Aktuelles aus der Projektarbeit


Editorial zum Frühjahrsinfo 2010
Herrsching, im April 2010

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,

in einem Interview mit dem Dirigenten Ennoch zu Guttenberg und dem Bassisten Yorck Felix Speer  über ihre Zusammenarbeit und Interpretation von Schostakowitschs 13. Symphonie ‚Babi Jar' sagt Speer: „... Natürlich, wir können nur etwas für das, was in der Zeit passiert, in der wir leben. ..."1 Dieser Satz fasst für mich auf einfachste Weise zusammen, was auch uns bei der Indienhilfe bewegt, in Bewegung versetzt: das Bewusstsein unserer persönlichen Verantwortung für das, was in unserer Zeit passiert.

Unsere erste erschütternde Erfahrung der unentschuldbaren Kluft zwischen Überfluss bei uns und todbringendem Mangel im Entwicklungsland Indien, 1979 als Medizinstudentinnen bei Mutter Teresa in Kalkutta, ließen meine Schwester Angelika und mich 1980, vor 30 Jahren, die Indienhilfe gründen. Heute sind es jährlich 800-900 Spender und Unterstützergruppen, die uns und unseren Partnern in Indien die Hände reichen, um gemeinsam zu mehr weltweiter Gerechtigkeit und einem verantwortungsvolleren, nachhaltigeren Lebensstil beizutragen.

Das Geben und Teilen wird dabei reich belohnt durch die Befriedigung, unsere Erde als Handelnde positiv mitgestalten zu können. Unsere Welt wird lebensfreundlicher, wenn wir uns entscheiden, fair und ökologisch produzierte und gehandelte Produkte zu bevorzugen und das mit Ausbeutung von Mensch und Natur verknüpfte „Schnäppchen“ zu ignorieren. Unsere Welt wird froher, wenn wir durch unsere Spende indischen Kindern und ihren Familien zu einem besseren Leben verhelfen - weil sie Achtung erfahren, weil ihr Recht auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse respektiert wird. Weil sie befähigt werden, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben einzufordern und ihren eigenen Beitrag dazu zu leisten.

 Alle haben etwas zu geben - alle werden beschenkt bei diesem Prozess der „Globalisierung der Solidarität“. Nicht nur bare Münze, auch Freundschaft, kultureller Reichtum, Lebensfreude, Lebensbewältigungs-Strategien, Erfahrung, die Fähigkeit, einfach zu leben etc. sind Währungen, in denen bei diesem Prozess getauscht wird. Deshalb ist es uns wichtig, neben der Projektarbeit die Neugier auf Indien und seine Kultur zu wecken, differenziert über Indien zu informieren und mehrere Schulpartnerschaften und die Städtepartnerschaft Herrsching - Chatra zu begleiten.

2009 machte uns viele Monate lang ein starker Spendenrückgang Sorgen. Doch: Auf Freunde ist Verlass! Mit Ihren Aktionen und Extra-Spenden im Weihnachtsmonat haben wir zum 31. Dezember mit ca. 360.000 € das herausragende Vorjahresergebnis nur

IHNACL-Training
Indienhilfe Network Against Child Labour (IHNACL): In allen Projektgebieten schulte Debashish Banerjee, Rechtsanwalt vom Human Rights Law Network Kolkata, die Partner der Indienhilfe in der Anwendung wichtiger Gesetze, die Kinder betreffen. (Foto: Sabine Dlugosch)

Wenige Tage nach seinem Training bemerkte Sumit Chowdhury, IHNACL Supervisor, im Zug zwei Buben, etwa acht und zwölf Jahre alt, in Begleitung einiger ihnen offensichtlich fremder Männer auf dem Weg nach Kalkutta. Er und eine energische Mitreisende nahmen die Kinder fest bei der Hand, stiegen am nächsten Halt aus und marschierten zur nächsten Polizeistation. Der Ältere hatte als Kind den Vater verloren, die Mutter musste arbeiten gehen und konnte sich nicht um Ripon kümmern. Er arbeitete, statt in die Schule zu gehen, ließ sich einen guten Job in Kalkutta versprechen und führte den beiden Kinderhändlern auch noch den jüngeren Knaben zu. Inzwischen sind die Kinder wieder in ihren Familien. IHNACL wird dem Fall weiter nachgehen, um den beiden Jungen dauerhaft zu helfen.

knapp um 6 Prozent verfehlt. Unsere Partner in Indien konnten die Arbeit wie geplant fortsetzen und wir mussten für das neue indische Projektjahr keine Aufgabe von Projektgebieten planen. Denn: Einsparmöglichkeiten gibt es bei uns kaum. Wenn, dann müssten gleich ganze Gebiete mit den dort an der Basis tätigen Dorfanimatoren, Erziehern, Sozial- und Gesundheitsarbeitern, landwirtschaftlichen Beratern usw. aufgegeben werden. Laufende Sach- und Programmkosten können oft lokal aufgebracht, staatliche Aufgaben sollen nicht privat ersetzt werden; die Indienhilfe konzentriert sich auf die Stärkung der Armen innerhalb ihrer Gesellschaft und ihres Staates, vor allem durch Bildung, Information, Organisation. Und das geht am Besten über Menschen.

Unsere zehn Partner-NGOs erreichten 2009 mit ihren Maßnahmen fast 18.000 Kinder aus 324 Dörfern und Slums, sowie ca. 25.000 Angehörige, insbesondere in Selbsthilfegruppen organisierte Frauen, die überwiegend am Existenzminimum von 1 bis 2 Dollar pro Tag leben. Etwa 345.000 € hat die Indienhilfe 2009 für die Projektarbeit ausgegeben, durchschnittlich 8 € pro Person, um Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen, bzw. Kindern den Weg dazu zu eröffnen!

Im Namen der Indienhilfe danke ich Ihnen für alle finanzielle wie auch praktische Hilfe im letzten Jahr!

Bitte helfen Sie uns mit Ihren Spenden auch 2010 für unsere laufenden Projekte: 370.000 € benötigen wir dieses Jahr! Gewinnen Sie neue Spender, sprechen Sie Weltläden an, ob sie ein Projekt mitfinanzieren können, organisieren Sie Aktionen (Spenden statt Geschenke, Benefizveranstaltungen, Kollekten, matching grants des Arbeitgebers usw.) zugunsten der Indienhilfe. Rufen Sie uns an oder mailen Sie uns - wir werden Sie nach Kräften mit Informationen und Material unterstützen.

Ich wünsche Ihnen jetzt einen guten Frühling und Sommer mit Kraft und Zeit für neue Einsichten und Ausblicke,
Ihre

Elisabeth Kreuz

1 Süddeutsche Zeitung vom 19.2.10, „Erschütternde Erfahrungen“

Das Editorial als pdf-Datei (370 kb) finden Sie hier....

Klimawandel und Recht auf Bildung prägen Projektreise von Indienhilfe-Mitarbeiterin Sabine Dlugosch
(April 2010)

Ernährungssicherheit durch Maßnahmen zur Anpassung an Klimawandel

„Wir können Euch nichts zeigen, nichts anbieten. Wir haben alles verloren.“ Unter Tränen erzählt uns die alte Frau aus dem Dorf Pergumti, wie sie und ihre Familie den Zyklon Aila überlebt haben, der am 25. Mai 2009 über weite Teile Westbengalens hinwegfegte. Ums Leben kam zum Glück keiner der Dorfbewohner, doch die 700 Familien haben sonst fast alles verloren - ihre einfachen Lehmhütten, aus denen sie nur wenige Habseligkeiten retten konnten; ihr Ackerland, das wegen des eingedrungenen salzigen Meerwassers landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar ist; ihre Nutztiere, die in den Fluten ertrunken oder aus Mangel an Süßwasser verdurstet sind.

Am 14. Februar 2010 besuche ich das abgelegene Dorf auf der Insel Samsernagar in den Sunderbans, den Mangrovensümpfen im Ganges-Delta. Bereits die dreistündige Bootsfahrt zeigt, welch verheerende Folgen der Zyklon für das Gebiet hatte. Die über Jahrzehnte errichteten Deiche sind notdürftig wieder stabilisiert, doch die nächste Flut wird sie wieder einreißen. Dort, wo einst Dörfer standen, liegen Ruinen im Wasser, die Reste eines Tempels sind erkennbar. Von vielen Palmen ist nichts übrig als der Stamm, der gerade in den Himmel ragt - die Krone wurde von der Wucht des Sturms weggerissen. Im Dorf Pergumti versperren die Trümmer der eingestürzten Hütten auch neun Monate nach dem Zyklon noch die Dorfstrasse und die meisten Bewohner leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in notdürftig errichteten Unterkünften. In jeder Familie haben ein bis zwei Mitglieder (meist junge Männer) das Dorf verlassen, um in benachbarten Bundesstaaten Arbeit zu suchen und das Überleben der Familie zu sichern.

Besonders leiden die Kinder unter der Situation. Ihre ernsten Blicke und traurigen Augen lassen die traumatischen Erlebnisse während des Zyklons erahnen. Ihr gesundheitlicher Zustand ist katastrophal. Der Mangel an sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln - die meisten Kinder müssen mit einer halben Mahlzeit oder weniger pro Tag auskommen - verstärken Durchfallerkrankungen, Mangel- und Unterernährung. An der staatlichen Schule bemühen sich die Lehrer, den Unterricht regelmäßig abzuhalten. Doch die Unterrichtsmaterialien, Bücher und Hefte sind nahezu vollständig zerstört, so dass viele Kinder gar nicht erst zur Schule kommen und in die Kinderarbeit abrutschen.

Frauen im Dorf Pergumti
Sibani Bhattacharya, Leiterin des Indienhilfe-Kolkata-Büros, im Gespräch mit den Einwohnern des Dorfs Pergumti, das vom Zyklon Aila komplett serstört wurde.                                                                          Foto: Sabine Dlugosch

Der Dorfbesuch in Pergumti mit der direkten Erfahrung, welche Auswirkungen der Klimawandel auf jene Menschen hat, die von jeher unter schwierigsten Bedingungen auf den abgelegenen Sunderban-Inseln leben, bewegt mich sehr. Während wir, die Hauptverursacher mit unserem hohen Energieverbrauch, relativ gut geschützt vor Kälte- und Hitzewellen, Starkregen und Stürmen leben, sind diejenigen, die mit ihrem einfachen Lebensstil am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am stärksten durch seine Folgen in ihrer Existenz bedroht und werden mehr und mehr ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Noch während meines (wie immer privat finanzierten) Aufenthalts in Westbengalen bereiten wir mit unserem Partner DRCSC1 ein dreijähriges Modellprojekt im Dorf Pergumti vor, um die Ernährungssicherheit der Dorfbewohner unmittelbar zu gewährleisten und mit ihnen ein Vorbild für Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels zu entwickeln. Ziel ist es, Zukunftsperspektiven für die Kinder zu schaffen und die Dorfbewohner zu befähigen, sich ihre Lebensgrundlagen unter den sich verändernden Umweltbedingungen durch nachhaltige und ökologische Nutzung der Ressourcen zu erhalten.

Recht auf Bildung in Gesetzgebung verankert
Ein wichtiges Thema beim Jahrestreffen unserer Partnerorganisationen Ende Februar ist der „Right to Education Act“, der den kostenlosen und verpflichtenden Schulbesuch von der ersten bis zur achten Klasse für alle Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren gesetzlich festlegt. Für unsere Partner, die sich seit vielen Jahren für das Recht auf Bildung einsetzen, bringt das zum 1. April 2010 in Kraft getretene Gesetz neue Herausforderungen. Bis zur vollständigen Umsetzung der weitreichenden gesetzlichen Vorgaben ist es noch ein weiter Weg, der viel Lobbyarbeit und Nachdruck der Zivilgesellschaft erfordert. In den nächsten Monaten ist im Rahmen des Indienhilfe Netzwerks gegen Kinderarbeit2 eine Fortbildung für die Projektmitarbeiter geplant, um sie über die genauen Inhalte und Umsetzungsmöglichkeiten des Gesetzes zu informieren. Dieses Wissen werden sie an der Basis einsetzen und weitergeben, um mit den Menschen in den Dörfern Druck auf die staatlichen Stellen auszuüben und den Kindern zu ihrem Recht auf Bildung zu verhelfen.

Wie wichtig den Eltern der Schulbesuch ihrer Kinder ist, erfahre ich immer wieder bei den Gesprächen mit den Menschen in den Dörfern und Slums. Eine Mutter, die mit ihrer siebenköpfigen Familie in einem kleinen Verschlag am Straßenrand im Stadtzentrum von Kalkutta, direkt neben dem Abwasserkanal, lebt, antwortet auf meine Frage, ob sie sich vorstellen könne, ihre 12jährige Tochter zur Arbeit statt zur Schule zu schicken, entschieden, dass ihre Tochter nicht einmal Wasser an der öffentlichen Wasserstelle holen müsse - der Schulbesuch der Tochter ist ihr viel wichtiger als deren Mithilfe im Haushalt. Unter keinen Umständen kann sie sich vorstellen, ihre Tochter vorzeitig aus der Schule zu nehmen, um sie zum Arbeiten zu schicken oder minderjährig zu verheiraten. Über den von der Indienhilfe im Rahmen des Nabadisha-Projekts der Women's Interlink Foundation finanzierten Nachhilfeunterricht ist sie sehr froh, denn als Analphabetin kann sie ihrer Tochter nicht bei den Hausaufgaben helfen.


Jugendliche engagieren sich für nachhaltige Dorfentwicklung

Besonders beeindruckt mich das Treffen mit den Jugendlichen des Öko-Clubs im Dorf Paruldanga im Projektgebiet unseres Partners Manab Jamin, die sich für eine umweltfreundliche und nachhaltige Entwicklung ihres Dorfes einsetzen. Im Rahmen des seit fünf Jahren laufenden Öko-Club-Projekts haben alle unsere Projektpartner Jugendliche in Öko-Clubs organisiert, die sich unter fachlicher Anleitung unseres Partners DRCSC mit ökologischen Fragestellungen und Problemen in ihren Dörfern beschäftigen. Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit Umweltthemen ist die Vermittlung von Fähigkeiten wie Datensammlung und -auswertung, Erstellung von Postern und Präsentationen etc. zentraler Bestandteil des Projekts.

Aus der ersten Generation der Öko-Club-Kinder, die inzwischen zu Jugendlichen herangewachsen sind, wurden im vergangenen Jahr Mädchen und Jungen mit besonderen Führungsqualitäten ausgewählt und in speziellen Trainings darauf vorbereitet, neue Öko-Clubs mit jüngeren Kindern anzuleiten. Während die Öko-Clubs bisher vor allem Kampagnen zur ökologischen Bewusstseinsbildung organisierten, sind in diesem Jahr zusätzlich konkrete klima- und umweltfreundliche Modelle (z.B. biologische Küchen- und Heilkräutergärten, Kompost- und Biogasanlagen, einfache Solarkocher) in den Dörfern geplant.
ENRE-Gruppe in Paruldanga

Stolz präsentieren die Kinder des Öko-Clubs in Paruldanga die Ressourcenkarte, die sie für ihr Dorf erstellt haben.                                                        Foto: Sabine Dlugosch

Trotz der zahlreichen Erfolge bleibt noch viel zu tun….
Nach fünf Wochen Projektreise kehre ich mit vielen Eindrücken nach Herrsching zurück. Erschüttert bin ich immer wieder über die extreme Armut und die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen viele Menschen in Indien, vor allem in den ländlichen Gebieten und in den Slums der Großstädte, noch immer leben müssen. Dankbar bin ich für die Erfahrungen und Gespräche bei den Dorfbesuchen, die mir zeigen, wie unsere Partner die Ärmsten der Armen befähigen, einen Weg aus Hunger und Armut zu finden, den Teufelskreis zu durchbrechen und Zukunftsperspektiven für ihre Kinder zu schaffen. Es sind die vielen kleinen Schritte und Erfolge, die eine dauerhafte und nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, vor allem der Kinder bringen. Noch sind viele, viele weitere Schritte notwendig, um allen Kindern den Weg in eine bessere Zukunft frei von Kinderarbeit zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir weiterhin auf Ihre Unterstützung angewiesen - bitte unterstützen Sie uns auch 2010 mit Ihren Spenden!
1 Development Research and Communication Services Centre
2 IHNACL - Indienhilfe Network Against Child Labour

Den Reisebericht von Sabine Dlugosch als pdf-Datei (315 kb) finden Sie hier....

Auf Projektbesuch in Orissa - Indienhilfe-Mitarbeiterin Regine Linder berichtet
(April 2010)
Hebamme Kantumma
Foto: Hansjörg Linder

„Kantumma? Oh, die ist schon im letzten Jahr an Entkräftung gestorben.“ Diese Nachricht macht meinen Mann Hansjörg und mich sehr betroffen: Kantumma (siehe Foto, aus dem Jahr 2002) haben wir im Lauf der letzten zehn Jahre bei unseren SHED-Projektbesuchen regelmäßig getroffen. Sie war eine selbstbewusste Bäuerin, im Nebenberuf Hebamme, und wir haben uns immer ausgetauscht über unsere gleich großen Familien. Ihr Tod mit nur gut fünfzig Jahren ist nichts Besonderes für die Leute im Projekt, eine höhere Lebenserwartung ist nach wie vor eher die Ausnahme bei diesen Menschen, die als Kinder  und oft auch später  zu wenig zu essen bekommen und ihr Leben lang äußerst schwer arbeiten.

Anfang 2010 sind Hansjörg und ich wieder in den Süden Orissas, etwa 1.000 km südlich von Kalkutta, gereist (wie üblich selbst finanziert), um uns ein Bild vom Stand der Projekte unserer Partnerorganisation SHED zu machen. Die Indienhilfe finanziert dort drei ländliche Projekte, sowie eines für die Slumbewohner der Distrikthauptstadt Rayagada. Die Menschen, denen die Projektaktivitäten zu Gute kommen, sind im Wesentlichen Ureinwohner (Adivasi) vom Stamm der Kondhs, aber auch Unberührbare (Dalits).

Unübersehbare Fortschritte: SHED bringt staatliche Programme in die Projektdörfer
Wir freuten uns sehr über die deutlich sichtbaren Fortschritte in den Dörfern seit unserem letzten Besuch: Die meisten haben nun in ihrer Mitte eine befestigte Straße mit einer Rinne für Abwasser, viele Dächer sind mit Ziegeln gedeckt statt mit Stroh, das von Nässe und Feuer gleichermaßen bedroht ist. Überall gibt es Brunnen. Einige Dörfer werden nun mit elektrischem Strom versorgt, und - man staune - auch Mobilfunkeinrichtungen sind mancherorts zu finden, die den Gebrauch des aus dem Alltag des übrigen Indien nicht mehr wegzudenkenden Handys ermöglichen - Einbruch der Moderne in die ehemals „romantisch“ zurückgebliebenen Dörfer...

Gut fanden wir
  • die vielen funktionierenden Selbsthilfegruppen, vor allem von Frauen. Sie sind nicht nur Spar- und Kreditvereine, sondern auch Motor der dörflichen Entwicklung: sie erwirtschaften zusätzliches Geld, und sie kümmern sich um Belange des Dorfes wie z.B. den Rausschmiss von Alkoholverkäufern oder Säuberungsaktionen rund um den Dorfbrunnen als Prävention gegen Malaria usw.:
  • die Aufforstungen auf den entwaldeten Hügeln mit fuel-fodder-fruit trees (Bäume, die Brennholz, Futter, Früchte liefern) - die Entwaldung der vergangenen Jahrzehnte (teils durch die Dörfler selbst, um Brennholz in bare Münze umzutauschen, teils durch Papierfabriken) führte zu Wassermangel und Erosion:
  • die höheren Ernte-Erträge durch bessere Methoden in der Landwirtschaft (ohne Chemiekeulen, dafür z.B. mit Kompost) und durch Umwandlung von ungenutztem Land in Ackerland durch Bewässerung, zum Beispiel durch Regenwasser-Auffangbecken, kleine Staudämme und Bewässerungskanäle (siehe Foto.)

Solche Bewässerungssysteme, befestigte Dorfstraßen wie auch Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern, die die alten Trampelpfade ersetzen und eine Anbindung an die Außenwelt darstellen, sind in der Regel Ergebnis des Regierungsprogramms NREGA (National Rural Employment Guarantee Act), das in jedem Haushalt unterhalb der Armutsgrenze einer Person pro Jahr 100 Tage Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn (100 Rupien pro Tag, etwa 1,75 €) garantiert. Dass dieses und andere Regierungsprogramme die Dörfer erreichen, ist den Mitarbeitern von SHED zu verdanken, die zusammen mit den Dorfbewohnern diese staatlichen Förderprogramme für die Dorfentwicklung und die Schaffung von Einkommen nutzen.
Staudamm bei SHED
Foto: Hansjörg Linder

Kinder: noch viel zu oft von Hunger, Krankheit und Analphabetismus bedroht
Trotz der Fortschritte muss noch viel getan werden, bis einzelne Dörfer oder ein ganzes Projektgebiet - wie bereits geschehen - von SHED unabhängig werden können. Zwischen 70 % und 80 % der Menschen in den ländlichen SHED-Projekten leben noch unter der Armutsgrenze. Die Ernährungsgrundlage ist nur für die ersten Monate nach der Ernte gesichert. Die staatliche Gesundheitsvorsorge ist immer noch völlig unzureichend. Viele Kinder in den Dörfern sind unterernährt und erhalten keine ausreichende Schulbildung.

