besonders schlimm ist beispielsweise
Recycling-Einheiten, wo mit bloßen Händen Batterien in ihre Einzelteile zerlegt
oder Glasscherben sortiert werden, Steinbrüche, in denen Kinder mit schweren
Maschinen und Sprengstoffen arbeiten, und auch Ziegeleien, in denen Staub, Hitze
und das Tragen schwerer Lasten die Gesundheit der Kinder negativ
beeinträchtigen.
Mit der Gründung eines "Netzwerks gegen Kinderarbeit in gesundheitsschädlichen
Bereichen" Anfang 2005 hat die Indienhilfe gemeinsam mit ihren indischen
Partnern den Kampf gegen Kinderarbeit als neuen Schwerpunkt aufgenommen. Ziel
ist es, durch ständigen Erfahrungsaustausch gemeinsam Modelle zu entwickeln, um
Alternativen für die Kinder zu schaffen und ihre Rechte zu stärken. Angesichts
des riesigen Aufgabenfelds und der Geschäftsinteressen derer, die von
Kinderarbeit profitieren, wird zunächst mit einfachen Maßnahmen, wie
Schulbildung und medizinische Versorgung, begonnen. Gleichzeitig wird versucht,
über Lobbyarbeit ein Bewußtsein bei Regierung und Öffentlichkeit zu schaffen, um
die Ursachen von Kinderarbeit langfristig zu bekämpfen.
Momentan besucht Timm Christmann, ein Historiker und Journalist aus Heidelberg,
als ehrenamtlicher volunteer die Projektpartner der Indienhilfe und recherchiert
über die Situation von Kinderarbeitern in den jeweiligen Gebieten. Den Abschluß
seiner sechsmonatigen Reise, die er komplett selbst finanziert, bildet ein
zweitägiger Workshop, der zum einen der Lobbyarbeit und zum anderen der
Weiterentwicklung des Netzwerks dient. Während am ersten Tag mit Vertretern der
Regierung und der Öffentlichkeit Probleme bei der Umsetzung von
Regierungsprogrammen im Kampf gegen Kinderarbeit erörtert werden, dient der
zweite Tag der Ausarbeitung eines konkreten Aktionsplans des Netzwerks. Neben
UNICEF werden die indische Kinderrechtsorganisation CRY (Child Rights and You)
sowie die MV Foundation aus Südindien, die bereits 150.000 Kinderarbeiter
erfolgreich eingeschult hat, ihre Modelle vorstellen und gemeinsam mit den
Indienhilfe-Partnern das weitere Vorgehen diskutieren.
Sie wollen, dass ihre Kinder es besser haben - zu
Besuch im Adivasi-Projekt West Midnapur
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)
"Das Haus ist ziemlich groß,
man sieht jedoch mit einem Blick, dass es heruntergekommen ist. Der Älteste der
Brüder, das Oberhaupt der Familie, gilt als der schlimmste Säufer der ganzen
Gegend. Eine Frau in schmutzigem Sari öffnet uns. Vor dem Haus hockt eine alte
Frau auf dem Boden und stiert uns mit glasigem Blick an. Es ist die Mutter der
Brüder. Sie trägt keine Bluse unter ihrem Sari und trinkt schon zum Frühstück
ihr Reisbier.
Wir betreten das finstere, fensterlose Haus. Die Innenausstattung ist ärmlich,
es gibt kaum Geräte. Schlafräume sind nicht vorhanden. Der Mann schläft in einem
ebenerdigen Getreidespeicher. Die Veranda, nach außen abgegrenzt durch
geflochtene Matten, dient gleichzeitig als Stall für Kühe, Ziegen und Hühner.
Winzige Küken wuseln herum. Über eine gefährlich steile Leiter gelangen wir in
das Obergeschoß. Auch hier ist ein Speicher, der zugleich als Schlafraum dient.
Wie und wo hier jemand schlafen kann, ist mir schleierhaft. Ich sehe keinen
Platz, wo ein Mensch sich hätte ausstrecken können. Wir entdecken einen Bogen an
der Wand, ohne Pfeile. Lawrence flüstert mir zu, dass die Frauen die Pfeile
verstecken, damit der Hausherr in betrunkenem Zustand keinen Schaden anrichten
kann. Es kommt vor, dass er im Rausch aggressiv wird und einen Nachbarn bedroht.
Das Haus wirkt auf mich bedrückend. Es ist offensichtlich, dass hier elende
Armut herrscht und schlecht gewirtschaftet wird. Der Hof ist voll schmutziger,
halbnackter Kinder. Frauen kreischen, ohne uns zu beachten."
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| Eine Haupteinnahmequelle der Frauen ist das Nähen von Sal-Blatt-Tellern. Aus ihren Ersparnissen bezahlen die SHG-Frauen gemeinsam einen Mann, der ihre Ware direkt auf dem Großmarkt verkauft. So werden die Mittelmänner ausgeschaltet, die den Frauen die Teller in den Dörfern für einen sehr viel geringeren Preis abkaufen wollen, um sie selbst weit teurer zu verkaufen. Foto: Karl Rellensmann |
Susanne Schaup, Schriftstellerin
aus Wien und langjähriges Indienhilfe-Mitglied, verbrachte im Rahmen einer von
der Indienhilfe organisierten Projektreise1) im Februar mehrere Tage
im West Midnapur Distrikt. Das von ihr besuchte Haus ist keine Besonderheit. Die
im Projektgebiet lebenden Adivasi (indigene Bevölkerung), hauptsächlich Santhals
und Lodhas, gehören zur ärmsten Bevölkerungsschicht Indiens. Die Abholzung ihres
ursprünglichen Lebensraums, des Dschungels, brachte sie um ihre
Existenzgrundlage. Statt zu jagen und zu sammeln, versuchen sie, ihren
Lebensunterhalt als Tagelöhner, Pächter und Kleinstbauern zu verdienen. Ihr
Einkommen reicht meist nicht einmal aus, die Familien ausreichend zu ernähren.
Häufig dient Reisbier als Ersatz für eine Mahlzeit - es ist billig, verdrängt
den Hunger, und der Alkohol betäubt die Sorgen. Viele Kinder sind
vernachlässigt, unterernährt, verwurmt, häufig krank.
Dem gegenüber sind in den von der Indienhilfe unterstützten Dörfern des
"Integrated Development Project (IDP) West Midnapur" schon rein äußerlich
deutliche Fortschritte festzustellen: die Menschen achten auf ihr Äußeres,
halten ihre Kleidung in Ordnung, sind gesünder, besser ernährt, machen einen
wacheren und selbstbewußteren Eindruck. Ihre Dörfer und Hütten sind sauberer und
werden instand gehalten. Es gibt üppige Küchengärten, die Trinkwasserstellen
sind befestigt und sauber, und sogar Toiletten finden sich! Neben den
traditionellen Taglöhnertätigkeiten florieren Handwerk und
Dienstleistungsbereich. Die Wände der Lehmhäuser sind mit Werbung für die
staatlichen Polio-Impfprogramme und die Ein- bis Zweikindfamilie bemalt.
Partner der Indienhilfe ist hier die kirchliche Entwicklungsorganisation "Seva
Kendra Calcutta (SKC)". Dreißig neue Dörfer sollen heuer einbezogen, mehrere
tausend Adivasi-Familien, vor allem die am stärksten an den Rand gedrängten
Lodhas, in dann insgesamt 77 Dörfern erreicht werden. Rückgrat der
Dorfentwicklung sind die Selbsthilfegruppen (SHGs). Jeweils 10 bis 20 Frauen aus
Nachbarschaften schließen sich dabei zu Spar- und Aktionsgruppen zusammen und
nehmen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen selbst in die Hand, beraten und
unterstützt durch die Dorfanimator/innen des Projekts. 307 erfolgreiche Gruppen
existieren schon, 90 neue sollen 2006 gegründet werden! Susanne Schaup war
beeindruckt von ihrem Treffen mit den Frauen:
" Am Nachmittag treffen wir eine Frauengruppe in einem Lodha-Dorf. Sieben
Frauen mit zehn Kindern sind in das von der IH finanzierte "Lernzentrum"
gekommen, wo morgens die Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden. Alle Frauen
sind in ihren besten Saris erschienen. Sie tragen bunte Armreifen,
Nasenbrillanten, eine sogar einen goldenen Nasenring. Immer mehr Frauen strömen
herbei und Kinder, die uns zusehen, ein paar recht wilde darunter, andere in
ordentlichen Kleidern. Es ergibt sich ein lebhaftes Gespräch. Die Frauen haben
einen Sparkreis gegründet. Sie sind Analphabetinnen, können aber immerhin ihren
Namen schreiben und zahlen pünktlich ihre monatliche Einlage von 35 Rs (0,70 €).
