Projekte 2022-23

Für 2022-23 (das indische Finanzjahr läuft vom 1.4. bis 31.3.) hat die Indienhilfe 7 Projekte bei 7 Partnerorganisationen bewilligt:

Wenn Sie auf den Projekt-Namen klicken, erhalten Sie weitere Infos zum jeweiligen Projekt. Bitte lesen Sie auch uns übergreifendes Konzept zum Thema Kindeswohl.

Partner Projekt Gebiet Betrag Spenden-Stichwort
Adelphi gGmbH Berlin Trinkwasserprojekt in Chatra North 24 Parganas 28.000 € Trinkwasser Chatra
DMSC Aufbau von zwei Sozialzentren für Nachnis und Jhumurs Purulia 52.000 € Purulia
Hijli Inspiration  "Grüne Kommune Chatra - Schwerpunkt Wasser" Chatra Gram Panchayat, N-24-Parganas 22.000 € Trinkwasser Chatra
KJKS Kindzentrierte Entwicklung West Midnapur 61.000 € Adivasi
Lake Gardens Kinderkrippen für Kinder arbeitender Mütter Slums in Kalkutta 35.000 € Kinderkrippen
Sanchar Gemeindenahe Rehabilitation behinderter Kinder Howrah 42.000 € Behindertenarbeit
Seva Kendra Calcutta (SKC) Schaffung von Kommunen ohne Kinderarbeit North 24 Parganas 45.000 € Kinderarbeit

GESAMTSUMME 285.000 €

Alle Beträge (außer bei Adelphi) beinhalten eine Pauschale von 15 % für:

  • Projektplanung
  • Monitoring/Impact Assessment/Wirtschaftsprüfer
  • Weiterentwicklung
  • Partnertraining und Fortbildungen (Capacity Building)
  • Vernetzung der Partner-NGOs

 

Aktuelle Berichte und Kurzbeschreibungen der Projekte:

Ein Grund zum Feiern: Trinkwasseraufbereitungsanlage in Chatra nimmt Test-Betrieb auf
(Sarah Well-Lipowski, Sommerinfo 2022)

Nach jahrelanger harter Arbeit und Herausforderungen aller Art ist es endlich so weit: Die Trinkwasseraufbereitungsan­lange in Chatra hat am 28. Juli 2022 den Test-Betrieb aufgenom­men! Sauberes Trinkwasser rückt damit für die Bewohner mehrerer Siedlungen im Ortsteil Rasui in Herrschings Partner­gemeinde Chatra in greifbare Nähe. Alle gemessenen Werte liegen bereits innerhalb des zulässigen Rahmens. Die Anlage wird 2023 an die Gemeinde Chatra (bzw. die zuständige Behörde) übergeben, welche die Kosten für Betrieb und War­tung übernehmen und das Wasser kostenlos zur Verfügung stellen wird. Täglich können dann etwa 160 Haushalte, mehr als 600 Personen, mit sauberem Trinkwasser versorgt werden.

SDWP Trinkwasseranlage in Chatra
Fertiggestellte Trinkwasseraufbereitungsanlage in Rasui. Die Kom­ponenten sind durch Abkürzungen kenntlich gemacht (SSF = Slow Sand Filter, CWT = Clear Water Tank, DIGF = Dynamic Intake Gravel Filter, BT = Buffer Tank. Nicht zu sehen/beschriftet: RSF = Rough Sand Filter, ACF = Activated Carbon Filter)       © Indienhilfe

Das „Safe Drinking Water Project“ (SDWP) war immer wieder von Problemen und Rückschlägen gebeutelt worden: Ungewöhnlich heftige Monsunregen und der Corona-Lock­down hatten die Bauarbeiten mehrmals verzögert. Zwei schlimme Zyklone 2020 und 2021 führten zur Erkenntnis, dass die Anlage stärker als geplant gegen Hochwasser geschützt werden muss. Auch die politisch-administrative Situation war nicht immer einfach: Genehmigungsverfahren verzögerten sich durch Kommunalwahlen 2018, Wahlen in Indien (2019) und Westbengalen (2021). Der zu Baubeginn amtierende Bürgermeister von Chatra erkrankte schwer und konnte seine Aufgaben nicht mehr wahrnehmen. Im Oktober 2020 starb er. Zu guter Letzt wurde Ende 2020 der Standort für die Trink­wasseraufbereitungsanlage verlegt.1

Am neuen Standort in Rasui leben etwa 50% Dalitfamilien (Angehörige der registrierten „unberührbaren“ Kasten), etwa ein Drittel Muslime – in ähnlich prekären Lebensumständen; die restlichen Familien gehören den OBC (Other Backward Castes) an. 35% verrichten als Tagelöhner in Landwirtschaft, Ziegeleien, bei Bau und Transport Schwerstarbeit, 28% sind Kleinstbauern. Die Monatseinkommen liegen zwischen 25 und 125 €. Viele Familien besitzen zwar Brunnen mit Schwengelpumpe, doch ist das geförderte Wasser mit Arsen und oft auch mit Keimen aus den zu nahen Plumpsklos belas­tet. In der Regenzeit werden die Brunnen in den niedrig liegenden Armenvierteln durch Schmutzwasser geflutet. Fast alle BewohnerInnen klagen über häufige Durchfälle durch fäkale Krankheitserreger und Parasiten, was zu krankheitsbe­dingten Arbeits- und somit Verdienstausfällen führt. Kein Wunder, dass die BewohnerInnen großes Interesse an siche­rem Trinkwasser haben.

Die Verseuchung des Grundwassers in Chatra mit Arsen war seit Beginn der Städtepartnerschaft 1996 Thema. Auf Anre­gung von Bürgermeister Schiller, unterstützt vom 2020 früh verstorbenen AWA-Chef Doblinger, befasste sich ab 2012 ein Arbeitskreis Wasser in Regie der Indienhilfe mit dem Thema „sauberes Trinkwasser für Chatra“. 2016 startete die IH das SDWP, nachdem sich mit der adelphi research gGmbH in Berlin ein erfahrener Partner für die technische und partizipa­tive Umsetzung gefunden hatte. Adelphis weltweit tätiger Bengali sprechender Senior Researcher Water Ronjon Heim  in Ber­lin sowie vor Ort sein Mitarbeiter, Doktorand Nilanjan Saha, haben das Projekt gegen alle Hindernisse mit enormem, auch ehrenamtlichem, Einsatz vorangetrieben. Voruntersuchungen wurden durchgeführt, unterschiedliche technische Ansätze verglichen, Konstruktionspläne entworfen und angepasst, die beiden Gemeinden im Rahmen eines NaKoPa-Projektes (Nachhaltige Kommunalentwicklung durch Partner­schaftsprojekte, siehe Kasten) ab Ende 2018 bei der Ausschrei­bung und der Überwachung der Bau- und Begleitmaßnahmen unterstützt. Die Machbarkeitsstudie begründete die Entschei­dung, aus Regenwasser gespeistes Oberflächenwasser aufzu­bereiten, das nicht mit Arsen verseucht und im Gangesdelta reichlich vorhanden ist. Wasser aus dem Fluss Padma wird in einem ausgebauten Teich zur Sedimentation und Oxidation zwischengespeichert, bevor es in die Filteranlage (Multi Stage Filtration) mit ihrem fein austarierten Kammersystem mit unterschiedlichen Filtermaterialien (Sand, Steine, Aktivkohle etc.) für verschiedene Stufen der Filterung fließt. Die Belas­tung durch Bakterien, Chemikalien, Pflanzenschutzmittel, Dünger, Antibiotika aus Landwirtschaft, Tierhaltung, Fisch­zucht etc. erfordert eine sorgfältige, aufwändige Aufbereitung des Wassers. Aus Sicherheitsgründen wird zuletzt Chlor zuge­fügt. Zwölf Solarpanels liefern den Strom für das Pumpen des Trinkwassers in den Hochbehälter, von wo er ins Verteil­system fließt (zunächst nur drei Zapfstellen). Durch die Verwendung örtlich vorhandener natürlicher Materialien ist die Anlage ökologisch nachhaltig. Aktive Mitglieder des WassernutzerInnen-Komitees werden für die Bedienung, Wartung und für die Erhebung von Messwerten ausgebildet und ein Jahr lang durch alle Jahreszeiten begleitet und ange­leitet. Die Betriebskosten sind relativ gering.

Die Gemeinde Herrsching hat die Verantwortung für das Kernstück des SDWP übernommen, nämlich den tatsächli­chen Bau der Anlage. Im Rahmen des NaKoPa-Förderpro­gramms der „Servicestelle Kommunen in der Einen-Welt“ (SKEW), hat sie unter Federführung von Bürgermeister Chris­tian Schiller und Mitarbeiterin Franziska Kalz die Finanzie­rung des Baus der Anlage einschließlich partnerschaftlicher Aktivitäten beantragt und abgewickelt (siehe Kasten). Die Bauar­beiten wurden durch die indische Firma der Wasserbau-Inge­nieurin Manisha Banik, MAB Incorporation, durchgeführt. Sie selbst führt das Training für das lokale Wartungspersonal ein ganzes Jahr lang durch. Die Indienhilfe kümmert(e) sich um die nötigen logistischen, technischen, sozialen flankieren­den Maßnahmen des Baus mit Hilfe von adelphi, dem Projekt­partner Inspiration und unserem indischen ExpertInnen-Team unter Führung von Rusha Mitra in Kolkata.