Landwirtschaft und einkommenschaffende Maßnahmen müssen deswegen weiterhin gefördert werden. Der Druck auf staatliche Behörden muss fortgesetzt werden: Die bereits vorhandenen Gesundheitsstationen müssen - nicht nur auf dem Papier - mit Personal ausgestattet werden, der Staat seinen Pflichten gegenüber den Kindern nachkommen.

Gerade für Kinder gibt es bei SHED noch viel zu tun. In vielen Dörfern fehlen immer noch Schulen bzw. die Lehrer. Aktuell geht es darum, dass das staatliche Integrated Child Development Services (ICDS) Scheme in möglichst vielen Dörfern, aber auch in der Stadt Rayagada, korrekt umgesetzt wird: Damit würden alle Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren, sowie schwangere und stillende Mütter eine warme Mahlzeit am Tag bekommen und ihre Gesundheit und Entwicklung kontrolliert werden, und die Kinder würden auf die Schule vorbereitet. Die bisher von SHED betriebenen Vorschulen würden dann überflüssig. Und die immer noch eklatante Zahl von unterernährten Kindern könnte auf diese Weise verringert werden gerade kleine Kinder brauchen ausreichende Nahrung, um lebenslangen Schäden geistiger und körperlicher Art vorzubeugen. Die heutige junge Generation von Adivasi hätte damit bessere und höhere Lebenschancen als die Hebamme Kantumma!

 Wir danken allen, die  zum Teil schon seit Jahren  SHED unterstützen! Für die vier Projekte von SHED, die in diesem Jahr insgesamt 15.000 Menschen in 77 Dörfern und etwa ebenso vielen Menschen in den Slums von Rayagada zugute kommen, benötigt die Indienhilfe rund 75.000 €.

Den Reisebericht von Regine Linder als pdf-Datei (392 kb) finden Sie hier....

Indienhilfe-unterstütztes Modellprojekt gegen Mangel- und Unterernährung als UN Dekade Projekt 2010/11 ausgezeichnet
(Dezember 2009)

Das seit 2 Jahren von der Indienhilfe unterstützte Modellprojekt gegen Mangel- und Unterernährung, das in vier Dörfern in der Nähe von Bolpur durchgeführt wurde, ist im Rahmen der Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet worden.

Kurzbeschreibung des Projekts:
55) SILVIA MANGATTER, BADEN-WÜRTTEMBERG (1420)
Projekt: "Shining Eyes - Perspektive für indische Kinder"
Shining Eyes ist ein Ernährungsprogramm für mangelernährte Vorschulkinder im indischen Westbengalen und ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Programm für ihre Mütter. Außerdem werden Abendschulen vor Ort mit Solaranlagen ausgestattet.
Gemeinsam mit vier örtlichen Kooperationspartnern werden unterernährte Kinder über einen Zeitraum von zehn Monaten mit vollwertiger Nahrung versorgt. Parallel werden ihre Mütter über Workshops über Ernährung, Hygiene und Krankheitsprävention informiert. In Kochkursen lernen sie ein vollwertiges Essen mit kostengünstigen Zutaten zuzubereiten. Zudem bekommen sie Saatgut für Obst und Gemüse, das sie unter Anleitung anbauen. Langfristig sollen sie sich so eine Wirtschaftsgrundlage schaffen. Weiterhin wurden bisher in fünf Dörfern Solaranlagen installiert, die die Stromversorgung gewährleisten. Das gesamte Programm wurde bereits auf ein weiteres Dorf übertragen und soll in Zukunft weiter ausgeweitet werden. Um das Projekt in Deutschland bekannt zu machen und andere zu ähnlichen Projekten anzuregen, wurden Vorträge in Schulen und Gemeinden gehalten und Kontakte mit Organisationen wie dem Kindermissionswerk Aachen geknüpft, während die Indienhilfe Herrsching e.V. es finanziell unterstützt.
Kontakt: www.indienhilfe-herrsching.de/projekte_aktuell.htm

(siehe auch http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/Downloads/Dekade-Projekte/Auszeichnung_20M_C3_BCnchen_202009.pdf)

Einen ausführlichen Bericht finden Sie hier...

Editorial zum Herbstbrief 2009
Herrsching, im Oktober 2009



Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, liebe Mitglieder und Spender/innen,


„Stand up, take action!“ hieß es vor einer Woche beim „Abend der Freundschaft und Solidarität“ im Herrschinger Pfarrzentrum. 175 Kinder und Erwachsene aus Herrsching und Ravina-Romagnano mit den Bürgermeistern Robert Stanchina und Christian Schiller standen nach einem zweisprachigen Countdown demonstrativ auf, während Franzi Walter und Maike Pohl vom Indienhilfe-Jugendteam auf deutsch und italienisch die Regierenden aufforderten: „Haltet Eure Zusagen ein und setzt die Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zur Halbierung von Hunger und Armut bis 2015 um!“
Foto: Hanni Cawthra
Herrsching setzte so am weltweiten Aktionstag gemeinsam mit 173.045.325 Menschen in 120 Ländern ein Zeichen gegen extreme Armut und Hunger, für Bildung, Stärkung der Frauen, Verringerung der Kindersterblichkeit, für verbesserte Gesundheitsversorgung der Mütter, für ökologische Nachhaltigkeit und für den Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung. Der Appell richtete sich an die Politiker, aber auch an uns ALLE: Jeder zählt. Jeder kann etwas bewegen. Wir alle sind gefordert, weil alle Menschen ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben und die Erfüllung der Grundbedürfnisse haben, weil Hunger und Armut unnötiges Leid verursachen und weil wir das ändern können, wenn wir nur wollen.

Unsere Ammerseegemeinde mit ihren 10.000 Einwohnern gehört in Bayern zu den Vorreitern in Sachen Eine Welt: Herrsching ist Mitglied im Internationalen Klimabündnis, schließt bei der kommunalen Beschaffung ausbeuterische Kinderarbeit aus, ist auf bestem Weg zur Fairtrade-Gemeinde1) . Die Indienhilfe betreibt einen Weltladen und ein Eine-Welt-Medienzentrum, organisiert entwicklungspolitische Ausstellungen und arbeitet mit Schulen und Kindergärten zusammen. Das monatliche Agenda-21-Kino im Kino Breitwand informiert seit 2004 über globale Zusammenhänge2 und regt durch Filmgespräche zu politischem Handeln und bewusstem Konsum und Verhalten an. So diskutierten wir kürzlich im Anschluss an den Film China Blue mit Christiane Schnura / Clean Clothes Campaign über die Ausbeutung junger Wanderarbeiterinnen in der Jeansproduktion in China und erfuhren, wie wir politisch und als Konsumenten Einfluss nehmen können3.

Herrsching hat seit 1996 eine Städte- und Schulpartnerschaft mit Chatra bei Kalkutta. Seit im Jahr 2000 eine Partnerschaft mit dem Trienter Stadtbezirk Ravina-Romagnano hinzugekommen ist, arbeitet die Indienhilfe mit den italienischen Freunden am Aufbau einer Nord-Nord-Süd-Partnerschaft. Während L'Allergia und Amici di Madagascar Behindertenarbeit in Madagaskar, einem der ärmsten Staaten der Welt, unterstützen, tut die Indienhilfe das gleiche im Bankura Distrikt in Westbengalen. Die Spenden von 2.128 Euro bei unserem zweiten gemeinsamen „Abend der Freundschaft und Solidarität“ vor einer Woche, bei dem drei Herrschinger Kinderchöre unter Leitung von Elisabeth Schmidt und die Voci Bianche aus Ravina das Publikum begeisterten, wurden geteilt - in Madagaskar können 13 Familien mit einem behinderten Kind 1 Jahr lang betreut werden, und im Bankura Distrikt wird einem 2 ½-jährigen Mädchen die lebensrettende Operation ermöglicht.
Foto: Hanni Cawthra
Solch ermutigenden Erfahrungen steht ein Spendenrückgang von 30 % im Jahr 2009 im Vergleich mit dem Vorjahr gegenüber. Es hängt von den Spenden der nächsten beiden Monate ab, ob wir unsere ohnehin bereits um 25 % gekürzten Projekte 2010 nochmals reduzieren müssen. In diesem Info informieren wir Sie beispielhaft darüber, wie Sie durch Ihre Spenden Kinderarbeit wirksam bekämpfen, durch Öko-Landbau Familieneinkommen, Ernährung und Gesundheit verbessern, Adivasi-Kinder und ihre Familien in abgelegenen Dörfern, aber auch Kinder in Kalkuttas Slums fördern können. Wie gern würden wir mehr bewirken mit unseren Partnern und Projekten in Indien! Ihre Spenden befähigen die Menschen zur Selbsthilfe und mobilisieren ein Mehrfaches an Geld und Ressourcen des indischen Staates für die Menschen unter der Armutsgrenze!

Um unsere Projekte aufrecht zu erhalten, brauchen wir Ihre Hilfe! Bitte unterstützen Sie uns jetzt! Bitte sprechen Sie Ihre Freunde an! Wir unterstützen und beraten Sie gerne bei Aktionen!

Ich danke Ihnen für Ihre oft schon langjährige Unterstützung und wünsche Ihnen eine besinnliche Vorweihnachts- und gesegnete Weihnachtszeit,
Ihre

Elisabeth  Kreuz
Vorstandvorsitzende & Gründerin der Indienhilfe e.V.

1) Dieser Titel wird in Deutschland von Transfair Kampagne Fairtrade Towns verliehen, Kriterien und weitere Details unter  www.fairtrade-towns.de
2) Liste aller Filme mit den informativen Einführungen von Dr.med.Martin Hirte, der die Reihe leitet, zum Download auf www.indienhilfe-herrsching.de/agenda_21.htm
3) Infomaterial kann bei der Indienhilfe angefordert werden.


„Schule statt Kinderarbeit“
Kinderarbeiter demonstrieren für ihr Recht auf Bildung

(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)

„Schulbesuch - für jedes Kind!“ „Schule statt Kinderarbeit!“ Voller Spannung und Begeisterung zogen am 12. Juni 2009, dem weltweiten Tag gegen Kinderarbeit, über 50 Kinderarbeiter durch die Dörfer der Kommune Atghara-Jasaikati im Projektgebiet unseres Partners Vikas Kendra, etwa 50 km von Kalkutta entfernt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihr Recht auf Bildung einzufordern. Einige Wochen später, am 9. August, fand die nächste Demonstration mit den gleichen Forderungen in der benachbarten Kommune Tepul-Mirzapur statt, an der sich 46 Kinderarbeiter beteiligten.

Die Demos bildeten jeweils den Abschluss eines dreitägigen Kinderarbeiter-Camps, das die acht- bis dreizehnjährigen Mädchen und Jungen, die einer täglichen Erwerbsarbeit z.B. im Teeladen, auf den Feldern, als Fahrradmechaniker und Haushaltshilfen oder im Altglas- und Batterie-Recycling nachgehen, für eine Wiedereingliederung in das Schulsystem motivieren sollte. Neben den thematischen Diskussionen und Arbeitsgruppen stand vor allem das Vergnügen der Kinder im Vordergrund, um ihnen die Angst vor dem Schulbesuch zu nehmen - viele brachen die Schule aufgrund schlechter Erfahrungen mit dem Lehrer ab, die bis zu Schlägen reichen. Geschichten, Lieder und Tänze sowie die Gestaltung der Demo-Plakate regten die Kinder, die sonst kaum Zeit haben, ihre Kindheit zu genießen, zu Kreativität an.

Von den teilnehmenden 96 Kindern konnten bereits 50 Kinder wieder in die staatlichen Schulen integriert werden. Um ihren erneuten Schulabbruch zu verhindern, nehmen sie nachmittags am Nachhilfeunterricht teil und können sich bei Fragen und Problemen jederzeit an die Projektmitarbeiter wenden, die sich nun um die Einschulung der restlichen Kinder kümmern.
Dicht gedrängt stellen sich die Kinder für die Demo auf. Die Schrift der Plakate hatten die Projektmitarbeiter vorgezeichnet, die Kinder malten sie aus. (Foto: Vikas Kendra)

Das Kinderarbeiter-Camp ist Teil der Initiative des von der Indienhilfe mit ihren acht indischen Projektpartnern ins Leben gerufenen Netzwerks gegen Kinderarbeit, zunächst in zwei Kommunen mit insgesamt ca. 45.000 Einwohnern jegliche Form von Kinderarbeit abzuschaffen. Nach der bereits erfolgten Identifizierung von etwa 600 Kinderarbeitern in den Dörfern  -  bei jedem Kind im Schulalter, das nicht zur Schule geht, kann man von Kinderarbeit ausgehen - werden die Familiensituation und die Ursachen für den Schulabbruch eruiert und ein individueller Plan für die Wiedereinschulung ausgearbeitet. Wichtig dabei ist vor allem die Schaffung des Bewusstseins für Notwendigkeit und Nützlichkeit des Schulbesuchs auf allen Ebenen - bei den Kindern, wie bei den Eltern, den Dorfbewohnern und den Politikern in den Dörfern. Die Schulpflicht muss ernst genommen werden und eine Nicht-Einhaltung darf nicht toleriert werden, denn nur mit elementarer Bildung haben die Kinder eine Chance, dem Teufelskreis von Armut und Analphabetismus zu entkommen.

Grundschulbildung für alle Kinder bis zum Jahr 2015 ist das zweite Millenium-Entwicklungsziel (MDG). Noch ist Indien weit davon entfernt: Beim Unesco Education for All Development Index (EDI) 2009 belegte Indien Rang 102 (von 129) - weit abgeschlagen hinter anderen Schwellenländern wie China (59) und Brasilien (80) und findet sich in einer Kategorie mit den ärmsten afrikanischen Ländern (Lesotho 103, Ruanda 114, Äthiopien 125, Tschad 129)1. Trotz Schulpflicht und zahlreicher Gesetze zum Verbot von Kinderarbeit hat Indien weltweit immer noch die höchste Zahl arbeitender Kinder. Aufgrund der hohen Beschäftigungsraten im informellen Sektor sind genaue Zahlen schwierig zu erheben, aber Schätzungen liegen zwischen 60 und 115 Millionen2. Die Abschaffung der Kinderarbeit und die Gewährleistung von Zugang zu Bildung für alle Kinder gehört zu den größten Herausforderungen Indiens im 21. Jahrhundert, denn die Masse heranwachsender Analphabeten, denen heute der Schulbesuch verwehrt bleibt, stellt eine massive Bedrohung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung Indiens und der Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Einwohner dar.

Die Schüler der staatlichen Schule im Projektgebiet unseres Partners SHED in Orissa schreiben Slogans zum Kampf gegen Kinderarbeit.  (Foto: SHED)

Neben der entsprechenden Gesetzgebung ist das weltweite Bewusstsein für das Recht jedes Kindes auf qualitative Bildung entscheidend, um Kinderarbeit dauerhaft abzuschaffen. Während wir dieses Bewusstsein durch unsere entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland zu schaffen versuchen, hat es sich das Netzwerk gegen Kinderarbeit unserer indischen Partner neben der modellhaften Arbeit in den Dörfern zur Aufgabe gemacht, bei einer breiten Bevölkerungsschicht - arm wie reich, Stadt und Land - ein Bewusstsein für die Problematik der Kinderarbeit und für das Recht jedes Kindes auf Bildung zu schaffen. Hierbei gilt es, vor allem die Mittelschicht für das Thema zu sensibilisieren und die „soziale Apathie“ zu überwinden, die in vielen Fällen Kinderarbeit als unvermeidbar in Armutssituationen betrachtet3.

Die Aktivitäten des Netzwerks sind vielfältig: 2008 wurde ein Kinderarbeiter-Kalender mit Gedichten und Zeichnungen von Kinderarbeitern und Gesetzestexten erstellt und an staatliche Einrichtungen (Gemeindeverwaltungen, Schulen) und Multiplikatoren (andere NGOs) verteilt. Dieses Jahr wurden in allen öffentlichen und privaten Schulen in den Projektgebieten unserer Partner Infotafeln angebracht, die von den Schülern unter dem Motto „Combat Child Labour - Call for Child Rights“ gestaltet werden sollen, um sie anzuregen, sich mit Menschenrechten und dem Problem der Kinderarbeit auseinanderzusetzen. Ergänzt werden die Tafeln mit aktuellen Meldungen durch die Lehrkräfte und Projektmitarbeiter.

Für die Aktivitäten des Netzwerks gegen Kinderarbeit haben wir 8.800 Euro bewilligt. 6.000 Euro fehlen uns noch - bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderarbeit“!

Besonders danken wir der Christian-Morgenstern-Volksschule Herrsching, die mit ihrem Flohmarkt „Kinder für Kinder“ am 19.6.09 über 800 Euro zu Gunsten des Netzwerks gegen Kinderarbeit erwirtschaftet hat.

1) http://www.unesco.org/education/gmr2009/press/efagmr2009_Annex1_EDI.pdf
2) Blakely, Rhys: „The abandoned generations: how child labourers suffer as India ignores the law“, in: The Times, 15.10.09
3) Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Einkommen der Eltern in einem Gebiet steigt, sobald Kinderarbeit dort flächendeckend abgeschafft werden konnte.

30 Euro pro Jahr sichern den Nachhilfe-Unterricht für ein Kind und verhindern Kinderarbeit

Das Thema Kinderarbeit beschäftigt unsere Projektpartner nicht nur im Rahmen der Netzwerk-Aktivitäten. Alle Projekte haben die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kinder zum Ziel. Neben der Gesundheitsversorgung und der Arbeit mit den Familien, vor allem den Frauen-Selbsthilfegruppen (SHGs), ist Bildung zentraler Bestandteil aller von der Indienhilfe unterstützten Maßnahmen. So auch im Integrierten Entwicklungsprojekt West Midnapur, wo unser Projektpartner Seva Kendra Calcutta in 55 Dörfern eines sehr abgelegenen Stammesgebietes arbeitet:

Bis vor kurzem war der Schulbesuch keine Selbstverständlichkeit für die 1.500 Adivasi-Kinder - Kinderarbeit die Regel. Durch die jahrelangen von der Indienhilfe unterstützten Projektaktivitäten besuchen mittlerweile fast alle Kinder die örtlichen Regierungsschulen. Die Kinder sind meist „first generation learners“, d.h. ihre Eltern sind Analphabeten und können sie nicht bei den Hausaufgaben unterstützen. Zudem ist die Unterrichtssprache Bengali den Santals und Lodhas mit ihren je eigenen Stammessprachen nicht vertraut. Damit die Kinder dem Unterricht folgen können und den Schulbesuch nicht vorzeitig abbrechen, bieten 56 Nachhilfezentren den Kindern Hausaufgabenhilfe und individuelle Förderung an. Kulturelle Aktivitäten wie Tanz und Gesang tragen dazu bei, die Stammeskultur der Kinder zu bewahren. Im Rahmen der Umwelterziehung lernen die Kinder, ihre Umwelt zu beobachten, Veränderungen wahrzunehmen und die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Monatlich überwacht ein Arzt den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder und stellt die medizinische Versorgung sicher. Die Lehrer berufen regelmäßig Treffen mit den Eltern ein, um Themen wie persönliche Hygiene, richtige Ernährung, Wert von Bildung etc. zu diskutieren.