Stolz zeigen sie uns ihre Kasse, eine Metallbox, in der sich ihre Ersparnisse
von insgesamt 1.700 Rs (34€) befinden. Es fällt den Frauen nicht leicht, von
ihrem geringen Verdienst Geld für die Sparkasse abzuzweigen. Aber sie schaffen
es irgendwie. Sie sparen für ihre Kinder und ihre Altersversorgung.
Es fällt mir nicht leicht, von den Dorfbewohnern Abschied zu nehmen. Diese
Frauen, die mit uns getanzt und gesprochen haben, die uns an ihrem Alltag
teilnehmen ließen, sind mir ans Herz gewachsen. Es ist ihnen ein Anliegen, dass
die Entwicklung in ihrem Dorf weitergeht. Sie wollen, daß ihre Kinder es besser
haben. Überall habe ich den Eindruck, daß die SHGs von den Frauen bereitwillig
angenommen werden und dass sie ihnen einen echten Rückhalt geben."
Der Erfolg des Projekts wird auch im Bereich Bildung deutlich: Kinder im
schulpflichtigen Alter besuchen mittlerweile die lokalen Regierungsschulen, so
dass die einstigen Non-formalen Schulen in Nachhilfezentren umgewandelt werden
konnten. Weil die meisten Eltern nicht lesen und schreiben können, sind
Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe durch die Projektmitarbeiter wesentliche
Voraussetzung, um im staatlichen indischen Schulbetrieb bestehen zu können. Neu
in diesem Jahr ist die Aufnahme von Umweltbildung in den Zentren. Durch die
Beobachtung und Erfassung der wichtigsten Bäume in der Umgebung ihres Dorfes
nehmen die Kinder ihre Umwelt bewußter wahr und können Veränderungsprozesse
erkennen ("Participatory Vegetation Monitoring"). Auf Basis dieses Wissens
sollen die Kinder ein Bewußtsein für den schonenden Umgang mit natürlichen
Ressourcen entwickeln und eigene Aktivitäten zum Schutz der Umwelt durchführen
und so dem weiteren Absterben des Dschungels entgegenwirken.
Verantwortlich für die stärkere Einbeziehung von Umweltaspekten in die
Aktivitäten ist der neue Koordinator Sudarshan Dey, der das Projekt seit August
2005 leitet. Für ihn ist Entwicklung ein ganzheitlicher Prozess, der Bildung,
Gesundheit, Ökonomie und Öklogie umfaßt, die sich gegenseitig beeinflussen:
mangelnde Bildung führt zu einem geringen Bewußtsein über Hygiene und
vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen. Der dadurch verschlechterte Gesundheitszustand
führt zu Verdienstausfällen und der Entstehung hoher Arztkosten, die sich
wiederum negativ auf die finanzielle Situation der Familie auswirken. Um das
Überleben der Familie zu sichern, müssen die Kinder arbeiten anstatt eine Schule
zu besuchen. Gleichzeitig führt die durch Armut und häufige Darmerkrankungen
bedingte Mangel- und Fehlernährung zu einer Verschlechterung des
Gesundheitszustandes.
(Zitate: Susanne Schaup)
Für das Projekt werden in diesem Jahr 61.000 € benötigt: z.B. 3.300€ für die
Ausbildung der SHG-Leiterinnen, Lern- und Lehrmittel à 85 € für 83
Nachhilfezentren, Schuluniformen und -taschen à 2€ für 80 Lodha-Kinder, 390 €
für die Umweltbildung, Fernlernkurs "Sektorale Integration" für 17 Mitarbeiter à
50 €, Gehälter für 87 Dorf-Animatoren - der durchschnittliche Jahresverdienst
eines Animators beträgt 185 €.
Insgesamt werden mehr als 5.500 Familien erreicht, in denen 10.000 Kinder leben:
reelle Zukunftsperspektiven für etwa 6 € pro Kind!
Spenden unter dem Stichwort "IDP Midnapur".
1) selbstverständlich von den Teilnehmer/innen aus eigener Tasche bezahlt
Nicht jeder entwickelt sich gleich schnell
Regine Linder
(Mai 2006)
Haben Sie diese Erfahrung vielleicht auch bei Ihren Kindern gemacht? Bei unserem diesjährigen Projektbesuch haben wir bemerkt, dass diese Feststellung auch auf Dorfentwicklung zutrifft: Von den ursprünglich 64 Dörfern des Dongria Kondh Projekts unserer Partnerorganisation SHED haben sich einige schon nachhaltig entwickelt, so dass sich SHED weitgehend zurückziehen konnte. Bei einigen "Spätzündern" kommt die Entwicklung hingegen nur langsam voran.
Auf einem immer schmaler
werdenden Pfad geht es eine halbe Stunde zu Fuß Richtung Berge. Unser Ziel ist
das noch sehr ursprüngliche Dorf Raelima. Wir haben dieses Dorf schon vor 6
Jahren besucht. Damals schien es wie ausgestorben, die Dorfbewohner ließen sich
nicht sehen. Raelima 2006: Wir werden von neugierigen Menschen umringt, alle
sehr freundlich, bereit, uns ihre Häuser zu zeigen... Die Stimmung im Dorf ist
auffällig verändert. Vertrauensbildung - unverzichtbare Grundlage für
erfolgreiche Entwicklungsarbeit - hat in diesem Dorf offenbar besonders lange
gebraucht. Inzwischen hat sich dort mit Unterstützung von SHED eine erste
Selbsthilfegruppe gegründet.
Pujariguda ist hingegen eines von mehreren Dörfern, in dem sich SHED seit zwei
Jahren überflüssig gemacht hat: Ernährungs- und Gesundheitszustand der
Dorfbewohner ist befriedigend, die Kinder gehen in die Schule, die Menschen
sprechen nicht nur ihre Stammessprache Kui, sondern auch die Landessprache
Oriya, und sie sind politisch selbstbewusst geworden. Hatte bisher SHED dafür
gesorgt, dass Fördermaßnahmen der Regierung das Dorf erreicht haben (z.B. eine
feste Dorfstraße, ein Schulgebäude), so kümmern sich jetzt diese Dorfbewohner
selbst darum.
Die meisten der verbliebenen 50 Projektdörfer werden allerdings SHEDs
Unterstützung noch eine Weile brauchen. Das Dorf Dibalpadu z.B, das wir heuer
besucht haben, lebt mit seinen 57 Familien nur von Hirse und Reis, 43 Familien
sind unter der Armutsgrenze. Die Monate vor der Regenzeit herrscht regelmäßig
Hunger, da die Nahrungsvorräte nicht über die ganze Trockenzeit reichen. Der
für Dibalpadu zuständige Cluster Worker von SHED kommt einmal pro Woche ins Dorf
und hat viel zu tun. Er hilft der Selbsthilfegruppe bei allen Formalitäten (z.B.
in Zusammenhang mit Bankkrediten), berät bei Planung und Durchführung von
einkommenschaffenden Maßnahmen; daneben wird er bei Krankheiten zu Rate
gezogen, motiviert zum Anlegen von Küchengärten und betreut das Village Action
Committee: eine Gruppierung von Männern und Frauen, die die Weiterentwicklung
ihres Dorfes plant und die analysierten Probleme gezielt anzugehen versucht. Auf
Betreiben von SHED wurde in dem Dorf als Grundlage für eine nachhaltige
Entwicklung kürzlich eine staatliche Schule für Kinderarbeiter eingerichtet, die
wir besuchten. Zwei junge engagierte Lehrer unterrichten 50 Kinder aus der
Gegend, die bisher ihre Tage mit Viehhüten oder Hausarbeit zubrachten.
