Schwerpunkt Kinder

Herbstinfo 2016

Kurz notiert: erstes Zentrum für Kinder von Nachnis und Jhumurs eröffnet
(Marion Schmid)

Am 2. September war es so weit: das erste Zentrum als Anlaufstelle für Nachnis und Jhumurs [1] und deren Kinder in unserem neuen Projekt im Purulia-Distrikt wurde feierlich eingeweiht. Ich habe gestaunt, als unsere Kollegin Rusha Mitra uns die Fotos von der Eröffnungsfeier zuschickte. Ist es doch gerade ein paar
Monate her, dass wir gemeinsam nach Purulia gereist sind und verschiedene Räumlichkeiten besichtigt haben, die für das Day Care Centre in Frage kamen. Damals war es für mich schwer vorstellbar, dass hier binnen kurzer Zeit für Kinder von Nachnis und Jhumurs ein kindgerechtes Zentrum aufgebaut werden könnte. Umso erfreulicher zu hören, dass die Eröffnungsfeier ein voller Erfolg war und in Nachbarschaft wie in umliegenden Dörfern großen Zuspruch fand.

Unsere Mitarbeiterin Rusha Mitra (rechts) in der Mitte der Minister Shantiram Mahato links eine Nachnifrau bei der feierlichen Eröffnungszeremonie. Foto IH

Unsere Partnerorganisation DMSC (Durbar Mahila Samanwaya Committee) für das neue Projekt „Child Centered Development/CCD for folk artisans of Purulia in selected zones, centre based approach“ [2] hat zur Einweihung wichtige Vertreter aus Politik und Verwaltung, von Schulen und der Polizeistation eingeladen. Unsere beiden Mitarbeiterinnen Rusha Mitra und Aparajita Ghosh reisten extra mit dem Nachtzug in das entlegene Senabona im Distrikt Purulia, um an der zweieinhalbstündigen Eröffnungszeremonie teilzunehmen und die neu rekrutierten örtlichen Mitarbeiterinnen kennenzulernen. Auch Journalisten hatten sich eingefunden. Etwas mulmig wurde es unseren Mitarbeiterinnen zunächst zumute, als sie das gesamte Gelände rund um die Veranstaltung von Polizei und Militär abgesichert fanden. Es stellte sich heraus, dass der Arsha Block mit dem Dorf Senabona im Sirkabad Gram Panchayat zum sogenannten Roten Gürtel gehört, in dem militante maoistische Gruppen aktiv sind. Als prominentester Gast nahm Shantiram Mahato teil, Abgeordneter des Landtags von Westbengalen aus einem benachbarten Wahlkreis im Purulia Distrikt und als Minister der Landesregierung von Westbengalen zuständig für Selbsthilfe-Gruppen und Selbstständige [3]. Seit einigen Jahren steht er als besonders gefährdet unter Polizeischutz. Aber das trübte die aufgeregt-frohe festliche Stimmung nicht. Besonders ermutigend für Menschen, die sonst keinerlei Beachtung finden, war die einstündige Rede des Ministers. Er versprach, sich aktiv für die Rechte der Nachnis und Jhumurs einzusetzen und betonte, wie wichtig es sei, eine offizielle Anerkennung als traditionelle Volkstanzgruppen zu erhalten. Nach diversen weiteren Grußworten begab man sich zum Day Care and Research Centre.

Der Minister und die beiden Indienhilfe-Mitarbeiterinnen durften das Band durchschneiden. Bei dem anschließenden Rundgang durch das Zentrum waren alle beeindruckt, dass bis auf ein paar Kleinigkeiten das Zentrum betriebsbereit und picobello hergerichtet war. Abgerundet wurde der Nachmittag mit einer Tanzdarbietung von Nachnis und Jhumurs. Vor der Abfahrt am Abend bekamen Rusha und Aparajita bei einem kurzen Gang zu den nächstgelegenen Hütten noch einen schockierenden Einblick in das Elend der Bewohner, die in einem winzigen, niedrigen, lichtlosen Raum zusammengepfercht leben. Wir sind froh, dass nun mit dem Projekt begonnen werden kann. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.

Für dieses wichtige Projekt in einer entlegenen und vernachlässigten Gegend brauchen wir Ihre Unterstützung - bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderrechte Purulia“.

[1] „Volkstänzerinnen“, siehe Bericht im Sommerinfo 2016, S. 4 od. Website http://www.indienhilfe-herrsching.de/node/16

[2] Kindzentrierte Entwicklung für Volkskünstler in ausgewählten Gebieten Purulias, zentrumsgestützter Ansatz

[3] http://www.pupwb.org/


Herbstinfo 2016

Tabu-Thema häusliche Gewalt – eine neue Komponente für das Kinderkrippenprojekt in den Slums von Kolkata
(Marion Schmid)

Rohan ist gerade einmal sechs Monate alt – ein Baby noch. Seine Mutter muss mehrere Stunden am Tag als Haushaltshilfe bei einer wohlhabenden Familie putzen, waschen, kochen und im Haushalt helfen. Ihr monatliches Einkommen beträgt 1.200 Rupien, umgerechnet etwa 16 Euro. Das reicht bei weitem nicht aus, um Rohan und seine beiden Geschwister mit den notwendigsten Dingen zu versorgen. Rohans Vater ist Trinker, wird in der Familie oft gewalttätig und arbeitet nur
gelegentlich. Rohans Geschichte ist nur eine von vielen und leider keine Ausnahme in den Slums von Kolkata. Doch Rohan hat Glück: jeden Tag besucht er die von der Indienhilfe finanzierte Kinderkrippe „Colibri“ unserer Partnerorganisation Lake Gardens Women & Children Development Centre (LGW&CDC). Die Krippe ist ein Ort des Friedens und auch für mich ist ein Besuch bei den insgesamt vier von uns finanzierten Krippen immer wieder ein besonderes Erlebnis. Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren werden von den ausgebildeten Erzieherinnen liebevoll versorgt, bekommen gehaltvolle Mahlzeiten, werden medizinisch betreut. Manche Kinder sind zu Beginn stark unterernährt und müssen mit einer Spezialdiät aufgepäppelt werden. Die älteren Kinder werden nach Montessori-Methodik angeleitet und unterrichtet, bis sie eingeschult werden können. Alles macht auf mich einen rundum harmonischen Eindruck.

Das Mittagessen in der Krippe ist für viele Kinder die einzige volle Mahlzeit am Tag. Foto: IH

Doch der Schein trügt: bei genauerem Hinsehen sieht man an den oftmals traurigen matten Augen, den aufgeblähten Hungerbäuchen, den ungepflegten Haaren und Fingernägeln, der Apathie, dass die Kinder aus ärmsten Verhältnissen kommen, ihr Zuhause und die sozialen und hygienischen Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, schrecklich sind. Die Fortschrittsberichte unseres Partners LGW&CDC enthalten regelmäßig Fallgeschichten von Kindern wie Rohan. Wir sind immer wieder aufs Neue schockiert, unter welchen Bedingungen die Kinder in den Slums von Kolkata aufwachsen, wie Gewalt und Missbrauch zu ihrem Alltag gehören. Einerseits macht es uns Hoffnung, wenn wir sehen, wie die Kinder in den Krippen einen Zufluchtsort haben und somit erste Steine als Fundament für eine bessere Zukunft gelegt werden – andererseits sind sie weiterhin den häuslichen Bedingungen ausgesetzt. Hier wollen wir in Zukunft verstärkt ansetzen und das Projekt ausweiten. Im Ballungsraum Kolkata leben inzwischen 15 Millionen Menschen. Ständig drängen mehr Menschen in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben vom Land in die Stadt. So wachsen auch Kolkatas Elendsviertel immens an. Etwa 30 Prozent der Menschen im Stadtgebiet leben in Slums. Bis zu 400.000 Menschen drängen sich hier auf einem Quadratkilometer [1]. Neben den von der Stadtverwaltung registrierten „Bustees“ mit einem Mindestmaß an städtischer Infrastruktur gibt es zahlreiche unregistrierte Slums und Elendsbehausungen auf öffentlichem Grund und eine unbekannte Zahl Obdachloser auf den Bürgersteigen [2]. Ganze Familien leben am Straßenrand unter einer Plane, die als einziger Schutz nach außen dient. Dort wird gekocht, geschlafen und gelebt. Ein bekanntes Bild, das Kolkata nach wie vor prägt, trotz einer aufstrebenden Mittelschicht. Doch die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander und es sind wenige, die vom Wirtschaftswachstum Indiens profitieren.