Über 50.000 Euro haben wir dieses Jahr für 56 Nachhilfezentren im Midnapur-Distrikt bewilligt - nur 900 € im Jahr betragen die Kosten für den Betrieb eines Zentrums. Lern- und Lehrmaterialien und medizinische Versorgung für jeweils 30 bis 40 Kinder sowie das Jahresgehalt des Lehrers sind darin enthalten. Wir danken unter anderem den Weltläden Kitzingen, Schrobenhausen und Würzburg sowie einigen anderen Spendern für die bisherige Unterstützung! Doch immer noch fehlen uns 30.000 Euro! Spenden-Stichwort „IDP Midnapur“

Öko-Dorf Dwip Media: Einkommenschancen für Kleinbauern und Beitrag zum Klimaschutz
(Oktober 2009, Sabine Dlugosch)

„Weil ich keine teuren Pestizide kaufen musste, habe ich viel Geld gespart! Kuhdung habe ich genug von meiner Kuh. Außerdem habe ich die hohen Arztkosten gespart, weil ich keine giftigen Chemikalien gesprüht habe.“ freut sich der Kleinbauer Gopal Mondal aus dem Dorf Dwip Media. Wie jedes Jahr hatte er auf seiner kleinen Ackerparzelle Kohl angebaut, doch schon nach wenigen Wochen begannen die Blätter zu faulen. Bei einer Fortbildung unseres Projektpartners Vikas Kendra zu Bio-Pestiziden lernte Gopal Mondal, dass eine Mischung aus Kuhdung und Wasser ein gutes Mittel gegen Blattfäule ist. Sofort sprühte er sein Feld regelmäßig mit der Flüssigkeit ein und schon bald erholten sich die Blätter. Doch das nächste Übel ließ nicht lange auf sich warten: Blattläuse. Wie in der Fortbildung gelernt, hatte Gopal Mondal jedoch Senfkörner zwischen dem Kohl und am Rand des Feldes gesät. Die gelben Senfblüten zogen die Blattläuse an und der Schaden für die Kohlpflanzen hielt sich in Grenzen. Nun ist Gopal Mondal überzeugter Bio-Bauer und teilt sein Wissen bei jeder Gelegenheit mit anderen Bauern.
Auch Purnima Mondal lebt in Dwip Media und hat an einer Schulung von Vikas Kendra teilgenommen. Sie erzählt: „Nachdem ich den Reis geerntet hatte, pflanzte ich in den noch feuchten Ackerboden Kartoffelknollen ein und düngte sie mit Kuhmist. Anschließend deckte ich die Knollen mit einer 3 bis 4 cm dicken Schicht aus getrockneten Wasserhyazinthen, Stroh und anderen pflanzlichen Materialien ab. So musste ich das Land nicht zusätzlich bewässern. Obwohl es zu wenig geregnet hat, konnte ich pro katha (= 266 m2) 150 kg Kartoffeln ernten.“ Mit dieser Anbaumethode erzielten Purnima Mondal und fünf weitere Bauern einen Gewinn von 831 Rupies (13,85 Euro) pro katha Land (siehe Kasten).

Gopal und Purnima sind nur zwei der 116 Kleinbauern - alle Angehörige der unteren Kasten (scheduled castes) - aus dem Dorf Dwip Media, das Vikas Kendra zu einem Modell-Dorf für ökologischen Landbau entwickeln möchte. Innerhalb von vier Jahren sollen mindestens 75%1 der 62 Hektar Ackerland dauerhaft auf ökologischen Anbau umgestellt sein. Ausgewählt wurde Dwip Media aufgrund seiner besonderen Lage: Auf drei Seiten wird es vom Fluss Ichhamati umschlossen, auf der vierten Seite befindet sich ein Kanal, über den eine schmale Brücke in das von extremer Armut geprägte Dorf führt - die einzige Verbindung zur Außenwelt. So wird die Kontamination durch auf benachbarten Feldern versprühte Chemikalien immer weiter reduziert, je mehr Bauern in Dwip Media auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Ferner sind die Anbaubedingungen in Dwip Media für die konventionelle Landwirtschaft ungünstig: der Lehmboden ist stark salzhaltig und die Bewässerung hängt von den Regenfällen ab, so dass die meisten Familien, die überwiegend Reis, Jute und Hülsenfrüchte anbauen, mit nur einer Ernte pro Jahr auskommen müssen. Öko-Landbau und angepasste Technologien können hier erhebliche Verbesserungen bringen.
Humayun Kabir, Leiter der landwirtschaftlichen Aktivitäten bei Vikas Kendra, erläutert den Frauen einer Selbsthilfe-Gruppe die Vorteile des Öko-Landbaus - für die Gesunheit ihrer Familien und die Umwelt. (Foto: VK)

Seit April 2007 führen die landwirtschaftlichen Mitarbeiter von Vikas Kendra in Dwip Media Motivationstreffen, Schulungen und Trainings mit den Frauen-Selbsthifegruppen (SHGs), den kommunalen Dorf-Entwicklungsausschüssen und Bürgerversammlungen, den örtlichen Vereinen und vor allem natürlich den Bauern durch, um sie von den Vorteilen des Öko-Landbaus zu überzeugen.

Kosten-Nutzen Rechnung Kartoffelanbau pro katha:
Ausgaben:
Kosten Pflanzenkollen (8 kg x 8 Rs)                       64 Rs      1,07 Euro
Biologischer Dünger                                            125 Rs       2,08 Euro
Arbeitskosten (3 Arbeiter x 60 Rs)                        180 Rs       3,00 Euro
Gesamtausgaben                                                369 Rs       6,15 Euro
Verkauf der geernteten Kartoffeln (150 kg x 8 Rs) 1.200 Rs    20,00 Euro
GEWINN (1.200 Rs minus 369 Rs)                        831 Rs    13,85 Euro
Eine wichtige Maßnahme ist die Anlage von Demonstrationsflächen für den Bio-Anbau einheimischer Gemüsesorten in Mischkulturen und von Kompostanlagen. Erfolgreich ist auch die Einführung eines Integrated Farming Systems, bei dem Tier- und Pflanzenzucht integriert werden, z.B. Fischzucht in den gefluteten Reisfeldern und Bio-Anbau von Futtergräsern für das Vieh. Bei einer monatlichen Pflanzen-Sprechstunde können Bauern von Krankheiten befallene Pflanzen einem Experten zeigen, der sie berät, wie sie das Problem auf ökologische Weise lösen können. Eine Baumschule für die Aufforstung mit einheimischen wichtigen Baumarten für verschiedene Nutzungen wurde angelegt - 3.500 Baumsetzlinge wurden zum Schutz vor Bodenerosion bei Überschwemmungen an den der Fluss-Seite zugewandten Rändern der landwirtschaftlichen Flächen gepflanzt.

Neben dem Schutz der Umwelt und der Verbesserung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Situation der Familien spielen auch Aspekte des Klimaschutzes eine wichtige Rolle - ökologische Landwirtschaft produziert u.a. weniger CO2 als konventionelle Landwirtschaft. Gerade im Hinblick auf die lebensräumlichen Veränderungen aufgrund des Klimawandels (z.B. Versalzung und Überflutung von Ackerland) werden wir in unseren Projekten künftig vermehrt Aspekte der ökologischen Landwirtschaft aufgreifen. Um hier die richtigen Wege zu gehen, wird momentan eine Evaluierung des Öko-Landbau-Projekts unseres Partners Manab Jamin im Birbhum Distrikt durchgeführt.
Baumpflanzaktion in Dwip Media (Foto: Vikas Kendra)
Insgesamt haben wir knapp 2.900 Euro für die landwirtschaftlichen Aktivitäten bei Vikas Kendra bewilligt. Etwa 700 Euro fehlen uns noch!
Spendenstichwort „Öko-Landbau“!

Besonders danken wir dem AK „Dritte“ Welt Bayreuth für die jahrelange Unterstützung der landwirtschaftlichen Aktivitäten von Vikas Kendra!
 

1) Ursprünglich waren nur 50% geplant, aufgrund der Erfolge in den ersten beiden Jahren wurde das Ziel erhöht.


Entwicklung statt Revolution - Naxaliten finden keine Unterstützer in SHED-Projektgebiet
(Oktober 2009, Regine Linder)

Im Frühsommer erreichte uns die kurze Nachricht, dass Naxaliten in einem Dorf des SHED Dasmantpur Projekts aufgetaucht waren.

Als Naxaliten - benannt nach einem Aufstand, der 1967 vom westbengalischen Dorf Naxalbari ausgegangen war - werden in Indien militante Guerilla-Gruppen bezeichnet, die mit der Waffe in der Hand gegen Großgrundbesitzer und staatliche Institutionen vorgehen. Sie selbst sagen, dass sie gegen Unterdrückung und Ausbeutung der Landlosen und der Stammesbevölkerung (Adivasi) kämpfen, um eine klassenlose Gesellschaft herbeizuführen; ihre Gegner bezeichnen die Naxaliten als Terroristen, die Menschen im Namen des Klassenkampfes unterdrücken. Die Naxaliten stellen in einigen Teilen Indiens eine echte Gefahr dar. Im sog. Roten Korridor (siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/File:India_Red_Corridor_map.png), der den Teil Indiens bezeichnet, in dem die Naxaliten aktiv sind und der vom Nordosten Indiens bis in den ländlichen Süden des Landes reicht, liegt auch Orissa. Die Liste der naxalitischen Überfälle, z.B. auf Polizeistationen, ist lang, die Anzahl der Getöteten geht in die Tausende.

In dem kleinen Dorf Pondasguda, in dem 23 Adivasi-Familien leben, mussten die Naxaliten unverrichteter Dinge wieder abziehen. M.G. Mony, der Leiter von SHED, kommentierte: „Die Dorfbewohner wissen, dass sie mit SHED zum Ziel kommen, und dass sie nicht irgendeine fragwürdige Unterstützung durch die ‚Roten' brauchen.“

Und was ist nicht schon alles erreicht worden, in diesem Gebiet, in dem SHED auf Wunsch der dortigen Bevölkerung vor sechs Jahren zu arbeiten begann! Die Fläche mit gutem Ackerland hat sich deutlich erhöht (z.B. durch Bewässerung), die Anzahl der landlosen Familien geht stetig zurück (allein im letzten Jahr von 387 auf 343; insgesamt gibt es dort 1167 Haushalte in 25 Dörfern). In jedem Dorf gibt es jetzt eine kleine Medikamenten-Ausgabestelle und die Menschen werden an den Gebrauch von Moskito-Netzen herangeführt. Es gibt 61 Selbsthilfegruppen von Frauen und Männern. Die zehn Vorschulen mit etwa 160 Jungen und Mädchen laufen weiterhin gut.

Dank Ihrer finanziellen Unterstützung kann SHED aktiv sein! Für die fünf Projekte von SHED haben wir dieses Jahr 51.500 € bewilligt, von denen uns noch etwa 25.000 € fehlen. Bitte spenden Sie unter dem Kennwort „SHED“.


Warum noch für Indien spenden?
(Oktober 2009, Waltraud Schneiders)

Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht, indische Firmen, die als Investoren in Europa auftreten, Bangalore als neues "Silicon Valley" - das Indienbild in den Medien hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Nur noch selten ist von Hunger und Armut die Rede, allenfalls wird über die regelmäßigen verheerenden Naturkatastrophen berichtet.

Die Medienberichte sind nicht falsch, aber sie geben nur einen kleinen Teil der indischen Wirklichkeit wieder. Und sie bewirken, dass immer mehr hilfsbereite Menschen in Deutschland bezweifeln, ob eine Spende für Indien überhaupt noch sinnvoll ist. Auch an uns wird diese Frage immer öfter gerichtet.

In vielen Gesprächen versuchen wir deutlich zu machen, dass die indische Mittelschicht1), die von der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung profitiert, mit ca. 170 Mio. Menschen nur etwa 15 % der Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden ausmacht. Dagegen leben immer noch 34 % der Inder von weniger als 1 US $ pro Tag2). Das sind knapp 400 Mio. Menschen, die zu den absolut  Armen zählen!

Die derzeitigen jährlichen Wachstumsraten der indischen Wirtschaft von 8 bis 9 % relativieren sich, wenn man die niedrige Ausgangsbasis berücksichtigt - das indische Bruttoinlandsprodukt (BIP) umfasst nur 1/3 des deutschen, bei einer fast dreizehnmal so großen Bevölkerung.

Noch immer sind 750 Mio. Inder nicht mit Sanitäreinrichtungen versorgt, 160 Mio. haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 175 Mio. Kinder sind unterernährt. Besonders die unteren Kasten und die Adivasi (Stammesbevölkerung) haben aufgrund mangelnder Bildung und der schlechten Infrastruktur in ihrem Lebensraum wenig Zugang zum Wirtschafts- und Arbeitsmarkt.

Die indische Regierung setzt enorme Mittel ein, um die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung zu verbessern: durch Infrastrukturmaßnahmen wie Bau und Unterhalt von Schulen, Entwicklung der Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Bau von Sanitäranlagen sowie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Menschen unter der Armutsgrenze u.v.m. Doch der enorme Bedarf übersteigt derzeit noch bei weitem die Kapazitäten eines sich entwickelnden Landes. Die Regierung ist auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungs-Organisationen (NROs) angewiesen, die die bereitgestellten Gelder abrufen helfen und in die richtigen Kanäle zu den Bedürftigen bringen. Genau diese NROs sind auch die Partner der Indienhilfe.

Mit Ihrer Spende können wir Hand in Hand arbeiten, um die Armut in Indien weiter zu bekämpfen!

Werden auch Sie in Ihrem Bekanntenkreis gelegentlich gefragt, warum Sie sich noch für Indien engagieren? Auf unserer Homepage finden Sie ein Streitgespräch zu diesem Thema mit überzeugenden Argumenten:
www.indienhilfe-herrsching.de/pdf/StreitgespraechWarumnoch Indien.pdf


Editorial zum Sommerbrief 2009

Herrsching, im Juni 2009

Liebe Freunde und Freundinnen der Indienhilfe, 
liebe Mitglieder und Spender/innen,

 dieses Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf: eine bewegte bläuliche Wasserfläche, im Hintergrund ein Erddamm, grünes Gebüsch und davor etwas Buntes, das aus dem Wasser herausschaut. Beim genaueren Blick auf das Digitalfoto, das einer unserer Partner vor wenigen Tagen gemailt hat, erkenne ich den aufgedunsenen auf dem Rücken schwimmenden Körper eines kleinen Jungen, etwa vier Jahre alt, und den von einem bunten Sari nur teilweise verhüllten Körper einer jungen Frau, auf dem Bauch treibend, einen Arm über die Beine des Kindes gelegt. Ich stelle mir vor, wie sie, ihr Kind auf dem Arm, an jenem 25. Mai dieses Jahres aus ihrer Lehmhütte in einem Dorf im Hingalganj Block, Distrikt North-24-Parganas, Gangesdelta, vor dem Zyklon Aila floh und von den reissenden Wassermassen eingeholt wurde...

Zwei der vermutlich 117 Toten, die Aila in Westbengalen gefordert hat. Zwei Menschen in einem dicht besiedelten Gebiet, das auf Meeresspiegelhöhe liegend von den sich wegen des Klimawandels häufenden Zyklonen, Starkregen und dem Anstieg des Meeresspiegels extrem bedroht ist. Von den Weltmedien wurden sie ignoriert, die tote Mutter und ihr toter Sohn, die da in der weiten Wasserlandschaft treiben. So wie all die anderen Opfer Ailas - neben den toten Menschen zahllose ertrunkene Tiere, entwurzelte Bäume, 600.000 beschädigte/zerstörte Lehmhütten und Häuser, mit denen oft alle Habseligkeiten der Bewohner vernichtet sind, 4,6 Millionen betroffene Menschen, davon 130.000 in 530 Notlagern untergebracht, durch Salzwasser und Kontamination unbrauchbar gemachte Trinkwasserbrunnen und Felder, vernichtete Ernten, mehr als 4.000 Kilometer zerstörter Flussdeiche - eine ständige Bedrohung gerade jetzt, zu Beginn der Monsunzeit. In 13 der 19 Distrikte Westbengalens bis hinauf nach Darjeeling und auch in Bangladesh hat  Aila eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Foto zum Editorial
Sie verlor Mann und beide Söhne beim Zyklon Aila und lebt nun in einem Notlager                                                        (Foto: DRCSC)

Dass es nicht mehr Tote gab, ist kein Zufall: Die Frühwarnsysteme der Regierung sind in den letzten Jahren verbessert und die Bürger in vielen der mehr als 25.000 betroffenen Dörfer in “Disaster Preparedness” geschult worden. Die Menschen wussten, was im Katastrophenfall zu tun war und die meisten konnten sich auf höher gelegenem Land, auf Hausdächern, in Bäumen in Sicherheit bringen. Innerhalb von 24 Stunden kam die State Inter Agency Group Westbengalens zusammen, Vertreter der wichtigen internationalen und nationalen NGOs1) sowie von UNICEF und UNDP, um ihre Maßnahmen abzustimmen. Die NGOs wollen die Hilfsaktionen der Regierung, die bislang 20 Millionen € bereitgestellt hat, ergänzen, nicht ersetzen, z.B. bei der Erstversorgung abgelegener Gebiete durch freiwillige Helfer, bei der Erfassung der Schäden und deren zügiger Meldung an die zuständigen staatlichen Stellen, bei der Organisation einer gerechten Verteilung der Hilfen an die wirklich Bedürftigen und schließlich bei der Organisation der Rehabilitierungsmaßnahmen.

NGO-Mitarbeiter arbeiten sich oft als erste in die betroffenen Gebiete vor. Auch unsere Partner Swanirvar und DRCSC sind an vorderster Front dabei. Über ihre Verbindungen mit lokalen Bürgerinitiativen, Bauern- und Frauen-Selbsthilfegruppen und kommunalen Gremien stellen sie den örtlichen Hilfsbedarf fest. DRCSC ermittelte 54.000 betroffene Familien in 233 Dörfern, um die sie sich kümmern können, mit einen Finanzbedarf von ca. 160.000 € für die Erstversorgung - 3 € pro Familie. Die NGOs transportieren zu Land und per Boot Trockennahrung, Trinkwasser, Mittel zur Wasserdesinfektion, Medikamente, Kleidung und Hygieneartikel als Akuthilfe in die Dörfer und Auffanglager. Die organisatorische Hilfe der NGOs wird auch für die dringende Reparatur der Flussuferbefestigungen benötigt. Bei jeder Flut strömt im Küstengebiet Meerwasser flussaufwärts, tritt ohne Deiche über die Ufer, überschwemmt die Dörfer und versalzt das Agrarland. Unsere Partner kooperieren mit den kommunalen Gremien und arbeiten im Katastrophen-Rehabilitations-Ausschuss auf Bezirksebene mit.

In Indien hilft jeder nach seinem Vermögen - während Cricketstar Sourav Ganguli 6 Mio. Rupies (etwa 92.000 €) zugesagt hat, spendeten Swanirvars bescheiden bezahlte landwirtschaftliche Mitarbeiter spontan einen Tageslohn. Aus unserem zur Neige gehenden Notfallfonds vor Ort haben wir sofort 100.000 Rs, ca. 1.500 €, zur Verfügung gestellt. Viel mehr wird gebraucht! Helfen Sie den Opfern des Zyklons und des Klimawandels mit Ihrer Extra-Spende auf unser Projektkonto unter dem Stichwort Aila!

In der Katastrophe bewährt/e sich die indische Zivilgesellschaft. Dass sie so stark werden konnte und so besonnen, wie es sich auch im Wahlergebnis der diesjährigen Parlamentswahl widerspiegelt2), verdankt sie nicht zuletzt der zähen Arbeit der indischen NGOs und weltweiter Solidarität. Sie, liebe Spender und Spenderinnen, haben im Verein mit der Indienhilfe einen Beitrag geleistet zu gelingender „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Empowerment“ von Benachteiligten (insbesondere Adivasi, Dalits, Frauen, Behinderten, Kinderarbeitern) in Westbengalen und Orissa.

Für die Indienhilfe und ihre Partner geht die Arbeit der kleinen Schritte weiter - wir wollen die Ärmsten der Armen erreichen. Ich danke Ihnen für Ihre großartige Unterstützung im letzten Jahr und bitte Sie: helfen Sie uns auch 2009 mit Ihrer Spende!

Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer
mit Zeit für das, was Ihnen wichtig ist, Ihre

Elisabeth  Kreuz
Vorstandvorsitzende & Gründerin der Indienhilfe e.V.

Weitere Fotos zu den Folgen des Zyklons Aila finden Sie hier!

"Wenn die Natur tobt, sind wir Menschen ihr hilflos ausgesetzt!“
Indienhilfe-Partner im Kampf gegen Klimawandel und Erderwärmung

(Juni 2009, Sabine Dlugosch)

„Seit Wochen haben wir Temperaturen über 40°C. Die Felder sind vertrocknet, die unreifen Früchte fallen von den Bäumen - die Bauern sind verzweifelt. Große Dorfteiche sind ausgetrocknet, in vielen Dörfern wird das Trinkwasser knapp.“ Was Srikanta Mondal, Leiter des Manab Jamin Projekts, im April aus dem Birbhum Distrikt berichtet, betrifft alle unsere Partner in Westbengalen und Orissa, die unter einer Hitzewelle leiden. Gleichzeitig fürchten sie den kommenden Monsun, der neben der ersehnten Abkühlung die Gefahr von Zyklonen und Überschwemmungen erhöht (siehe Editorial).

Von Überschwemmungen, Dürren, Unwettern und anderen extremen Klimabedingungen sowie der Versalzung oder gar Flutung ganzer Gebiete durch den steigenden Meeresspiegel sind gerade die Länder des Südens am Schlimmsten betroffen. Verlust und Zerstörung ihres spärlichen Besitzes treiben die bereits unter dem Existenzminimum lebenden Menschen noch tiefer in die Armut. Dabei tragen gerade sie am wenigsten zum Klimawandel bei - der CO2-Ausstoss eines einzigen Deutschen entspricht dem von zehn Indern!