In den 50 Projektdörfern, in
denen etwa 12.000 Menschen leben, wird SHED auch dieses Jahr Hilfe zur
Selbsthilfe leisten. Schwerpunkte sind die Betreuung der Selbsthilfegruppen, die
Gesundheitsarbeit, die Förderung von lokalen Führungspersönlichkeiten und die
Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Auf unterster Ebene sind dafür 10
Cluster Workers zuständig, die etwa 50 € monatlich verdienen. Neben diesen sind
die Gehälter des Koordinators, der beiden Ärzte, Trainings, Fahrtkosten usw. zu
finanzieren.
Für das Finanzjahr 2006-07 hat die Indienhilfe für dieses Projekt ca. 18.000 €
zugesagt. Mit dem Dank an unsere bisherigen Unterstützer verbinden wir die
dringende Bitte um Spenden für das "Dongria Kondh Projekt".
Indienhilfe-Partner setzt auf Regenwasser zur
Bewässerung und Trinkwasserversorgung
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)
Unermüdlich setzt sich die Indienhilfe-Partnerorganisation Ektagram Vikas Samiti (EVS) seit vielen Jahren für die Erforschung, Bewahrung und Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen ein. Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene, vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Ein Problem stellte allerdings die Bewässerung der Pflanzen in der Trockenzeit dar. Der Versuch, einen Brunnen zu bauen schlug fehl und daher wurde auf eine innovative und nachhaltige Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: durch Auffangen von Regenwasser ("Rainwater Harvesting") wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Die Regenwasser-Auffang-Anlage soll auch anderen als Modell für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung dienen.
Elisabeth Kreuz, Vorstandsvorsitzende der Indienhilfe Herrsching, konnte sich bei ihrem selbstfinanzierten Besuch im Projekt von der Funktionalität der Anlage überzeugen: erst kürzlich hatte es stark geregnet und das Auffang-Becken war nahezu randvoll. Beeindruckt war sie von der Vorführung, wie mit Hilfe von Schläuchen und einer Pumpe das Wasser in die Heilkräuterplantage geleitet wird, die sich zu einer gut gedeihenden grünen Pflanzenlandschaft entwickelt hat. Sie berichtet von einer weiteren Besonderheit: "Erstaunt stellte ich fest, dass jeden Morgen ein Mitarbeiter der Organisation in dem Auffangbecken schwamm. Auf meine Nachfrage wurde mir erläutert, dass dies notwendig sei, um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhalten, der notwendig ist, um die Wasserpflanzen und Fische am Leben zu halten, die dort angesiedelt sind und zum eigenen Verzehr gehalten werden."
Gleichzeitig wird ein Teil des aufgefangenen Regenwassers in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Gerade in den abgelegenen Dörfern Westbengalens ist die Versorgung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser ein Problem: es gibt zu wenig Brunnen und die Grundwasserreserven reichen nicht aus. Die Menschen müssen daher bakteriell kontaminiertes Wasser verwenden, das oft zu schweren Durchfallerkrankungen und tödlichen Magen-Darm-Erkrankungen führt, vor allem bei Kindern. Die Filterung des Regenwassers bietet hier eine relativ einfache und kostengünstige Möglichkeit der Beschaffung sicheren Trinkwassers.
Bei ihren Aktivitäten beschränkt sich EVS allerdings nicht nur auf die Erforschung des Wissens um traditionelle Heilpflanzen und –methoden, sondern leistet auch einen Beitrag zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der Adivasi im Projektgebiet. Seit diesem Jahr besteht ein Schulungsprogramm, das die Nutzung der traditionellen Heilpflanzen wieder in das Bewusstsein der Adivasi bringen soll. Frauen aus Adivasi-Dörfern werden sowohl in der Gesundheitsvorsorge wie auch im häuslichen Gebrauch traditioneller Heilmethoden unterrichtet. Gleichzeitig lernen die Frauen, wie sie die kostbaren Heilkräuter in ihren eigenen Gärten anpflanzen können, um diese dann zu fairen Preisen an EVS zu verkaufen. Bisher wurden die Fortbildungen immer unter freiem Himmel abgehalten, aber nun soll ein kleines Trainingszentrum gebaut werden.
Für den Bau des Trainingszentrums sucht die Indienhilfe noch dringend finanzielle Unterstützung und bittet um Spenden auf das Konto 430 377 663 bei der Kreissparkasse Mü-Starnberg, BLZ 702 501 50, Stichwort "Ektagram"
“So haben wir noch nie auf Kinder
geschaut ...”
ICDP: Ein kulturunabhängiges Kompetenztraining für Eltern und Pädagogen
Dr. Karl-Peter Hubbertz
(Dezember 2005)
"Es ist mir zum ersten Mal nach
12 Jahren Schule deutlich geworden, dass ich jedes Kind als eine eigene und
besondere Person sehen und verstehen kann!" Diese Aussage stammt von Anima
Chatterjee aus Malda, die im dortigen RHDC-Zentrum Kinderarbeiter/innen
unterrichtet. Ihr Statement ist ein Beispiel für die Begeisterung und die
Lernmotivation, welche ein Einführungsseminar zum ICDP bei den MitarbeiterInnen
in Malda auslöste. Der allgemeine Tenor war: Das ist völlig neu für uns - so
haben wir noch nie auf Kinder geschaut!
Im Dezember 2004 und im Januar 2005 wurde an zwei Projektstandorten der
Indienhilfe, Atghara (Vikas Kendra) und Malda in West-Bengalen, jeweils ein
dreitägiger Einführungsworkshop zum ICDP durchgeführt. Teilnehmer/innen waren
Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrer und Ärzte, die in den Bereichen
Förderkindergärten (SVKs), Heim, Schule, Gesundheitserziehung und
Selbsthilfegruppen von Müttern tätig sind. Viele Teilnehmer/innen waren
begeistert von diesem Seminar. Sie wünschten sich eine Fortsetzung ("come
again!") und betonten, wie gerne sie weiterlernen würden.
Was ist ICDP? ICDP (= International Child Development Programmes) ist ein
speziell für Entwicklungsländer konzipiertes Training. Es wendet sich an Eltern
und andere Bezugspersonen, die mit Kindern zusammen leben oder arbeiten, welche
in ihrer Entwicklung gefährdet sind. Solche "children at risk" leben meist in
Armutsgebieten und sozial benachteiligten Familien. Es sind oft auch
traumatisierte Kinder, Kinder, die ihre Eltern verloren haben, entwurzelte
Kinder, Kinderarbeiter oder Straßenkinder.
Der beste Weg, solche Kinder langfristig zu fördern, ist neben der Absicherung
von Wohnen, Ernährung, Gesundheit und Schulbildung die Unterstützung ihrer
primären Bezugspersonen bei der Erziehung. Diesen Grundsatz macht sich das ICDP
zu eigen. Das Programm wurde von dem norwegischen Entwicklungspsychologen K.
Hundeide entwickelt und in verschiedenen Ländern der Dritten Welt erprobt und
evaluiert. Es ähnelt in seiner äußeren Struktur einem herkömmlichen
Elterntraining und vermittelt basale Leitlinien kindlicher Entwicklungsförderung
und Erziehung.
Drei Prinzipien machen das ICDP für Adressaten in fremden Kulturen besonders
geeignet:
- Das Prinzip der Sensibilisierung: Es geht nicht darum, Wissen über
Erziehungsprozesse aus unserer westlichen Kultur nach Indien zu importieren.
Ziel ist vielmehr, Eltern und Erzieher für eigene, natürliche
Erziehungsfähigkeiten zu sensibilisieren. Solche Fähigkeiten (sog. "local child
rearing practices and traditions") geraten unter besonders belasteten
Lebensumständen oft in Vergessenheit. Sie sollen aktiviert und
Erziehungspersonen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden.
- Das Prinzip der Verknüpfung von Einfühlung, emotionaler Zuwendung und
Lernförderung: Das ICDP sieht Erziehung und kindliche Entwicklungsförderung als
ganzheitlichen Prozess. Es gibt Eltern nicht nur Orientierung für ihre
emotionale Beziehung zum Kind, sondern auch praktische Anregungen für kognitive
Lernförderung und schulische Bildung.