Viele Einwohner Kolkatas leben immer noch unterhalb der internationalen Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar am Tag. Sie kämpfen ums Überleben, und Hunger, Gewalt, härteste Arbeit, Krankheiten, die Unbilden des Wetters prägen ihren Alltag. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder, Kinder wie Rohan, die in den Elendsquartieren von Kolkata aufwachsen müssen. Seit 2005 arbeiten wir im Stadtteil Lake Gardens in Kolkata mit Lake Gardens Women & Children Development Centre zusammen. Inzwischen konnten wir gemeinsam vier Kinderkrippen für jeweils dreißig Kinder zum Laufen bringen. Weil sie ihre Kinder während ihrer Abwesenheit gut versorgt wissen, können 120 Mütter einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und so zum Familieneinkommen beitragen. Die indischen Mitarbeiterinnen der Indienhilfe arbeiten, in kontinuierlichem Dialog mit der Indienhilfe in Herrsching, intensiv mit dem Projektpartner zusammen. Sie begleiten die Bemühungen, das Projekt an sich verändernde Gegebenheiten anzupassen, aus Erfolgen oder Fehlschlägen zu lernen, neue Perspektiven in ein Projekt einzubringen. So wurde in der Projektphase 2013 bis 2016 ein Berufsausbildungsprogramm als zusätzliche Maßnahme in das Projekt mit aufgenommen, um die Armut zu lindern. Eine Ausbildung sollte jungen Leuten aus den Familien der Krippenkinder den Weg in ein reguläres Arbeitsverhältnis mit angemessener Bezahlung, z.B. als Mechaniker oder Sekretärin, öffnen, um so die Gesamtsituation der Familien zu verbessern. Leider wurde das Ausbildungsprogramm trotz intensiver Begleitung durch die Projektmitarbeiterinnen schlecht angenommen. Viele der jungen Erwachsenen haben die Ausbildung vorzeitig abgebrochen. Der vielleicht wichtigste Grund war, dass sie während der Ausbildung zunächst ihre finanzielle Situation nicht verbessern können. Sie nahmen lieber jeden sich anbietenden Job an, statt sich vorübergehend mit Blick auf ein langfristig besseres und sichereres Einkommen einzuschränken. Dies erinnert an manche Geflüchtete bei uns, die lieber sofort in einem ungelernten Job Geld verdienen, als sich den Mühen einer Lehre oder eines anderen Ausbildungsweges zu unterziehen. Daher werden wir das Berufsausbildungsprogramm vorerst unterbrechen und nur noch die bereits eingeschriebenen jungen Leute bis zu ihrem Abschluss begleiten.

Abendschule: Nach einem langen Arbeitstag und dem Versorgen der Familie fallen Motivation und Konzentration nicht immer leicht, doch gemeinsam wollen die Mütter lernen, um ihre Lebenssituation und die ihrer Kinder nachhaltig zu verbessern. Foto: IH

Im laufenden Jahr sollte die Stärkung der Mütter und Frauen intensiver in den Blick genommen werden. Immer wieder ist das Projektteam mit dem Thema häusliche Gewalt konfrontiert. Den Kindern auf der einen Seite ein geborgenes Umfeld in der Krippe zu geben, war ein wichtiger Schritt, der Gedanke aber, sie von dort in ein Zuhause zu schicken, in dem sie Gewalt und Ungerechtigkeit erleben, war für uns alle unerträglich. Das Krippenprojekt wurde deshalb ab 2016 um ein zusätzliches Ziel ergänzt, nämlich, ein menschenwürdiges Umfeld für die Kinder und deren Mütter zu schaffen. Gemeinsam führten das LGW&CDC-Projektteam und unsere indischen Kolleginnen mit Gruppen von Müttern sogenannte Fokus-Gruppendiskussionen [3] durch, um zu erfahren, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Ergebnis: die Frauen wollten Information und Bildung! Bildung als ein wichtiger Schlüssel, um in der Gesellschaft weiter zu kommen. Die Frauen erhoffen sich dadurch einerseits besser bezahlte Arbeitsplätze und andererseits können sie gleichzeitig das Gelernte in der patriarchalischen indischen Gesellschaft direkt umsetzen. Seit April 2016 treffen sich nun die Mütter drei Mal pro Woche für jeweils eine Stunde mit einer Projektmitarbeiterin in den Krippen, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Gleichzeitig werden ihnen wichtige allgemeine Kenntnisse vermittelt, von Hygienestandards im eigenen Haushalt sowie außerhalb (z.B. an Brunnen, öffentlichen Toiletten, in den Straßen), über das Erlernen und Umsetzen von Basisgrundlagen der Kommunikation bis zu richtigen Verhaltensweisen in Konflikt- und Gewaltsituationen. Im laufenden Jahr wollen wir (das deutsch-indische Team der Indienhilfe und das Projektteam des Partners) gemeinsam entwickeln, in welche Richtung das Projekt gehen soll.

Eines ist uns klar - das Leuchtturmprojekt in den Slums von Kolkata soll in jedem Fall fortgesetzt und inhaltlich erweitert werden. Als erster Schritt wird bis Ende des Jahres eine Wirkungsstudie (Impact Assessment) des Projektes durchgeführt. Ziel ist es, verlässliche Informationen zu bekommen, was durch das Projekt bisher bereits erreicht wurde und wo es Defizite gibt. Wir erhoffen uns konkrete Anregungen, wie wir das Thema häusliche Gewalt im Projekt angehen können, um so auch die familiäre Situation der Slumkinder verbessern zu können. Keine leichte Aufgabe, dessen sind wir uns bewusst, ist doch das Thema häusliche Gewalt ein sensibles, das besonders viel Feingefühl verlangt. Es hängt sehr viel davon ab, wie die Bedarfsanalyse durchgeführt wird - wie offen die Mütter über ihre Situation sprechen und sich konkret dazu äußern, wie ihnen am sinnvollsten geholfen werden kann. Da die Projektmitarbeiterinnen über die Jahre einen engen und vertrauensvollen Kontakt zu den Müttern aufbauen konnten, blicken wir den Ergebnissen optimistisch entgegen und hoffen, dass wir gemeinsam mit LGW&CDC das Projekt so weiter entwickeln können, dass die Kinder und ihre Mütter in einem gewaltfreien familiären Umfeld leben und ihre Lebensbedingungen verbessern können!

Wir wollen das Kinderkrippenprojekt in den nächsten Jahren ausbauen und neben der Krippenbetreuung auch das familiäre Umfeld der Kinder verbessern. Dazu brauchen wir Ihre Unterstützung – Spenden unter dem Stichwort „Krippenprojekt Kolkata“.

[1] Quelle DIE ZEIT online, Link:http://pdf.zeit.de/2012/24/WOS-Kalkuttablau.pdf

[2] Quelle Bundeszentrale für politische Bildung, Link: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/megastaedte/64553/kalkutta?p=all

[3] Fokusgruppendiskussion Definition allg. - Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Fokusgruppe und Anwendung in der deutschen Praxis - Link: http://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/gesis_reih...