Dennoch haben sich unsere indischen Partner verpflichtet, Maßnahmen zu Klimaschutz und CO2-Reduktion aufzugreifen. Neben Aufklärungskampagnen über Ursachen und Folgen des Klimawandels geht es ganz konkret vom eigenen sparsamen Umgang mit Licht, Ventilatoren, Generatoren über den Ersatz normaler Glühbirnen durch Energiesparlampen bis zu kraftstoffsparendem Fahrstil. Die Förderung von Ökolandbau und Aufforstung, die Anlage von Küchengärten und Biogasanlagen sowie der Einsatz von Solarkochern und -leuchten gehören zu den in den Dörfern geplanten Klimaschutzaktivitäten. Präventiv werden die Dorfbewohner in Katastrophenschutz-Maßnahmen geschult, wie z.B. der Schaffung von Früherkennungs- und Warnsystemen und dem Aufbau von Rettungs-Teams.
Foto Klimawandel
Einst war hier ein Dorf - der Zyklon Aila spülte es einfach weg (Foto: DRSCS)

Anshuman Das, Geschäftsführer unseres Partners DRCSC1), leitet die Klimaschut
zaktivitäten aller Partner fachlich an. Auch auf internationaler Ebene (z.B. beim Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen) beschäftigt DRCSC sich mit den Folgen des Klimawandels und gerechten Lösungsansätzen.

In den Öko-Clubs in all unseren Projekten, in denen sich Schülerinnen und Schüler in Theorie und Praxis mit Umwelt und Kinderrechten auseinandersetzen, sind Ursachen und Folgen des Klimawandels wichtiges Thema und die Schüler erlernen umwelt- und klimafreundliches Verhalten.

Für zusätzliche Klimaschutzaktivitäten unserer Partner - neben zahlreichen bereits länger laufenden - haben wir 3.500 € zur Verfügung gestellt. Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Klima“. Für das ebenfalls von DRCSC koordinierte Öko-Club-Projekt benötigen wir 2009/10 knapp 8.500 €  -  Stichwort „Öko-Clubs“.

1) Development Research Communication and Services Centre; seit 2005 Partner der Indienhilfe für das Ökoclub-Projekt ENRE und die Kompostierung von Wasserhyazinthen in Herrschings Partnergemeinde Chatra

Armut und Unterernährung führen zu Behinderung
(Juni 2009, Petra Bald)

80 Prozent der körperlichen und/oder geistigen Behinderungen im stark dürrebetroffenen Distrikt Bankura sind armutsbedingt. Dort widmet sich die Kenduadihi Bikash Society der Früherfassung, Förderung und Integration von behinderten Kindern und der Armutsbekämpfung.

Nach Ende der Monsunzeit ist Erntezeit, die einzige im Jahr. Menschen arbeiten auf den Feldern. Aber weit und breit kein sattes Grün wie in den anderen Regionen zu dieser Jahreszeit. Der Fluss führt nur wenig Wasser. Am Wegrand weiden Kühe das spärliche Gras. Wir sind mit Madhabi Mukherjee - äusserst kompetente und engagierte Sonderpädagogin, die die Arbeit mit ihrem Mann Uttam zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat - unterwegs im Projektgebiet. Wir begleiten sie und den Mitarbeiter Utpal Chatterjee zu Hausbesuchen in den Dörfern, in denen hauptsächlich Scheduled Castes und Adivasi leben.

In Upishur leben Aditya und Shampa Mal mit ihren zwei Söhnen, dem siebenjährigen Vivekananda, der schwer spastisch behindert ist, und dem fünfjährigen Subhas. Zusammen mit den Eltern von Aditya lebt die Familie in einem kleinen, dunklen Lehmhaus mit Ziegeldach. Auf dem Vorplatz ist ein Berg Kohle aufgehäuft, die Aditya und Subhas zerhacken, um Kohlestaub zu gewinnen. Dieser wird in Säcke verpackt und auf dem Markt zur Feuerung verkauft. So verschafft sich der Maurer, der gerade wieder einmal keine Arbeit hat, einen kleinen Verdienst. Shampa kann als Erntearbeiterin nur während der Ernte sehr unregelmässig 40-50 Rupien (ca. 0,80 €) am Tag dazuverdienen. Die Nahrung besteht vor allem aus dem magenfüllenden Puffreis, etwas Reis oder Kartoffeln, Fisch ist eine Seltenheit.

Vor dem Hauseingang steht ein Bettgestell mit einer durchlöcherten Einlage, auf der Vivekananda liegt. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht, als ihn Madhabi anspricht. Utpal, der die Familie wöchentlich besucht, berichtet, dass Vivekananda inzwischen positiv auf Bezugspersonen und mit immer weniger Angst auf Fremde reagiert. Inzwischen gibt er auch Zeichen, wenn er Wasser lassen muss. Vor einem halben Jahr war das Bikash-Team bei einem Besuch im Dorf auf Vivekananda aufmerksam geworden. Sie konnten die Eltern motivieren, ihn zu einer Abklärung ins Bikash-Therapiezentrum zu bringen. Seither erhält er dort wöchentlich Physio-, Logo- und Ergotherapie. Seine Mutter wird angeleitet, ihren Sohn auch zuhause zu fördern. Bei den Hausbesuchen, die in einem Heft dokumentiert werden, geht es konsequent darum, die Familie für elementare Massnahmen im Alltag zu gewinnen: das Wasser vom Brunnen zu holen oder aktuell bei der westbengalischen Regierung einen Antrag für eine subventionierte Billigtoilette zu stellen, für die neben dem Haus Platz wäre.
Petra Bald bei Bikash
Petra Bald, seit mehr als 20 Jahren der Indienhilfe verbunden, unternahm Ende der 80er Jahre zwei ausgedehnte Projektreisen. Im November 2008 besuchte sie gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard Gerster erstmals seit sie in der Schweiz lebt wieder Indienhilfe-Projektpartner. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, ihr Mann ist Geschäftsführer des Blauen Kreuzes in Basel. (Foto: P. Bald)
Familie Mal vor ihrem Haus
Vater Aditya Mal strahlt: Dank Bikash hat sein spastisch gelähmter Sohn Vivekananda große Fortschritte gemacht (Foto: P. Bald)
An dem Beispiel wird deutlich, wie umfassend und nachhaltig die Arbeit von Bikash ist. Mangelernährte und geschwächte Frauen bekommen zu früh und in zu kurzen Abständen Kinder und können ihnen nicht die notwendige Ernährung bieten. Aberglaube ist weit verbreitet. Daher umfasst die Arbeit von Bikash, neben hochprofessioneller Behinderten- bis hin zur Berufsförderung, auch gezielte und systematische Aufklärungsarbeit sowie Gesundheits-, Hygiene- und Ernährungsförderung. Nur so kann langfristig armutsbedingter Behinderung vorgebeugt werden. In inzwischen acht Zentren vor Ort werden die Kinder in Gruppen gefördert, mit dem Ziel, sie (möglichst auch schulisch) zu integrieren. Bikash nutzt die vorhandenen Strukturen in den Dörfern wie Selbsthilfegruppen und arbeitet mit örtlichen Volunteers zusammen. 130 behinderte Kinder mit ihren Familien bis in die entlegensten Dörfer werden derzeit erreicht. Die Arbeit geht weiter.

Der Arbeitsausschuss der Indienhilfe hat für die Arbeit von Bikash im Jahr 2009-10 knapp 26.200 € bewilligt. Wir bitten um Ihre Spenden unter dem Stichwort „Bikash“!


Stellvertretend herzlichen Dank an die Weltläden Ingolstadt, Eichstätt und Weilheim für die Unterstützung des Projekts!



„Es gibt noch viele Farmanias!“
Vikas Kendra startet neues Kinderprojekt in „Dorf-Slums“
(Juni 2009, Sabine Dlugosch)

Für die 44 Adivasi-Familien der Siedlung Farmania im Projektgebiet von Vikas Kendra (SEVA) bedeutet der bengalische Neujahrstag am 15. April 2009 einen wahren Neubeginn: Die Grundsteinlegung für das neue Kinderzentrum eröffnet ihnen Perspektiven aus generationenlangem Analphabetismus und extremer Armut. Das Child Development Centre wird eine Kinderkrippe für die Betreuung der Kleinsten und einen Förderkindergarten (SVK) zur Vorbereitung der Einschulung für die Drei- bis Sechsjährigen beherbergen. Den vorzeitigen Schulabbruch der Älteren, der meist mit Kinderarbeit endet, verhindern Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Medizinische Betreuung, zusätzliche Nahrungs-Rationen und das Anlegen von Küchengärten verbessern den Gesundheitszustand der Kinder und Mütter und bekämpfen die weit verbreitete Unterernährung mit ihren bleibenden Schäden1.

Dank der Armutsbekämpfungsprogramme der indischen Regierung haben sich die Lebensbedingungen im ländlichen Indien zwar etwas verbessert, doch Farmania ist bei weitem kein Einzelfall. Überall stoßen wir bei unseren (stets privat finanzierten) Projektbesuchen auf Dörfer bzw. Dorfteile, in denen noch immer unvorstellbares Elend herrscht. Meist gehören die Bewohner ausgegrenzten Kasten oder den Adivasi an, häufig haben sie sich als Umweltflüchtlinge an fremdem Ort niedergelassen. Jeden Tag beginnt der Kampf ums Überleben aufs Neue: findet ein Familienmitglied Arbeit als Tagelöhner oder muss die Familie wieder hungrig zu Bett gehen? Nur wenige Kinder werden eingeschult und beenden die Grundschule. Die meisten brechen die Schule vorzeitig ab und gehen schon in jungen Jahren schwerer körperlicher Arbeit nach. Ihre Chancen, jemals den Teufelskreis aus Hunger und Armut zu durchbrechen, sind gering.
Grundsteinlegung Farmania
Grundsteinlegung für das Child Development Centre im Adivasi-Dorf Farmania

Um die Kinder in gerade diesen „vergessenen Winkeln“ und um ihre Familien will sich Vikas Kendra künftig gezielt kümmern. Gemeinsam haben wir ein ganzheitliches Projektkonzept mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit und Ernährung ausgearbeitet. Dabei werden die Fachabteilungen des Entwicklungszentrums Vikas Kendra in Atghara (Bildung, Vorschulen/SVKs, Gesundheit, Landwirtschaft) zunächst in den ärmsten Vierteln zwanzig ausgewählter Dörfer intensiv in einem Team zusammenarbeiten - stets das Wohl der Kinder als oberstes Ziel im Auge behaltend.

Alle Mitarbeiter - von der Dorfebene bis zum Koordinator - verbringen viel Zeit in „ihren“ Dörfern und erstellen anhand ihrer detaillierten Kenntnisse der örtlichen Lebensbedingungen individuelle Dorfentwicklungspläne. Aufgaben und Tagespensum der Erzieherinnen und Nachhilfelehrer/innen werden erweitert - sie werden zu umfassenderen Dorfanimatoren und „Child Development Workers“ fortgebildet, die neben der täglichen Arbeit in den Nachhilfezentren bzw. Förderkindergärten (SVKs) die Anlage von Küchen- und Heilkräutergärten in allen Haushalten anleiten sowie intensiven Kontakt zu den Familien halten und ihnen beratend zur Seite stehen. Die in allen zwanzig Dörfern einzurichtenden Kinderrechts-Komitees sorgen für die Identifizierung und Wieder-Einschulung von Schulabbrechern und Kinderarbeitern. Um die Dorfbewohner bei der Nutzung der staatlichen Entwicklungsprogramme zu unterstützen, arbeitet das Team eng mit den Regierungsstellen zusammen. Besonders Frauen werden motiviert, sich in Selbsthilfegruppen (SHGs) zu organisieren und sich kommunalpolitisch zu engagieren, z.B. in Dorf-Entwicklungskomitees oder gar als Bürgermeisterin.

Geplant ist, jedes Dorf nach sechs Jahren in die Eigenständigkeit zu entlassen. Zunächst wird jedoch das neue Konzept in einer zweijährigen Pilotphase erprobt und, je nach Bedarf, angepasst. Mit dem neuen Projekt „Child Centred Development“ will Vikas Kendra einen besonders wirksamen Ansatz entwickeln, um die Kinder der „Ärmsten der Armen“ zu befähigen, ihr Schicksal jenseits von Hunger und Armut selbst in die Hand zu nehmen. Wir begleiten die Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit und Neugier!

Herzlichen Dank an die Weltläden in Rosenheim und Brannenburg, sowie an den AK 'Dritte' Welt Bayreuth für die wichtige regelmäßige Unterstützung für Vikas Kendra! Für dieses Jahr haben wir knapp 30.000 € bewilligt und sind dringendst auf weitere Spenden angewiesen! Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Vikas Kendra“!

Besonders danken wir dem Impact on Health e.V. Bad Homburg und dem Soroptimist International Club Fünfseenland Herrsching, die durch ihre großzügigen Spenden den Bau in Farmania ermöglicht haben, sowie Kiran Mukerji für sein großartiges Engagement bei der ehrenamtlichen Ausarbeitung der Baupläne und der persönlichen Überwachung der Baufortschritte vor Ort. Für die Fertigstellung und Ausstattung des Kinderzentrums fehlen uns jedoch noch Sonderspenden in Höhe von 3.000 €  - Spenden-Stichwort „Farmania“

1 Ausführliche Informationen zu Farmania finden Sie im Sommerinfo 2008, das Sie bei uns anfordern können, oder hier mit Fotos zum Baufortschritt in Farmania.

Von Princeton nach Andhermanik:
Der Weg des Sujit Sinha

(Juni 2009, Regine Linder)


Sujit Sinha ist Gründer und Leiter unserer Partnerorganisation Swanirvar, die von der Indienhilfe seit 2004 unterstützt wird. Vor einem Jahr war Sujit in Deutschland, im Rahmen unseres drei Jahre lang vom BMZ geförderten Schulpartnerschaftsprojekts, dessen Koordinator er für uns auf indischer Seite ist.


Er hat damals nur ungern diese Reise unternommen, weil er ein vielbeschäftigter Mann ist - aber der gegenseitige Austausch war für ihn und für uns sehr wertvoll. Wir haben später ein längeres Interview mit ihm geführt; hier die Kurzfassung:


Geboren wird Sujit Sinha 1956 in Kolkata; Vater Chemiker, Mutter Lehrerin. Er ist ein erfolgreicher Schüler, studiert Chemie an einer Elite-Universität in Indien. Schon in der Zeit, als er seinen Bachelor macht, beschäftigen ihn die Themen Umwelt (Ölkrise!) und Alternative Entwicklung (Gandhi, Huxley, Illich u.a.). Während seines Masterstudiums entscheidet er sich, ein rural development activist werden zu wollen. Nach Abschluss des Studiums geht er als Lehrer an eine Ureinwohner-High-School im Nordosten von Indien, um seine alternativen Ideen von action learning in die Tat umzusetzen, scheitert aber am Widerstand der Schulbehörden.

1980 geht er daraufhin nach Princeton/USA, um dort zu promovieren. Danach arbeitet er bei Bell Laboratories, kehrt jedoch 1986 zurück nach Indien mit dem festen Entschluss, als Entwicklungsarbeiter auf dem Land zu arbeiten. 1989 gründet er im Dorf Andhermanik, North-24-Parganas, seine eigene NGO, die von dort aus heute in mehr als 100 Dörfern des sich bis in die Sunderbans erstreckenden Distrikts. (siehe Editorial!) tätig ist.

Sujit Sinha
Sudeshna und Sujit Sinha mit IH-Arbeitsausschuss-Mitglied Regina Hass (Foto: Regina Hass)
Heute weiß er, was es heißt, eine Organisation mit mehr als 100 Mitarbeitern zu leiten. Obwohl er Vieles in andere gute Hände legen kann, lastet Wesentliches auf seinen Schultern, z.B. finanzielle Unterstützer für seine Arbeit zu finden und sie zu halten. Da kann er unzufrieden mit sich werden, wenn er den Eindruck hat, dass er seine eigentlichen Fähigkeiten nicht einsetzen kann, nämlich „Ideen aufnehmen, sie weiterdenken, anderen vermitteln, in die Tat umsetzen; Vernetzungs- und Lobbyarbeit leisten.“ Außerdem hat er eine besondere Gabe, „komplizierte Sachverhalte in verständlichem Bengali für viele Mitarbeiter auf dem Land wie auch für Regierungsbeamte zu schreiben“ - was er für eine sehr wichtige Aufgabe hält. Andererseits ist er - zu Recht! - stolz darauf, dass Swanirvar „ausgezeichnete Arbeit in Sachen alternativer Bildung, Gesundheit, Mikrokrediten und ökologischer Landwirtschaft leistet“. (Die Indienhilfe unterstützt bislang nur die Bildungsprogramme.)

Seit 1990 ist Sujit mit Sudeshna (Psychologin, Montessori- und Sonderpädagogin, Arbeit mit behinderten und unterprivilegierten Kindern, seit 2005 Leitung der Modelschule Shikshamitra) verheiratet. „Unsere Eltern waren über unsere Heirat nie glücklich, da wir beide damals und auch heute sehr ‚unsichere' Karrieren und Einkommen haben. Die meisten Mittelklassefamilien in der Dritten Welt haben vor so etwas Angst, da all ihre Träume auf eine ‚Mobilität nach oben' und ‚Stabilität' gerichtet sind.“ Das Ehepaar lebt mit dem 1991 geborenen Sohn in einer Mietshaus-Wohnung in Kalkutta, gemeinsam mit den inzwischen hilfsbedürftigen Eltern von Sudeshna. Beider Mangel an freier Zeit mag dazu führen, dass sie manchmal von ganz anderen Aktivitäten träumen, z.B. sich bei einer noch zu gründenden Grünen Partei in Indien zu engagieren, oder einfach an der Uni zu lehren, oder ... - aber lesen Sie selbst in der Langfassung des Interviews weiter, die Sie hier finden!

47.000 € benötigen wir für die beiden von uns geförderten Projekte von Swanirvar:

Für die Modell-Slum-Schule Shikshamitra, in der Slumkinder ab der 5. Klasse mit alternativen Lehrmethoden unterrichtet und Fortbildungen für staatliche Lehrer und NGO-Mitarbeiter durchgeführt werden, haben wir fast 17.000 € bewilligt - Spendenstichwort Shikshamitra.
Für das Projekt „Strengthening Local Institutions for Child Development“ sind knapp 30.000 € nötig, um die 14 Vorschulen zu betreiben und lokale Institutionen und Entwicklungsinitiativen in 48 Dörfern bei der Umsetzung staatlicher Dorfentwicklungsprogramme und der Verbesserung des staatlichen Bildungssystems zu unterstützen - Spendenstichwort SLI.
Der Andreas-Haberger-Stiftung danken wir für die Unterstützung des SLI-Projekts 2008 mit 18.845 €!


„Hilf mir, es selbst zu tun“
Udo Kirkamp, Vorstandsmitglied der Indienhilfe, Lehrer, auf Projektbesuch bei SHED

(Juni 2009, Udo Kirkamp)

Unser Besuch ist nicht angemeldet. Niemand im Dorf empfängt uns mit den typischen Tänzen der Stammesbevölkerung (Adivasi) und den Blumenketten, die einem als Gast sonst umgehängt werden.

Die Erfolge der Entwicklungsarbeit sind hier in Timajhola deutlich: Die Dorfstraße ist zementiert, sonst wäre dieser zentrale Ort der Dorfgemeinschaft in der Regenzeit nur Morast. Die umliegenden Felder in den Hügeln sind terrassiert, so dass mehr landwirtschaftliche Fläche entstand; dazwischen stehen Sträucher und Cashewbäume, die die Gefahr der Erosion reduzieren. Zudem bietet der Verkauf der Cashewnüsse den Bauern eine gute Einnahmequelle. Außerhalb des Dorfes wurde ein Teich zur Fischzucht angelegt - ebenfalls ein wertvoller Zuverdienst. Auf Anfrage finden sich mehrere Frauen, die ihr Sparbuch holen und bereitwillig uns wildfremden Europäern Einblick in ihre Ersparnisse geben. Unsere anfängliche Scheu angesichts dieser bei uns unvorstellbaren Situation schwindet infolge des fühlbaren Stolzes der erzählenden Frauen. Sie berichten von den ersten Jugendlichen ihres Ortes, die nach der 6. Klasse Grundschule die 15 km entfernte Internatsschule besuchen. Der Kontakt zwischen dem Projektleiter Panigrahi, unserem Begleiter, und den Dorfbewohnern wirkt freundlich, kameradschaftlich. Neuigkeiten aus dem Dorf werden mitgeteilt, denn Panigrahi ist hier nicht mehr oft: Timajhola ist eines der 30 Dörfer, das über etwa 15 Jahre durch die Entwicklungsprogramme unserer Partnerorganisation SHED unterstützt wurde, aber seit vier Jahren weitestgehend auf sich gestellt ist.

Das von SHED praktizierte Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ sieht vor - ähnlich dem pädagogischen Leitsatz Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ -, die Hilfsbedürftigen so zu fördern, dass sie zukünftig ihr Leben selbst meistern können. SHED arbeitet nach diesem Konzept in ca. 80 Adivasi-Dörfern im Bundesstaat Orissa.