Um die aktive Beteiligung der lokalen Bevölkerung und der Gemeinde Chatra, sowie deren Identifikation mit dem SDWP-Projekt sicherzustellen, haben wir mit unserem Partner Inspi­ration begleitend das Projekt "Grüne Kommune für Nachhal­tige Entwicklung Chatra" konzipiert. So wurden die Einwohner Rasuis angeleitet, ein WassernutzerInnen-Komitee zu grün­den, das sich um alle Angelegenheiten rund um Betrieb und Wartung der Anlage kümmern wird. Über die Aktivitäten im Einzelnen werden wir im nächsten Indienhilfe-Info ausführli­cher berichten.

In den nächsten 12 Monaten wird der Fokus auf der Überwa­chung der Wasserqualität und der Optimierung der Anlage liegen, während erste Haushalte bereits in den Genuss des gereinigten Wassers kommen. Die Befestigung des Speicher­teiches muss erhöht werden, um Extremwetterereignissen Stand zu halten. Für den Schutz des Einzugsgebiets rund um die Trinkwasseranlage wird Inspiration mit umliegenden Bauern und Fischzüchtern zusammenarbeiten, um die Belas­tung des Wassers zu verringern.

Der Aufbau eines Trinkwasserverteilungsnetzes und ein Abwasserentsorgungssystem wären notwendig, doch zuerst muss der reibungslose Betrieb der neugebauten Anlage gewährleistet sein. Abgesehen von der NaKoPa-Förderung des Baus der Anlage werden alle übrigen Kosten für die Arbeit von adelphi und Inspiration von der Indienhilfe mit ihren SpenderInnen, insbesondere auch der Schulen, getra­gen. Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende, das Trinkwasserprojekt in Chatra zu einem ersten erfolgreichen Abschluss zu bringen!

Kosten 2022/23: adelphi ca. 28.000 €,  Inspiration ca. 22.000 €
Stichwort: Trinkwasser Chatra

Die kleine Gemeinde Herrsching mit ihrem NaKoPa-Projekt DEINWasserKommT! (Finanzierung: Ministe­rium für Wirtschaftl. Zusammenarbeit und Entwick­lung, BMZ, mehr unter https://skew.engagement-glo­bal.de/unterstuetzung-durch-nakopa.html) ist Pionier in Sachen globaler Partnerschaft: Wenige deut­sche entwicklungspolitisch aktive Gemeinden haben bisher solch gemeinsame Projekte mit der Partnerge­meinde gewagt, deren Ziel es ist, lokale Lösungsan­sätze zu globalen Fragen im Sinne der Agenda 2030 zu entwi­ckeln und umzusetzen: die Trinkwasseranlage betrifft nachhaltige Daseinsvorsorge ebenso wie Klimaanpas­sung. Unterschiedliche kommunale Struk­turen, Vorge­hensweisen, Befugnisse, personelle, finan­zielle, techni­sche Ausstattung der Partnergemeinden erforderten dabei intensive Kommunikation, Flexibili­tät und Durchhaltevermögen. Zoom-Konferenzen mit allen Beteiligten, eine Delegationsreise nach Herr­sching und die gemeinsame (digitale) Teilnahme an der 3. Asien­konferenz 2021 haben gegenseitiges Vertrauen, menschliche Beziehungen als auch wissen­schaftlichen Austausch durch Einbeziehung von indi­schen (Jadavpur University Kolkata) und deutschen Universitäten (TUM u.a.), vorangebracht. So liefert das SDWP Anstöße für die Forschung an zukunftsfähi­gen Formen der Wasser­versorgung – ein Thema, das angesichts weltweit zunehmender Wassernot an Brisanz gewinnt.

(1) Am ursprünglichen Standort, dem Ghoshpur Adivasi Para, waren die Bauarbeiten nur schleppend vorangegangen. Nach Ausbruch schwelender Konflikte innerhalb der dortigen Bevölkerung wurde mit Rasui ein alternativer Ortsteil mit gravierendem Mangel an sauberem Trinkwasser identifiziert. Gemeinsam mit allen Beteiligten wurde entschieden, die Trinkwasseranlage dort zu bauen. In Ghoshpur betreibt weiterhin unser Projektpartner Inspiration ein Nachhilfezentrum, fördert Küchengärten und unterstützt Frauen-SelbstHilfe-Gruppen (SHGs). Trainings zu Hygiene und Gesundheit haben einen langfristigen positiven Effekt.

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Mit unserem Partner Seva Kendra Calcutta (SKC) gegen Kinderarbeit, für Kinderrechte!
(Astrid Kösterke, Sommerinfo 2022)

Es sind zivilgesellschaftliche indische Organisationen, die im Jahr 2009 wesentlich zur Durchsetzung des „Right of Child­ren to Free and Compulsory Education Act“ (RTE)1 für Kin­der von 6-14 Jahren beigetragen haben. Seither hat sich in den dörflichen Schulen in unseren Projektgebieten einiges getan – neue Schulgebäude, wo früher der Unterricht teils sogar im Freien stattfand, kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und Verbot von körperlicher Züchtigung, wo früher das Stöckchen für Disziplin sorgte, viel mehr Einschulungen, weil keine Gebüh­ren mehr erhoben werden, Lernmaterial und Schuluni­formen kostenlos sind, Diskriminierung nicht erlaubt ist.

Doch auch die Umsetzung des Gesetzestextes in die Praxis, wie die Identifizierung der KinderarbeiterInnen im ländlichen Raum und die Überzeugungsarbeit bei Eltern und Kindern für den Schulbesuch, gelingt selten ohne Unterstützung durch sozial engagierte Organisationen.

So auch in unserem Projektgebiet im Swarupnagar Block des North-24-Parganas-Distrikts im Gangesdelta nahe Bangla­desch. Indienhilfe-Projektpartner SKC, die Sozial-Organisa­tion der Erzdiözese Kolkata, verfolgt dort das Ziel, in 54 Sied­lungen in den Kommunen (Gram Panchayats) Saguna und Gobindapur Kinderarbeit abzuschaffen. Alle Kinder von sechs bis vierzehn Jahren sollen erfolgreich die Schule besu­chen. Eltern, Lehrkräfte, ArbeitgeberInnen, Gemeinderät­Innen, Polizei und die Bevölkerung allgemein werden über Kinderrechte, insbesondere das Recht auf Bildung, aufgeklärt, gegen (sexualisierte) Gewalt, Kinderhandel, frühe Ehen sensi­bilisiert und die örtlichen Child Rights und Girls Rights Protection Forums gestärkt.

Corona mit der Rückkehr von WanderarbeiterInnen, Zerstö­rungen durch die Zyklone Amphan und Yaas in den zwei letz­ten Jahren haben die ohnehin prekäre Situation vieler Familien weiter zugespitzt. Nahrungsmittel wurden knapp und teuer. Die Schulen waren zwei Jahre geschlossen, Online-Unterricht mangels Technik kaum durchführbar. Circa 50 Prozent der Haushalte leben unter der Armutsgrenze, als landlose Tage­löh­nerInnen, KleinstbäuerInnen, arbeiten in der Fischerei, im informellen Sektor. Viele gehören den benachteiligten Kasten und Indigenen Volksstämmen oder der ebenfalls benachteilig­ten großen muslimi­schen Bevölkerungsgruppe an.

Kinder in der Region verrichten Feldarbeit, arbeiten am Bau, beim Be- und Entladen von Lastwagen, in Ziegeleien, als LumpensammlerInnen, beim Bestäuben von Gemüse, ernten Blumen, flechten Jutezöpfe, fertigen in Heimarbeit Näharbei­ten und Pailletten-Stickereien, migrieren mit ihren Familien zur Arbeit für Monate in andere Gegenden. Meist die Mädchen müssen das Kochen und die Beaufsichtigung jünge­rer Geschwister über­nehmen, wenn die Eltern arbeiten. Erst­mals seit langem nahmen Kinderehen und Kinderhandel wieder zu. Auch in Saguna, wo das SKC-Team die Zahl der KinderarbeiterInnen bereits von über 300 auf etwa 15 hatte reduzieren können, stie­gen die Zahlen wieder.