- Das Prinzip der Einfachheit: ICDP verzichtet weitgehend auf schriftliche Texte
und paper-pencil-Übungen. Das Programm arbeitet primär mit Fotos, Rollenspielen
und anderen praktischen Übungen. Es beschränkt sich auf die Vermittlung weniger
Leitlinien, die von den TeilnehmerInnen im Erziehungsalltag praktisch umgesetzt
werden. So ist dieses Training auch besonders für Mütter und Väter geeignet, die
weder lesen noch schreiben können.
ICDP wurde von der WHO als Förderprogramm für Entwicklungsländer anerkannt und
übernommen. Auch besteht eine enge Kooperation mit UNICEF in verschiedenen
Ländern, z.B. in Kolumbien. Weitere Länderschwerpunkte sind Angola, Mozambique
und Mazedonien.
Weitere Planung: Geplant ist nun ein weiteres, einwöchiges Seminar im Februar
2006, das für die Teilnehmer aus den verschiedenen Projekten zentral in Kalkutta
stattfinden soll. Hier soll es darum gehen, ein strukturiertes ICDP-Programm für
Elterngruppen zu vermitteln, das 12 Treffen umfasst und viele praktische Übungen
enthält. Auch einzelne Bausteine aus diesem Curriculum können von den
Teilnehmern in ihrer Arbeit mit Eltern, z.B. in der Selbsthilfegruppenarbeit,
sinnvoll genutzt werden. Für September 2006 ist dann ein Supervisionsseminar
vorgesehen, in dem die Kursteilnehmer ihre praktischen Erfahrungen mit dem ICDP
reflektieren können und neue Anregungen erhalten.
Weitere Information zum ICDP:
www.icdp.info (lohnenswert!)
Der Referent: Dr. Karl-Peter Hubbertz ist Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge. Er war 20 Jahre hauptberuflich in Erziehungs- und Familienberatungsstellen tätig. Seit 1999 ist er Hochschullehrer am Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg und bildet SozialarbeiterInnen aus. K.-P. Hubbertz ist Mitglied der Indienhilfe und hat eine Fortbildung in ICDP absolviert. Er kennt die MitarbeiterInnen der Indienhilfe-Projekte in West-Bengalen und bereitet das Seminar in 2006 zusammen mit ihnen vor. K.-P. Hubbertz finanziert seine ICDP-Fortbildung und seine Indienaufenthalte aus eigener Tasche. Die Indienhilfe trägt lediglich die Kosten, die für Anfahrt, Unterbringung und Verpflegung der IH-Projektmitarbeiter und für eine Übersetzerin vor Ort anfallen. Die Kosten für die ersten Workshops betrugen ca. 550 Euro, für 2006 werden ca. 1.500 Euro benötigt. Spenden unter dem Stichwort ICDP.
10 Jahre Ananda Kendra -
Zuflucht für Menschen in Not
Waltraud Schneiders
(Dezember 2005)
Zehn Jahre besteht Ananda Kendra
- das "Zentrum der Freude" - nun schon! Angegliedert an das ländliche Projekt
"Vikas Kendra" in Atghara (50 km nordöstlich von Kalkutta) bietet es derzeit
mehr als 40 Menschen ein Zuhause: 24 Sozialwaisen aus extrem armen und kaputten
Verhältnissen, vier mittellosen alten Leuten und zwölf Frauen in Not mit ihren
Kindern. Viele von ihnen waren Gewalt und Missbrauch ausgesetzt.
Fachkundige Betreuung soll den Frauen helfen, ihr Leben wieder selbst in die
Hand nehmen zu können. Sie erlernen z.B. Schneiderei, Weberei, Stickerei, auch
schon mal Barfußtiermedizin, holen eine Schulbildung nach, erhalten die
notwendige Gesundheitsversorgung und Beistand, um Konflikte mit Ehemännern und
Familien in den Griff zu bekommen oder Unterhaltszahlungen zu erstreiten.
Einige sind psychisch krank und werden entsprechend betreut. Viele Frauen
konnten bereits wieder erfolgreich rehabilitiert werden. Es wird versucht, mit
ihnen Kontakt zu halten, auch wenn Sie AK verlassen haben - ob allein stehend
oder wieder in ihren Familien lebend. Die in AK lebenden Kinder besuchen die
örtlichen Schulen und werden mit dem notwendigen Lernmaterial versorgt.
Gerade ist Malina Halder in AK eingezogen, 10 Jahre alt, Tochter einer
Schlangenbeschwörer-Familie. Da ihre Eltern häufig außer Haus sind und sie nicht
beaufsichtigen können, sollte Malina nun verheiratet werden, um "ihren guten Ruf
zu erhalten". Sie wandte sich in ihrer Verzweiflung an die Sozialarbeiter von
Vikas Kendra, deren Nachhilfezentrum sie seit einiger Zeit besucht. Nun lebt sie
beschützt in AK und darf als erstes Mädchen ihres Viertels eine weiterführende
Schule besuchen.
Der indische Staat trägt den größten Teil der Kosten für die erwachsenen Frauen,
die Indienhilfe vor allem für die "Sozialwaisen".
In diesem Jahr werden 6.000 Euro benötigt - Spenden unter dem Stichwort "Ananda
Kendra". Wir danken dem Verein Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der 3. Welt
in Rosenheim/Brannenburg für die regelmäßige Unterstützung.
Krabbelstube für Kalkuttas
Slum-Kinder in Lake Gardens
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)
Notdürftige Unterkünfte aus
Bambusstäben und Plastikplanen, ein Teich als Badezimmer, dazwischen
Eisenbahnschienen, auf denen Kinder spielen und in regelmäßigen Abständen die
Ringeisenbahn vorbei rattert - die illegale Siedlung im Süden Kalkuttas zwischen
den Bahnstationen Dhakuria und Lake Gardens ist nur eine von vielen in der
Millionenstadt. Tausende von Menschen, die im Lauf der Zeit aus den ländlichen
Gebieten nach Kalkutta kamen, leben in solchen unautorisierten Siedlungen. Im
Straßenbau, als Bauarbeiter und mit anderen schlecht bezahlten Tätigkeiten
kämpfen sie um das tägliche Überleben ihrer Familien. Ihre Arbeitskraft ist für
die Stadtentwicklung unerlässlich, aber Wohnraum ist keiner für sie vorgesehen.
Als einzige Lösung bleibt ihnen die Ansiedlung auf öffentlichem Grund, wo sie
jahrelang in menschenunwürdigen Verhältnissen leben. Einige der Siedlungen
werden später als Wohngebiete anerkannt, aber viele bleiben illegal. So auch die
Siedlung Lake Gardens. Die Lebensbedingungen sind katastrophal: keine Toiletten,
kein sauberes Trinkwasser, kein Strom, keinerlei medizinische Versorgung.
Erschwert werden die Lebensbedingungen durch die ständig drohenden
Zwangsräumungen durch die Stadtverwaltung. Die ständige Bedrohung ihrer Existenz
ist eine große psychische Belastung und verhindert den Aufbau einer
langfristigen Lebensperspektive, worunter vor allem die Kinder zu leiden haben,
die mit einem ständigen Gefühl der Unsicherheit aufwachsen.
Besonders schwierig ist die Situation der Mädchen und Frauen. Die Familien sind
für ihr Überleben auf das Einkommen beider Eltern angewiesen, so bleibt den
Müttern neben Erwerbsarbeit und Haushalt kaum Zeit, sich um die Bedürfnisse und
Ausbildung ihrer Kinder zu kümmern. Mädchen werden anstatt zur Schule als
Hausangestellte zu wohlhabenden Familien geschickt, wo sie häufig sexuellen
Belästigungen ausgesetzt sind. Lediglich 50% der Mädchen erhalten eine
Grundschulbildung, während es bei den Jungen 98% sind. Auch der
Gesundheitszustand der Mädchen ist wesentlich schlechter und sie leiden
häufiger an Mangel- und Fehlernährung.