So gibt es ein staatliches Programm, das jedem Dorfbewohner jährlich 100 Tage Arbeit zum staatlichen Mindestlohn garantiert. Das Wissen um das Programm erreicht die Adressaten jedoch nur selten. SHED geht in die Dörfer, informiert die Bewohner, registriert die Arbeiter/innen (meist noch per Fingerabdruck) und begleitet die jeweilige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Bei dem Besuch des Dorfes Ontra sahen wir ein solches Ergebnis: Der Pfad zum Dorf wurde zu einer befahrbaren Straße ausgebaut. Bei diesem vom Dorfkomitee beschlossenen fünfwöchigen Bauprojekt waren 15 Arbeiter/innen aus dem Dorf beteiligt, die vom indischen Staat entlohnt wurden - dank der Vermittlerrolle von SHED.

Für dieses Jahr wurden gut 50.000 € für vier Projekte von SHED bewilligt. Spenden erbeten unter dem Stichwort „SHED Orissa“.


Was trägt Indien selbst bei?
(November 2008, Waltraud Schneiders)

Durch die häufigen Medienberichte über die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien werden wir immer wieder gefragt, ob es denn überhaupt noch notwendig sei, für Indien zu spenden und ob nicht innerhalb des wirtschaftlich erstarkenden Indien mehr gegen die Armut getan werden könnte. Die Frage ist sicherlich berechtigt. Allerdings muss man zunächst die ungeheuren Dimensionen dieses Subkontinents und den geringen Lebensstandard seiner Bevölkerung berücksichtigen: Das Durchschnittseinkommen etwa lag bei der letzten Erhebung 2005 noch wenig über 400 € - im Jahr! Und auf den Großteil der Bevölkerung hat der vielgepriesene Wirtschaftsboom derzeit praktisch keine Auswirkungen. Die unteren Kasten und die Adivasi (Stammesbevölkerung) haben aufgrund ihrer mangelnden Bildung und der miserablen Infrastruktur in ihrem Lebensraum keinen Zugang zum Wirtschafts- und Arbeitsmarkt.

Die indische Regierung tut viel, um hier mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Sie braucht allerdings die Zusammenarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen (NROs), um die Mittel effizient zu den Menschen zu bringen. Und hier kommen die Indienhilfe und ihre Partner ins Spiel.

Beispiel Orissa: Die IH-Partnerorganisation SHED (Society for Health, Education and Development) ist seit Anfang der 90er Jahre in Adivasi-Gebieten im Süden Orissas tätig. Mit Ihrer Hilfe konnte SHED dort Basis-Gesundheitsdienste einrichten, Alphabetisierung betreiben, die Landwirtschaft entwickeln. Die wichtigste und tragfähigste Strategie war aber der Aufbau und die kompetente Begleitung von Selbsthilfegruppen (vor allem von Frauen). Durch sie wurde die Dorfbevölkerung in die Lage versetzt, die vielen von der Zentralregierung und vom Bundesstaat Orissa angebotenen Programme zur Entwicklung von Adivasi-Gebieten abzurufen und in ihren Dörfern umzusetzen. Auf diese Weise hat Ihre Spende einen wesentlich größeren, nachhaltigen Nutzen für die arme Bevölkerung.

Im Finanzjahr 1.4.07 bis 31.3.08 hat SHED von der Indienhilfe 52.673 € für vier Projekte erhalten. Im gleichen Zeitraum konnten für das Projektgebiet, das 3709 Haushalte umfasst, insgesamt knapp 260.000 Euro aus indischen Regierungsprogrammen eingesetzt werden - eine Summe, die das Gebiet ohne das Engagement von SHED, ohne den Aufbau und die ständige Betreuung und Fortbildung der Selbsthilfegruppen nie erreicht hätte.

So wurde Ihre Spende zum maximalen Nutzen der armen Dorfbevölkerung eingesetzt und durch die Mittel der indischen Regierungsstellen versechsfacht.


Unterernährung ist die häufigste Todesursache indischer Kinder: 
Pilotprojekt der Indienhilfe für extrem unterernährte Säuglinge und Kleinkinder in vier Adivasidörfern

(November 2008, Sabine Dlugosch)

„Somenath trinkt nicht. Und meine Frau ist zu schwach, aufzustehen.“ klagt Samu Hembrom, als ihn die dörfliche Gesundheitsarbeiterin nach seinem neu geborenen Sohn fragt. Vor drei Tagen war das Kind im staatlichen Krankenhaus zur Welt gekommen, doch die Umstände waren alles andere als glücklich: Somenath wurde auf dem Flur geboren und fiel während der Geburt zu Boden. Seine Mutter war von der schweren Geburt zu geschwächt, um das Neugeborene zu stillen. Trotzdem hatte der kleine Somenath Glück: Gerade war die deutsche Kinderärztin Monika Golembiewski im Dorf, die sich seit 13 Jahren mehrere Wochen im Jahr um die Gesundheit der Kinder kümmert. Die Untersuchung ergab, dass Somenath stark untergewichtig und dehydriert war. Fütterungsversuche scheiterten. So wurde der Junge in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht, wo er nach einer Infusion bald wieder zu Kräften kam. Ohne die schnelle Hilfe hätte Somenath keine Überlebenschance gehabt. Seine Familie hätte sich weder den Transport ins Krankenhaus, noch die medizinische Behandlung leisten können.

50 Millionen Kinder unter fünf Jahren in Indien sind unterernährt - nicht alle haben so viel Glück wie Somenath. Jedes Jahr sterben mehr als zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren: neben Durchfallerkrankungen und Lungenentzündung vor allem an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Armut, Unwissenheit, falsche Ernährungspraktiken sind wesentliche Faktoren dabei. Verschärft hat sich die Situation im letzten Jahr durch die stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Jede dritte Frau in Indien leidet an Unterernährung und hat so ein erhöhtes Risiko, ein untergewichtiges Kind zur Welt zu bringen mit einer 20-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit, im Säuglingsalter zu sterben1).

In den letzten Jahren haben wir das überwältigende Problem der Unterernährung von Kindern in den Indienhilfe-Projektdörfern intensiver in den Blick genommen, denn die Schäden, die dadurch im Säuglingsalter entstehen, beeinträchtigen irreversibel die gesamte körperliche wie geistige Entwicklung des Kindes. Für jedes einzelne Kind soll ein individuelles Konzept entwickelt werden, um seine Situation nachhaltig zu verbessern.

Deshalb begrüßten wir es, ein Pilot-Ernährungsprogramm zur Normalisierung des Gewichts von 120 stark unterernährten Kindern aus vier Dörfern im Projektgebiet von Manab Jamin2) zu fördern, das die beiden deutschen Studenten Silvia Mangatter und Nico Golembiewski in Zusammenarbeit mit Monika Golembiewski entwickelt haben.

In Kochkursen lernen die Mütter, einen einfachen, aber nahrhaften Brei für Ihre Kinder zuzubereiten. (Foto: S. Mangatter)

Zunächst wurden alle Kinder unter fünf Jahren gemessen, gewogen und kinderärztlich untersucht. Das Ergebnis zeigte, dass viele Kinder an Unterernährung, sowie Protein- und Vitaminmangel leiden, weil sich die Familien hauptsächlich von Reis und Linsen ernähren - Obst, Gemüse, Milchprodukte, Eier oder Fleisch können sie sich nicht leisten. So wurde ein Speiseplan entwickelt, nach dem die Kinder zweimal pro Woche eine gehaltvolle, protein- und vitaminreiche Mahlzeit bekommen. Alle zwei Monate wird das Gewicht der Kinder überprüft. Mütter, die nicht stillen können wie bei Somenath, erhalten Milchpulver. In regelmäßigen Treffen lernen die Mütter, wie sie gesunde ausgewogene Mahlzeiten mit lokal erhältlichen Nahrungsmitteln preiswert zubereiten können und welche grundlegenden Hygiene-Regeln zu beachten sind. Die Mütter kochen abwechselnd mit, um das Essen zu Hause nachkochen zu können.

Durch das Programm, das seit zehn Monaten läuft, hat sich der Zustand der Kinder deutlich verbessert, doch die Gewichtszunahme ist noch nicht befriedigend. Es zeigt sich, dass die Beseitigung von Unterernährung neben Behebung akuter Krisen ein langfristiges Konzept erfordert, das neben Aspekten wie sauberes Trinkwasser, Hygiene, Aufklärungsarbeit mit den Eltern auch einkommenschaffende Maßnahmen umfasst.3) Die Erfahrungen aus dem Ernährungsprogramm werden in die künftige Projektplanung einfließen, um die Mangel- und Unterernährung der Kinder in unseren Projektgebieten wirkungsvoller zu bekämpfen.

Die Kosten für das Ernährungsprogramm belaufen sich auf 1.700 Euro, die wir aus dem Notfallfonds finanziert haben. Für die Weiterentwicklung wie für sofortige Hilfsmaßnahmen sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen!

Spenden-Stichwort „Notfallfonds“

1) Quelle: „UN warning on Indian child health“, BBC online, 5.8.2008
2) Zwei Projektdörfer von Manab Jamin, zwei von Martin Kämpchen betreute Dörfer
3) Drei erfahrene Mitarbeiterinnen von IH-Partnerorganisationen trafen sich im August 08 mit dem Projektteam, um das Konzept kennen zu lernen und es kritisch zu kommentieren. Kopie des Berichts erhältlich gegen eine Spende (Stichwort Notfallfonds-Studie) von mind. 5 €.


Projektpartner SHED von Pogromen gegen Christen in Orissa betroffen
(November 2008, Sabine Dlugosch)

Glimpflich abgelaufen ist der Angriff eines Hindu-Mobs auf ein Projektzentrum der von einem Christen geleiteten Indienhilfe-Partner-Organisation SHED: Lediglich zwei Motorräder verbrannten, Menschen kamen nicht zu Schaden. Seit August kommt es in Orissa zu Exzessen gegen Christen, die ursprünglich meist den Unberührbaren oder den Adivasi angehörten. Tausende flohen aus ihren Dörfern in den Dschungel oder in Flüchtlingslager. Ausgelöst wurden die Ausschreitungen durch den Mord an einem hindu-nationalistischen Guru, der den Christen angelastet wird, obwohl eine maoistische Terrorgruppe sich dazu bekannte. Die Ursprünge des Konflikts gehen auf Missionierungs-Vorwürfe von Hindu-Fanatikern zurück. Die Religion wird vorgeschoben, um wirtschaftliche Interessen und politische Machtansprüche zu sichern1).

Seit 1992 arbeitet die Indienhilfe mit SHED zusammen, um die extreme Armut von etwa 4.000 Adivasifamilien in 88 unzugänglichen Dörfern und den Slums von Rayagada zu bekämpfen. Durch einen ganzheitlichen Ansatz mit Bildung, Gesundheit, Frauen-Selbsthilfegruppen und einkommenschaffenden Maßnahmen (Mikrokredite) leistet SHED einen wichtigen Beitrag zur friedlichen Entwicklung in der Region. Menschen, die eine Perspektive für ihren Weg aus der Armut haben, lassen sich weniger von radikalen Gruppierungen instrumentalisieren. IH-Vorstand Udo Kirkamp ist derzeit unterwegs zu einem Projektbesuch bei SHED - wir hoffen, dass er ohne Gefahr reisen kann.

Mit einem Budget von 50.000 € gehört SHED zu unseren größten Partnern. Uns fehlen noch ca. 25.000 € - Spenden unter dem Stichwort „SHED - Orissa“

1) Ausführliche
Darstellung der komplexen Zusammenhänge finden Sie hier

Adivasi im Radio
Regine Linder und Sabine Dlugosch, Indienhilfe, informierten am 15. September 2008 im „Eine Welt Report aus München“ bei Radio Lora über die Kultur der Adivasi sowie über die Situation in Orissa. (Mitschnitt der Sendung auf CD gegen Spende von mind. 5 €, Stichwort Adivasi-CD).



Bikash - ein Modell macht Schule: Weitere dörfliche Behindertenzentren im Bankura-Distrikt eröffnet
(November 2008, Sabine Dlugosch)
„Seht auf das, was wir k ö n n e n!“ - eine neue Einstellung gegenüber Behinderten macht sich im Projektgebiet von Bikash in einem der ärmsten Distrikte Westbengalens bemerkbar. Gerade wurde in zwei neuen Dörfern eine regelmäßige Behindertenbetreuung eingerichtet, auf Initiative der örtlichen Frauen-Selbsthilfe-Gruppen und mit Unterstützung der Dorfräte, ohne zusätzliches Geld von der Indienhilfe. Räumlichkeiten und Lehrmaterial stellt die Kommune, den Unterricht übernehmen Mitarbeiter der sechs bestehenden, von der Indienhilfe finanzierten, Zentren zusätzlich.

Der Neubau des Sonderpädagogischen Zentrums, der nur durch größte Anstrengungen unserer Unterstützer möglich wurde, wird voll genutzt: in den Therapieräumen finden von morgens bis abends Gruppen- und Einzeltherapie, Arbeitstherapie und Nachhilfeunterricht statt. Daneben betreibt Bikash Lobbyarbeit, klärt über die Rechte Behinderter auf, hilft bei der Beschaffung von Regierungshilfen, sensibilisiert für die Schwierigkeiten von Behinderten und ihren Familien und setzt sich für ihre Integration an den Schulen ein.

Was noch fehlt, ist eine Kurzzeitpflege-Station, in der Angehörige ihre behinderten Familienmitglieder temporär unterbringen können, um sie in familiären Notlagen (z.B. Krankheit oder Erschöpfung der pflegenden Angehörigen) zu versorgen. Auf Grund unseres finanziellen Engpasses übernehmen wir derzeit außer den Gehältern für eine Mindestzahl an Sonderpädagogen und Therapeuten für die Tageseinrichtung keine anderen Kosten. Nur mit Extra-Spenden und Zuschüssen könnten wir Bikash die Finanzierung des zusätzlich nötigen Pflegepersonals zusagen. Zusätzlich nötig wäre auch eine verstärkte Präventivarbeit, wie unsere Beraterin Sibani Bhattacharya aus dem Indienhilfe-Büro Kolkata bei ihrem Projektbesuch kürzlich feststellte.

Bikash-Herbstinfo 08

„Wo gehört der Bindi hin?“ Indienhilfe-Mitarbeiterin Sibani Bhattacharya traf bei ihrem Projektbesuch mit den behinderten Kindern zusammen, die von Bikash betreut werden. (Foto: S. Bhattacharya)



Nicht nur Symptome, sondern Ursachen bekämpfen - neue Initiative der Indienhilfe gegen Kinderarbeit
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)

Kinder als Hilfsarbeiter in einer Ziegelei

"Wenn ich groß bin, will ich Krankenschwester werden!" erzählt die neunjährige Rekha mit glänzenden Augen. Zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Brüdern lebt sie in Sarada Colony, der Siedlung der Ziegeleiarbeiter bei Malda, der Distriktstadt im Norden Westbengalens. Ursprünglich stammt die Familie aus Bihar, dem benachbarten Bundesstaat, aber Armut und Arbeitslosigkeit zwangen sie, ihre Heimat zu verlassen. Acht Monate im Jahr lebt die fünfköpfige Familie in einem kleinen Raum ohne Toilette, den ihnen der Ziegeleibesitzer zur Verfügung stellt. Während der Regenzeit kehren sie in ihr Heimatdorf nach Bihar zurück.
Seit zwei Jahren arbeiten Rekhas Eltern in der Ziegelei, ihr Verdienst liegt bei 75 bis 100 Rupien (1,50 bis 2 Euro) pro Woche, abhängig von der Anzahl der hergestellten Ziegel. Die Mitarbeit der Kinder ist unverzichtbar, um das Überleben der Familie zu sichern. Während die Eltern die Ziegel herstellen, ist es Aufgabe der Kinder, das benötigte Rohmaterial herbeizuschaffen. In der brütenden Hitze schleppen sie schwere Gefäße und Schalen mit Wasser und Lehm auf dem Kopf lange Strecken über das Ziegelfeld. Die Luft ist voller Staub und Ruß, das Atmen fällt schwer. Die meisten Kinder leiden an Augenentzündungen und Bronchialproblemen sowie an Unterernährung. Das Mittagessen besteht in Rekhas Familie aus Kichererbsenmehl mit Wasser und Salz, einer Mahlzeit, die schwer verdaulich ist und daher für einige Zeit das Hungergefühl unterdrückt. Am Abend gibt es Reis mit Kartoffeln, dessen Reste am nächsten Morgen gegessen werden. Gemüse und Obst kann sich die Familie nicht leisten, so dass den Kindern wichtige Vitamine fehlen.

Rekha ist glücklich: sie besucht die zweite Klasse der Kinderarbeiter-Schule unserer Partnerorganisation Rural Health Development Center (RHDC). Seit knapp zwei Jahren unterrichten dort zwei Lehrer täglich von 11 bis 13 Uhr 52 Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren. Dabei ist die Schule nicht nur Ort des Lernens, sondern man kümmert sich auch um die ganzheitliche Entwicklung der Kinder. Vor Beginn des Unterrichts haben die Kinder Zeit, sich beim gemeinsamen Spielen auszutoben und ihre Kindheit zu genießen. Bevor es schließlich ans Rechnen, Lesen und Schreiben geht, wird meditiert, um die notwendige Ruhe und Konzentration zum Lernen herzustellen. Anfangs bestand die Befürchtung, dass die Migrantenkinder durch lange Fehlzeiten den Anschluss an den Unterricht verpassen. Diese Sorge erwies sich aber als unbegründet: in ihren Heimatdörfern in Bihar und Jharkhand besuchen die Kinder eine Schule und der Wechsel der Unterrichtssprachen zwischen Bengali und Hindi stellt für sie kein Problem dar. Häufig sind es die Migrantenkinder, die besonders engagiert und regelmäßig am Unterricht teilnehmen. Ferner besucht regelmäßig ein Arzt die Schule und überprüft den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung der Kinder. Im Gegensatz zu Rekha besuchen ihre Brüder keine Schule. Da sie älter und kräftiger sind als das zierliche Mädchen, können sie selbst Ziegelsteine herstellen und dadurch einen wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen leisten - jeder zusätzlich produzierte Ziegelstein bedeutet einen höheren Verdienst. Auch Rekha muss ausserhalb der Schulzeiten arbeiten. Wie viele Mädchen in ihrem Alter ist sie für die Versorgung des Haushalts und das Kochen zuständig, da die Mutter den ganzen Tag in der Ziegelei arbeitet.

Kinder wie Rekha und ihre Brüder gibt es viele in Indien. Insgesamt wird die Zahl der arbeitenden Kinder auf bis zu 100 Mio. geschätzt, je nach Definition und Altersgrenze. Ein Großteil von ihnen ist in der Landwirtschaft beschäftigt, als Viehhirten, Holzsammler oder Wasserträger. Zu den Tätigkeiten der Mädchen gehören Kochen, Putzen, Waschen und Hüten der jüngeren Geschwister, sei es im elterlichen Haushalt oder als Angestellte bei reicheren Familien, wo sie häufig Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind. Besonders schlimm ist beispielsweise Recycling-Einheiten, wo mit bloßen Händen Batterien in ihre Einzelteile zerlegt oder Glasscherben sortiert werden, Steinbrüche, in denen Kinder mit schweren Maschinen und Sprengstoffen arbeiten, und auch Ziegeleien, in denen Staub, Hitze und das Tragen schwerer Lasten die Gesundheit der Kinder negativ beeinträchtigen.

Mit der Gründung eines "Netzwerks gegen Kinderarbeit in gesundheitsschädlichen Bereichen" Anfang 2005 hat die Indienhilfe gemeinsam mit ihren indischen Partnern den Kampf gegen Kinderarbeit als neuen Schwerpunkt aufgenommen. Ziel ist es, durch ständigen Erfahrungsaustausch gemeinsam Modelle zu entwickeln, um Alternativen für die Kinder zu schaffen und ihre Rechte zu stärken. Angesichts des riesigen Aufgabenfelds und der Geschäftsinteressen derer, die von Kinderarbeit profitieren, wird zunächst mit einfachen Maßnahmen, wie Schulbildung und medizinische Versorgung, begonnen. Gleichzeitig wird versucht, über Lobbyarbeit ein Bewußtsein bei Regierung und Öffentlichkeit zu schaffen, um die Ursachen von Kinderarbeit langfristig zu bekämpfen.
Momentan besucht Timm Christmann, ein Historiker und Journalist aus Heidelberg, als ehrenamtlicher volunteer die Projektpartner der Indienhilfe und recherchiert über die Situation von Kinderarbeitern in den jeweiligen Gebieten. Den Abschluß seiner sechsmonatigen Reise, die er komplett selbst finanziert, bildet ein zweitägiger Workshop, der zum einen der Lobbyarbeit und zum anderen der Weiterentwicklung des Netzwerks dient. Während am ersten Tag mit Vertretern der Regierung und der Öffentlichkeit Probleme bei der Umsetzung von Regierungsprogrammen im Kampf gegen Kinderarbeit erörtert werden, dient der zweite Tag der Ausarbeitung eines konkreten Aktionsplans des Netzwerks. Neben UNICEF werden die indische Kinderrechtsorganisation CRY (Child Rights and You) sowie die MV Foundation aus Südindien, die bereits 150.000 Kinderarbeiter erfolgreich eingeschult hat, ihre Modelle vorstellen und gemeinsam mit den Indienhilfe-Partnern das weitere Vorgehen diskutieren.