 

Indienhilfe Sommerinfo 2016

Projekt für Kinder von Nachnis und Jhumurs, traditionellen Dorftänzerinnen, im Purulia Distrikt

(Marion Schmid)

Als ich Anfang des Jahres zusammen mit meiner Kollegin Rusha Mitra den Distrikt Purulia besuchte, war ich betroffen. Nur sechs Stunden von Kolkata entfernt hatte ich in Purulia das Gefühl, in eine andere Welt zu kommen. Die karge Landschaft, der ausgelaugte Boden, vereinzelt ein paar Hütten (– ein ärm­liches Dorf). Wir besuchten mit Satali Saha von der bengali­schen Sexarbeiter*innen-Kooperative und -Bank USHA und Uttam Maity vom Sexarbeiter*innen-Dachverband Durbar Mahila Samanwaya Committee (DMSC) einen Standort für unser neues Projekt für Nachnis und Jhumurs und deren Kinder. Derzeit leben in Purulia rund 70 Nachnis mit 40 Kindern. Die Jhumur leben in ähnlichen Verhältnissen wie sie. Diese beiden Gruppen gehören der kleinen Zahl heute lebender Tanzmädchen und Unterhalterinnen an, die hauptsächlich im Purulia Distrikt anzutreffen sind. Waren weltliche Tänzerinnen zu Zeiten der Maharajas als vornehme Kurtisanen hoch angesehen, fristen sie heute meist ein leidvolles Leben, sexuell ausgebeutet und am Existenzminimum. So überzeugte uns der Vorschlag der indischen Kolleginnen sofort, ein Projekt mit Nachnis und Jhumurs zu beginnen, das diese sozial stärken und ihre Kinder vor einem ähnlichen Schicksal bewahren soll.

Bei einer nächtlichen Aufführung hörte ich den Klagegesang dieser Jhumur-Frau (©: IH)          

Nachnis, auch Nautch[1], traten zu Zeiten der großen Maharajas an deren prunkvollen Palästen auf. Mit Poesie, Tanz, Gesang und Erotik unterhielten sie die Herrscher bis weit ins 19. Jahr­hundert. Die um 1882 einsetzende „Anti-Nautch“-Kampagne führte zur Diskreditierung der Frauen, ohne jedoch Ausbeutung und Prostitution abzuschaffen. Den „Schutz“ der Nachnis übernehmen heutzutage die so genann­ten Rashiks: Diese verheirateten Männer besitzen die Nachni als rechtlose Zweitfrau, die seinen Namen nicht erhält. Wird eine Nachni-Frau schwanger, wird sie gedrängt, abzu­treiben. Dennoch geborene Kinder werden vom Rashik nicht aner­kannt und haben kein Erbrecht. Nachnis werden als Unberühr­bare behandelt, Verstorbenen verwehrt man die Bestattungsriten. Bis 2005 konnten die Nachnis ihr Wahlrecht nicht ausüben, weil Frauen den Namen ihres Ehemannes ange­ben mussten, um einen Wahlausweis zu bekommen. Nachnis kommen meist aus niedrigkastigen Familien, in denen Hunger und extreme Armut herrschen. Die meisten sind Analpha­betinnen. Sie werden Nachnis, um mit erotisch stimulie­ren­dem Tanz und Gesang ihr Überleben zu sichern. Die Rashiks behandeln die Nachnis oft wie Objekte und wollen mit deren durchaus gut bezahlten nächtelangen Auftritten, bei denen sie sich physisch völlig verausgaben, z.B. beim Holifest oder bei Hochzeiten, Geld verdienen. Früher sang der Rashik noch selbst und spielte verschiedene Instrumente, während die Nachni tanzte – heute geht es meist nur noch ums Geld. Die Tänze­rinnen werden sogar von einem zum anderen Rashik verkauft. Im Alter fühlt sich der Rashik oft nicht mehr für sie verant­wortlich und verstößt sie. Wie ausweglos ihre Situation oft ist, wurde mir bei dem Besuch in Purulia klar. Eine Nachni-Frau weinte jämmerlich und musste von anderen Frauen gestützt werden. Schließlich wurde uns übersetzt, dass diese Frau von ihrem Rashik verlassen wurde und ihr jetzt im Alter nichts mehr bleibt. Doch USHA hat inzwischen ein Altersheim für mittellose Dorf-Künstler in Purulia eingerichtet – dort wird sie mit vielen anderen ihre letzten Lebensjahre verbringen können. Für unser Projekt haben wir eine Partnerorganisation gefun­den, die sich an die sensible Problematik herantraut und mit uns ein Projektkonzept ausgearbeitet hat. DMSC entstand 1995 in Kolkata im Rahmen eines rechtsbasierten HIV-Präventionsprogramms als Zusammenschluss von (heute über 60.000) Sexarbeiter*innen. Später entwickelte sich daraus USHA, die größte von Prostituierten betriebene Bank und Koopera­tive Asiens, mit mehr als 20.000 Mitgliedern. Die organi­sierten Prostituierten konnten gegen Probleme wie Zuhäl­te­rei, Polizeirepression, ausbeuterische Geldverleiher, Zwangs­prostitu­tion und Kinderhandel, Gewalt, Kriminali­sierung und die Verachtung in der Gesellschaft viele Verbesse­rungen – für Schutz und Stärkung, Respektierung und Gleich­stellung von Sexarbeiter*innen und deren Kindern – durchsetzen. USHA und DMSC stellen sich auch an die Seite anderer stigmatisierter Bevöl­kerungsgruppen. In Purulia helfen sie mehreren Gruppen und Kasten von Volkskunst Betreiben­den. Sie erreichten durch eine Kampagne, dass Nachnis von der Regierung von West­ben­galen 2007 offiziell als „folk artisans“ anerkannt wurden. DMSC und USHA sind für unser Projekt genau der richtige Partner.

In wenigen Tagen wird im Purulia Distrikt das erste Zentrum als Anlaufstelle für Nachnis und Jhumurs und deren Kinder eröffnet. Dort werden am Vormittag Kinder, die noch nicht zur Schule gehen, betreut und erhalten eine nahrhafte Mahlzeit. Nachmittags findet Nachhilfeunterricht für Schul­kinder statt, neben einer Reihe weiterer Maßnahmen. Unser Pilotprojekt ist eingebettet in weitere Aktivitäten: USHA hat 2007 ein Netzwerk der Volkskunst gestartet, unterstützt bei der Weiterentwicklung ihrer Kunst und ist an einem Forschungs­zentrum für die Volkskünstler Purulias beteiligt. Auch die jahrhun­dertealte Überlieferung der traditionellen Volkstanz­kunst soll wieder in ein würdiges Licht gerückt werden.


[1] siehe Internet http://chandrakantha.com/articles/tawaif/index.html THE TAWAIF, THE ANTI - NAUTCH MOVEMENT, AND THE DEVELOPMENT OF NORTH INDIAN CLASSICAL MUSIC sowie die aufschlussreiche Studie http://www.catunescomujer.org/globalnetwork/docs/Ebook2-15Dec2014.pdf – S. 140-148, „Indrer Pori“ – Nachni, a Tragedy; Global Network of UNESCO Chairs on Gender


Indienhilfe-Sommerinfo 2015

Kinderkrippenprojekt in Slums von Kolkata stellt uns vor neue Herausforderungen

(Marion Schmid)

Die Lage in den Slums ist menschenunwürdig: wenige Toi­letten, kein sauberes Trinkwasser und kaum Zugang zu medi­zinischer Versorgung. Der Gang durch eines der behelfs­mäßigen Elendsquartiere mit dichtgedrängten dunklen und stickigen Baracken, mancherorts nur aus Bambusstangen und Plastik­planen, Brutstätten für Krankheitserreger und Moskitos, hinein­gezwängt zwischen die Straßenzüge mit den stattlichen Wohn­häusern der Mittelschichtsbevölkerung im Stadtteil „Lake Gardens“ im Süden Kolkatas, lässt sich eher als Alptraum denn als Wohnsituation beschreiben. Meist lebt die ganze Familie in einem einzigen winzigen Raum. Unhygienisch,  psychisch belastend, Aggression und Missbrauch fördernd. Kinder­sterblichkeit und Analphabetismus sind hier höher als anders­wo.- Ein Hoffnungsschimmer sind unsere vier Kinderkrippen; sie bieten Obhut, eine Art „heile Welt“, hier dürfen die Kinder einfach nur „Kind sein“.