RemedialCentre
Nachhilfezentrum Pantapara 67, Gobindapur   © Indienhilfe

Als unsere indischen KollegInnen im Juni das ausgedehnte Projektgebiet mit allen Standorten für einen Zwischenbericht an die Indienhilfe besuchten, stellten sie Herausforderungen wie Stärken fest: Überall waren die Eltern froh über das För­derangebot für ihre Kinder in den Nachhilfe- und Lern­gruppen während der Schulschließungen. Pandemiebedingt war die Zahl der betreuungsbedürftigen Kinder in den Projektdörfern stark gestiegen und es wurden so viele Kinder wie möglich zusätzlich aufgenommen. Insgesamt etwa 1.400 Kinder wur­den täglich in Schichten von den zehn „Child Rights Workers“ unterrichtet. Seit dem 27. Juni sind nun alle Schulen wieder geöffnet. 304 Kinder können weiterhin in jetzt 10 Nachhilfe­zentren (6 in Gobindapur und 4 in Saguna) täglich ihr Unter­richtspensum nachbearbeiten. 711 (ehemali­gen) Kinderarbei­terInnen wird zweimal wöchentlich in „Motivations-Zentren“ in Gobindapur (12) und in Saguna (8) Lust auf Schule vermit­telt und ihre Eingewöhnungsprobleme werden bearbeitet. Durch mehrtägige intensive „motivation camps“ für Mathe­matik, Englisch und Bengali sollen die Kinder mit modernen Methoden und Materialien Spaß am Lernen bekommen und Anschluss an den altersentsprechen­den Lehrplan finden, damit sie sich nicht für verfrühtes Geld­verdienen entscheiden. Was heute schon erreicht ist: alle Familien haben ihre nötigen Dokumente, um in den Genuss staatlicher Hilfen und Ange­bote zu kommen und werden bei der Antragsstellung unter­stützt. So gibt es z.B. finanzielle Anreize für Mädchen, nach der Schule auch noch aufs College zu gehen.

Doch trotz der Erfolge bezüglich Bildung ist für das Projekt­team auch weiterhin viel zu tun, um – in Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren in Verwaltung, Gesellschaft und Fami­lie – für die Verletzung von Kinderrechten zu sensibilisieren und die Zivilcourage zu entwickeln, um diese Rechte aktiv durchzusetzen

Kosten 2022/23: etwa 45.000 € – ca. 45 €/Kind
Stichwort: Kinderrechte


Überfüllte Nachhilfezentren – Corona trifft Kinder aus sozialen Randgruppen besonders hart:
unsere Arbeit mit Partner DMSC in Kotshila und Senabona, Distrikt Purulia

(Sarah Well-Lipowski, Frühjahrsinfo 2022)

DMSC: Nachhilfeunterricht Senabona
Sozialzentrum Senabona: Nachhilfeunterricht in Kleingruppen während der Pandemie
(c) Indienhilfe

Jyotimala besuchte gern und regelmäßig den Nachhilfe­unterricht, den unser Projekt-Partner Durbar Mahila Samanwaya Committee1 (DMSC) im Sozial- und Kinder­zentrum Senabona anbietet. Doch plötzlich blieb sie weg. Ihre alleinerziehende Mutter, die vor Ausbruch der Corona-Pandemie Erdnüsse am lokalen Bahnhof verkaufte, ist durch den Lockdown arbeitslos geworden und seitdem den ganzen Tag unterwegs, auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. Seit September 2021 ist die Situation der Familie so prekär, dass sich die erst achtjährige Jyotimala allein um die kleine Schwester und den Haushalt kümmern muss. DMSC-Mitar­beiter Bidhun besucht die Familie regelmäßig und versucht, die Mutter zu überzeugen, dass Bildung die einzige Chance auf ein besseres Leben, auf eine Zukunft ohne Armut für ihre Kinder ist. Auch wenn er das Mädchen bisher weder ins Nach­hilfezentrum noch in den Schulunterricht zurückholen konnte, bleibt er hartnäckig.2 Jyotimala ist nur eines der vielen Kinder, die durch Lockdown und zweijährige Schulschließung den Anschluss an schulische Bildung verloren haben und Kinder­arbeit verrichten.3

Im Rahmen unseres Projektes unternimmt DMSC alles, um diese Kinder in den Nachhilfe-Unterricht in den Zentren und in der Folge auch in die Schulen zurückzuholen: Seit Beginn der Pandemie stieg die Zahl der Nachhilfeschüler*innen von 99 auf 126. Obwohl es für die Indienhilfe finanziell nicht leicht war, stimmten wir der Erhöhung der Schülerzahl ohne Zögern zu, weil die verschlechterte Ernährungs- und Bildungssituation der Kinder unser Handeln dringend erfor­derte. In unseren beiden Zentren erhalten die Kinder an sechs Tagen die Woche für jeweils zwei Stunden Nachhilfe- und lebenskundlichen Unterricht und eine warme, nahrhafte Mahl­zeit. Aber es war uns finanziell bisher nicht möglich, auch die Zahl der Nachhilfe-Lehrkräfte angemessen zu erhöhen.

Das Hilfsangebot im abgelegenen, dürregeplagten Purulia-Distrikt in Westbengalen richtet sich vor allem an Kinder der (sexuell und ökonomisch) ausgebeuteten Nachni-Dorftänze­rinnen und benachteiligten Jhumur-Musiker, die aufgrund ihrer traditionellen Tätigkeit besonderer Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt sind. Bei Projektbesuchen habe ich ihre kritischen Lebensverhältnisse selbst kennengelernt. Neben dem Nachhilfeunterricht für Schulkinder bietet DMSC weiteren 66 Kindern unter sechs Jahren eine ganztägige Krippenbetreuung an, einschließlich frühkindlicher Förderung und nahrhafter Mahlzeiten, weil gerade in diesem Alter Mangelernährung lebenslange Schäden verursachen kann. Die Entwicklung und der Gesundheitszustand aller Kinder werden regelmäßig kontrolliert. Eine von der Indienhilfe 2020 veran­lasste externe Evaluierung des Projektes ergab, dass beim Lernniveau der Schul- und Krippenkinder beachtliche Fort­schritte erzielt wurden. Auch die Ernährungssituation der Kinder hatte sich verbessert, dennoch war die Rate der mangel- und unterernährten Kinder kurz vor der Pandemie immer noch zu hoch. Die Situation hat sich seither wieder verschlechtert; eine Fortführung der Projektarbeit ist dringend notwendig, um die bisher erzielten Erfolge nicht zu gefährden, sondern auszubauen.

Von 2017 bis 2021 hat RED CHAIRity, die weltweit tätige Hilfsorganisation der XXXLutz-Möbelhäuser, das Projekt vollständig finanziert. Doch ab 2022 muss die Indienhilfe das Projekt wieder allein mit ihren Spenderinnen und Spendern stemmen. Aufgrund unserer knappen Mittel und der gestie­genen Zahl der Nachhilfeschüler*innen konzentrieren wir uns zunächst auf die Arbeit mit den Kindern. Die wichtige Mütter- und Elternarbeit mit den dafür notwendigen zusätzlichen Mitarbeiter*innen können wir derzeit noch nicht finanzieren, obwohl Bedarf und Nachfrage hoch sind. (Bisher waren auch die Aufklärung von Nachnis und Jhumurs über ihre Rechte, Hilfe bei der Beantragung staatlicher Hilfsangebote, z.B. für Unterstützung beim Bau fester Behausungen, der Aufbau und die Begleitung von Jugend- und Selbsthilfegruppen, Anleitung zur Kultivierung von Küchengärten usw. Teil des Projekts.) Die hohe Inflation in Indien, zurückzuführen u.a. auf den Krieg in der Ukraine, treibt zusätzlich die Lebensmittelpreise und damit die Projektkosten für das warme Essen in die Höhe. Deshalb kommt es hier dieses Jahr ganz besonders auf jeden Spenden-Euro an, um die Arbeit fortsetzen und möglichst auch wieder erweitern zu können.

Kosten 2022/23: ca. 52.000 € (ca. 300 €/ Kind)
Stichwort: Purulia

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(1) Unstoppable Women's Solidarity Committee
(2) Erst seit Februar 2022 sind die staatlichen Schulen in Westbengalen wieder geöffnet, die im März 2020 wegen Corona geschlossen worden waren.
(3) Als Kinderarbeit zählen auch Haushaltsarbeiten, die vom Schulbesuch abhalten. https://www.ilo.org/ipec/areas/Childdomesticlabour. Laut ILO und Unicef ist die Zahl der Kinderarbeiter seit 2020 auf Grund der Pandemie global gestiegen https://www.unicef.de/informieren/materialien/report-kinderarbeit/243308

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Perspektiven für Kinder arbeitender Mütter in Slums von Kolkata:
Lake Gardens Women & Children Development Centre – The Vulnerable Ones

(Astrid Kösterke, Frühjahrsinfo 2022)

Gutes Aufwachsen von Kindern in Großstadt-Slums – diesem Ziel hat sich Lake Gardens Women & Children Development Centre verschrieben. Die Organisation mit Sitz in Lake Gardens im Süden Kolkatas (Hauptstadt Westbengalens mit 4,5 Mio. Einwohnern), betreibt neben Aktivitäten für ältere Mädchen auch ein Krippen-Projekt für Kinder aus illegalen Siedlungen.1

Leben in sogenannten unauthorized settlements bedeutet immerwährende Bedrohung durch Abriss, unzureichende Infrastruktur/sanitäre Einrichtungen (wie Zugang zu sauberem Wasser, Toiletten, Abwasser- und Müllentsorgung), beeng­teste Wohnverhältnisse (ganze Familien auf 8-12 qm), hohe Arbeitslosigkeit bzw. geringes Einkommen, z.B. als Tage­löhner, Rikscha-Fahrer, Haushaltshilfe, Straßenverkäufer, Mangel- und Unterernährung von Geburt an und unterdurch­schnittlicher Bildungsstand. Begleiterscheinungen sind z.B. Tuberkulose, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, sowie (auch sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und Kinder.