Unser neuer Projektpartner Lake Gardens Women & Child Development Center
(LGW&CDC) hat es sich daher zur vorrangigen Aufgabe gemacht, die Situation der
Mädchen und Frauen im illegalen Slum Lake Gardens zu verbessern. Gegründet wurde
LGW&CDC von der Deutschen Cecilie Sircar, die 1990 im Rahmen ihrer Diplomarbeit
auf das Elend der Menschen in den Slums am Bahndamm und auf die schlechte
Bildungssituation der Mädchen aufmerksam wurde. 1994 eröffnete sie zusammen mit
ihrem Mann, einem Bengalen, das Projektzentrum, das als Ort des Schutzes für
Mädchen aus den benachbarten Slums dienen soll.
Anfangs besuchten 24 Mädchen den Unterricht, der meist in der Mittagszeit
stattfand, um den arbeitenden Kindern die Teilnahme zu ermöglichen. Schon bald
kamen immer mehr, so dass in verschiedenen Schichten unterrichtet wurde: am
frühen Nachmittag findet Schulunterricht statt, anschliessend wird
Nachhilfeunterricht angeboten. Am Abend finden für die älteren Mädchen Kurse in
Werken, Handarbeit, Hygiene, Ernährungs- und Gesundheitserziehung sowie
Ausbildungen für Schwesternhelferinnen, Schneiderinnen, Kosmetikerinnen etc.
statt. In einem kleinen Laden werden die von den Mädchen hergestellten
Gegenstände verkauft. Der Erlös wird für jedes Mädchen auf einem Konto angelegt
und später als Startkapital für den Beginn einer selbständigen Tätigkeit
verwendet.
Die Indienhilfe arbeitet seit diesem Jahr mit LGW&CDC zusammen und unterstützt
vor allem die neu eingerichtete Krabbelstube, in der etwa 20 Kinder arbeitender
Mütter im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren betreut werden. Fünf Teilzeitkräfte
kümmern sich abwechselnd um die Kinder, spielen mit ihnen und bringen ihnen die
grundlegenden Regeln persönlicher Hygiene bei. Die Entwicklung und der
Gesundheitszustand der Kinder werden regelmäßig von einem Arzt kontrolliert.
Kranke Kinder werden in einer separaten Ecke gepflegt und medizinisch betreut.
Eine tägliche warme und nahrhafte Mahlzeit trägt zur Verbesserung des
Gesundheitszustands der Kinder bei, von denen etwa 80% unter Mangel- und
Fehlernährung leiden, wenn sie in das Zentrum kommen.
Für die Mütter ist die Einrichtung der Kinderkrippe eine große Erleichterung.
Sie können ihrer Erwerbsarbeit nachgehen und wissen zugleich, dass ihre Kinder
gut versorgt sind.
Die Einrichtung und den Betrieb der Kinderkrippe unterstützt die Indienhilfe in
diesem Jahr mit 3.300 Euro.
Wenn Sie dieses Projekt unterstützen möchten, spenden Sie bitte unter dem
Stichwort "Lake Gardens".
Swanirvar: Start für
Shikshamitra, das “Offene Lernzentrum" in Kalkutta
Regine Linder
(Dezember 2005)
Zwanzig Jungen und Mädchen
zwischen 9 und 15 Jahren sitzen gedrängt im Kreis um eine volle Tasse Wasser, in
der nach und nach immer mehr Münzen verschwinden. Wie viele Geldstücke passen
noch in die Tasse, bis sie überläuft? Atemlose Stille...
Später wird die Gruppe geteilt: Die begabteren Kinder werden gemeinsam eine
Collage zum Monatsthema "Wasser" gestalten, und noch später wird die Collage im
Bengali-Unterricht Gegenstand einer Bildbeschreibung sein - ganzheitlicher
Unterricht für junge Menschen, die aus den Slums in Kalkuttas Stadtteil Chetla
stammen (die Eltern sind häufig Analphabeten) und in normalen Schulen nicht
zurechtkommen. Wenn überhaupt, dann haben die Jungen und Mädchen es nur bis zur
vierten Klasse geschafft.
Der andere Teil der Gruppe tut sich selbst hier in dieser Schule nicht leicht.
Auch diese Kinder sind schon in öffentlichen Schulen gewesen und zwischen 9 und
15 Jahre alt, aber sie können noch nicht oder kaum lesen und schreiben - sie
plagen sich noch zu sehr mit dem bengalischen Alphabet. Dafür malen sie lieber
Bilder und erzählen dann Geschichten um ihre Bilder herum. Bilder malen ist das
Höchste. Die Kinder sind davon so begeistert, dass sie dabei ganz still werden.
Dabei können viele von ihnen sonst kaum ruhig sitzen bleiben, kennen noch keine
Disziplin, zeigen Verhaltensstörungen aufgrund ihrer schweren Lebensumstände.
Dies eine Kostprobe aus dem Schulalltag im "Open Learning Centre" unserer
Partnerorganisation Swanirvar. Vor einem Jahr hatten wir von der Vision des
Ehepaares Sinha berichtet, eine alternative Oberschule für arme Jugendliche in
Kalkutta (und später auf dem Land) als Schule mit Modellcharakter für
Westbengalen aufzubauen.
Seit Mitte 2004 wurde an den Voraussetzungen für die Verwirklichung des Projekts
gearbeitet. Lehrpläne wurden neu durchdacht, geeignete Lehrkräfte mussten
gefunden und geschult werden. Als schließlich auch geeignete Räumlichkeiten
gefunden und eingerichtet und aus der Umgebung genügend Schulanmeldungen
vorhanden waren, wurde die neue Schule am 18.April 2005 feierlich eingeweiht.
Sujit Sinha (ein in Princeton promovierter Chemiker, dem sein soziales
Engagement wichtiger als die wissenschaftliche Karriere wurde), hatte 1989
Swanirvar gegründet und sich seither mit Modellkindergärten und -grundschulen
für Kinder aus armen Familien auf dem Land, Schülerökoclubs und anderen
Initiativen im pädagogischen Bereich einen Namen gemacht (siehe unser
Herbst-Info 2004). Dabei stand er in ständigem Kontakt mit staatlichen Behörden.
So verwundert es nicht, wenn Swanirvars ganzheitliche Lehrmethoden
Aufmerksamkeit und Anerkennung fanden. Dies äußert sich beispielsweise darin,
dass Fortbildungen von Swanirvar für staatliche Lehrer sehr gefragt sind.
Die neu eröffnete Schule möchte beispielhaft Jugendlichen aus den Slums von
Kalkutta eine über die Grundschule hinausgehende Bildung ermöglichen, die auf
die Bedürfnisse der Kinder eingeht, ihre Persönlichkeit fördert und
praxisorientiert wesentliche Kompetenzen und Fertigkeiten, Werte und natürlich
Wissen vermittelt. Die Jugendlichen sollen in der Lage sein, einen staatlichen
Schulabschluss zu machen und dann eine weitere Ausbildung oder eine Arbeit zu
finden. Darüber hinaus wird auch ihr Bewusstsein für Umwelt und Soziales
geschärft, damit sie sich später dafür engagieren und Verantwortung übernehmen.
Das Zentrum soll keine Konkurrenzveranstaltung zu öffentlichen Schulen sein,
sondern ein Ort, an dem für diese Zielgruppe eine adäquate Lernumgebung, Inhalte
und Methoden entwickelt und erprobt werden, um sie dann auf öffentliche Schulen
zu übertragen.
Für das laufende Finanzjahr hat die Indienhilfe 20.000 Euro zur Verfügung
gestellt (Gehälter der Lehrer, Lehr- und Lernmaterial, Grundausstattung der
Schule, Miete). Spenden unter dem Stichwort "Swanirvar".
Bewässerung mit Regenwasser
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)
Erforschung, Bewahrung und
Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen der Adivasi in Westbengalen:
dafür setzt sich unsere Partnerorganisation EVS - Ektagram Vikas Samiti1)
unermüdlich ein.
Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen
Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene,
vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Der Versuch, einen
Brunnen zu bauen, um die wertvollen Pflanzen während der Trockenzeit zu
bewässern, schlug fehl. Deshalb wurde jetzt auf eine innovative und nachhaltige
Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: Durch Auffangen von Regenwasser
(Rainwater Harvesting) wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des
Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können
auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Ein Teil
des Regenwassers wird in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu
Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Die Anlage soll auch anderen als Modell
für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung
dienen. Kosten: ca. 4.000 €. Spenden bitte unter dem Stichwort Rainwater
Harvesting .