"Yasmine" Krippe direkt in das Haus der Partnerorganisation "Lake Gardens & Children Development Centre angegliedert

Foto: Indienhilfe

 

Bisher hundert Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren kommen darin unter. Erklärtes Ziel ist es, arbeitende Mütter zu entlasten und ihre Kinder zu fördern. Das Krippenprojekt unseres indischen Partners „Lake Gardens Women & Children Development Centre“ (LGWCDC) ist eines unserer Leuchtturm­projekte [1]. Vier Erzieherinnen kümmern sich pro Krippe um die Kinder, versorgen die Kleinen, spielen mit ihnen und bringen ihnen persönliche Hygiene bei. Eine regelmäßige Untersuchung durch einen Kinderarzt hilft, Krankheiten beizeiten zu behan­deln. Zur Gesundheit trägt auch eine tägliche warme und nahr­hafte Mahlzeit bei, neben der Milch am Morgen und dem Obst zwischendurch. Unterernährte Kinder werden unter ärztlicher Aufsicht aufgepäppelt. Mit Montessori-Methoden bereiten die geschulten Erzieherinnen die älteren Kinder auf eine erfolg­reiche Einschulung vor.

Die Indienhilfe ermuntert ihre Partner, Projekte an sich verän­dernde Gegebenheiten anzupassen, aus Erfolgen wie Fehl­schlägen zu lernen, Projekte mit zusätzlichen Aktivitäten sinn­voll zu ergänzen und bei Bedarf weiter auszudehnen. So wurde das „Krippen-Projekt“ von LGWCDC in der laufenden Projekt­phase 2013 bis 2016 um ein „Berufsausbildungs-Programm“ ergänzt. Die IH finanziert inzwischen fünfzig jungen Frauen und Männern, die aus den Slum-Nachbar­schaften der Krippenkinder stammen, einen Schulabschluss vorweisen und sich verpflichten, ihre ersten beiden Monats­gehälter für die Verbesserung der Lebenssituation eines Krippenkindes beizutragen, einjährige Ausbildungen: z.B. als Sekretärin oder als Mechaniker für die Reparatur von Dieselgeneratoren und Handys. Im Anschluss hilft man ihnen, einen Arbeitsplatz zu finden. Eine begehrte Chance, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen und ein eigenständiges Leben führen zu können!

Um solche Aktivitäten in der Partnerorganisation voranzu­bringen, besteht die Indienhilfe darauf, für jedes Projekt einen eigenen Projektkoordinator einzustellen. Seit November 2014 ist Aditi Kar Pal, mit Master in Soziologie und langjähriger Erfahrung mit der Arbeit zur Stärkung von Frauen, für unser Krippen-Projekt zuständig und direkte Ansprechpartnerin für uns und unser indisches Experten-Team unter Leitung von Sibani Chakraborty in Kolkata.

Der große Erfolg der vier Krippen, von denen zwei in den beiden Zentren von LGWCDC untergebracht und zwei direkt im Slum integriert sind, ließ uns die Einrichtung einer fünften Krippe in einer Slumsiedlung vorschlagen. Dadurch sollten die Mitarbeiterinnen mehr Kontakt mit den Familien haben, näher am Geschehen dran sein und bei familiären Problemen direkt eingreifen können. Nach mehrmonatiger intensiver Suche hatten die Mitarbeiterinnen von LGWCDC einen Club in einem Slum­viertel ausfindig gemacht, der sein kleines Club-Zentrum für mehrere Stunden täglich gegen Miete zur Verfügung stellen wollte. Die Einzelheiten wurden besprochen, und der Eröffnungs­termin war bereits anberaumt, als plötzlich ohne Angabe von Gründen alles zurückgenommen wurde. Die Slums haben ihre eigenen Regeln. Sie sind politisch aufgeladen und für das Team von Lake Gardens ist es nicht einfach, einen Draht zu den Club-Mitgliedern mit ihren slum-internen Machtstrukturen aufzubauen. 

Die Indienhilfe versucht jetzt nicht auf Biegen und Brechen, eine weitere Krippe durchzusetzen, vielmehr ist es wichtig, sich hier an die sensible Situation in den Slums anzupassen. Mit unserem Partner haben wir uns dazu entschlossen, in die bestehenden Krippen 120 statt 100 Kinder aufzunehmen und entsprechend mehr Erzieherinnen einzustellen, um die fehlende fünfte Krippe vorerst zu kompensieren. Wir bleiben also dran – für ein besseres Leben der Kinder, ihrer Mütter und Familien in den Slums von Kolkata.


[1] Erstmals 2014 hat die IH drei „Leuchtturm-Projekte“ mit besonders erfolgreichen innovativen Ansätzen langjähriger bewährter Partner ausgewählt, für deren Finanzierung mit einem Mindestbetrag von 2,5 Mio. Rupies jährlich für einen längeren Zeitraum die Verantwortung übernommen wird. Beispielhaft stellten wir im Sommer-Info 2014 das Projekt des IH-Partners DRCSC vor: „Grüne Kommunen“ – Widerstandskraft der ärmsten Bevölkerung gegen Auswirkungen des Klimawandels stärken

 


 

Die Indienhilfe stellt die Bedürfnisse von Kindern ins Zentrum der Projektarbeit.

Diese Jugendgruppe aus einem Slum in Kolkata übernimmt Verantwortung für ihre Umwelt: Sie nimmt sich der Bäume in einem öffentlichen Park an und schützt sie vor Abholzung.

Wir wollen…

  • dass kein Kind mehr unterernährt ist und gesunde Mütter ein förderliches Familienumfeld schaffen!
  • dass alle Kinder zur Schule gehen und kein Kind mehr arbeiten muss!
  • dass sich starke Frauen für die Dorfentwicklung einsetzen und politisch engagieren!
  • dass behinderte Kinder bestmöglich gefördert und in die Gesellschaft integriert werden!
  • dass eine ökologisch betriebene Landwirtschaft die Lebensgrundlage der Menschen, vor allem der am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffenen Menschen, langfristig sichert
     

"Unterernährung und Kinderarbeit gehören der Vergangenheit an!"
Unsere Vision für Indiens Kinder

(Sabine Dlugosch)

Besuch im Dorf Simulpur: Ausgangspunkt unseres Dorfrundgangs ist der kleine Markt an der Hauptstrasse. Zunächst wundere ich mich, warum unser Partner Atghara Sanhati Kendra dieses Dorf, das auf den ersten Blick keinen bedürftigen Eindruck erweckt, ausgewählt hat. Doch nach einer halben Stunde stehen wir in einem völlig anderen Dorfteil: Hier leben die Menschen in primitivsten Hütten, ohne sauberes Trinkwasser und Toiletten. Vor Jahrzehnten flüchteten sie aus dem heutigen Bangladesch, in der Hoffnung, in Westbengalen eine neue, bessere Existenz aufbauen zu können. Heute leben 228 der 245 Familien unterhalb der Armutsgrenze, müssen mit weniger als 1 Euro am Tag auskommen. Kinderarbeit und Unterernährung sind weit verbreitet.

Das Dorf Simulpur ist kein Einzelfall. Überall in Westbengalen und Orissa gibt es Orte, an denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Genau diese Orte suchen wir mit unseren indischen Partnern, um dort den Ärmsten der Armen, meist Angehörigen der Minderheiten Indiens1, den Zugang zu ihren Grundrechten zu  ermöglichen und für ihre Kinder Zukunftsperspektiven jenseits von Hunger und Armut zu schaffen.

Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Regierungsstellen, die für die staatlichen Entwicklungsprogramme zuständig sind, z.B. Mutter-Kind-Programme, Krankenversicherungen und Arbeitsbeschaffungsprogramme. Neue Gesetze garantieren das Recht auf Bildung für alle Kinder bis 14 Jahre und verbieten Kinderarbeit. Oft fehlt den staatlichen Stellen der Zugang zu jenen entlegenen Gebieten, in denen die Not am größten ist. Hier agieren unsere Partner als Vermittler und Kontrolleure, die den Menschen zu ihren Rechten verhelfen und sie bei den Formalitäten unterstützen. Gleichzeitig überwachen sie die korrekte Umsetzung der staatlichen Programme und machen Missstände öffentlich. So vervielfacht sich der Einsatz unserer Mittel für das Wohl der Kinder!