Sie wollen, dass ihre Kinder es besser haben - zu Besuch im Adivasi-Projekt West Midnapur
Sabine Dlugosch
(Mai 2006)

"Das Haus ist ziemlich groß, man sieht jedoch mit einem Blick, dass es heruntergekommen ist. Der Älteste der Brüder, das Oberhaupt der Familie, gilt als der schlimmste Säufer der ganzen Gegend. Eine Frau in schmutzigem Sari öffnet uns. Vor dem Haus hockt eine alte Frau auf dem Boden und stiert uns mit glasigem Blick an. Es ist die Mutter der Brüder. Sie trägt keine Bluse unter ihrem Sari und trinkt schon zum Frühstück ihr Reisbier.
Wir betreten das finstere, fensterlose Haus. Die Innenausstattung ist ärmlich, es gibt kaum Geräte. Schlafräume sind nicht vorhanden. Der Mann schläft in einem ebenerdigen Getreidespeicher. Die Veranda, nach außen abgegrenzt durch geflochtene Matten, dient gleichzeitig als Stall für Kühe, Ziegen und Hühner. Winzige Küken wuseln herum. Über eine gefährlich steile Leiter gelangen wir in das Obergeschoß. Auch hier ist ein Speicher, der zugleich als Schlafraum dient. Wie und wo hier jemand schlafen kann, ist mir schleierhaft. Ich sehe keinen Platz, wo ein Mensch sich hätte ausstrecken können. Wir entdecken einen Bogen an der Wand, ohne Pfeile. Lawrence flüstert mir zu, dass die Frauen die Pfeile verstecken, damit der Hausherr in betrunkenem Zustand keinen Schaden anrichten kann. Es kommt vor, dass er im Rausch aggressiv wird und einen Nachbarn bedroht.
Das Haus wirkt auf mich bedrückend. Es ist offensichtlich, dass hier elende Armut herrscht und schlecht gewirtschaftet wird. Der Hof ist voll schmutziger, halbnackter Kinder. Frauen kreischen, ohne uns zu beachten."

Eine Haupteinnahmequelle der Frauen ist das Nähen von Sal-Blatt-Tellern. Aus ihren Ersparnissen bezahlen die SHG-Frauen gemeinsam einen Mann, der ihre Ware direkt auf dem Großmarkt verkauft. So werden die Mittelmänner ausgeschaltet, die den Frauen die Teller in den Dörfern für einen sehr viel geringeren Preis abkaufen wollen, um sie selbst weit teurer zu verkaufen. Foto: Karl Rellensmann

Susanne Schaup, Schriftstellerin aus Wien und langjähriges Indienhilfe-Mitglied, verbrachte im Rahmen einer von der Indienhilfe organisierten Projektreise1) im Februar mehrere Tage im West Midnapur Distrikt. Das von ihr besuchte Haus ist keine Besonderheit. Die im Projektgebiet lebenden Adivasi (indigene Bevölkerung), hauptsächlich Santhals und Lodhas, gehören zur ärmsten Bevölkerungsschicht Indiens. Die Abholzung ihres ursprünglichen Lebensraums, des Dschungels, brachte sie um ihre Existenzgrundlage. Statt zu jagen und zu sammeln, versuchen sie, ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner, Pächter und Kleinstbauern zu verdienen. Ihr Einkommen reicht meist nicht einmal aus, die Familien ausreichend zu ernähren. Häufig dient Reisbier als Ersatz für eine Mahlzeit - es ist billig, verdrängt den Hunger, und der Alkohol betäubt die Sorgen. Viele Kinder sind vernachlässigt, unterernährt, verwurmt, häufig krank.

Dem gegenüber sind in den von der Indienhilfe unterstützten Dörfern des "Integrated Development Project (IDP) West Midnapur" schon rein äußerlich deutliche Fortschritte festzustellen: die Menschen achten auf ihr Äußeres, halten ihre Kleidung in Ordnung, sind gesünder, besser ernährt, machen einen wacheren und selbstbewußteren Eindruck. Ihre Dörfer und Hütten sind sauberer und werden instand gehalten. Es gibt üppige Küchengärten, die Trinkwasserstellen sind befestigt und sauber, und sogar Toiletten finden sich! Neben den traditionellen Taglöhnertätigkeiten florieren Handwerk und Dienstleistungsbereich. Die Wände der Lehmhäuser sind mit Werbung für die staatlichen Polio-Impfprogramme und die Ein- bis Zweikindfamilie bemalt.

Partner der Indienhilfe ist hier die kirchliche Entwicklungsorganisation "Seva Kendra Calcutta (SKC)". Dreißig neue Dörfer sollen heuer einbezogen, mehrere tausend Adivasi-Familien, vor allem die am stärksten an den Rand gedrängten Lodhas, in dann insgesamt 77 Dörfern erreicht werden. Rückgrat der Dorfentwicklung sind die Selbsthilfegruppen (SHGs). Jeweils 10 bis 20 Frauen aus Nachbarschaften schließen sich dabei zu Spar- und Aktionsgruppen zusammen und nehmen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen selbst in die Hand, beraten und unterstützt durch die Dorfanimator/innen des Projekts. 307 erfolgreiche Gruppen existieren schon, 90 neue sollen 2006 gegründet werden! Susanne Schaup war beeindruckt von ihrem Treffen mit den Frauen:

" Am Nachmittag treffen wir eine Frauengruppe in einem Lodha-Dorf. Sieben Frauen mit zehn Kindern sind in das von der IH finanzierte "Lernzentrum" gekommen, wo morgens die Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden. Alle Frauen sind in ihren besten Saris erschienen. Sie tragen bunte Armreifen, Nasenbrillanten, eine sogar einen goldenen Nasenring. Immer mehr Frauen strömen herbei und Kinder, die uns zusehen, ein paar recht wilde darunter, andere in ordentlichen Kleidern. Es ergibt sich ein lebhaftes Gespräch. Die Frauen haben einen Sparkreis gegründet. Sie sind Analphabetinnen, können aber immerhin ihren Namen schreiben und zahlen pünktlich ihre monatliche Einlage von 35 Rs (0,70 €). Stolz zeigen sie uns ihre Kasse, eine Metallbox, in der sich ihre Ersparnisse von insgesamt 1.700 Rs (34€) befinden. Es fällt den Frauen nicht leicht, von ihrem geringen Verdienst Geld für die Sparkasse abzuzweigen. Aber sie schaffen es irgendwie. Sie sparen für ihre Kinder und ihre Altersversorgung.
Es fällt mir nicht leicht, von den Dorfbewohnern Abschied zu nehmen. Diese Frauen, die mit uns getanzt und gesprochen haben, die uns an ihrem Alltag teilnehmen ließen, sind mir ans Herz gewachsen. Es ist ihnen ein Anliegen, dass die Entwicklung in ihrem Dorf weitergeht. Sie wollen, daß ihre Kinder es besser haben. Überall habe ich den Eindruck, daß die SHGs von den Frauen bereitwillig angenommen werden und dass sie ihnen einen echten Rückhalt geben."

Der Erfolg des Projekts wird auch im Bereich Bildung deutlich: Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen mittlerweile die lokalen Regierungsschulen, so dass die einstigen Non-formalen Schulen in Nachhilfezentren umgewandelt werden konnten. Weil die meisten Eltern nicht lesen und schreiben können, sind Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe durch die Projektmitarbeiter wesentliche Voraussetzung, um im staatlichen indischen Schulbetrieb bestehen zu können. Neu in diesem Jahr ist die Aufnahme von Umweltbildung in den Zentren. Durch die Beobachtung und Erfassung der wichtigsten Bäume in der Umgebung ihres Dorfes nehmen die Kinder ihre Umwelt bewußter wahr und können Veränderungsprozesse erkennen ("Participatory Vegetation Monitoring"). Auf Basis dieses Wissens sollen die Kinder ein Bewußtsein für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen entwickeln und eigene Aktivitäten zum Schutz der Umwelt durchführen und so dem weiteren Absterben des Dschungels entgegenwirken.
Verantwortlich für die stärkere Einbeziehung von Umweltaspekten in die Aktivitäten ist der neue Koordinator Sudarshan Dey, der das Projekt seit August 2005 leitet. Für ihn ist Entwicklung ein ganzheitlicher Prozess, der Bildung, Gesundheit, Ökonomie und Öklogie umfaßt, die sich gegenseitig beeinflussen: mangelnde Bildung führt zu einem geringen Bewußtsein über Hygiene und vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen. Der dadurch verschlechterte Gesundheitszustand führt zu Verdienstausfällen und der Entstehung hoher Arztkosten, die sich wiederum negativ auf die finanzielle Situation der Familie auswirken. Um das Überleben der Familie zu sichern, müssen die Kinder arbeiten anstatt eine Schule zu besuchen. Gleichzeitig führt die durch Armut und häufige Darmerkrankungen bedingte Mangel- und Fehlernährung zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

(Zitate: Susanne Schaup)


Für das Projekt werden in diesem Jahr 61.000 € benötigt: z.B. 3.300€ für die Ausbildung der SHG-Leiterinnen, Lern- und Lehrmittel à 85 € für 83 Nachhilfezentren, Schuluniformen und -taschen à 2€ für 80 Lodha-Kinder, 390 € für die Umweltbildung, Fernlernkurs "Sektorale Integration" für 17 Mitarbeiter à 50 €, Gehälter für 87 Dorf-Animatoren - der durchschnittliche Jahresverdienst eines Animators beträgt 185 €.

Insgesamt werden mehr als 5.500 Familien erreicht, in denen 10.000 Kinder leben: reelle Zukunftsperspektiven für etwa 6 € pro Kind!
Spenden unter dem Stichwort "IDP Midnapur".

1) selbstverständlich von den Teilnehmer/innen aus eigener Tasche bezahlt


Nicht jeder entwickelt sich gleich schnell
Regine Linder
(Mai 2006)

Haben Sie diese Erfahrung vielleicht auch bei Ihren Kindern gemacht? Bei unserem diesjährigen Projektbesuch haben wir bemerkt, dass diese Feststellung auch auf Dorfentwicklung zutrifft: Von den ursprünglich 64 Dörfern des Dongria Kondh Projekts unserer Partnerorganisation SHED haben sich einige schon nachhaltig entwickelt, so dass sich SHED weitgehend zurückziehen konnte. Bei einigen "Spätzündern" kommt die Entwicklung hingegen nur langsam voran.

Auf einem immer schmaler werdenden Pfad geht es eine halbe Stunde zu Fuß Richtung Berge. Unser Ziel ist das noch sehr ursprüngliche Dorf Raelima. Wir haben dieses Dorf schon vor 6 Jahren besucht. Damals schien es wie ausgestorben, die Dorfbewohner ließen sich nicht sehen. Raelima 2006: Wir werden von neugierigen Menschen umringt, alle sehr freundlich, bereit, uns ihre Häuser zu zeigen... Die Stimmung im Dorf ist auffällig verändert. Vertrauensbildung - unverzichtbare Grundlage für erfolgreiche Entwicklungsarbeit - hat in diesem Dorf offenbar besonders lange gebraucht. Inzwischen hat sich dort mit Unterstützung von SHED eine erste Selbsthilfegruppe gegründet.

Pujariguda ist hingegen eines von mehreren Dörfern, in dem sich SHED seit zwei Jahren überflüssig gemacht hat: Ernährungs- und Gesundheitszustand der Dorfbewohner ist befriedigend, die Kinder gehen in die Schule, die Menschen sprechen nicht nur ihre Stammessprache Kui, sondern auch die Landessprache Oriya, und sie sind politisch selbstbewusst geworden. Hatte bisher SHED dafür gesorgt, dass Fördermaßnahmen der Regierung das Dorf erreicht haben (z.B. eine feste Dorfstraße, ein Schulgebäude), so kümmern sich jetzt diese Dorfbewohner selbst darum.

Die meisten der verbliebenen 50 Projektdörfer werden allerdings SHEDs Unterstützung noch eine Weile brauchen. Das Dorf Dibalpadu z.B, das wir heuer besucht haben, lebt mit seinen 57 Familien nur von Hirse und Reis, 43 Familien sind unter der Armutsgrenze. Die Monate vor der Regenzeit herrscht regelmäßig Hunger, da die Nahrungsvorräte nicht über die ganze Trockenzeit reichen. Der für Dibalpadu zuständige Cluster Worker von SHED kommt einmal pro Woche ins Dorf und hat viel zu tun. Er hilft der Selbsthilfegruppe bei allen Formalitäten (z.B. in Zusammenhang mit Bankkrediten), berät bei Planung und Durchführung von einkommenschaffenden Maßnahmen; daneben wird er bei Krankheiten zu Rate gezogen, motiviert zum Anlegen von Küchengärten und betreut das Village Action Committee: eine Gruppierung von Männern und Frauen, die die Weiterentwicklung ihres Dorfes plant und die analysierten Probleme gezielt anzugehen versucht. Auf Betreiben von SHED wurde in dem Dorf als Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung kürzlich eine staatliche Schule für Kinderarbeiter eingerichtet, die wir besuchten. Zwei junge engagierte Lehrer unterrichten 50 Kinder aus der Gegend, die bisher ihre Tage mit Viehhüten oder Hausarbeit zubrachten.

In den 50 Projektdörfern, in denen etwa 12.000 Menschen leben, wird SHED auch dieses Jahr Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Schwerpunkte sind die Betreuung der Selbsthilfegruppen, die Gesundheitsarbeit, die Förderung von lokalen Führungspersönlichkeiten und die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Auf unterster Ebene sind dafür 10 Cluster Workers zuständig, die etwa 50 € monatlich verdienen. Neben diesen sind die Gehälter des Koordinators, der beiden Ärzte, Trainings, Fahrtkosten usw. zu finanzieren.
Für das Finanzjahr 2006-07 hat die Indienhilfe für dieses Projekt ca. 18.000 € zugesagt. Mit dem Dank an unsere bisherigen Unterstützer verbinden wir die dringende Bitte um Spenden für das "Dongria Kondh Projekt".


Indienhilfe-Partner setzt auf Regenwasser zur Bewässerung und Trinkwasserversorgung
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Unermüdlich setzt sich die Indienhilfe-Partnerorganisation Ektagram Vikas Samiti (EVS) seit vielen Jahren für die Erforschung, Bewahrung und Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen ein. Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene, vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Ein Problem stellte allerdings die Bewässerung der Pflanzen in der Trockenzeit dar. Der Versuch, einen Brunnen zu bauen schlug fehl und daher wurde auf eine innovative und nachhaltige Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: durch Auffangen von Regenwasser ("Rainwater Harvesting") wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Die Regenwasser-Auffang-Anlage soll auch anderen als Modell für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung dienen.

Elisabeth Kreuz, Vorstandsvorsitzende der Indienhilfe Herrsching, konnte sich bei ihrem selbstfinanzierten Besuch im Projekt von der Funktionalität der Anlage überzeugen: erst kürzlich hatte es stark geregnet und das Auffang-Becken war nahezu randvoll. Beeindruckt war sie von der Vorführung, wie mit Hilfe von Schläuchen und einer Pumpe das Wasser in die Heilkräuterplantage geleitet wird, die sich zu einer gut gedeihenden grünen Pflanzenlandschaft entwickelt hat. Sie berichtet von einer weiteren Besonderheit: "Erstaunt stellte ich fest, dass jeden Morgen ein Mitarbeiter der Organisation in dem Auffangbecken schwamm. Auf meine Nachfrage wurde mir erläutert, dass dies notwendig sei, um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhalten, der notwendig ist, um die Wasserpflanzen und Fische am Leben zu halten, die dort angesiedelt sind und zum eigenen Verzehr gehalten werden."

Gleichzeitig wird ein Teil des aufgefangenen Regenwassers in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Gerade in den abgelegenen Dörfern Westbengalens ist die Versorgung mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser ein Problem: es gibt zu wenig Brunnen und die Grundwasserreserven reichen nicht aus. Die Menschen müssen daher bakteriell kontaminiertes Wasser verwenden, das oft zu schweren Durchfallerkrankungen und tödlichen Magen-Darm-Erkrankungen führt, vor allem bei Kindern. Die Filterung des Regenwassers bietet hier eine relativ einfache und kostengünstige Möglichkeit der Beschaffung sicheren Trinkwassers.

Bei ihren Aktivitäten beschränkt sich EVS allerdings nicht nur auf die Erforschung des Wissens um traditionelle Heilpflanzen und –methoden, sondern leistet auch einen Beitrag zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der Adivasi im Projektgebiet. Seit diesem Jahr besteht ein Schulungsprogramm, das die Nutzung der traditionellen Heilpflanzen wieder in das Bewusstsein der Adivasi bringen soll. Frauen aus Adivasi-Dörfern werden sowohl in der Gesundheitsvorsorge wie auch im häuslichen Gebrauch traditioneller Heilmethoden unterrichtet. Gleichzeitig lernen die Frauen, wie sie die kostbaren Heilkräuter in ihren eigenen Gärten anpflanzen können, um diese dann zu fairen Preisen an EVS zu verkaufen. Bisher wurden die Fortbildungen immer unter freiem Himmel abgehalten, aber nun soll ein kleines Trainingszentrum gebaut werden.

Für den Bau des Trainingszentrums sucht die Indienhilfe noch dringend finanzielle Unterstützung und bittet um Spenden auf das Konto 430 377 663 bei der Kreissparkasse Mü-Starnberg, BLZ 702 501 50, Stichwort "Ektagram"


“So haben wir noch nie auf Kinder geschaut ...”
ICDP: Ein kulturunabhängiges Kompetenztraining für Eltern und Pädagogen

Dr. Karl-Peter Hubbertz
(Dezember 2005)

"Es ist mir zum ersten Mal nach 12 Jahren Schule deutlich geworden, dass ich jedes Kind als eine eigene und besondere Person sehen und verstehen kann!" Diese Aussage stammt von Anima Chatterjee aus Malda, die im dortigen RHDC-Zentrum Kinderarbeiter/innen unterrichtet. Ihr Statement ist ein Beispiel für die Begeisterung und die Lernmotivation, welche ein Einführungsseminar zum ICDP bei den MitarbeiterInnen in Malda auslöste. Der allgemeine Tenor war: Das ist völlig neu für uns - so haben wir noch nie auf Kinder geschaut!

Im Dezember 2004 und im Januar 2005 wurde an zwei Projektstandorten der Indienhilfe, Atghara (Vikas Kendra) und Malda in West-Bengalen, jeweils ein dreitägiger Einführungsworkshop zum ICDP durchgeführt. Teilnehmer/innen waren Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrer und Ärzte, die in den Bereichen Förderkindergärten (SVKs), Heim, Schule, Gesundheitserziehung und Selbsthilfegruppen von Müttern tätig sind. Viele Teilnehmer/innen waren begeistert von diesem Seminar. Sie wünschten sich eine Fortsetzung ("come again!") und betonten, wie gerne sie weiterlernen würden.

Was ist ICDP? ICDP (= International Child Development Programmes) ist ein speziell für Entwicklungsländer konzipiertes Training. Es wendet sich an Eltern und andere Bezugspersonen, die mit Kindern zusammen leben oder arbeiten, welche in ihrer Entwicklung gefährdet sind. Solche "children at risk" leben meist in Armutsgebieten und sozial benachteiligten Familien. Es sind oft auch traumatisierte Kinder, Kinder, die ihre Eltern verloren haben, entwurzelte Kinder, Kinderarbeiter oder Straßenkinder.

Der beste Weg, solche Kinder langfristig zu fördern, ist neben der Absicherung von Wohnen, Ernährung, Gesundheit und Schulbildung die Unterstützung ihrer primären Bezugspersonen bei der Erziehung. Diesen Grundsatz macht sich das ICDP zu eigen. Das Programm wurde von dem norwegischen Entwicklungspsychologen K. Hundeide entwickelt und in verschiedenen Ländern der Dritten Welt erprobt und evaluiert. Es ähnelt in seiner äußeren Struktur einem herkömmlichen Elterntraining und vermittelt basale Leitlinien kindlicher Entwicklungsförderung und Erziehung.

Drei Prinzipien machen das ICDP für Adressaten in fremden Kulturen besonders geeignet:

- Das Prinzip der Sensibilisierung: Es geht nicht darum, Wissen über Erziehungsprozesse aus unserer westlichen Kultur nach Indien zu importieren. Ziel ist vielmehr, Eltern und Erzieher für eigene, natürliche Erziehungsfähigkeiten zu sensibilisieren. Solche Fähigkeiten (sog. "local child rearing practices and traditions") geraten unter besonders belasteten Lebensumständen oft in Vergessenheit. Sie sollen aktiviert und Erziehungspersonen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden.
- Das Prinzip der Verknüpfung von Einfühlung, emotionaler Zuwendung und Lernförderung: Das ICDP sieht Erziehung und kindliche Entwicklungsförderung als ganzheitlichen Prozess. Es gibt Eltern nicht nur Orientierung für ihre emotionale Beziehung zum Kind, sondern auch praktische Anregungen für kognitive Lernförderung und schulische Bildung.
- Das Prinzip der Einfachheit: ICDP verzichtet weitgehend auf schriftliche Texte und paper-pencil-Übungen. Das Programm arbeitet primär mit Fotos, Rollenspielen und anderen praktischen Übungen. Es beschränkt sich auf die Vermittlung weniger Leitlinien, die von den TeilnehmerInnen im Erziehungsalltag praktisch umgesetzt werden. So ist dieses Training auch besonders für Mütter und Väter geeignet, die weder lesen noch schreiben können.