1) Zum Schutz der Personen und ihres Wissens um traditionelle Heilpflanzen vor Missbrauch wurden in diesem Artikel die Namens- und Ortsangaben verändert
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Steht Sie? Bikash-Gruppe in Fengabasa |
Wie wäre mein Leben, wenn ich als behindertes Mädchen in Indien zur Welt gekommen wäre? Wenn ich außerdem sechs Geschwister hätte, von denen drei wie ich zu dünne Beine hätten und nicht stehen, nicht gehen könnten? Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als Elisabeth Kreuz, mein Mann Hansjörg und ich im November 2004 einem Treffen von Kindern mit Behinderung, ihren Müttern und jungen ausgebildeten Ehrenamtlichen in der Grundschule von Fengabasa beiwohnten. Vor uns wurde ein mageres, etwa dreijähriges Mädchen im roten Kleid auf seine Füße gestellt - es blieb stehen, zur hellen Freude aller Anwesenden. Tags zuvor hatte sie eine Therapeutin mit Übungen soweit gebracht: ein erster Schritt zur Lebensverbesserung dieses Kindes und seiner Familie.
Wir befanden uns auf Besuch bei BIKASH, einer
Entwicklungsorganisation, die aus mehr als 50 Bewerbungen als potentielle neue
Partnerorganisation der Indienhilfe ausgewählt worden war. BIKASH hat seinen
Sitz im Bankura Distrikt, etwa 200 km nordwestlich von Kalkutta. Seit der
Gründung 1996 ist BIKASH rasch gewachsen. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht
die Förderung von Kindern und Frauen, insbesondere solcher mit Behinderungen,
und ihrer Rechte.
Mit der Gründung von BIKASH verfolgte das Ehepaar Uttam und Madhabi Mukherjee
einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit Behinderung. Sie sind sich bewusst,
dass die hohe Zahl von Behinderungen im Bankura Distrikt mit der großen Armut
der Bevölkerung zu tun hat und nicht isoliert behandelt werden kann.
Über 90 % der Menschen in diesem Distrikt leben auf dem Land und sind überwiegend von der Landwirtschaft abhängig. Die schlechten Böden und häufige Dürre lassen nicht mehr als eine Ernte zu. Die chronische Unterernährung macht anfällig für Krankheiten und Behinderungen. Das heißt: weil die Leute arm sind, weil die schwangeren und stillenden Frauen nicht ausreichend zu essen haben, ihnen kein sauberes Trinkwasser, keine sanitären Anlagen zur Verfügung stehen, weil sie bis zur Geburt (und gleich danach) schwere körperliche Arbeit verrichten, weil ihnen - neben Bildung - medizinische Betreuung fehlt, gibt es so viele Risikogeburten und so viele Kinder mit Behinderung. Und mit behinderten Kindern ist es erst recht aussichtslos, aus diesem Teufelskreis der Armut herauszukommen - außer es gibt Organisationen wie BIKASH, die Hilfestellung geben.
BIKASH mit seinen etwa 60 Mitarbeitern erreicht mehr als 10.000 arme Familien in 120 Dörfern und verbessert ihre Lebensverhältnisse: durch Kleinkreditprogramme und die Förderung von Selbsthilfegruppen, durch spezielle Gesundheits- und Ernährungshilfen für Schwangere und Stillende und ihre Kinder; durch ambulante Behandlung und Förderung von 75 behinderten Kindern und Jugendlichen im Centre for Special Education, und durch ein Programm, das ermöglicht, dass in über 700 Schulen Kinder mit leichten bis mäßigen Behinderungen in das normale Schulleben integriert werden.
Durch die bisherige Arbeit mit Selbsthilfegruppen in den Dörfern hat BIKASH das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen. Ihre Mitarbeiter werden immer öfter um Hilfe für behinderte Familienangehörige gebeten - ungewöhnlich, weil Behinderte eher versteckt werden. Madhabi, Sonderpädagogin aus Leidenschaft, entwickelte die Idee der gemeindebasierten Rehabilitation. Während Kinder mit schweren Behinderungen in überregionalen Einrichtungen oder im Zentrum bei Bankura behandelt werden, ist bei leichteren Formen Hilfe vor Ort möglich. Dafür wurden sechs Unterzentren geplant, die die behinderten Kinder von jeweils fünf umliegenden Dörfern betreuen und Aufklärungsarbeit leisten sollen, um künftige Behinderungen zu vermeiden.
Im Dorf Fengabasa war schon im Oktober des letzten Jahres mit einem "Probelauf" begonnen worden; das kleine Mädchen im roten Kleid konnte bereits von den Bemühungen der Sozialarbeiter und Therapeuten profitieren. Inzwischen haben alle sechs Unterzentren ihre Arbeit aufgenommen. Den jeweiligen Raum stellt entweder die Primarschule oder der örtliche Jugendclub kostenfrei zur Verfügung. In jedes Unterzentrum kommen fünfmal wöchentlich durchschnittlich 16 Kinder (insgesamt 52 Jungen und 47 Mädchen). Für jedes Unterzentrum sind zwei Fachkräfte vorgesehen, die aus den Dörfern rekrutiert und für ihre Aufgaben nach und nach ausgebildet werden. Sie werden von einem lokalen Team von vier Personen unterstützt: zwei Eltern, einem Behinderten und einer weiteren Person der Dorfgemeinschaft. Auf diese Weise wird den behinderten Kindern nicht nur direkt geholfen, sondern ein großer Kreis von Menschen wird für die Belange der Behinderten sensibilisiert. Langfristig wird dies dazu beitragen, dass die Behinderten nicht mehr am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.
Wir wünschen uns, dass möglichst viele junge behinderte Menschen von BIKASH profitieren, ihr Lebenspotential entdecken und entwickeln, und dass ihre gesellschaftliche Integration gelingt!
Auf der Basis unserer Eindrücke vor Ort und des Berichtes unserer indischen Berater bewilligte der Arbeitsausschuss der Indienhilfe für ein "Probejahr" die Kosten des neuen Projekts "Community based rehabilitation Bankura" in Höhe von 300.000 Rupien (etwa 6.000 €) für 2005/06 - 1.260 € für die Ausstattung der sechs Unterzentren, 1.980 € für Schulungen und Treffen und 2.760 € für Personalkosten. Bitte spenden Sie auf unser Projektkonto unter dem Stichwort "BIKASH"!
Darjeeling - mit dem Klang dieses Namens verbinden sich für uns Vorstellungen von anmutigen Teepflückerinnen in grünen Teeplantagen mit dem besten Tee der Welt und von malerischen Hotels im britischen Kolonialstil in einem lieblichen Bergkurort im Himalaya. Doch Dr. Ratan Sarkar, Leiter unserer langjährigen bewährten Partnerorganisation Rural Health Development Centre (RHDC) belehrte uns eines anderen: die Menschen im Darjeeling Distrikt leiden unter schwerwiegenden Problemen und oft unter extremer Armut. Und es gibt bislang kaum NGOs (nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen), die den Menschen dort Wege aus der Not zeigen würden.
Die Briten ebenso wie ihre indischen Nachfolger hatten die Teeplantagen vor allem mit Hilfe nepalesischer Fremdarbeiter (Gurkhas) ausgebeutet. Die enormen Gewinne wurden nicht in die Pflege der Teebüsche, in neue ökologisch verträgliche Methoden und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter/innen reinvestiert. Für die Plantagenwirtschaft wurde der Regenwald rücksichtslos abgeholzt. Der Raubbau bewirkte die Überschuldung und Schließung vieler Teegärten und schwere ökologische Schäden, vor allem die Zerstörung von Regenwald und dramatische Bodenerosion. Zudem war Darjeeling in den 80-er Jahren Schauplatz gewalttätiger ethnischer Auseinandersetzungen mit Aufständischen der Nationalen Befreiungsfront der Gurkhas. Heute hat Darjeeling gewisse Selbstverwaltungsrechte und es geht friedlicher zu, doch lokale Terroristengruppen machen immer noch Sorgen.