Lake Gardens: Rakhi Zeremonie
Rakhi-Zeremonie mit einem der Krippenkinder beim Hausbesuch der Kindergärtnerin
(c) Indienhilfe

Seit 2005 arbeitet die Indienhilfe mit Lake Gardens2 zusam­men und ermöglicht im Rahmen des Projekts The Vulnerable Ones den Betrieb von Krippen für Kinder arbeitender Mütter zur Verbesserung ihrer kritischen Lebenssituation. Aktuell sind es drei, mit etwa 65 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, alle aus den illega­len Ansiedlungen in Tollyganj entlang der Bahngleise und dem Khalpara Slum Settlement im Stadtteil Rajdanga. Die Krippenkinder erhalten täglich eine nahrhafte warme Mahlzeit und können in geschützter Umgebung spielen und lernen.3 Kontinuierlich wird in Zusammenarbeit mit den städtischen Gesundheits­zentren der Gesundheitszustand der Kinder beobachtet. Stark unterernährte Säuglinge und Kleinkinder werden unter ärztli­cher Aufsicht aufgepäppelt. Bei regelmäßigen Treffen erfah­ren Mütter mehr über gesunde Ernährung, Kindererziehung, Familienplanung oder erhalten Unter­stützung bei der Beantragung staatlicher Hilfsprogramme oder der Eröffnung eines eigenen Bankkontos. Die Stärkung der Mütter (empowerment) ist bei diesem ganzheitlichen Ansatz ein zentrales Ziel. Auch auf Bewusstseinsbildung für Kinder- und Menschenrechte wird Wert gelegt.

Schon vor Corona war die Situation in den Slums schwierig. Durch den Lockdown haben sich die Lebensbedingungen für Kinder und ihre Familien noch verschlimmert: wegen der Schulschließungen kein (kostenloses) Mittagessen für die Kinder, kein Zugang zu den Gesundheitszentren, Arbeitslosig­keit und wachsende Armut. Die beengten Wohnverhältnisse und die gemeinsamen Wasser- und Kochstellen mehrerer Familien begünstigten die Ausbreitung des Virus. Die Erzie­herinnen besuchten die von ihnen betreuten Familien zuhause und hielten, wenn möglich, telefonisch Kontakt. Bei Haus­besuchen erfassten sie den aktuellen Gesundheitszustand der Kinder und verteilten kleine Hausaufgaben, die bis zum nächs­ten Besuch zu erledigen waren. Gleichzeitig wurden über Hygiene- und Schutzmaßnahmen aufgeklärt und Familien­mitglieder mit Krankheitssymptomen zum Testen motiviert. Im Rahmen unserer Corona-Nothilfe-Maßnahmen erhielten die Familien der Krippenkinder Nahrungsmittel und Hygiene­artikel.

Die Fälle häuslicher Gewalt, der Frauen und Kinder ausgesetzt sind, nahmen zu. Die Betroffenen trauen sich oft nicht zur Polizei, um Anzeige zu erstatten – aus Angst vor weiterer Gewalt, mangelnder Unterstützung durch ihr soziales Umfeld und Tatenlosigkeit von Polizei und Behörden.

Viele Mütter, die als Hausangestellte bei Mittelschichts­familien arbeiteten, konnten ihrer Arbeit nur noch unregel­mäßig oder gar nicht mehr nachgehen. Viele Väter verloren ihre Arbeit, und wenn sie hin und wieder doch Geld verdienen, geben sie es oft nur für sich selbst aus. Zu allem Übel sind die Lebenshaltungskosten stark gestiegen.

Wie wertvoll die Arbeit der engagierten Teams in den Krippen ist, wird deutlich, wenn man die Entwicklung einzelner Kinder verfolgt: Wenn es gelingt, ein Vorschulkind durch tägliche geduldige Betreuung und Versorgung für den Schulbesuch „fit“ zu machen, wenn eine Mutter die regelmäßigen Gesprächsangebote nutzt, mehr Handlungskompetenz entwi­ckelt, gegen väterliche Gewalt einschreitet, ist ein Grundstein gelegt für eine bessere Zukunft des Kindes, vielleicht der ganzen Familie. Ihre Spenden ermöglichen es!

Projektkosten 2022/23: 35.000 € (ca. 550 €/ Kind)
Stichwort: Kinderkrippen

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(1) Die Metropolregion Kolkata umfasst Teile von fünf Distrikten mit ca. 14 Mio. Einwohnern (Zensus 2011), s.a. https://en.wikipedia.org/wiki/Kolkata.
(2)LGW&CDC wurde von der Sozialarbeiterin Cecilia Sircar und ihrem 2004 verstorbenen bengalischen Ehemann gegründet und aufgebaut.
(3) Die Mütter der betreuten Kinder arbeiten meist als Haushaltshilfen in anderen Familien. Kinder, die nicht in einer Krippe versorgt werden, sind tagsüber oft auf sich allein gestellt oder bleiben unter der Aufsicht älterer Geschwister – die dann wiederum nicht zur Schule gehen oder lernen können. An den nahen Bahngleisen kommt es durch spielende Kinder zu gefährlichen Situationen.
(4) Mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Raksha_Bandhan, „Fest der geschwisterlichen Verbindung“

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Ferkel sollen das Einkommen von Adivasi-Familien nachhaltig aufbessern.
Innovatives Corona-Hilfsprogramm unseres Partners KJKS für Adivasi im Jhargram Distrikt

(Sabine Jeschke, Frühjahrsinfo 2022)

KJKS: Impfung der Ferkel
Ein lokaler Tierarzt impft alle von KJKS verteilten Ferkel.
© KJKS

Der 17. Dezember 2021 ist ein besonderer Tag für Chondmonu Tudu aus dem Dorf Sindhui: sie erhält ihr erstes Ferkel als eine von 109 Frauen, die Projektpartner Kajla Jana Kalyan Samity (KJKS) für das neue Schweinehaltungs-Programm ausgewählt hat. Es wird aus Corona-Spenden der Indienhilfe finanziert und soll den beteiligten Familien zu mehr Nahrungsmittelsicherheit verhelfen. In den nächsten Monaten wird sich Chondmonu intensiv um das Tier kümmern und dann aus dem ersten Wurf von 8-12 Ferkeln eines an KJKS zurückgeben, damit eine weitere Familie davon profitieren kann. Die anderen wird Chondmonus Familie aufziehen und anschließend je nach Gewicht für 6.000 bis 15.000 Rupien (75 bis 188 Euro) auf dem lokalen Markt verkaufen. Neu ist die Schweinezucht für die Adivasi1 nicht, denn seit jeher halten sie kleine schwarze Schweine, die sich in den umgebenden Wäldern und von Speiseresten und Abfällen ernähren. Mit Schweinehaltung in zunächst vier Dörfern als Einkommen schaffender Maßnahme hat KJKS diese Tradition aufge­griffen. Besonders lobend erwähnen die beteiligten Familien die neue Versicherung für jedes Ferkel, die im Todesfall eine Ersatzzahlung leistet. Damit sie jedoch gesund bleiben, werden die Ferkel in enger Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen entwurmt, geimpft und tiermedizinisch versorgt. Zusätzliches Wissen eignen sich die beteiligten Familien bei regelmäßigen Fortbildungen an.

Voraussetzung für die Teilnahme der Familien am Ferkel-Programm ist, dass ihre Kinder die KJKS-Nachhilfezentren regelmäßig besuchen und der Erlös aus dem Schweineverkauf auch für den Kauf von Schulmaterialien verwendet wird. Während der fast zweijährigen Corona-bedingten Schul­schließung in Westbengalen sorgte die Nachhilfe dafür, dass 760 Kinder in den 19 Projektdörfern trotz Lockdown weiter­hin Lesen, Schreiben und Rechnen lernen konnten. Durch regelmäßige Hausbesuche, bei denen Arbeitsblätter und Haus­aufgaben verteilt wurden, hielten die Nachhilfelehrer den Kontakt zu Kindern und Familien und unterstützten sie in dieser schwierigen Zeit. Online-Unterricht war auf Grund des fehlenden Internet-Zugangs nicht möglich, Präsenzunterricht in den Nachhilfezentren in Kleingruppen erst, als die Indien­hilfe Corona-Mittel für die zusätzliche Einstellung von Studentinnen als Hilfslehrkräfte überweisen konnte. Seit Öffnung der Schulen im Februar 2022 werden die Schüler*innen intensiv betreut und Kinder, die während des Lockdowns in Kinderarbeit abgerutscht sind, zur Rückkehr in den Schulalltag ermutigt. Außerdem verstärkt KJKS seine Aktivitäten bei der vorschulischen Bildung in Zusammen­arbeit mit den staatlichen ICDS-Zentren2.