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Indienhilfe-Herbstinfo 2013:

Die Indienhilfe-Projekte 2013-14 im Überblick

(Sabine Jeschke)

  „Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern von 0 bis 18 Jahren in besonders armen und abgelegenen Dorfteilen“ - so lautet das oberste Ziel aller von der Indienhilfe unterstützten Projekte. Doch wie wollen wir dieses Ziel erreichen, in welchen Gebieten sind wir tätig und wer sind unsere Projektpartner vor Ort? Nachdem wir in den vergangenen Jahren immer wieder einzelne Projekte und besondere Projektaktivitäten ausführlich dargestellt haben, möchten wir diesmal einen Überblick über die Vielfalt unserer Projekte geben.

Kinderzentrierte Dorfentwicklung

Den Projektansatz der kinderzentrierten Dorfentwicklung („Child Centred Development“) verfolgen wir mit drei Projektpartnern in drei verschiedenen Distrikten Westbengalens und Orissas. Im Zentrum aller Projektaktivitäten stehen hierbei die Bereiche Bildung, Gesundheit, Ernährung und Rechte, die zu einer ganzheitlichen und umfassenden Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern beitragen sollen. Neben der Durchführung eigener Aktivitäten (z.B. Nachhilfe-Unterricht, Unterstützung bei der Anlage von Gemüsegärten etc.) zielt der Projektansatz vor allem darauf ab, die staatlichen Regierungsprogramme und Maßnahmen zu unterstützen und den Dorfbewohnern dabei zu helfen, die ihnen zustehenden Hilfsleistungen bekommen und ihre Rechte durchsetzen zu können, von denen sie oft nichts wissen.

So sorgen die Projektmitarbeiter dafür, dass alle Kinder im Dorf in den staatlichen Institutionen aufgenommen werden und diese auch wirklich besuchen, anstatt eigene Einrichtungen (wie Kindergärten, Schulen) einzurichten. Um die Kinder rechtzeitig auf den Schulbeginn hinzuweisen, haben sie den „Walking School Bus“ eingerichtet: ein Mitarbeiter läuft mit einer Trillerpfeife durchs Dorf, um die Kinder einzusammeln und gemeinsam zur Schule zu gehen - so konnte in den meisten Dörfern die Zahl der Schulschwänzer reduziert werden. In enger Zusammenarbeit mit den Lehrkräften werden die Schüler identifiziert, die besonders von einem vorzeitigen Schulabbruch gefährdet sind - sei es, weil ihre schulischen Leistungen so schlecht sind oder die Eltern das Kind lieber bei der Arbeit als in der Schule sehen würden. Diese Kinder betreuen die Mitarbeiter im Rahmen des Nachhilfeunterrichts besonders.

Im Bereich Gesundheit und Ernährung ist die Zusammenarbeit mit den lokalen staatlichen ICDS-Zentren [1]besonders wichtig. Die Aufgaben der Zentren reichen von der Betreuung der schwangeren Frauen und Mütter (Vorsorge, Abgabe von Eisen und Vitaminen) über die Kontrolle der Entwicklung der Kinder bis sechs Jahren (Größe, Gewicht, Ernährungszustand) bis zum Vorschulunterricht. Doch die Ausbildung der oft sehr jungen Regierungsangestellten für diese vielfältigen Aufgaben ist in den meisten Fällen ungenügend, so dass sie gerne die Unterstützung der Projektmitarbeiter annehmen, die auf unterschiedliche Fachgebiete spezialisiert sind. Mit den staatlichen Stellen verhandeln die Mitarbeiter, damit auch in den abgelegensten Dörfern ICDS-Zentren und Schulen eröffnet werden. Dies ist ein langwieriger, aber lohnender Prozess: Auf Initiative des Teams von ASK (s. unten) stellt die Regierung mittlerweile in dem Weiler Farmania die Mitarbeiterinnen und Materialien für ein ICDS-Zentrum zur Verfügung, das in einem von der Indienhilfe vor einigen Jahren finanzierten Gebäude untergebracht ist.

Die indische Regierung hat eine Vielzahl an Programmen zur Armutsbekämpfung auf den Weg gebracht, doch oft scheitert die Umsetzung auf dörflicher Ebene an Personalmangel und fehlendem Wissen bei der Dorfbevölkerung, welche Unterstützung sie unter welchen Voraussetzungen wie und wo beantragen können. Hier übernehmen die Projektmitarbeiter eine Vermittlerrolle, indem sie den Dorfbewohnern die notwendigen Informationen geben und sie bei der Antragstellung begleiten. So konnten schon viele Frauen-Selbsthilfegruppen mit Hilfe der Projektmitarbeiter das „100-Tage-Arbeit-Programm“[2] nutzen, das Familien unterhalb der Armutsgrenze 100 Tage Arbeit pro Jahr zum staatlichen Mindestlohn garantiert. Da diese Arbeitstage für Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Straßenbau, Brunnenbau) eingesetzt werden müssen, profitiert das ganze Dorf von diesen Maßnahmen. Nach einer mehrtägigen Schulung ausgewählter Projektmitarbeiter sollen nun von Dorfbevölkerung und Gemeindeverwaltung gemeinsam sog. „Micro-Plans“ erarbeitet werden, d.h. Dorfentwicklungspläne, deren Durchführung mit staatlichen Geldern finanziert wird.

Momentan arbeiten drei unserer ältesten Projektpartner mit dem Konzept der kinderzentrierten Dorfentwicklung: Atghara Sanhati Kendra (ASK, ehemals SEVA-Vikas Kendra) im North-24-Parganas Distrikt (Westbengalen), Seva Kendra Calcutta/Kharagpur im West Midnapur Distrikt (Westbengalen) und Society for Health, Education and Development (SHED) im Dasmantpur Block (Orissa).

Kampf gegen Kinderarbeit

“Kinderarbeit bekämpfen - Kinderrechte einfordern” - so lautet das Motto unserer Aktivitäten gegen Kinderarbeit. Neben dem Einsatz für Kinderrechte im Rahmen ihrer Projekte arbeiten alle unsere Partner im „Indienhilfe Netzwerk gegen Kinderarbeit“ (IHNACL) zusammen, um bei weiten Teilen der indischen Bevölkerung - arm oder reich, Stadt oder Land - ein Bewusstsein für das Problem der Kinderarbeit zu wecken und sie dazu aufzurufen, sich für Kinderrechte einzusetzen, indem sie z.B. nicht in Läden einkaufen, in denen Kinder beschäftigt werden oder gar selbst Kinder als Haushaltshilfen o.ä. einstellen. Zu den Aktivitäten des Netzwerks gehören beispielsweise die Verteilung von Kalendern mit Zeichnungen von Kindern zum Thema „Kinderarbeit“ und Auszügen aus den entsprechenden Gesetzestexten oder das Anbringen von Infotafeln an Schulen in den Projektgebieten, auf denen Kinder ihre Zeichnungen, Texte oder Zeitungsausschnitte zum Thema aufhängen können. Seit letztem Jahr finden jährlich auf Distriktebene die Kinderfeste „Shishu Mela“ statt, die ein buntes Programm aus Information und Unterhaltung bieten: Verschiedene Organisationen und staatliche Stellen, die sich für Kinderrechte einsetzen, informieren über ihre Arbeit, z.B. die Child Help Line, deren Nummer zwar jedes Kind in der Schule auswendig lernen muss, aber von der die wenigsten Kinder wissen, wann und warum sie dort anrufen können. Gleichzeitig gibt es Spielecken sowie kulturelle und sportliche Wettbewerbe, um gerade für Kinder, die wenig Zeit für Spiel und Freizeit haben, eine Gelegenheit zu schaffen, ihre Kindheit für einen Tag unbeschwert genießen zu können.