ICDP wurde von der WHO als Förderprogramm für Entwicklungsländer anerkannt und übernommen. Auch besteht eine enge Kooperation mit UNICEF in verschiedenen Ländern, z.B. in Kolumbien. Weitere Länderschwerpunkte sind Angola, Mozambique und Mazedonien.

Weitere Planung: Geplant ist nun ein weiteres, einwöchiges Seminar im Februar 2006, das für die Teilnehmer aus den verschiedenen Projekten zentral in Kalkutta stattfinden soll. Hier soll es darum gehen, ein strukturiertes ICDP-Programm für Elterngruppen zu vermitteln, das 12 Treffen umfasst und viele praktische Übungen enthält. Auch einzelne Bausteine aus diesem Curriculum können von den Teilnehmern in ihrer Arbeit mit Eltern, z.B. in der Selbsthilfegruppenarbeit, sinnvoll genutzt werden. Für September 2006 ist dann ein Supervisionsseminar vorgesehen, in dem die Kursteilnehmer ihre praktischen Erfahrungen mit dem ICDP reflektieren können und neue Anregungen erhalten.

Weitere Information zum ICDP: www.icdp.info (lohnenswert!)

Der Referent: Dr. Karl-Peter Hubbertz ist Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge. Er war 20 Jahre hauptberuflich in Erziehungs- und Familienberatungsstellen tätig. Seit 1999 ist er Hochschullehrer am Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg und bildet SozialarbeiterInnen aus. K.-P. Hubbertz ist Mitglied der Indienhilfe und hat eine Fortbildung in ICDP absolviert. Er kennt die MitarbeiterInnen der Indienhilfe-Projekte in West-Bengalen und bereitet das Seminar in 2006 zusammen mit ihnen vor. K.-P. Hubbertz finanziert seine ICDP-Fortbildung und seine Indienaufenthalte aus eigener Tasche. Die Indienhilfe trägt lediglich die Kosten, die für Anfahrt, Unterbringung und Verpflegung der IH-Projektmitarbeiter und für eine Übersetzerin vor Ort anfallen. Die Kosten für die ersten Workshops betrugen ca. 550 Euro, für 2006 werden ca. 1.500 Euro benötigt. Spenden unter dem Stichwort ICDP.


10 Jahre Ananda Kendra - Zuflucht für Menschen in Not

Waltraud Schneiders
(Dezember 2005)

Zehn Jahre besteht Ananda Kendra - das "Zentrum der Freude" - nun schon! Angegliedert an das ländliche Projekt "Vikas Kendra" in Atghara (50 km nordöstlich von Kalkutta) bietet es derzeit mehr als 40 Menschen ein Zuhause: 24 Sozialwaisen aus extrem armen und kaputten Verhältnissen, vier mittellosen alten Leuten und zwölf Frauen in Not mit ihren Kindern. Viele von ihnen waren Gewalt und Missbrauch ausgesetzt.

Fachkundige Betreuung soll den Frauen helfen, ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können. Sie erlernen z.B. Schneiderei, Weberei, Stickerei, auch schon mal Barfußtiermedizin, holen eine Schulbildung nach, erhalten die notwendige Gesundheitsversorgung und Beistand, um Konflikte mit Ehemännern und Familien in den Griff zu bekommen oder Unterhaltszahlungen zu erstreiten.

Einige sind psychisch krank und werden entsprechend betreut. Viele Frauen konnten bereits wieder erfolgreich rehabilitiert werden. Es wird versucht, mit ihnen Kontakt zu halten, auch wenn Sie AK verlassen haben - ob allein stehend oder wieder in ihren Familien lebend. Die in AK lebenden Kinder besuchen die örtlichen Schulen und werden mit dem notwendigen Lernmaterial versorgt.

Gerade ist Malina Halder in AK eingezogen, 10 Jahre alt, Tochter einer Schlangenbeschwörer-Familie. Da ihre Eltern häufig außer Haus sind und sie nicht beaufsichtigen können, sollte Malina nun verheiratet werden, um "ihren guten Ruf zu erhalten". Sie wandte sich in ihrer Verzweiflung an die Sozialarbeiter von Vikas Kendra, deren Nachhilfezentrum sie seit einiger Zeit besucht. Nun lebt sie beschützt in AK und darf als erstes Mädchen ihres Viertels eine weiterführende Schule besuchen.

Der indische Staat trägt den größten Teil der Kosten für die erwachsenen Frauen, die Indienhilfe vor allem für die "Sozialwaisen".

In diesem Jahr werden 6.000 Euro benötigt - Spenden unter dem Stichwort "Ananda Kendra". Wir danken dem Verein Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der 3. Welt in Rosenheim/Brannenburg für die regelmäßige Unterstützung.


Krabbelstube für Kalkuttas Slum-Kinder in Lake Gardens

Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Notdürftige Unterkünfte aus Bambusstäben und Plastikplanen, ein Teich als Badezimmer, dazwischen Eisenbahnschienen, auf denen Kinder spielen und in regelmäßigen Abständen die Ringeisenbahn vorbei rattert - die illegale Siedlung im Süden Kalkuttas zwischen den Bahnstationen Dhakuria und Lake Gardens ist nur eine von vielen in der Millionenstadt. Tausende von Menschen, die im Lauf der Zeit aus den ländlichen Gebieten nach Kalkutta kamen, leben in solchen unautorisierten Siedlungen. Im Straßenbau, als Bauarbeiter und mit anderen schlecht bezahlten Tätigkeiten kämpfen sie um das tägliche Überleben ihrer Familien. Ihre Arbeitskraft ist für die Stadtentwicklung unerlässlich, aber Wohnraum ist keiner für sie vorgesehen. Als einzige Lösung bleibt ihnen die Ansiedlung auf öffentlichem Grund, wo sie jahrelang in menschenunwürdigen Verhältnissen leben. Einige der Siedlungen werden später als Wohngebiete anerkannt, aber viele bleiben illegal. So auch die Siedlung Lake Gardens. Die Lebensbedingungen sind katastrophal: keine Toiletten, kein sauberes Trinkwasser, kein Strom, keinerlei medizinische Versorgung. Erschwert werden die Lebensbedingungen durch die ständig drohenden Zwangsräumungen durch die Stadtverwaltung. Die ständige Bedrohung ihrer Existenz ist eine große psychische Belastung und verhindert den Aufbau einer langfristigen Lebensperspektive, worunter vor allem die Kinder zu leiden haben, die mit einem ständigen Gefühl der Unsicherheit aufwachsen.

Besonders schwierig ist die Situation der Mädchen und Frauen. Die Familien sind für ihr Überleben auf das Einkommen beider Eltern angewiesen, so bleibt den Müttern neben Erwerbsarbeit und Haushalt kaum Zeit, sich um die Bedürfnisse und Ausbildung ihrer Kinder zu kümmern. Mädchen werden anstatt zur Schule als Hausangestellte zu wohlhabenden Familien geschickt, wo sie häufig sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind. Lediglich 50% der Mädchen erhalten eine Grundschulbildung, während es bei den Jungen 98% sind. Auch der Gesundheitszustand der Mädchen ist wesentlich schlechter und sie leiden häufiger an Mangel- und Fehlernährung.

Unser neuer Projektpartner Lake Gardens Women & Child Development Center (LGW&CDC) hat es sich daher zur vorrangigen Aufgabe gemacht, die Situation der Mädchen und Frauen im illegalen Slum Lake Gardens zu verbessern. Gegründet wurde LGW&CDC von der Deutschen Cecilie Sircar, die 1990 im Rahmen ihrer Diplomarbeit auf das Elend der Menschen in den Slums am Bahndamm und auf die schlechte Bildungssituation der Mädchen aufmerksam wurde. 1994 eröffnete sie zusammen mit ihrem Mann, einem Bengalen, das Projektzentrum, das als Ort des Schutzes für Mädchen aus den benachbarten Slums dienen soll.

Anfangs besuchten 24 Mädchen den Unterricht, der meist in der Mittagszeit stattfand, um den arbeitenden Kindern die Teilnahme zu ermöglichen. Schon bald kamen immer mehr, so dass in verschiedenen Schichten unterrichtet wurde: am frühen Nachmittag findet Schulunterricht statt, anschliessend wird Nachhilfeunterricht angeboten. Am Abend finden für die älteren Mädchen Kurse in Werken, Handarbeit, Hygiene, Ernährungs- und Gesundheitserziehung sowie Ausbildungen für Schwesternhelferinnen, Schneiderinnen, Kosmetikerinnen etc. statt. In einem kleinen Laden werden die von den Mädchen hergestellten Gegenstände verkauft. Der Erlös wird für jedes Mädchen auf einem Konto angelegt und später als Startkapital für den Beginn einer selbständigen Tätigkeit verwendet.

Die Indienhilfe arbeitet seit diesem Jahr mit LGW&CDC zusammen und unterstützt vor allem die neu eingerichtete Krabbelstube, in der etwa 20 Kinder arbeitender Mütter im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren betreut werden. Fünf Teilzeitkräfte kümmern sich abwechselnd um die Kinder, spielen mit ihnen und bringen ihnen die grundlegenden Regeln persönlicher Hygiene bei. Die Entwicklung und der Gesundheitszustand der Kinder werden regelmäßig von einem Arzt kontrolliert. Kranke Kinder werden in einer separaten Ecke gepflegt und medizinisch betreut. Eine tägliche warme und nahrhafte Mahlzeit trägt zur Verbesserung des Gesundheitszustands der Kinder bei, von denen etwa 80% unter Mangel- und Fehlernährung leiden, wenn sie in das Zentrum kommen.

Für die Mütter ist die Einrichtung der Kinderkrippe eine große Erleichterung. Sie können ihrer Erwerbsarbeit nachgehen und wissen zugleich, dass ihre Kinder gut versorgt sind.

Die Einrichtung und den Betrieb der Kinderkrippe unterstützt die Indienhilfe in diesem Jahr mit 3.300 Euro.

Wenn Sie dieses Projekt unterstützen möchten, spenden Sie bitte unter dem Stichwort "Lake Gardens".


Swanirvar: Start für Shikshamitra, das “Offene Lernzentrum" in Kalkutta
Regine Linder
(Dezember 2005)

Zwanzig Jungen und Mädchen zwischen 9 und 15 Jahren sitzen gedrängt im Kreis um eine volle Tasse Wasser, in der nach und nach immer mehr Münzen verschwinden. Wie viele Geldstücke passen noch in die Tasse, bis sie überläuft? Atemlose Stille...

Später wird die Gruppe geteilt: Die begabteren Kinder werden gemeinsam eine Collage zum Monatsthema "Wasser" gestalten, und noch später wird die Collage im Bengali-Unterricht Gegenstand einer Bildbeschreibung sein - ganzheitlicher Unterricht für junge Menschen, die aus den Slums in Kalkuttas Stadtteil Chetla stammen (die Eltern sind häufig Analphabeten) und in normalen Schulen nicht zurechtkommen. Wenn überhaupt, dann haben die Jungen und Mädchen es nur bis zur vierten Klasse geschafft.

Der andere Teil der Gruppe tut sich selbst hier in dieser Schule nicht leicht. Auch diese Kinder sind schon in öffentlichen Schulen gewesen und zwischen 9 und 15 Jahre alt, aber sie können noch nicht oder kaum lesen und schreiben - sie plagen sich noch zu sehr mit dem bengalischen Alphabet. Dafür malen sie lieber Bilder und erzählen dann Geschichten um ihre Bilder herum. Bilder malen ist das Höchste. Die Kinder sind davon so begeistert, dass sie dabei ganz still werden. Dabei können viele von ihnen sonst kaum ruhig sitzen bleiben, kennen noch keine Disziplin, zeigen Verhaltensstörungen aufgrund ihrer schweren Lebensumstände.
Dies eine Kostprobe aus dem Schulalltag im "Open Learning Centre" unserer Partnerorganisation Swanirvar. Vor einem Jahr hatten wir von der Vision des Ehepaares Sinha berichtet, eine alternative Oberschule für arme Jugendliche in Kalkutta (und später auf dem Land) als Schule mit Modellcharakter für Westbengalen aufzubauen.

Seit Mitte 2004 wurde an den Voraussetzungen für die Verwirklichung des Projekts gearbeitet. Lehrpläne wurden neu durchdacht, geeignete Lehrkräfte mussten gefunden und geschult werden. Als schließlich auch geeignete Räumlichkeiten gefunden und eingerichtet und aus der Umgebung genügend Schulanmeldungen vorhanden waren, wurde die neue Schule am 18.April 2005 feierlich eingeweiht.

Sujit Sinha (ein in Princeton promovierter Chemiker, dem sein soziales Engagement wichtiger als die wissenschaftliche Karriere wurde), hatte 1989 Swanirvar gegründet und sich seither mit Modellkindergärten und -grundschulen für Kinder aus armen Familien auf dem Land, Schülerökoclubs und anderen Initiativen im pädagogischen Bereich einen Namen gemacht (siehe unser Herbst-Info 2004). Dabei stand er in ständigem Kontakt mit staatlichen Behörden. So verwundert es nicht, wenn Swanirvars ganzheitliche Lehrmethoden Aufmerksamkeit und Anerkennung fanden. Dies äußert sich beispielsweise darin, dass Fortbildungen von Swanirvar für staatliche Lehrer sehr gefragt sind.
Die neu eröffnete Schule möchte beispielhaft Jugendlichen aus den Slums von Kalkutta eine über die Grundschule hinausgehende Bildung ermöglichen, die auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, ihre Persönlichkeit fördert und praxisorientiert wesentliche Kompetenzen und Fertigkeiten, Werte und natürlich Wissen vermittelt. Die Jugendlichen sollen in der Lage sein, einen staatlichen Schulabschluss zu machen und dann eine weitere Ausbildung oder eine Arbeit zu finden. Darüber hinaus wird auch ihr Bewusstsein für Umwelt und Soziales geschärft, damit sie sich später dafür engagieren und Verantwortung übernehmen.

Das Zentrum soll keine Konkurrenzveranstaltung zu öffentlichen Schulen sein, sondern ein Ort, an dem für diese Zielgruppe eine adäquate Lernumgebung, Inhalte und Methoden entwickelt und erprobt werden, um sie dann auf öffentliche Schulen zu übertragen.

Für das laufende Finanzjahr hat die Indienhilfe 20.000 Euro zur Verfügung gestellt (Gehälter der Lehrer, Lehr- und Lernmaterial, Grundausstattung der Schule, Miete). Spenden unter dem Stichwort "Swanirvar".


Bewässerung mit Regenwasser
Sabine Dlugosch
(Dezember 2005)

Erforschung, Bewahrung und Anwendung traditionell verwendeter Heilpflanzen der Adivasi in Westbengalen: dafür setzt sich unsere Partnerorganisation EVS - Ektagram Vikas Samiti1) unermüdlich ein.
Im letzten Jahr legte EVS in der Nähe des Projektzentrums in einem abgelegenen Adivasigebiet Westbengalens eine eigene Heilkräuterplantage an, in der seltene, vom Aussterben bedrohte Heilpflanzen kultiviert werden. Der Versuch, einen Brunnen zu bauen, um die wertvollen Pflanzen während der Trockenzeit zu bewässern, schlug fehl. Deshalb wurde jetzt auf eine innovative und nachhaltige Methode der Wassergewinnung zurückgegriffen: Durch Auffangen von Regenwasser (Rainwater Harvesting) wird während des Monsuns das Wasser, das auf das Dach des Projektzentrums fällt, in einem Becken gesammelt. Bis zu 180.000 Liter können auf diese Weise gespeichert und in der Trockenzeit eingesetzt werden. Ein Teil des Regenwassers wird in einen separaten Tank geleitet, wo es gefiltert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Die Anlage soll auch anderen als Modell für eine umweltfreundliche und wirtschaftliche Form der Regenwassernutzung dienen. Kosten: ca. 4.000 €. Spenden bitte unter dem Stichwort Rainwater Harvesting .

1) Zum Schutz der Personen und ihres Wissens um traditionelle Heilpflanzen vor Missbrauch wurden in diesem Artikel die Namens- und Ortsangaben verändert


Behinderung kein Randthema für die Indienhilfe -
gemeindebasierte Rehabilitation mit dem neuen Partner BIKASH

Regine Linder
(Juni 2005)

Steht Sie? Bikash-Gruppe in Fengabasa

Wie wäre mein Leben, wenn ich als behindertes Mädchen in Indien zur Welt gekommen wäre? Wenn ich außerdem sechs Geschwister hätte, von denen drei wie ich zu dünne Beine hätten und nicht stehen, nicht gehen könnten? Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als Elisabeth Kreuz, mein Mann Hansjörg und ich im November 2004 einem Treffen von Kindern mit Behinderung, ihren Müttern und jungen ausgebildeten Ehrenamtlichen in der Grundschule von Fengabasa beiwohnten. Vor uns wurde ein mageres, etwa dreijähriges Mädchen im roten Kleid auf seine Füße gestellt - es blieb stehen, zur hellen Freude aller Anwesenden. Tags zuvor hatte sie eine Therapeutin mit Übungen soweit gebracht: ein erster Schritt zur Lebensverbesserung dieses Kindes und seiner Familie.

Wir befanden uns auf Besuch bei BIKASH, einer Entwicklungsorganisation, die aus mehr als 50 Bewerbungen als potentielle neue Partnerorganisation der Indienhilfe ausgewählt worden war. BIKASH hat seinen Sitz im Bankura Distrikt, etwa 200 km nordwestlich von Kalkutta. Seit der Gründung 1996 ist BIKASH rasch gewachsen. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht die Förderung von Kindern und Frauen, insbesondere solcher mit Behinderungen, und ihrer Rechte.
Mit der Gründung von BIKASH verfolgte das Ehepaar Uttam und Madhabi Mukherjee einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit Behinderung. Sie sind sich bewusst, dass die hohe Zahl von Behinderungen im Bankura Distrikt mit der großen Armut der Bevölkerung zu tun hat und nicht isoliert behandelt werden kann.

Über 90 % der Menschen in diesem Distrikt leben auf dem Land und sind überwiegend von der Landwirtschaft abhängig. Die schlechten Böden und häufige Dürre lassen nicht mehr als eine Ernte zu. Die chronische Unterernährung macht anfällig für Krankheiten und Behinderungen. Das heißt: weil die Leute arm sind, weil die schwangeren und stillenden Frauen nicht ausreichend zu essen haben, ihnen kein sauberes Trinkwasser, keine sanitären Anlagen zur Verfügung stehen, weil sie bis zur Geburt (und gleich danach) schwere körperliche Arbeit verrichten, weil ihnen - neben Bildung - medizinische Betreuung fehlt, gibt es so viele Risikogeburten und so viele Kinder mit Behinderung. Und mit behinderten Kindern ist es erst recht aussichtslos, aus diesem Teufelskreis der Armut herauszukommen - außer es gibt Organisationen wie BIKASH, die Hilfestellung geben.

BIKASH mit seinen etwa 60 Mitarbeitern erreicht mehr als 10.000 arme Familien in 120 Dörfern und verbessert ihre Lebensverhältnisse: durch Kleinkreditprogramme und die Förderung von Selbsthilfegruppen, durch spezielle Gesundheits- und Ernährungshilfen für Schwangere und Stillende und ihre Kinder; durch ambulante Behandlung und Förderung von 75 behinderten Kindern und Jugendlichen im Centre for Special Education, und durch ein Programm, das ermöglicht, dass in über 700 Schulen Kinder mit leichten bis mäßigen Behinderungen in das normale Schulleben integriert werden.

Durch die bisherige Arbeit mit Selbsthilfegruppen in den Dörfern hat BIKASH das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen. Ihre Mitarbeiter werden immer öfter um Hilfe für behinderte Familienangehörige gebeten - ungewöhnlich, weil Behinderte eher versteckt werden. Madhabi, Sonderpädagogin aus Leidenschaft, entwickelte die Idee der gemeindebasierten Rehabilitation. Während Kinder mit schweren Behinderungen in überregionalen Einrichtungen oder im Zentrum bei Bankura behandelt werden, ist bei leichteren Formen Hilfe vor Ort möglich. Dafür wurden sechs Unterzentren geplant, die die behinderten Kinder von jeweils fünf umliegenden Dörfern betreuen und Aufklärungsarbeit leisten sollen, um künftige Behinderungen zu vermeiden.