Der Ernährungszustand der Kinder in den Dörfern ist besorg­niserregend und hat sich durch die Pandemie weiter zuge­spitzt. Die lange Schließung aller staatlichen Einrichtungen bedeutete den Ausfall des Mittagessens in Schulen und ICDS-Zentren. Die Familien, die häufig alle Einnahmequellen verloren hatten, konnten dies nicht einfach ersetzen. Um lang­fristig die Ernährungssituation zu verbessern, leiten die KJKS-Mitarbeiter*innen die Mütter beim Anbau von Gemüse und Obst für den Eigenverzehr nach ökologischen Prinzipien an, in Küchengärten gleich neben ihren Lehmhäusern. Außerdem organisiert KJKS Gesundheitscamps, bei denen Kinderärzte den Entwicklungs- und Ernährungszustand aller etwa 2.300 Kinder in den 19 Projektdörfern kontrollieren, auch jener Kinder, die bisher nicht in die Nachhilfezentren kommen.

Mit dem Aufbau von Bürger*innen-Plattformen („Units for Us“) hat KJKS zunächst in drei Dörfern Anlaufstellen geschaffen, in denen die Adivasi gemeinsam Entwicklungs­maßnahmen für ihr Dorf planen und umsetzen können. Dort erhalten die Dorfbewohner auch Informationen zu staatlichen Armutsbekämpfungsprogrammen und deren Beantragung. Stärker als bisher arbeitet KJKS seit etwa einem Jahr mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen, die sich für die Dorfentwicklung engagieren. Neben gemeinsamen Aktio­nen werden Workshops zu relevanten Themen angeboten, wie Kinderrechte (Recht auf Bildung, Verbot von Kinderarbeit und Kinderehen), persönliche Hygiene (z.B. Thema Menstru­ation), Demokratiebildung, Armutsbekämpfung. Neu ist auch die Beratung von Jugendlichen nach dem Schulabschluss bei Berufswahl und Berufseinstieg. Ziel ist es, die jungen Menschen in ein Leben ohne Armut zu begleiten.

Projektkosten 2022/23: ca. 61.000 (ca.80 €/ Kind)
Stichwort: Adivasi

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(1) Indigene Stammesgemeinschaften, in diesem Projekt meist Lodhas und Sabar, die während der britischen Herrschaft als „kriminelle Stämme“ klassifiziert waren und bis heute besonders stark unter Ausgrenzung und Armut leiden
(2) Integrated Child Development Services: staatliche Zentren für Schwangere, Mütter und Kleinkinder (bis 6 Jahre) mit Schwerpunkt Gesundheit, Ernährung und Vorschule

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Unsere Spendenaktion für existentiell bedrohte Familien in der Corona-Krise
(Sarah Well-Lipowski)

32.389 € an „Corona-Spenden“ gingen nach dem Juni-Infobrief bei uns ein, der Corona und die Verwüstungen durch den Zyklon Amphan in unseren Projektgebieten zum Thema hatte. Eine großartige Reaktion – wir danken den SpenderInnen von Herzen! Jeder Euro wurde und wird gebraucht. Auch in Indien war die Hilfsbereitschaft groß: NGO-MitarbeiterInnen, Nachbarn, örtliche Vereine spendeten und organisierten die Ausgabe von Lebensmitteln und Hygieneartikeln.

Seit langem überlassen wir Katastrophenhilfe spezialisierten NGOs. Doch in der akuten Ausnahmesituation entschieden wir uns mit den Partnern, die Bedürftigsten in unseren Projekten individuell mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Zunächst dachten wir an Sachleistungen, doch zum Glück lief die staatliche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln schnell an. Weil jedoch der Lockdown vielen Menschen Arbeit und Einkommen geraubt und zusätzlich der Zyklon Amphan in den Dörfern gewütet hatte, fehlte es in vielen Familien an anderer Stelle am Allernötigsten. Die vielfältigen Nöte der einzelnen Familien wurden vor Ort in Gesprächen ermittelt und die meisten Projektpartner entschlossen sich, den Bedürftigsten Geldbeträge bis zu 35 € zu überweisen, so dass sie selbst entscheiden können, wofür sie das Geld ausgeben. An ca. 1.300 Adivasi- und Dalitfamilien, Menschen mit Behinderung oder schweren Krankheiten, alleinerziehende Frauen wurden bisher 17.400 € überwiesen – bevorzugt auf Bankkonten von Frauen, sind diese doch besonders auf das Wohl ihrer Kinder bedacht.

Die Mütter im Slumprojekt Lake Gardens, Kolkata, sprachen sich allerdings gegen die finanzielle Unterstützung aus. Sie baten um Nahrungsmittel für ihre Kinder, weil sie sich nicht in der Lage fühlten, ihre teils alkohol- und spielsüchtigen Männer vom Missbrauch des Geldes abzuhalten. 34 Kinder erhielten bislang regelmäßig Lebensmittelpakete im Wert von insgesamt 850 €.

Die Hilfen gehen weiter. Neben der großen Not aktuell ist auch langfristig mit der Verschärfung bestehender Probleme zu rechnen. Dazu zählen die Zunahme von extremer Armut, Arbeitslosigkeit, Unter- und Mangelernährung von Kindern. Die Schulen sind seit Monaten geschlossen, die Zahl der Schulabbrecher, Kinderarbeiter und Kinderehen steigt an. Häusliche, auch sexualisierte, Gewalt nimmt zu. Unsere Partner setzen alles daran, in dieser Situation für die Kinder und Frauen da zu sein und sie bestmöglich zu unterstützen. Wir werden im Zuge der Projektplanungen für das nächste Jahr gemeinsam nochmal genau schauen, welche Familien weiterhin dringend Unterstützung benötigen.


Corona wirft Projektplanungen über den Haufen – mit den Partnern in Indien um Lösungen ringen
(Sabine Jeschke und Sarah Well-Lipowski)

265.000 Euro hat der Arbeitsausschuss der Indienhilfe am 29. Februar für die Projekte in Indien bewilligt; die Planungen für das neue Projektjahr, das am 1. April 2020 beginnt, laufen auf Hochtouren. Projekt- und Budget-Pläne werden kritisch hin und her diskutiert, überarbeitet und angepasst. Doch dann kommt alles anders: das Corona-Virus breitet sich weltweit rasant aus und stellt das Leben in Deutschland und Indien komplett auf den Kopf. Das, was gestern noch Alltag war, ist von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich; Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren und weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens werden von Tag zu Tag strenger. Für uns und unsere indischen Partner ist schnell klar, dass es jetzt mehr denn je unsere Aufgabe ist, für die Menschen in den Projektgebieten, die zu den Ärmsten der Armen gehören, die als Tagelöhner und Wanderarbeiter ihre Existenzgrundlage verloren haben, da zu sein, sie über die Corona-Pandemie und die notwendigen Hygiene-Maßnahmen aufzuklären, sie bei der Beantragung staatlicher Hilfs­programme zu unterstützen und das Wohl der vielen tausend Kinder im Blick zu haben, die besonders unter der Situation leiden und von Mangel- und Unterernährung bedroht sind.

Beengte Wohnverhältnisse im Slum bei Lake Gardens
So beengt lebt es sich in den Slums in Kolkatas Stadtteil Lake Gardens, wo die Indienhilfe Kinderkrippen für arbeitende Mütter finanziert. Abstandsregeln zum Schutz vor Corona sind kaum einzuhalten. ©: IH

Unsere Partner haben zu Beginn der Pandemie rasch reagiert: in den Dörfern führten sie Aufklärungskampagnen zu den nötigen Hygiene-Maßnahmen durch und sammelten Handy-Kontaktdaten möglichst vieler Familien. Denn nachdem in Indien am 26. März eine der strengsten Ausgangssperren welt­weit in Kraft trat, konnten sie nur noch telefonisch mit den Familien Kontakt halten, um zu erfahren, wie es den Kindern geht, die sonst regelmäßig in die Kinderkrippen und Nach­hilfezentren  kommen, und wo die Not am größten ist. Immer wieder klärten sie in diesen Telefonaten auch über regel­mäßiges gründliches Händewaschen mit Seife und den einzu­haltenden Mindestabstand auf.

Das Schicksal der Tagelöhner und Saisonarbeiter bewegt viele Inder. Vielerorts organisierten sie spontan private Hilfsaktio­nen zur Versorgung mit Nahrungsmitteln. Die Verteilung war teils chaotisch und willkürlich, wenn den Helfern der Einblick in die örtlichen Strukturen und die Bedürfnisse der einzelnen Menschen fehlte. Damit die Hilfe diejenigen erreichte, die am dringendsten darauf angewiesen waren, halfen Projektmit­arbeiter bei der Verteilung wo immer möglich.