RHDC hat seinen Sitz in Malda, ca. 350 km nördlich von Kolkata, 200 km südlich von Darjeeling. RHDC verfolgt einen doppelten Ansatz: konkrete Maßnahmen (Gesundheit, Bildung z.B. für Kinderarbeiter/innen, Frauen-Selbsthilfegruppen, Katastrophenprävention) für die Menschen in besonders armen Gebieten einerseits, gleichzeitige Förderung lokaler Organisationen andererseits, die die Verbesserung der Lebensbedingungen in der mittel- bis langfristigen Zukunft selbständig in die Hand nehmen können. Erfolgreichstes Beispiel: das Gesundheitsprojekt Adampur bei Malda, das RHDC vor zehn Jahren ins Leben gerufen hatte. Dort hat ein eigenständiger Trägerverein Planung und Durchführung der Aktivitäten übernommen. RHDC steht noch beratend zur Seite und regelt die finanzielle Abwicklung mit der Indienhilfe. Seit vielen Jahren ist RHDC in Netzwerken kleiner Dorforganisationen aktiv, die in den Überschwemmungsgebieten um Malda angesiedelt sind. Gemeinsam mit ihnen und sehr konkret wird z.B. weiträumig Schutz vor Überflutungsfolgen eingeübt, aber auch die Selbstorganisation verbessert.
RHDC hat sich nun entschlossen, sein Wissen und seine Erfahrung in neuen Gebieten zur Verfügung zu stellen. Zwei Regionen wurden ausgewählt - wegen ihrer extremen Bedürftigkeit und weil es engagierte Gruppen vor Ort gibt, mit denen RHDC zusammenarbeiten kann.
Eine davon ist die Theatergruppe Uttal Natya Gosthi in Siliguri, der Durchgangsstation am Rande des Darjeeling Distrikts. In der Form von Straßentheater greift Uttal wichtige Themen wie Bildung für alle, Umwelt, AIDS auf. Uttal appellierte an RHDC, nach Patharghata zu kommen, einem Gemeindeverbund etwa 20 km von Siliguri, geführt von einer tatkräftigen Bürgermeisterin. In den 5 Dörfern und 3 Teegärten des neuen Projektgebiets leben 75 % der Einwohner unter der Armutsgrenze, 70% gehören unteren Kasten oder den Adivasi (Stammesvölker) an. Sie arbeiten in Teegärten und Ziegeleien oder auf ihren viel zu kleinen Bauernhöfen und als Taglöhner. Kinderarbeit ist hoch, die Analphabetenrate auch. Es mangelt an einer medizinischen Grundversorgung, an Toiletten und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Es gibt saisonale Migration und Mädchenhandel.
Nach Rampur im Rayganj Block, North Dinajpur Distrikt, ca. 90 km nördlich von Malda, wurde RHDC von der Frauenorganisation SMOKUS gerufen. College-Studentinnen des Rayganj College hatten 1990 SMOKUS gegründet, um sich für die mißachteten Rechte der Frauen in den abgelegenen ländlichen Gebieten ihres Distrikts einzusetzen. Die inzwischen anerkannte NGO kämpft gegen Gewalt gegen Frauen, Schuldknechtschaft, organisierte Prostitution, Mitgiftmorde und Mädchenhandel, ist aber auch Partner im Netzwerk für Katastrophenprävention und initiiert Frauen-Selbsthilfegruppen. Im Rayganj Block steht die Abschaffung von Kinderarbeit zuoberst auf ihrer Agenda. Die Analphabetenrate ist dort mit 70 % extrem hoch, für Frauen sogar 86 %!! Das Land hier ist fruchtbar, doch die meisten Menschen haben nur winzige Parzellen oder arbeiten als Tagelöhner, 65 % gehören den unteren Kasten und Adivasi an und leben unter der Armutsgrenze.
Die Indienhilfe hat für die beiden neuen Projektgebiete in
Patharghata/Darjeeling und Rampur/Nord Dinajpur für ein Jahr ähnliche Maßnahmen
bewilligt: Durchführung einer detaillierten Feldstudie über die Situation vor
Ort und Entwicklung eines bedarfsorientierten Projekt-Plans unter Beteiligung
der betroffenen Menschen, der lokalen Organisationen und der gewählten
Gemeinderäte (Panchayat Mitglieder), Förderung des Zusammenschlusses von Frauen
in Selbsthilfegruppen, Aufbau einer medizinischen Grundversorgung, v.a. für
Mütter und Kinder, Start einer Nonformalen Schule für nicht-eingeschulte Kinder
und Schulabbrecher in Rampur, und natürlich auch der Aufbau eines guten
Projektteams.
RHDC hat ein Kompetenz-Team mit seinen besten und erfahrensten
Mitarbeiter/innen gebildet, die regelmäßig die neuen Projektgebiete besuchen
werden, um die neuen Mitarbeiter zu schulen, anzuleiten und die Entwicklungen
im Auge zu behalten.
Wir sind für die neuen Projekte auf Ihre Spenden angewiesen - 6.000 € werden für
das Projekt in Darjeeling und 5.700 € für das SMOKUS-Projekt benötigt!
Bitte spenden Sie unter Angabe des Stichworts "Darjeeling" oder "SMOKUS" auf unser Projektkonto.
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Kinder beim Glasrecycling |
Blut tropft von dem braunen Kinderfuß auf die Plastikplane. Offensichtlich nichts Ungewöhnliches - routiniert wickelt ein Junge, etwa 12 Jahre alt, Blätter einer Pflanze, die hier überall wächst, um den Fuß seines kleinen Kollegen und befestigt sie mit Bindfaden. Sie soll blutstillende Wirkung haben. Hoffentlich bekommt er keine Infektion, wie kürzlich der Besitzer dieser Glassortieranlage - 30.000 Rs (600 €) mußte der für seine wochenlange Behandlung aufbringen. 25-50 Rs (50 Cent bis 1 €) ist der Verdienst für einen 8-stündigen Arbeitstag der Kinderarbeiter/innen - aufwendige Behandlungen sind da nicht drin.
Schnittverletzungen und Infektionen gehören ebenso wie Verätzungen zum Alltag der Kinder, die im Glas- und Batterie-Recycling arbeiten. Ein Junge, der einen riesigen mit Glas gefüllten Jutesack auf dem Kopf vom Lager zum Arbeitsplatz trägt, erzählt: "Oft rinnen Reste von chemischen Flüssigkeiten aus dem Sack und laufen mir übers Gesicht oder in die Haare." Die chronischen Vergiftungen der Arbeiter/innen durch Schwermetalle wie Blei und Quecksilber sind weniger augenfällig.
Mitarbeiter/innen von 7 Indienhilfe-Partner-NGOs aus Westbengalen sowie das indische IH-Team und Elisabeth Kreuz aus Herrsching nehmen an diesem Samstag, den 26. Februar 2005 einige der improvisierten Recycling-Anlagen in Augenschein, die sich rechts und links der Straße von Mogramor nach Atghara hinziehen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, der Frauen und Männer, die hier arbeiten - gerne, denn sie haben 30 Tage Beschäftigung im Monat - kümmerte bisher offensichtlich niemanden, und auch nicht die Verseuchung der Umwelt durch gefährliche Gifte. Toxische Brühe rinnt aus den Hügeln ausgeweideter Batterien direkt in die daneben liegenden Reisfelder und bringt die Stoffe in die Nahrungskette.
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Gruppenbild des neuen Netzwerks mit der Indienhilfe-Vorsitzenden Elisabeth Kreuz |
Die Eindrücke bei der kurzen Ortsbesichtigung bestärken die 26 Aktivist/innen, die sich heute in Vikas Kendra, dem Projektzentrum von SEVA in Atghara, 50 km von Kolkata, zusammensetzen, in ihrem Anliegen: endlich etwas zu tun! Wenn eine einzelne Entwicklungs-NGO zu schwach ist, sich auf die komplexe Problematik einzulassen, die nicht nur technisches Knowhow erfordert, sondern auch Ängste vor massiver Gegenwehr der Profiteure auslöst, dann muß man sich zusammenschließen!
Nach Präsentation erster Ergebnisse stichpunktartiger Untersuchungen und einem folgenden brainstorming der Männer und Frauen, die alle Entwicklungsprofis mit unterschiedlichen Schwerpunkten sind, wird ein gemeinsamer erster Aktionsplan aufgestellt:
Einigkeit besteht darin, daß das Recycling per se positiv ist, doch daß davon kein Schaden für Mensch und Umwelt ausgehen darf. Die Betreiber der Anlagen werden nicht als Gegner gesehen, sondern sollen als Partner in einem für alle Beteiligten vorteilhaften Prozess angesprochen werden.