Das Modell „Kinderarbeitsfreie Gebiete“ nach dem Konzept der südindischen Organisation MV Foundation, die damit in Andhra Pradesh erfolgreich Kinderarbeit bekämpft, verfolgen zwei unserer Projektpartner schwerpunktmäßig: Seva Kendra Calcutta in zwei Kommunen im North-24-Parganas Distrikt (Westbengalen) und SHED in den 48 Slums von Rayagada Stadt (Orissa). Ziel ist es, durch umfassende Maßnahmen, die die ganze Gemeinschaft einbeziehen, Kinderarbeit flächendeckend abzuschaffen. Zunächst identifizieren die Projektmitarbeiter alle Kinder, die nicht zur Schule gehen, und entwickeln ein individuelles Konzept mit der Familie, wie das Kind wieder in die Schule (re-)integriert werden kann. Fehlt das Kind erst seit wenigen Tagen, kann es mit etwas Motivationsarbeit relativ schnell wieder in seine ursprüngliche Klasse zurückkehren. Schwieriger ist es bei Kindern, die seit längerer Zeit die Schule abgebrochen haben und ihre „Freiheit“ genießen, die oft mit Drogenkonsum und kriminellen Aktivitäten verbunden ist. Für diese Kinder steht eine Brückenschule („STAG-Center“) zur Verfügung, in der sie für etwa ein Jahr untergebracht und auf die altersgemäße Wiedereinschulung vorbereitet werden. Neben der direkten Arbeit mit den Kindern ist die Einbeziehung der kommunalen Stellen und der Dorfgemeinschaft zentral, um das Bewusstsein zu schaffen, dass Kinderarbeit illegal ist und jedes Kind Rechte hat (z.B. Schulbesuch, Spielen, gewaltfreie Erziehung). Neben der Durchführung öffentlichkeitswirksamer Aktionen, wie Demonstrationen gegen Kinderarbeit, Plakate und Wandaufschriften zu Kinderrechten oder die Verleihung eines „Negativ-Ordens“ an Arbeitgeber, die Kinderarbeiter beschäftigen, organisieren die Projektmitarbeiter die Dorfbevölkerung in Kinderrechts-Komitees, denen möglichst auch Vertreter von Gemeinderat und -verwaltung angehören sollen. Diese Komitees werden intensiv geschult und dienen der restlichen Dorfbevölkerung als Ansprechpartner, wenn sie Kinderrechtsverletzungen beobachten. Im gesamten Gebiet soll es eine Selbstverständlichkeit sein, dass alle Kinder zur Schule gehen und nicht arbeiten müssen, denn zahlreiche Studien belegen, dass Kinderarbeit kein Problem der Armut ist, sondern eine Frage der Aufklärung und des Bewusstseins, da der Verdienst nur marginal zum Familieneinkommen beiträgt.

Auch die jugendlichen Kinderrechtsgruppen, die unser Projektpartner Thoughtshop Foundation (TSF) ausbildet, sind Teil der Kampagne gegen Kinderarbeit. Im Rahmen ihrer Schulung zu Kinderrechtsexperten lernten die Jugendlichen der sog. „Youth Action Groups“, welche Kinderrechte es gibt und an welche Stellen sie sich wenden müssen, wenn sie Kinderrechtsverletzungen feststellen. Gleichzeitig bekamen sie speziell entwickelte Materialien an die Hand, die sie zur Sensibilisierung der Dorfbevölkerung einsetzen können. Da die Jugendlichen in ihren eigenen Heimatdörfern aktiv sind und unabhängig von unseren Projektpartnern, die oft von außerhalb kommen, agieren, haben sie einen besseren und direkteren Zugang zu den Menschen, und auch für Kinder ist es meist einfacher, sich bei Problemen an Jugendliche zu wenden als an Erwachsene.

Behindertenarbeit im Bankura-Distrikt (Westbengalen)

Besonderes Augenmerk legt unser Partner Bikash auf die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. In sechs dörflichen Zentren sowie im Sonderpädagogischen Zentrum mit Kurzzeitpflegeplätzen im Projektzentrum von Bikash sorgen die gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür, dass die Menschen mit Behinderung bestmöglich gefördert und in ihrer Selbständigkeit unterstützt werden. Bei den regelmäßig stattfindenden Hausbesuchen erhalten die Eltern Hilfestellung und Anleitung, wie sie ihre Kinder auch zu Hause unterstützen und wie sie staatliche Zuschüsse für notwendige Hilfsmittel (z.B. Brillen, Hörgeräte, Rollstühle etc.) bekommen können, für die meist zunächst die Beantragung eines Behindertenausweises notwendig ist.

Seit 2005 arbeiten wir mit Bikash zusammen. Damals gab es noch keine staatliche Förderung für die Behindertenarbeit in Bankura. Nun haben staatliche Stellen die Finanzierung des Sonderpädagogischen Zentrums und des Kurzzeitpflegeheims übernommen und Bikash hat andere Finanzierungsmöglichkeiten für die dörfliche Behindertenarbeit, so dass wir die Zusammenarbeit nach einer halbjährigen Übergangsphase Ende September 2013 beenden und das Projekt „in die Selbständigkeit“ entlassen konnten. Der Arbeit mit Behinderten soll aber weiterhin besonderes Augenmerk gelten und wir werden einen neuen Partner für gemeinsame Projekte im Raum Kalkutta suchen.

Krippen für Kinder arbeitender Mütter in Kalkutta-Slums

Um die Kleinsten kümmert sich unser Partner Lake Gardens Women & Children Development Center. Bisher wurden in den beiden Kinderkrippen 50 Kleinkinder von 0 bis 6 Jahren aus den umliegenden Slums betreut. In diesem Jahr haben wir zwei weitere Krippen eröffnet, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Während die beiden „alten“ Krippen weiterhin im Projektzentrum fortgeführt werden, befinden sich die neuen Krippen direkt in den Slums, in denen die Kinder leben. Gemeinsam mit den Eltern wurden geeignete Örtlichkeiten identifiziert, z.B. die Räume eines Jugendclubs, die für den Betrieb der Krippen renoviert und leicht umgebaut werden mussten. Durch die Nähe zum Wohnort der Kinder können die Krippenbetreuerinnen einen engeren Kontakt zu den Familien aufbauen, um familiäre Probleme, z.B. Krankheiten, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Missbrauch, schneller erkennen und entsprechend handeln zu können. Auch alltägliche Tipps zum Umgang mit den Kindern lassen sich durch die unmittelbare Nähe der Krippe schneller austauschen.

Neben der Kinderbetreuung werden für interessierte Mütter Berufsausbildungskurse gefördert, um das Familieneinkommen zu verbessern. Dabei arbeitet Lake Gardens mit anerkannten staatlichen Instituten zusammen, die sich auf die Aus- und Fortbildung sozial schwacher Bevölkerungsschichten spezialisiert haben und im Anschluss bei der Arbeitsplatzsuche behilflich sind. Voraussetzung für die Aufnahme in das Ausbildungsprogramm ist die schriftliche Selbstverpflichtung, die ersten beiden Monatsgehälter ausschließlich zu Gunsten des Kindes (z.B. notwendiges Schulmaterial) oder die Verbesserung der Wohnsituation der Familie (z.B. sauberes Trinkwasser durch Wasserfilter, Ausbau/Renovierung der Unterkunft, Einrichtung von Toilette etc.) zu verwenden. So sollen die Kleinkinder nicht nur während der Krippenzeiten optimal versorgt sein, sondern auch eine dauerhafte Verbesserung in ihren alltäglichen Lebensbedingungen erfahren.

Gesundheitsversorgung mit indigenen Heilpflanzen der Adivasi

Auf die Bewahrung und Kultivierung traditioneller Adivasi-Heilpflanzen hat sich unser Partner Ektagram Vikas Samiti (EVS) spezialisiert. In jahrelanger Forschungsarbeit haben Sibani Mallick und Kannailal Maity die Heilmethoden und -pflanzen der Adivasi im West-Midnapur-Distrikt dokumentiert und in ihrer kleinen Gesundheitsstation sowie bei mobilen Sprechstunden tausende Adivasi damit behandelt, wobei sie vor allem bei chronischen Krankheiten, Lepra und Tuberkulose Erfolge erzielen konnten. Neben der Gesundheitsarbeit hat EVS seine Aktivitäten in den letzten Jahren auf 22 Dörfer rund um das Projektzentrum ausgeweitet. Dort sorgen die Mitarbeiter dafür, dass alle Kinder eingeschult werden und regelmäßig den Unterricht besuchen. Für die notwendige Hausaufgabenbetreuung stehen die dörflichen Nachhilfezentren zur Verfügung. Gleichzeitig wird eng mit den Familien gearbeitet und die Frauen haben sich zu Selbsthilfe-Gruppen (SHGs) zusammengeschlossen, um durch gemeinsames Sparen, gemeinsame Kredite und gemeinsame Aktivitäten das Familieneinkommen und die Lebensbedingungen in ihren Dörfern zu verbessern.