Auch die indische Regierung startete sofort Hilfsprogramme für die Menschen unterhalb der Armutsgrenze, vor allem die Ausgabe kostenloser (mengenmäßig jedoch teils unzureichen­der) Lebensmittel-Rationen. Bei der ersten offiziellen Vertei­lung von Nahrungsmitteln brach in vielen Dörfern Panik unter den hungernden Menschen aus; in Scharen strömten sie zu den Verteilungsstellen und drängten sich dort, ohne Einhaltung von Schutzabständen und teils handgreiflich. In vielen „unse­rer“ Dörfer eilten die Projektmitarbeiter der Polizei zu Hilfe. Durch ihre jahrelange Arbeit vor Ort genießen sie das Vertrauen der Dorfbewohner, die wissen, dass die Dorfhelfer für sie da sind und sie wo nötig bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützen. So ließ sich die Situation meist beruhi­gen, die Menschen kehrten mit einer Wartenummer nachhause zurück und kamen erst wieder zur Ausgabestelle, wenn sie an der Reihe waren. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen ist in allen unseren Projekten ein zentraler Punkt und unsere Partnerorganisationen erweisen sich nun auch in der Krise als verlässliche Partner der Behörden. Diese haben die Arbeit der NGOs zu schätzen gelernt und lockern mittlerweile die Ausgangssperren für NGO-Mitarbeiter, die mit einem staatlichen Passierschein ihrer Arbeit in den Dörfern nachge­hen dürfen, sofern dies die Regierungsmaßnahmen unterstützt.

Wie überall gibt es auch in den Projektdörfern Menschen, die die Notlage anderer für ihren eigenen Vorteil zu nutzen wissen: Im Dorf Taranipur-52 erfuhren die Dorfbewohner, dass ein bestimmtes Formular binnen 4 Tagen  eingereicht werden musste, mit dem Tagelöhner eine einmalige staatliche Unterstützung in Höhe von 1.000 Rupien (ca. 13 Euro) erhal­ten konnten. Der Andrang war groß und gerade für Tage­löhner, oft kaum des Lesens und Schreibens mächtig, stellte das Ausfüllen eine nahezu unüberwindliche Hürde dar. Dank­bar nahmen sie das Angebot des Sohns einer Bezirksabge­ordneten an, das Formular gegen eine Gebühr von 15 Rupien für sie auszufüllen und einzureichen. Als der Kinderrechts­arbeiter Piklu Khan, der für unser Projekt zur Abschaffung von Kinderarbeit mit unserem Partner Seva Kendra Calcutta arbeitet, davon erfuhr, mobilisierte er das Kinderschutz-Komitee im Dorf. Es übernahm das Ausfüllen und Einreichen der Formulare kostenlos.

Vorbereitung der Nahrungsmittel-Ausgabe in Kotshila
Im Sozialzentrum Kotshila (Distrikt Purulia) werden Nahrungs-mittel für Kinder der diskriminierten Dorftänzerinnen abgepackt, die sonst Krippe oder Nachhilfeunterricht besuchen, doch jetzt zuhause bleiben müssen. ©: IH

Einen Großteil des Budgets machen in unseren Projekten die Personalkosten aus, überwiegend für die Sozialarbeiter in den oft sehr abgelegenen Projektdörfern. Auch jetzt in der Krise gehen diese Dorfhelfer ihrer Arbeit nach, unter erschwerten Bedingungen und mit anderem Fokus als ursprünglich geplant, aber immer das Wohl der Kinder im Blick. Wöchent­lich erhalten wir Arbeitsberichte aller Partner und seit 20. März treffen wir uns fast wöchentlich per Skype mit unserem indischen Experten-Team, den Projekt-Koordinatoren und teils Vertretern des Managements unserer Partner, um uns über die aktuelle Situation in den Projekten auszutauschen, Synergien zu schaffen und gemeinsam Strategien für das weitere Vorgehen zu entwickeln. Dieser Austausch hat Gemeinschaftsgeist und Verbundenheit untereinander gestärkt. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe erstellt derzeit eine Webseite mit hilfreichen Links und lehrreichem oder unter­haltsamem Material für die Kinder und Jugendlichen in Zeiten der Corona-Beschränkungen, wenn das Verlassen der beeng­ten Behausungen nicht erlaubt ist.

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit bestand in den letzten Wochen darin, zu entscheiden, welche zusätzlichen Maßnah­men wo am dringendsten notwendig sind, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen und die bedürftigsten Kinder und ihre Familien in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen – auch wenn wir keine großangelegte Notfallhilfe leisten können. In besonderen Härtefällen versorgen unsere Partner daher sorgfältig ausgewählte Familien (z.B. alleinstehende Mütter) mit Grundnahrungsmitteln (Reis, Linsen, Kartoffeln, Öl) und Hygieneartikeln (Seife und Monatsbinden für Mädchen und Frauen). Der Schwerpunkt liegt – wie bei all unseren Projekten – bei Familien mit Kindern, aber auch alten, alleinstehenden Personen in Not soll geholfen werden. Das Projekt unseres Partners SANCHAR, der sich um Kinder mit Behinderung kümmert, unterstützen wir übergangsweise mit lebenswichtigen, jetzt schwer erhältlichen Medikamenten.

Auch in der Corona-Krise bleiben wir unserem Credo der Hilfe zur Selbsthilfe treu: Unsere Partner stellen Frauen in lokalen Selbsthilfegruppen (SHGs) das Wissen und die Mate­rialien zur Verfügung, um einfache Schutz-Masken zu nähen und Monatsbinden und Seife herzustellen. Außerdem nähen sie Beutel aus Stoffresten, in denen die Nothilfe-Pakete trans­portiert werden können, und dämmen damit die Flut an Plastikverpackungen ein, die mit der Verteilung von Hilfs­gütern einhergeht. Um der drohenden Lebensmittelknappheit entgegenzuwirken, werden wir Küchengärten in all unseren Projekten besonders stark fördern, mit dem erforderlichen Training und der Beschaffung geeigneten Saatguts, damit möglichst viele Familien frisches Gemüse für den Eigenbedarf anbauen können.

Inzwischen planen die Projektpartner ihre Konzepte für die Zeit nach der Ausgangssperre. Hygiene-Maßnahmen und Abstandsregeln werden auch in Indien noch lange Zeit Alltag bleiben. Nun gilt es, die Projektmaßnahmen entsprechend anzupassen, auch wenn die Planungen von großer Unsicher­heit begleitet sind, weil behördliche Entscheidungen und Genehmigungen abgewartet werden müssen. Für die nächsten Monate ist Flexibilität gefragt.

Nachtrag: Wie viel Flexibilität, ahnten wir bei Fertigstellung des Artikels nicht. Inzwischen hat am 20. Mai Zyklon Amphan mit bis zu 185 Stundenkilometern und sintflutartigen Regen­fällen in all unseren Projektgebieten in Westbengalen immense Zerstörungen angerichtet – eine Katastrophe in der Katastrophe. Nur langsam erreichen uns erste Berichte. Das gesamte Ausmaß der Schäden kann noch nicht erhoben werden, weil fast überall Strom, Kommunikation und Zugangswege ausfallen, ebenso wie die Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Ernte ist vernichtet, Hütten und viele Häuser sind zerstört, Brunnen und Toiletten überschwemmt. Alle verfügbaren Kräfte des indischen Staates einschließlich Armee und lokaler Bevölkerung sind im Einsatz für Räumarbeiten und die Beseitigung der Schäden. Die Lage wird erschwert dadurch, dass fast alle unsere Projekte in „Roten Zonen“ der Corona-Pandemie mit besonders strengen Beschränkungen liegen.

Wir wollen so schnell wie möglich die am schlimm­sten Betroffenen mit dem Nötigsten versorgen und ihnen hel­fen, alles durchzustehen. Ihre Spenden unter dem Stich­wort Corona/Amphan werden es möglich machen!

Weitere Informationen zu Corona in Indien und unserer Maßnahmen speziell für Kinder in Zeiten von Corona finden Sie hier:


Lake Gardens: Planung eines neuen Standorts für Kleinkinder-Betreuung

Lake Garden

Die Lebensbedingungen in den Slums an Kolkatas Bahngleisen zwischen Dhakuria und Lake Gardens Station sind immer noch bedrückend: dicht an dicht reihen sich Verschläge, in denen Großfamilien auf wenigen Quadratmetern leben; öffentliche Wasserzapfstellen und Toiletten teilen sich mehrere Familien. Deutlich spürt man jedoch Veränderungen: die Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen die staatliche Schule und sind sauber gekleidet. Viele von ihnen haben eine der von uns seit 15 Jahren finanzierten Kinderkrippen unseres Partners Lake Gardens Women & Children Development Centre besucht. Dort wurden sie auf die Schule vorbereitet und ihre Mütter nahmen an Eltern-Fortbildungen z.B. über Hygiene und die Zubereitung nahrhafter gesunder Mahlzeiten,  aber auch gewaltfreie Erziehung teil. Durch die tägliche Betreuung ihrer Kleinkinder können jetzt viele Mütter ohne Ängste als Haushaltshilfen in mehreren Familien arbeiten und so ihr Einkommen verbessern. Sie haben den Wert der Kinderkrippe erkannt und die meisten sind nun bereit und in der Lage, einen Beitrag für diese Betreuung zu zahlen.