Die Indienhilfe will zunächst 5.000 € zur Verfügung stellen: für die Durchführung der notwendigen Untersuchungen und für erste vertrauensbildende Maßnahmen wie Bereitstellung von Erster Hilfe, Hygiene- und Gesundheitsaufklärung, Einführung von Unfall- und Krankenversicherung, einfach durchführbare Sicherheitsmaßnahmen, Nonformale Schulen, Freizeitangebote.
Bitte spenden Sie auf das Projektkonto der IH unter dem
Stichwort "Recycling-Fonds"!
Fordern Sie das Protokoll des NetzwerkTreffens an!
Allen NGOs, mit denen die Indienhilfe zusammenarbeitet, ist
gemeinsam, daß sie in ihren Projekt-Gebieten wichtige Partner der
Kommunalparlamente und Entwicklungsbehörden bei der Umsetzung von
Regierungsprogrammen sind. Einerseits. Andererseits befähigen sie durch ihre
aufklärende und bewußtseinsbildende Arbeit die Menschen an der Basis, gerade
auch die Frauen, ihre Stimme zu erheben, ihre Anliegen unerschrocken
vorzubringen und bei der Findung von Lösungen unter Einsatz ihrer eigenen
Ressourcen - z.B. Zeit und Arbeitskraft - mitzuwirken. Sie sprechen auch die
Übel an, für die sie selbst die Verantwortung tragen, kämpfen gegen
Alkoholismus, häusliche Gewalt, gesellschaftliche Vorurteile und
Diskriminierung, Analphabetismus. Und eine dritte wichtige Rolle: unsere Partner
machen Experimente und schaffen Modelle, von denen wiederum langfristig
Gesellschaft und staatliche Institutionen profitieren.
Neben einigen besonderen Modellprojekten (z.B. Öko-Landbau, Frauen- und
Waisenhaus, Altenarbeit, Produktion von pflanzlichen "tribal-Medikamenten") in
unterschiedlichen Sektoren fördert die Indienhilfe vor allem Projekte ihrer
Partner-NGOs, die das Wohl des Kindes in Familie und Gesellschaft in den
Mittelpunkt stellen (child centered community development).
Einige Beispiele:
Gesundheit: Impfprogramme, Fürsorge für Schwangere und Mütter, Ausbildung
von traditionellen Dorfhebammen, gynäkologische Sprechstunden, Familienplanung,
Gruppenarbeit mit Jugendlichen, sanitäre Hygiene, Verbreitung von Heilpflanzen
und deren Anwendung, Förderung von individuellen oder gemeinschaftlichen Gemüse-
und Obstgärten. Konkret: Zugang zu sauberem Trinkwasser vermindert bei den
Kindern die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen und damit die Fehltage an den
Schulen, verbessert den Ernährungszustand, spart Kosten.
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Elisabeth Kreuz und Francis Deutsch (ETWA) im Gespräch mit einer Frauen-Selbsthilfegruppe im Midnapur-Projekt |
Frauen-Selbsthilfegruppen (Self-Help Groups = SHGs): Erlernen demokratischer Regeln und Mechanismen, Analyse der Dorfsituation und gemeinsame soziale Aktionen, z.B. Kontrolle der Qualität der Trinkwasserbrunnen und ggf. Desinfektion, durch regelmäßige kleine Sparbeträge Aufbau eines gemeinsamen Kapitalstocks, von dem in Notfällen und für wirtschaftliche Investitionen Darlehen vergeben werden, nach Ansparen einer bestimmten Summe staatlich begünstigte Kredite für kooperative Projekte, z.B. die Pacht eines Guaven- oder Mangohains, parboiling von Reis, Betreiben einer Blumenzucht. Die Frauen in den SHGs gewinnen Vertrauen in die eigene Stärke und die Kraft der Solidarität, wenn sie gemeinsam handeln. Der Wille der Frauen, sich weiter zu entwickeln und ihre Armut zu überwinden ist sehr stark. Ein Erlebnis, das der Koordinator unseres Midnapur-Projekts (s. unser Bericht), mir erzählte, zeigt dies beispielhaft: Er traf eines Tages eine der Frauen von einer Selbsthilfegruppe dabei an, wie sie mit Holzkohle an der Lehmwand ihrer Küche Buchstaben übte. Wandschriften an den Lehmhäusern, wie sie z.B. bei der Kinderlähmungs-Impfkampagne angebracht werden, lieferten ihr die Vorbilder... Solche Frauen schicken ihre Kinder, auch die Mädchen, zur Schule und wollen, daß sie weiterkommen. "Wir halten Hühner oder sparen täglich eine Handvoll Reis. Wir sind stolz auf unseren eigenen Verdienst. Die Väter schaffen es oft nicht, ihre Kinder in die Schule zu schicken, aber wenn am Anfang des Schuljahrs eine Gebühr fällig wird, dann verkaufen wir eben ein Huhn...".
Bildung: um für Kinder der
unteren Kasten und Unberührbaren (Dalits) oder der Adivasi-Bevölkerung die
Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu erhöhen, fördern wir in allen
Projektgebieten Vorschulen zur Vorbereitung auf eine erfolgreiche Einschulung
(wobei meist gleichzeitig die Mütter in SHGs organisiert werden), nonformale
Schulen für arbeitende und andere nicht eingeschulte Kinder mit dem Ziel, sie
zum Übertritt in eine staatliche Schule zu befähigen, und Nachhilfezentren für
Kinder, die Schwierigkeiten an der Schule haben, z.B. weil die Eltern
Analphabeten sind und ihnen bei den Hausaufgaben nicht helfen können. Unsere
Partner suchen vermehrt die Zusammenarbeit mit den staatlichen Schulen und
unterstützen sie. Hier ist in Zukunft noch viel zu tun!
Gemeinsam arbeiten wir daran, die Qualität des Unterrichts in den
Bildungsprojekten zu verbessern. Wichtigste Maßnahme derzeit: die Ausbildung
aller Kindergärtnerinnen und nonformalen Lehrkräfte in den didaktischen Methoden
des "joyful learning" mit einfachem, doch sehr farbenfrohem, ansprechendem,
wirkungsvollem Lehrmaterial, entwickelt an der Loreto School Sealdah in Kolkata.
Aus allen Projekten nehmen zwei Lehrer an einem mehrphasigen Training teil, das
sie wiederum zur Ausbildung anderer befähigt (ToT - Training of Trainers).
Eine mögliche Folge extremer Armut: Kinderarbeit. Von ca. 20 Mio. Kinderarbeitern in Indien laut Regierung (nur feste Lohnempfänger) über ca. 40 Mio. (UNICEF) bis 70-80 Mio. (Campaign Against Child Labour India, CACL - ein Netzwerk von ca. 700 indischen NGOs) rangieren die Schätzungen. Die letztgenannte Zahl basiert auf der Zahl von Kindern, die keine Schule besuchen. Die meisten dieser Kinder, davon muß man ausgehen, arbeiten. Sie arbeiten zum überwiegenden Teil in der Landwirtschaft, sie arbeiten im sog. "informellen" Sektor, sie arbeiten unsichtbar in Haushalten, sie arbeiten in gefährlichen und gesundheitsschädigenden Bereichen, z.B. in Steinbrüchen, sie werden als Kindersklaven (bonded labour) ausgebeutet oder werden Opfer sexueller Ausbeutung. Die Indienhilfe fördert Kinderarbeiter-Projekte auf dem Land, die den Kindern ermöglichen, ein wenig Zeit zum Spielen und Kindsein zu finden, etwas zu lernen, vielleicht sogar Anschluß ans staatliche Schulsystem zu finden. Sie werden medizinisch betreut, bekommen eine Mahlzeit, lernen zu sparen. Und am Wichtigsten: die Projektmitarbeiter achten sie und gehen liebevoll und fürsorglich mit ihnen um. Sie können entdecken, daß das Leben vielleicht doch auch eine andere Perspektive für sie bereit hält und erhalten Hilfe auf diesem Weg.