Im Juni dieses Jahres traf die Organisation ein schwerer Schlag: Projektgründerin und -leiterin Sibani Mallick verstarb völlig unerwartet an einer schweren Lungenerkrankung. Erschwert wird die Situation zusätzlich durch die schwere Erkrankung von Kannailal Maity, der immer wieder für längere Krankenhausaufenthalte nach Kalkutta muss. Das gut ausgebildete und sehr engagierte Projektteam, das überwiegend aus jungen Männern und Frauen aus den benachbarten Dörfern besteht, führt nun die Projektaktivitäten in eigener Regie fort, allerdings fehlt es ihnen an Erfahrung mit der Führung einer Organisation. Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen vom Indienhilfe-Büro in Kalkutta sind wir nun dabei, mit dem Team von EVS Möglichkeiten auszuarbeiten, wie sie die Stabilität ihrer Organisation sicherstellen und EVS im Sinne von Sibani Mallick weiterführen können.

Nachhaltige Landwirtschaft und Anpassung an den Klimawandel in den Sunderbans

Den Schwerpunkt auf nachhaltige Landwirtschaft legt unser Partner Development Research Communication and Services Centre (DRCSC) im Rahmen des Klimaprojekts im Dorf Pergumti in den Sunderbans. Im Jahr 2009 war das abgelegene Dorf von dem Zyklon Aila schwer getroffen worden, fast alle Familien verloren ihre Häuser, die Trinkwasserquellen waren verunreinigt und die Böden so versalzen, dass die landwirtschaftliche Nutzung für viele Jahre unmöglich schien. Doch den Mitarbeitern von DRCSC gelang es, mit den Dorfbewohnern Methoden zu erarbeiten, wie sie trotz der schwierigen Bedingungen Landwirtschaft zur Eigenversorgung betreiben können. Versuche mit verschiedenen indigenen Reissorten zeigten, welche Sorten auch in dem salzhaltigen Boden erfolgreich angebaut werden können, und der Anbau von Gemüse in Plastiksäcken ermöglicht Familien mit wenig Platz die Versorgung mit frischem Gemüse. Besonders innovativ ist das „Integrated Farming System“, das bisher bei 41 Familien umgesetzt ist und in diesem Jahr mit 10 weiteren Familien begonnen werden soll. Ziel dabei ist es, die landwirtschaftliche Produktion auf den winzigen Anbauflächen so zu diversifizieren, dass die Ernte gesichert ist und den Familien eine ausgewogene Ernährung ermöglicht. Dabei wird die zur Verfügung stehende Fläche auf verschiedenen Ebenen möglichst intensiv sowohl zur Nutztierhaltung als auch zum Gemüse- und Reisanbau genutzt. Über den Teich mit z.B. Fischen, Enten, Garnelen, Krebsen werden mit Hilfe eines Bambusgestells Rankpflanzen wie Kürbisse, Erbsen oder Bohnen und an den Dämmen zur Uferbefestigung früchtetragende Bäume angepflanzt. Der Rest der Fläche steht für den Anbau weiterer Nutzpflanzen, aber auch zur Produktion von Kompost oder für das Sammeln von Regenwasser zur Verfügung. Die ausgeklügelte Kombination von Pflanzen und Nutztieren sorgt für einen möglichst geschlossenen Nährstoffkreislauf und beugt Schädlingsbefall vor. Zunächst bekommen die teilnehmenden Bauern die notwendigen Samen und Setzlinge zur Verfügung gestellt, aber gleichzeitig lernen sie im Rahmen von Schulungen, wie sie diese später selbst ziehen können, um unabhängig zu werden.

Aber auch bei den landwirtschaftlichen Aktivitäten anderer Partner, z.B. der Anlage von Küchen- und Schulgärten zur Eigenversorgung mit Obst und Gemüse, legen wir Wert darauf, dass diese mit nachhaltigen Methoden und ohne Einsatz von synthetischem Dünger, Pestiziden und anderen schädlichen Stoffen erfolgen.

So unterschiedlich die Ansätze und Schwerpunkte der Projekte sind, sie zielen alle darauf ab, allen Kindern Lebensperspektiven zu geben, die über die Armut hinausgehen. Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende - insgesamt benötigen wir in diesem Jahr über 310.000 Euro, um alle geplanten Aktivitäten umsetzen zu können!




[1] Integrated Child Development Services

[2] National Rural Employment Guarantee Act


Indienhilfe-Sommerinfo 2013:

Gewalt gegen Kinder - ein alltägliches Thema in Indien
Indienhilfe arbeitet an Kinderschutz-Konzeption

(Dr. phil. Sandra Dlugosch)

Sandra Dlugosch im Gespräch mit Kindern in einem Tuition-Centre im West-Midnapur-Distrikt      Foto: IH

Fast täglich finden wir furchtbare Meldungen über Gewalt und sexuellen Missbrauch von Kindern in Indien in unseren Zeitungen. Sicher kein neues Thema, aber eine neue Aufmerksamkeit, die Medien schauen hin und thematisieren, was vorher stark tabuisiert war. Neben dem Thema Kinderarbeit, dem sich die Indienhilfe bereits seit Jahren widmet, ist Gewalt gegen Kinder der zweite Punkt des Kinderrechtes „auf Schutz vor Ausbeutung und Gewalt“.

Um dieses Thema auch in der Arbeit der Indienhilfe systematisch zu verankern, haben wir zunächst eine Kinderschutz-Policy verabschiedet, eine AG Kinderschutz gegründet und erste Instrumente in Deutschland umgesetzt. So geben alle Hauptamtlichen, wie auch in der Kinder- und Jugendhilfe üblich, ein erweitertes Führungszeugnis ab, und alle Indienreisenden unterschreiben einen Verhaltenskodex als Selbstverpflichtung, sich an die Regeln des Kinderschutzes zu halten, Auffälligkeiten wahrzunehmen und angemessen zu thematisieren.

Nach diesem ersten Schritt war es wichtig, das Thema im Rahmen einer Projektreise (wie immer bei der IH auf eigene Kosten) und eines Workshops von Deutschland nach Indien zu transportieren, was ich dieses Jahr im Januar umsetzen konnte, und von der ich Ihnen hier in kurzen Schlaglichtern berichten möchte1). Kinderschutz hat viele Facetten, zwei davon möchte ich hier thematisieren: strukturelle und ganz praktische Anforderungen an unsere Projekte als Grundlage jeden Kinderschutzes, und Sensibilisierung, Enttabuisierung und Fortbildung als wichtigstes Element der Prävention, denn nur eine Kultur des Hinschauens kann Kinder und Jugendliche vor Gewalt schützen.

Ein Beispiel für strukturelle Aspekte des Kinderschutzes machte mein Besuch des STAG-Centers2) deutlich: Hier fängt Kinderschutz bereits mit dem Bau eines Zaunes an. Das klingt zunächst erstaunlich, die Erklärung ist jedoch so einfach wie bedeutend: Das Center liegt auf einem großen freien Gelände am Rande eines Dorfes und ist durch nichts abgegrenzt, die Schule selbst ist lediglich durch ein Gittertor verschließbar. Die Dorfbewohner überqueren das Gelände häufig, Straßenhunde sind Tag und Nacht nahe der Schule unterwegs. Und ein kleines leerstehendes Gebäude, ca. 200 m von der Schule entfernt, ist zum Treffpunkt von Jugendlichen und abends auch einer Gruppe von Männern geworden. Dazu kommt, dass einige Teile des Geländes von Nachbarn als öffentliche Toilette benutzt werden. In meinen Gesprächen mit den Kindern war das immer wieder Thema: Sie können nicht im Freien spielen und fürchten sich vor den Hunden, aber vor allem haben sie Angst vor den häufig stark betrunkenen Männern, die am Abend vor der Schule sitzen. Neben den Fragen der Hygiene und des Schutzes vor Straßenhunden ist die Frage des Schutzes vor Gewalt enorm groß. Bei den Kindern im Center handelt es sich um besonders verletzliche Kinder, die bereits vielfältige Erfahrungen von Gewalt, Ausbeutung und/oder Vernachlässigung machen mussten und damit - wie uns zahlreiche Forschungen bestätigen - besonders gefährdet sind, erneut Opfer von Gewalt zu werden.