Unsere Unterstützung eines Projektes (definierte Maßnahmen in einem definierten Gebiet) soll als Katalysator wirken, bis Projekte überflüssig sind oder sich selbst tragen können. So werden wir in diesem Jahr im bisherigen Gebiet die bedürftigsten Kinder auswählen und in nur noch einer Krippe zusammenfassen. Gleichzeitig soll mit der Arbeit zugunsten von Kleinkindern und Müttern in einem anderen Gebiet begonnen werden, das derzeit untersucht wird: voraussichtlich im südlichen Kolkata bei Brace Bridge, wo überwiegend Muslime leben und Frauen in Heimarbeit für die Textilindustrie arbeiten. Unsere indischen Experten und das Team von Lake Gardens sind dabei, die dortige Situation und mögliche Maßnahmen zu analysieren. IH-Mitarbeiterin Sarah Well-Lipowski wird im Rahmen ihrer jährlichen Projektbesuche im Januar das neue Gebiet gemeinsam mit den indischen Kolleg*innen in Augenschein nehmen und bei der Ausarbeitung eines Konzepts unterstützen.

Spendenstichwort: Kinderkrippen


Mathe-Unterricht mit Murmeln – VERS bildet Nachhilfelehrer fort

Matheunterricht
VERS-Mitarbeiterin Renuka demonstriert einfache Methoden des Zählens (©: IH)

 

Wie wecke ich das Interesse am Lernen bei Kindern, für die der Schulbesuch keine Selbstverständlichkeit ist? Wie gestalte ich den Unterricht, um den besonderen Bedürfnissen von „first generation learners“ und ehemaligen Kinderarbeitern gerecht zu werden? Diese Fragen bestimmen die Trainings unseres Partners VERS für die dörflichen Nachhilfelehrer unserer Projektpartner SKC und DMSC, um die Qualität der Bildung für die am stärksten benachteiligten Kinder aus Dalit- und Adivasi-Familien sowie aus der Gruppe der Nachnis und Jhumurs zu verbessern. In praxisorientierten Seminaren lernen die Projektmitarbeiter, mit welchen Unterrichtsmethoden sie Kinder begeistern und von der Notwendigkeit des Schulbesuchs überzeugen können oder wie sie anregende, kindgerechte Unterrichtsmaterialien mit lokal vorhandenen Materialien selbst herstellen können. In Workshops für die Kinder testet VERS, in welchen Fächern sie Wissenslücken zum staatlichen Lehrplan haben, und erstellen gemeinsam mit den Nachhilfelehrern für jedes einzelne Kind einen Plan zum Aufholen des Unterrichtsstoffes.

Auch der Kinderrechts-Aktivist Basudev, verantwortlich für das Lernzentrum im Dorf Duttapara im Gobindapur GP, nimmt an den Schulungen teil. Früher wartete er im Nachhilfezentrum auf die Kinder und ärgerte sich über ihre Unzuverlässigkeit. Im Rahmen der VERS-Fortbildungen überlegt er, wie er diese Kinder zum Lernen motivieren könnte. Anstatt frustriert im Zentrum zu warten, sucht Basudev in den nächsten Wochen aktiv im Dorf nach den Kindern und stellt fest, dass sie ihre freie Zeit am liebsten mit Murmelspielen verbringen. Kurzerhand besorgt er Murmeln und setzt sie fortan im Mathe-Unterricht ein. Den Kindern macht der „Murmel-Mathe-Unterricht“ großen Spaß und sie kommen seither regelmäßig zu Basudevs Nachhilfestunden.

Spendenstichwort: Bildung


Marodierende Elefanten gefährden Schulbesuch - KJKS-Projekt für Kinderrechte im Jhargram-Distrikt

Schmale, rot-staubige Pfade führen durch dichten Dschungel und locker bewaldete Graslandschaften zu den Projektdörfern im Jhargram-Distrikt. Jeden Moment kann ein Elefant aus dem Unterholz brechen, eine inzwischen alltägliche Bedrohung für die Dorfbevölkerung, die ihre Häuser und Äcker immer wieder gegen Elefanten verteidigen muss. Das Schwinden ihres Lebensraums drängt die Dickhäuter auf der Suche nach Nahrung in die Dörfer. Für manchen Bewohner endet solche Auseinandersetzung tödlich, und auch die Elefanten ziehen sich oft mit Verletzungen zurück. Einige Eltern wollen ihre Kinder deshalb nicht mehr auf den gefährlichen Schulweg schicken.1

Die illegale Rodung großer Waldgebiete spitzt nicht nur den Konflikt zwischen Mensch und Elefant zu, sondern beraubt die hier ansässigen Adivasi2, im Jhargram-Distrikt gut ein Drittel der Gesamtbevölkerung, auch ihrer Lebensgrundlage, sei es das Sammeln von Pflanzen und Totholz oder das Züchten von Wildseidenraupen in den Wäldern. Studien zeigen, dass Adivasi den Wald äußerst nachhaltig nutzen und die Artenvielfalt erhalten. Dennoch schränken die staatlichen Forstbehörden das Zutrittsrecht der Adivasi zu den Wäldern zunehmend ein3, während man illegale Rodungen stillschweigend duldet.

Child Group
„Child Group“ beim Bäumepflanzen während der Van Mahotsav Week(5) (©: IH)

Die Diskriminierung der Adivasi ist vielfältig. Sie gehören zu den Ärmsten Indiens, oft unterernährt, mit niedriger Alphabetisierungsrate, was sich bei den Kindern fortsetzt – auch weil die Stammesgemeinschaften eigene Sprachen haben, der Unterricht an den staatlichen Schulen aber auf Bengali stattfindet. Den Eltern fehlt das Wissen, um ihre Kinder in der Schule unterstützen zu können. Kein Wunder, dass es ihnen schwer fällt, dem Unterricht zu folgen; oft brechen sie die Schule vorzeitig ab, um zu arbeiten. Um das zu verhindern, betreibt unser Partner KJKS im Jhargram-Distrikt Lernzentren für rund 700 Schulkinder in 22 Adivasi-Dörfern. Die Kinderrechtsarbeiter, die dort Nachhilfe erteilen, sprechen die lokale Stammessprache und erleichtern den Kindern so das Lernen. Sie arbeiten mit den staatlichen Schulen und ICDS-Zentren4 zusammen, um den Betrieb gemäß Regierungsvorgaben sicherzustellen, aber auch um die Anwesenheit der Lehrkräfte und die Ausgabe der kostenlosen Mittagsmahlzeit zu kontrollieren. Zur kindgerechten Gestaltung der Räume und Unterrichtsmaterialien erarbeiten sie mit Lehrern und Schülern farbenfrohe Schautafeln und interaktives Material, das Spaß am Lernen weckt. Bei Hausbesuchen klären sie die Eltern über die Bedeutung von Bildung auf und überlegen Schutzmaßnahmen, damit sie ihre Kinder trotz der Elefanten zur Schule schicken können. Ziel ist es, dass alle Kinder mindestens die 8. Klasse erfolgreich abschließen.

Durch die Anlage von Schulgärten als Vorbild für Küchengärten bei den Familien wird die Ernährungssituation verbessert. Das frische Gemüse macht das Schulessen abwechslungsreicher und gesünder. In den ärmsten Dörfern erhalten die Kinder zusätzlich morgens einen Energieriegel, damit sie nicht hungrig in der Schule sitzen und sich im Unterricht besser konzentrieren können. Diese  Maßnahme würden wir gerne auf ein nahrhafteres Angebot ausweiten, doch fehlt das Geld.

Die Kinderrechtsarbeiter setzen sich im Sinne einer ganzheitlichen kindzentrierten Dorfentwicklung für die Kinderrechte ein, wie Gleichberechtigung von Mädchen und Ächtung von Kinderehen, und ergreifen Maßnahmen zur Armutsbekämpfung (Gründung von Selbsthilfegruppen und Gewerkschaften, Aufklärung über staatliche Förderprogramme etc.). Wieviel Überzeugungsarbeit nötig ist, um das Vertrauen in die staatlichen Einrichtungen zu stärken, zeigt das Beispiel der Familie Singh: Erst nach vielen Gesprächen waren sie bereit, ihre schwer herzkranke achtjährige Tochter Maju im weit entfernten Kalkutta operieren zu lassen und so ihr Leben zu retten.

Seit kurzem arbeitet das KJKS-Team zusätzlich in einem Fischerdorf im Ost-Midnapur-Distrikt. Die industrielle Überfischung der Meere führt zur Verarmung der hier ansässigen traditionellen Fischer. Auswirkungen des Klimawandels wie häufigere Zyklone machen ihnen zu schaffen. Sie selbst errichteten eine Hütte, die jetzt als Nachhilfezentrum dient,und sind voller Hoffnung auf ein besseres Leben zumindest für ihre Kinder. Auch in den angrenzenden Dörfern wäre großer Bedarf für weitere Zentren. Doch für eine Ausweitung des Projekts brauchen wir zusätzliche Spenden.