Im Dorf Fengabasa war schon im Oktober des letzten Jahres mit einem "Probelauf" begonnen worden; das kleine Mädchen im roten Kleid konnte bereits von den Bemühungen der Sozialarbeiter und Therapeuten profitieren. Inzwischen haben alle sechs Unterzentren ihre Arbeit aufgenommen. Den jeweiligen Raum stellt entweder die Primarschule oder der örtliche Jugendclub kostenfrei zur Verfügung. In jedes Unterzentrum kommen fünfmal wöchentlich durchschnittlich 16 Kinder (insgesamt 52 Jungen und 47 Mädchen). Für jedes Unterzentrum sind zwei Fachkräfte vorgesehen, die aus den Dörfern rekrutiert und für ihre Aufgaben nach und nach ausgebildet werden. Sie werden von einem lokalen Team von vier Personen unterstützt: zwei Eltern, einem Behinderten und einer weiteren Person der Dorfgemeinschaft. Auf diese Weise wird den behinderten Kindern nicht nur direkt geholfen, sondern ein großer Kreis von Menschen wird für die Belange der Behinderten sensibilisiert. Langfristig wird dies dazu beitragen, dass die Behinderten nicht mehr am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.

Wir wünschen uns, dass möglichst viele junge behinderte Menschen von BIKASH profitieren, ihr Lebenspotential entdecken und entwickeln, und dass ihre gesellschaftliche Integration gelingt!

Auf der Basis unserer Eindrücke vor Ort und des Berichtes unserer indischen Berater bewilligte der Arbeitsausschuss der Indienhilfe für ein "Probejahr" die Kosten des neuen Projekts "Community based rehabilitation Bankura" in Höhe von 300.000 Rupien (etwa 6.000 €) für 2005/06 - 1.260 € für die Ausstattung der sechs Unterzentren, 1.980 € für Schulungen und Treffen und 2.760 € für Personalkosten. Bitte spenden Sie auf unser Projektkonto unter dem Stichwort "BIKASH"!


Der Armut auf den Fersen - Indienhilfe weitet Aktivitäten im Norden Westbengalens aus

Elisabeth Kreuz/Sabine Dlugosch
(Juni 2005)

Darjeeling - mit dem Klang dieses Namens verbinden sich für uns Vorstellungen von anmutigen Teepflückerinnen in grünen Teeplantagen mit dem besten Tee der Welt und von malerischen Hotels im britischen Kolonialstil in einem lieblichen Bergkurort im Himalaya. Doch Dr. Ratan Sarkar, Leiter unserer langjährigen bewährten Partnerorganisation Rural Health Development Centre (RHDC) belehrte uns eines anderen: die Menschen im Darjeeling Distrikt leiden unter schwerwiegenden Problemen und oft unter extremer Armut. Und es gibt bislang kaum NGOs (nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen), die den Menschen dort Wege aus der Not zeigen würden.

Die Briten ebenso wie ihre indischen Nachfolger hatten die Teeplantagen vor allem mit Hilfe nepalesischer Fremdarbeiter (Gurkhas) ausgebeutet. Die enormen Gewinne wurden nicht in die Pflege der Teebüsche, in neue ökologisch verträgliche Methoden und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter/innen reinvestiert. Für die Plantagenwirtschaft wurde der Regenwald rücksichtslos abgeholzt. Der Raubbau bewirkte die Überschuldung und Schließung vieler Teegärten und schwere ökologische Schäden, vor allem die Zerstörung von Regenwald und dramatische Bodenerosion. Zudem war Darjeeling in den 80-er Jahren Schauplatz gewalttätiger ethnischer Auseinandersetzungen mit Aufständischen der Nationalen Befreiungsfront der Gurkhas. Heute hat Darjeeling gewisse Selbstverwaltungsrechte und es geht friedlicher zu, doch lokale Terroristengruppen machen immer noch Sorgen.

RHDC hat seinen Sitz in Malda, ca. 350 km nördlich von Kolkata, 200 km südlich von Darjeeling. RHDC verfolgt einen doppelten Ansatz: konkrete Maßnahmen (Gesundheit, Bildung z.B. für Kinderarbeiter/innen, Frauen-Selbsthilfegruppen, Katastrophenprävention) für die Menschen in besonders armen Gebieten einerseits, gleichzeitige Förderung lokaler Organisationen andererseits, die die Verbesserung der Lebensbedingungen in der mittel- bis langfristigen Zukunft selbständig in die Hand nehmen können. Erfolgreichstes Beispiel: das Gesundheitsprojekt Adampur bei Malda, das RHDC vor zehn Jahren ins Leben gerufen hatte. Dort hat ein eigenständiger Trägerverein Planung und Durchführung der Aktivitäten übernommen. RHDC steht noch beratend zur Seite und regelt die finanzielle Abwicklung mit der Indienhilfe. Seit vielen Jahren ist RHDC in Netzwerken kleiner Dorforganisationen aktiv, die in den Überschwemmungsgebieten um Malda angesiedelt sind. Gemeinsam mit ihnen und sehr konkret wird z.B. weiträumig Schutz vor Überflutungsfolgen eingeübt, aber auch die Selbstorganisation verbessert.

RHDC hat sich nun entschlossen, sein Wissen und seine Erfahrung in neuen Gebieten zur Verfügung zu stellen. Zwei Regionen wurden ausgewählt - wegen ihrer extremen Bedürftigkeit und weil es engagierte Gruppen vor Ort gibt, mit denen RHDC zusammenarbeiten kann.

Eine davon ist die Theatergruppe Uttal Natya Gosthi in Siliguri, der Durchgangsstation am Rande des Darjeeling Distrikts. In der Form von Straßentheater greift Uttal wichtige Themen wie Bildung für alle, Umwelt, AIDS auf. Uttal appellierte an RHDC, nach Patharghata zu kommen, einem Gemeindeverbund etwa 20 km von Siliguri, geführt von einer tatkräftigen Bürgermeisterin. In den 5 Dörfern und 3 Teegärten des neuen Projektgebiets leben 75 % der Einwohner unter der Armutsgrenze, 70% gehören unteren Kasten oder den Adivasi (Stammesvölker) an. Sie arbeiten in Teegärten und Ziegeleien oder auf ihren viel zu kleinen Bauernhöfen und als Taglöhner. Kinderarbeit ist hoch, die Analphabetenrate auch. Es mangelt an einer medizinischen Grundversorgung, an Toiletten und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Es gibt saisonale Migration und Mädchenhandel.

Nach Rampur im Rayganj Block, North Dinajpur Distrikt, ca. 90 km nördlich von Malda, wurde RHDC von der Frauenorganisation SMOKUS gerufen. College-Studentinnen des Rayganj College hatten 1990 SMOKUS gegründet, um sich für die mißachteten Rechte der Frauen in den abgelegenen ländlichen Gebieten ihres Distrikts einzusetzen. Die inzwischen anerkannte NGO kämpft gegen Gewalt gegen Frauen, Schuldknechtschaft, organisierte Prostitution, Mitgiftmorde und Mädchenhandel, ist aber auch Partner im Netzwerk für Katastrophenprävention und initiiert Frauen-Selbsthilfegruppen. Im Rayganj Block steht die Abschaffung von Kinderarbeit zuoberst auf ihrer Agenda. Die Analphabetenrate ist dort mit 70 % extrem hoch, für Frauen sogar 86 %!! Das Land hier ist fruchtbar, doch die meisten Menschen haben nur winzige Parzellen oder arbeiten als Tagelöhner, 65 % gehören den unteren Kasten und Adivasi an und leben unter der Armutsgrenze.

Die Indienhilfe hat für die beiden neuen Projektgebiete in Patharghata/Darjeeling und Rampur/Nord Dinajpur für ein Jahr ähnliche Maßnahmen bewilligt: Durchführung einer detaillierten Feldstudie über die Situation vor Ort und Entwicklung eines bedarfsorientierten Projekt-Plans unter Beteiligung der betroffenen Menschen, der lokalen Organisationen und der gewählten Gemeinderäte (Panchayat Mitglieder), Förderung des Zusammenschlusses von Frauen in Selbsthilfegruppen, Aufbau einer medizinischen Grundversorgung, v.a. für Mütter und Kinder, Start einer Nonformalen Schule für nicht-eingeschulte Kinder und Schulabbrecher in Rampur, und natürlich auch der Aufbau eines guten Projektteams.
RHDC hat ein Kompetenz-Team mit seinen besten und erfahrensten Mitarbeiter/innen gebildet, die regelmäßig die neuen Projektgebiete besuchen werden, um die neuen Mitarbeiter zu schulen, anzuleiten und die Entwicklungen im Auge zu behalten.
Wir sind für die neuen Projekte auf Ihre Spenden angewiesen - 6.000 € werden für das Projekt in Darjeeling und 5.700 € für das SMOKUS-Projekt benötigt!

Bitte spenden Sie unter Angabe des Stichworts "Darjeeling" oder "SMOKUS" auf unser Projektkonto.


Indienhilfe ruft Netzwerk gegen Kinderarbeit in Batterie- und Altglas-Recycling ins Leben

Elisabeth Kreuz
(Juni 2005)

Kinder beim Glasrecycling

Blut tropft von dem braunen Kinderfuß auf die Plastikplane. Offensichtlich nichts Ungewöhnliches - routiniert wickelt ein Junge, etwa 12 Jahre alt, Blätter einer Pflanze, die hier überall wächst, um den Fuß seines kleinen Kollegen und befestigt sie mit Bindfaden. Sie soll blutstillende Wirkung haben. Hoffentlich bekommt er keine Infektion, wie kürzlich der Besitzer dieser Glassortieranlage - 30.000 Rs (600 €) mußte der für seine wochenlange Behandlung aufbringen. 25-50 Rs (50 Cent bis 1 €) ist der Verdienst für einen 8-stündigen Arbeitstag der Kinderarbeiter/innen - aufwendige Behandlungen sind da nicht drin.

Schnittverletzungen und Infektionen gehören ebenso wie Verätzungen zum Alltag der Kinder, die im Glas- und Batterie-Recycling arbeiten. Ein Junge, der einen riesigen mit Glas gefüllten Jutesack auf dem Kopf vom Lager zum Arbeitsplatz trägt, erzählt: "Oft rinnen Reste von chemischen Flüssigkeiten aus dem Sack und laufen mir übers Gesicht oder in die Haare." Die chronischen Vergiftungen der Arbeiter/innen durch Schwermetalle wie Blei und Quecksilber sind weniger augenfällig.

Mitarbeiter/innen von 7 Indienhilfe-Partner-NGOs aus Westbengalen sowie das indische IH-Team und Elisabeth Kreuz aus Herrsching nehmen an diesem Samstag, den 26. Februar 2005 einige der improvisierten Recycling-Anlagen in Augenschein, die sich rechts und links der Straße von Mogramor nach Atghara hinziehen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, der Frauen und Männer, die hier arbeiten - gerne, denn sie haben 30 Tage Beschäftigung im Monat - kümmerte bisher offensichtlich niemanden, und auch nicht die Verseuchung der Umwelt durch gefährliche Gifte. Toxische Brühe rinnt aus den Hügeln ausgeweideter Batterien direkt in die daneben liegenden Reisfelder und bringt die Stoffe in die Nahrungskette.

Gruppenbild des neuen Netzwerks mit der Indienhilfe-Vorsitzenden Elisabeth Kreuz

Die Eindrücke bei der kurzen Ortsbesichtigung bestärken die 26 Aktivist/innen, die sich heute in Vikas Kendra, dem Projektzentrum von SEVA in Atghara, 50 km von Kolkata, zusammensetzen, in ihrem Anliegen: endlich etwas zu tun! Wenn eine einzelne Entwicklungs-NGO zu schwach ist, sich auf die komplexe Problematik einzulassen, die nicht nur technisches Knowhow erfordert, sondern auch Ängste vor massiver Gegenwehr der Profiteure auslöst, dann muß man sich zusammenschließen!

Nach Präsentation erster Ergebnisse stichpunktartiger Untersuchungen und einem folgenden brainstorming der Männer und Frauen, die alle Entwicklungsprofis mit unterschiedlichen Schwerpunkten sind, wird ein gemeinsamer erster Aktionsplan aufgestellt:

  1. Kontaktaufnahme mit engagierten Medienvertreter/innen
  2. detaillierte Bestandsaufnahme der Situation und ihrer schädlichen Wirkungen
  3. Durchführung einfacher Maßnahmen zur Verbesserung der Situation vor allem der Kinder
  4. Erstellung eines langfristigen Aktionsplans auf der Basis klarer Ziele und für deren Erreichung notwendiger Schlüsselergebnisse und Maßnahmen
  5. nächstes Netzwerk-Treffen im November 2005 - Auswertung der vorliegenden Informationen und Planung
  6. mehrtägiger Workshop über kinderzentrierte Entwicklung mit dem Schwerpunkt Kinderarbeit im Februar 2006, gemeinsam mit Teilnehmer/innen der nächsten IH-Gruppenreise und Experten indischer Umwelt- und Entwicklungsorganisationen

    Einigkeit besteht darin, daß das Recycling per se positiv ist, doch daß davon kein Schaden für Mensch und Umwelt ausgehen darf. Die Betreiber der Anlagen werden nicht als Gegner gesehen, sondern sollen als Partner in einem für alle Beteiligten vorteilhaften Prozess angesprochen werden.

    Die Indienhilfe will zunächst 5.000 € zur Verfügung stellen: für die Durchführung der notwendigen Untersuchungen und für erste vertrauensbildende Maßnahmen wie Bereitstellung von Erster Hilfe, Hygiene- und Gesundheitsaufklärung, Einführung von Unfall- und Krankenversicherung, einfach durchführbare Sicherheitsmaßnahmen, Nonformale Schulen, Freizeitangebote.

    Bitte spenden Sie auf das Projektkonto der IH unter dem Stichwort "Recycling-Fonds"!
    Fordern Sie das Protokoll des NetzwerkTreffens an!

     

 


Entwicklung zum Wohl der Kinder - das Ziel aller Indienhilfe-Projekte

Elisabeth Kreuz
(Juni 2004)

Allen NGOs, mit denen die Indienhilfe zusammenarbeitet, ist gemeinsam, daß sie in ihren Projekt-Gebieten wichtige Partner der Kommunalparlamente und Entwicklungsbehörden bei der Umsetzung von Regierungsprogrammen sind. Einerseits. Andererseits befähigen sie durch ihre aufklärende und bewußtseinsbildende Arbeit die Menschen an der Basis, gerade auch die Frauen, ihre Stimme zu erheben, ihre Anliegen unerschrocken vorzubringen und bei der Findung von Lösungen unter Einsatz ihrer eigenen Ressourcen - z.B. Zeit und Arbeitskraft - mitzuwirken. Sie sprechen auch die Übel an, für die sie selbst die Verantwortung tragen, kämpfen gegen Alkoholismus, häusliche Gewalt, gesellschaftliche Vorurteile und Diskriminierung, Analphabetismus. Und eine dritte wichtige Rolle: unsere Partner machen Experimente und schaffen Modelle, von denen wiederum langfristig Gesellschaft und staatliche Institutionen profitieren.
Neben einigen besonderen Modellprojekten (z.B. Öko-Landbau, Frauen- und Waisenhaus, Altenarbeit, Produktion von pflanzlichen "tribal-Medikamenten") in unterschiedlichen Sektoren fördert die Indienhilfe vor allem Projekte ihrer Partner-NGOs, die das Wohl des Kindes in Familie und Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen (child centered community development).

Einige Beispiele:
Gesundheit: Impfprogramme, Fürsorge für Schwangere und Mütter, Ausbildung von traditionellen Dorfhebammen, gynäkologische Sprechstunden, Familienplanung, Gruppenarbeit mit Jugendlichen, sanitäre Hygiene, Verbreitung von Heilpflanzen und deren Anwendung, Förderung von individuellen oder gemeinschaftlichen Gemüse- und Obstgärten. Konkret: Zugang zu sauberem Trinkwasser vermindert bei den Kindern die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen und damit die Fehltage an den Schulen, verbessert den Ernährungszustand, spart Kosten.

Elisabeth Kreuz und Francis Deutsch (ETWA) im Gespräch mit einer Frauen-Selbsthilfegruppe im Midnapur-Projekt

Frauen-Selbsthilfegruppen (Self-Help Groups = SHGs): Erlernen demokratischer Regeln und Mechanismen, Analyse der Dorfsituation und gemeinsame soziale Aktionen, z.B. Kontrolle der Qualität der Trinkwasserbrunnen und ggf. Desinfektion, durch regelmäßige kleine Sparbeträge Aufbau eines gemeinsamen Kapitalstocks, von dem in Notfällen und für wirtschaftliche Investitionen Darlehen vergeben werden, nach Ansparen einer bestimmten Summe staatlich begünstigte Kredite für kooperative Projekte, z.B. die Pacht eines Guaven- oder Mangohains, parboiling von Reis, Betreiben einer Blumenzucht. Die Frauen in den SHGs gewinnen Vertrauen in die eigene Stärke und die Kraft der Solidarität, wenn sie gemeinsam handeln. Der Wille der Frauen, sich weiter zu entwickeln und ihre Armut zu überwinden ist sehr stark. Ein Erlebnis, das der Koordinator unseres Midnapur-Projekts (s. unser Bericht), mir erzählte, zeigt dies beispielhaft: Er traf eines Tages eine der Frauen von einer Selbsthilfegruppe dabei an, wie sie mit Holzkohle an der Lehmwand ihrer Küche Buchstaben übte. Wandschriften an den Lehmhäusern, wie sie z.B. bei der Kinderlähmungs-Impfkampagne angebracht werden, lieferten ihr die Vorbilder... Solche Frauen schicken ihre Kinder, auch die Mädchen, zur Schule und wollen, daß sie weiterkommen. "Wir halten Hühner oder sparen täglich eine Handvoll Reis. Wir sind stolz auf unseren eigenen Verdienst. Die Väter schaffen es oft nicht, ihre Kinder in die Schule zu schicken, aber wenn am Anfang des Schuljahrs eine Gebühr fällig wird, dann verkaufen wir eben ein Huhn...".

Bildung: um für Kinder der unteren Kasten und Unberührbaren (Dalits) oder der Adivasi-Bevölkerung die Chance auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zu erhöhen, fördern wir in allen Projektgebieten Vorschulen zur Vorbereitung auf eine erfolgreiche Einschulung (wobei meist gleichzeitig die Mütter in SHGs organisiert werden), nonformale Schulen für arbeitende und andere nicht eingeschulte Kinder mit dem Ziel, sie zum Übertritt in eine staatliche Schule zu befähigen, und Nachhilfezentren für Kinder, die Schwierigkeiten an der Schule haben, z.B. weil die Eltern Analphabeten sind und ihnen bei den Hausaufgaben nicht helfen können. Unsere Partner suchen vermehrt die Zusammenarbeit mit den staatlichen Schulen und unterstützen sie. Hier ist in Zukunft noch viel zu tun!
Gemeinsam arbeiten wir daran, die Qualität des Unterrichts in den Bildungsprojekten zu verbessern. Wichtigste Maßnahme derzeit: die Ausbildung aller Kindergärtnerinnen und nonformalen Lehrkräfte in den didaktischen Methoden des "joyful learning" mit einfachem, doch sehr farbenfrohem, ansprechendem, wirkungsvollem Lehrmaterial, entwickelt an der Loreto School Sealdah in Kolkata. Aus allen Projekten nehmen zwei Lehrer an einem mehrphasigen Training teil, das sie wiederum zur Ausbildung anderer befähigt (ToT - Training of Trainers).

Eine mögliche Folge extremer Armut: Kinderarbeit. Von ca. 20 Mio. Kinderarbeitern in Indien laut Regierung (nur feste Lohnempfänger) über ca. 40 Mio. (UNICEF) bis 70-80 Mio. (Campaign Against Child Labour India, CACL - ein Netzwerk von ca. 700 indischen NGOs) rangieren die Schätzungen. Die letztgenannte Zahl basiert auf der Zahl von Kindern, die keine Schule besuchen. Die meisten dieser Kinder, davon muß man ausgehen, arbeiten. Sie arbeiten zum überwiegenden Teil in der Landwirtschaft, sie arbeiten im sog. "informellen" Sektor, sie arbeiten unsichtbar in Haushalten, sie arbeiten in gefährlichen und gesundheitsschädigenden Bereichen, z.B. in Steinbrüchen, sie werden als Kindersklaven (bonded labour) ausgebeutet oder werden Opfer sexueller Ausbeutung. Die Indienhilfe fördert Kinderarbeiter-Projekte auf dem Land, die den Kindern ermöglichen, ein wenig Zeit zum Spielen und Kindsein zu finden, etwas zu lernen, vielleicht sogar Anschluß ans staatliche Schulsystem zu finden. Sie werden medizinisch betreut, bekommen eine Mahlzeit, lernen zu sparen. Und am Wichtigsten: die Projektmitarbeiter achten sie und gehen liebevoll und fürsorglich mit ihnen um. Sie können entdecken, daß das Leben vielleicht doch auch eine andere Perspektive für sie bereit hält und erhalten Hilfe auf diesem Weg.