Spendenstichwort: Adivasi u. Fischerfamilien
 

1 Conservation India, 7.10.18 Addressing the Elephant in South Bengal, by Ananda Banerjee: https://www.conservationindia.org/articles/addressing-the-elephant-in-south-bengal
 2 indigene Stammesgemeinschaften, s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Adivasi
3India Today, 7.8.19 https://www.indiatoday.in/news-analysis/story/draft-indian-forest-amendment-bill-2019-arming-state-to-undermine-rights-and-wellbeing-of-tribals-1578054-2019-08-07
 4 Integrated Child Development Services, siehe http://icdswb.in
 5 Beim indischen “Fest der Bäume” im Juli werden einheimische Bäume gepflanzt, um die Artenvielfalt zu erhalten und den Gedanken des Waldschutzes in Indien zu verbreiten. Die Setzlinge werden von der Regierung an Schulen und NGOs verteilt, die diese in öffentlichen Aktionen einpflanzen.


Sanchar- Unsere Experten für Inklusion und Behindertenarbeit

Sanchar klein
Freundschaftstag 2019 – Sujit bindet seiner Bürgermeisterin ein Rakhi-Bändchen um. (©: IH)

Sujits Mutter wollte nicht wahrhaben, dass ihr einziger Sohn taub ist. In Tempeln und Moscheen betete sie um ein Wunder. Ein Wunder geschah nicht, aber die Mitarbeiter unseres Partners Sanchar wurden 2016 auf Sujit aufmerksam. In unzähligen Beratungsgesprächen helfen sie der Familie, Sujits Taubheit zu akzeptieren und zu lernen, wie sie ihm zu einem möglichst normalen Leben verhelfen können. Auch mit den Lehrern der staatlichen Grundschule, die Sujit besucht, erarbeitet das Sanchar-Team Methoden, die ihm erlauben, dem Unterricht besser zu folgen. Heute ist Sujit ein fröhlicher neunjähriger Junge, der die indische Gebärdensprache lernt, gerne zur Schule geht und voller Begeisterung an den Kultur- und Sportveranstaltungen von Sanchar teilnimmt, die Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenbringen.

Sujit ist eines von 207 Kindern mit Behinderung, die Sanchar in fünf Kommunen des Panchla Blocks im Howrah Distrikt identifiziert hat. Bei rund 50 Kindern führt Sanchar regelmäßig Hausbesuche durch, bei denen mit den Kindern und ihren Familien therapeutisch gearbeitet wird, um die Kinder nach einem individuellen Förderplan auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Daneben organisiert Sanchar Infoveranstaltungen zu staatlichen und anderen Unterstützungsangeboten und hilft bei der Beantragung eines Behindertenausweises, ohne den es keine staatlichen Beihilfen und Hilfsmittel (wie Hörgeräte, Gehhilfen, Prothesen) gibt. Jede Gelegenheit wird zur Sensibilisierung von wichtigen Akteuren genutzt.

Wir wünschen uns, dass alle unsere Partner bei ihrer Arbeit Kinder mit Behinderungen besonders berücksichtigen. Sofern es unsere finanziellen Mittel erlauben, wird Sanchar ab 2020 alle Projektpartner entsprechend fortbilden.

Spendenstichwort: Behindertenarbeit


Neue Perspektiven für Dorftänzerinnen dank der Sozialzentren von DMSC

„Seit frühester Kindheit liebe ich das Tanzen und Singen!“, erzählt Charubala, 60, heute eine bekannte Nachni-Tänzerin aus dem Dorf Senabona. Doch ihr Lebensweg war alles andere als einfach: mit 13 Jahren wird sie das erste Mal verheiratet, an einen Mann, der sie misshandelt und nach zwei Jahren verstößt. Zurück im Elternhaus lässt ihr Vater sie zur Dorftänzerin ausbilden und übergibt sie einem Roshik1, der die Auftritte der Tänzerinnen organisiert und für sie sorgt, aber sexuelle Dienstleistungen verlangt und das Geld kassiert. Charubala verliebt sich in einen anderen Musiker, flieht mit ihm und lebt fortan als seine Zweit-Frau, den Anfeindungen von Erst-Frau und deren Kindern ausgesetzt, und trägt durch ihre Auftritte sporadisch zum Familieneinkommen bei.

Eine positive Wende nimmt ihr Leben vor zwei Jahren, als unser Projektpartner DMSC im Dorf Senabona im Purulia Distrikt das erste Sozialzentrum als Anlaufstelle für Nachni- und Jhumur-Volkstänzerinnen eröffnet. Neben der Kinderkrippe für die Förderung der Kleinsten und dem Nachhilfeunterricht für die Schulkinder bietet DMSC dort eine Sozialberatung an und unterstützt Nachnis und Jhumurs bei der Beantragung von Regierungsprogrammen.

Auch Charubala kommt ins neue Zentrum und findet dort eine Anstellung als Kinderpflegerin. Gleichzeitig unterstützt DMSC sie, staatliche Fördergelder für den Bau eines kleinen Hauses und die von Ministerpräsidentin Mamata Banerjee initiierte monatliche Beihilfe von 1000 Rupien (ca. 13 €) zu erlangen, das anerkannte traditionelle Musikant*innen und Tänzer*innen als Träger kulturellen Erbes unterstützt.2 Durch ihr Gehalt als Kinderpflegerin und die staatlichen Gelder leistet Charubala heute einen wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen, was ihre Stellung in der Familie deutlich verbessert.

Für die Förderung der inzwischen zwei Sozialzentren, in den Dörfern Senabona und Kotshila, von 1.4.2017 bis 31.3.2020 danken wir RED CHAIRity, der weltweit tätigen Hilfsorganisation der XXXLutz-Möbelhäuser, sehr herzlich – wir hätten das sonst finanziell nicht leisten können!

 1 weitere Informationen zu den Nachnis, den traditionellen Dorftänzerinnen, finden Sie im Sommerinfo 2016
 2  Förderprogramm für Vertreter verschiedener Richtungen von traditioneller Volksmusik Lok Prasar Prakalpo: https://wblpp.in/index.html


Hijli Inspiration – unser neuer Partner für die Begleitmaßnahmen im Trinkwasserprojekt Chatra

Während im Rahmen des NaKoPa-Projekts Herrsching-Chatra auf die Baugenehmigung gewartet wurde (siehe oben), arbeitete unser neuer Partner Hijli Inspiration bereits intensiv mit den 150 Familien im Ghoshpur Adivasi Para von Chatra. Hijli Inspiration hatte zum 1.10.2018 unseren damaligen Partner DRCSC abgelöst, der die Zusammenarbeit einseitig und kurzfristig aus internen Gründen zum 30.9.18 kündigte. Wir sind sehr froh, mit Hijli Inspiration schnell einen kompetenten Partner gefunden zu haben, der nicht nur die Kontinuität der Aktivitäten lückenlos gewährleisten konnte, sondern auch über weitreichende Erfahrungen im Bereich Trinkwasser & Hygiene sowie in der Zusammenarbeit mit entsprechenden Regierungsstellen verfügt.

Ein Arbeitsschwerpunkt für das Team sind Aufklärungsmaßnahmen zum Thema „sauberes Trinkwasser“. Die Adivasi-Familien verfügen über individuelle Schwengelpumpen, wobei das hochgepumpte Wasser bei den meisten nicht nur mit Arsen, sondern auch mikrobiell verseucht und gesundheitsschädlich ist.

Ananda Niketan Schule
Schüler der Ananda Niketan Schule Chatra informieren Kinder im Ghoshpur Adivasi Para über die Aktivitäten ihres Öko-Clubs (©: IH)

Die Mitarbeiter von Hijli Inspiration klären über die Zusammenhänge auf, wie wichtig sauberes und arsenfreies Trinkwasser zum Kochen und Trinken ist, und sprechen Themen wie persönliche Hygiene und gesunde ausgewogene Ernährung an. Die Familien werden bei der Anlage von chemiefreien Obst- und Gemüsegärten angeleitet und mit Saatgut unterstützt. Inspiration fördert die Gründung von Spar- und Kreditgruppen (Self Help Groups) von Frauen und organisiert Hausaufgabenbetreuung für die Kinder. Gleichzeitig bemühen sie sich um die Aktivierung der Wassernutzergruppe im Adivasi Para und des offiziellen Village Water and Sanitation Committee.

Das Projekt ist eng verknüpft mit der seit 1995 bestehenden Städte-Freundschaft, seit 2005 -Partnerschaft, Herrsching-Chatra, in deren Rahmen das Trinkwasser-Projekt initiiert wurde, und so ist die Begleitung der Partnerschaftsaktivitäten, vor allem auch der Schulpartnerschaften, eine wichtige Aufgabe für das Team.

Spendenstichwort: Nachhaltige Dorfentwicklung