Sehr aufschlussreich waren für mich bei meinen Besuchen einzelner Projekte die Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über ihre Wahrnehmung von Gewalt gegen Kinder, ihre Interventionsmöglichkeiten, aber auch Grenzen, und ihr Wissen über Formen und Dynamiken von Gewalt. Häufig war die erste Antwort auf meine Fragen, dass Gewalt gegen Kinder sehr selten und die Armut der Bevölkerung das vorrangige Problem sei. Auch sei in vielen Gegenden der familiäre und dörfliche Zusammenhalt so groß, dass Täter keine Chance hätten, sexuelle Gewalt sei eine Problematik Neu-Delhis. Aus diesem Grund waren die mir vorliegenden aktuellen Forschungsergebnisse direkt aus Indien ein Schwerpunkt des vom Indienhilfe Kolkata Team organisierten und von mir durchgeführten zweitägigen Workshops in Kalkutta. Die Zahlen belegen eindrucksvoll die Allgegenwart von Gewalt gegen Kinder: Zwei von drei Kindern in Indien erleben körperliche Gewalt, 54% sexuellen Missbrauch und 65% der Kinder berichten von körperlicher Züchtigung im Unterricht. Straßenkinder, Kinderarbeiter und Kinder, die einen großen Teil ihrer Zeit in Institutionen verbringen, sind besonders stark von Gewalt betroffen. Westbengalen liegt im Vergleich der Bundesstaaten im oberen Mittelfeld.3)

Gruppendiskussion zum Thema Partizipation im Workshop zur Kinderschutzkonzeption    Foto: IH

Die Diskussion mit den Projektpartnern über Gewalt, Formen von Gewalt, Vorkommen und vor allem auch Auswirkungen auf Kinder war lebhaft und intensiv. Viele MitarbeiterInnen meldeten nach dem Workshop oder nach den Diskussionen in den Projekten zurück, ins Nachdenken gekommen zu sein, das Thema weiter verfolgen zu wollen und erkannt zu haben, dass es nicht sein kann, dass es keine Gewalt in ihren Dörfern gibt.

Insbesondere die Auseinandersetzung mit Auswirkungen und Symptomen von Gewalt stellte die immer noch weit verbreitete Meinung, Erziehung käme nicht ohne körperliche Strafen aus, in Frage. Es war erstaunlich und wunderbar zugleich, in den Diskussionen zu sehen, wie sich der Blick auf die noch angenommene Notwendigkeit der Bestrafung veränderte und einem zunehmenden Verständnis der Kinder wich. Insbesondere in den Schulen traf ich immer wieder auf Lehrer, die mich intensiv dazu befragten, warum ich so strikt gegen Gewalt in der Erziehung sei und was ich an Alternativen kenne, wie Kinder auf den richtigen Weg geführt werden könnten, ohne sie körperlich zu züchtigen. Erklärungen über Folgen von Gewalt, die Schwierigkeiten in der Umstellung, und die Unterscheidung in Strafen und (sinnvolle bzw. nicht demütigende und verletzende) Konsequenzen schienen bei einigen Lehrern großes Interesse und aktives Nachdenken zu wecken.

In den Projekten selbst waren die Diskussionen bereits weiter fortgeschritten und ein großer Bedarf an Fortbildung zu Themen wie Verhaltensauffälligkeiten, Umgang damit, Dynamiken von Gewalt, Intervention und Prävention wurde sichtbar. Ein Anfang ist gemacht, ein erster Schritt zur Sensibilisierung erfolgreich getan. Kinderschutz ist jedoch nicht mit einer guten Policy erledigt, es geht nicht um ein Papier, sondern es braucht eine offene Haltung, eine Kultur des Hinschauens. Und dafür braucht es Wissen, Fortbildung und Vernetzung. Je mehr wir über Gewalt und ihre Dynamiken wissen, umso klarer wird, welche Auswirkungen sie auf Kinder hat, und wie wichtig es ist, einzugreifen. Sensibilisierung und Information führen zu mehr Sicherheit im Umgang mit Gewalt und machen es möglich, hinzusehen, weil es eine Idee davon gibt, wie damit umgegangen werden kann. Und das ist eine direkte Investition in den Schutz von Kindern - ebenso wie es ein Zaun im Falle des STAG Center ist.

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1) Ich selbst bin Sozialpädagogin, Gestalt- und Traumatherapeutin und arbeite seit Jahren mit Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Gewalt wurden, und in der Beratung von Fachkräften zu Intervention und Prävention sexueller und häuslicher Gewalt. Seit 2011 leite ich die AG Kinderschutz der Indienhilfe und stehe seit 2012 der IH als Beirätin für dieses Thema zur Verfügung.

2) Brückenschule für die Rehabilitation langjähriger Kinderarbeiter

3) Ministry of Women and Child Development: Study on Child Abuse: India 2007; Save the Children and Tulir, 2006: Abuse Among Child Domestic Workers etc.

Bereits vor Sandra Dlugoschs ehrenamtlichem Einsatz als Expertin hat die Indienhilfe Vertreter aller Partner-Organisationen zu einer von der Kindernothilfe und der Karl Kübel Stiftung organisierten systematischen Fortbildung in Indien zum Thema Kinderschutz geschickt, die fortgesetzt wird. Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, sowohl „einen Zaun zu bauen“, also konkrete Maßnahmen zum Kinderschutz durchzuführen, als auch das Wissen und die Diskussion um Gewalt gegen Kinder aufrecht zu erhalten, die Sensibilisierung voranzutreiben, eine Kultur des Hinschauens zu entwickeln und so möglichst viele Kinder in Indien vor Gewalt zu schützen. Spendenstichwort: Kinderschutz


Indienhilfe-Herbstinfo 2012:

Die Kreise schließen sich - Babais Geschichte
(Elisabeth Kreuz)

Babai heute (links)  Foto: Shikshamitra

Beim Aufenthalt von Sibani Chakraborty, Leiterin des Kalkutta-Büros der Indienhilfe, im September dieses Jahres in Herrsching kam die Idee auf, von Kindern in unseren Projektgebieten 1000 Karten malen zu lassen, die jetzt in der Vorweihnachtszeit für Spenden ab 5 Euro verschenkt werden. Die Bildchen, die völlig frei gestaltet werden durften, wurden auf Karten aus handgeschöpftem Papier aus Recyclingmaterial geklebt. Für das Bedrucken dieser Karten auf der Rückseite mit einem kurzen erklärenden Text wählte Sibani ganz selbstverständlich eine soziale Einrichtung, die Tomorrow's Foundation, aus - eine Stiftung in Kalkutta, die handwerkliche Ausbildung für Kinder aus schwierigen Verhältnissen anbietet.

Kurz darauf erhielten wir einen Brief von Sudeshna Sinha, der Leiterin von Shikshamitra, einer Pilotschule für Slumkinder, die von der Indienhilfe finanziert wurde, bis die Kinder auf Grund der neuen Gesetzgebung regulär eingeschult werden mussten. Shikshamitra ist weiter aktiv - das Team entwickelt alternative Lehr- und Lernmaterialien und führt Lehrerfortbildungen durch. Sudeshna schreibt:

„Babai kam 2005 im Alter von zehn Jahren zu Shikshamitra. Er war gut im Malen und Rechnen, weniger in Sprachen. Seine Mutter war herzkrank und konnte kaum die Hausarbeiten erledigen, sein Vater kümmerte sich nicht um die Familie. Babai sorgte für die Mutter und seine kleine Schwester, kaufte ein, kochte, wusch. 2009 starb seine Mutter, und Babai kam kaum noch zum Unterricht, weil er für alles allein verantwortlich war. Shikshamitra organisierte dann für ihn eine einjährige Lehre in der Druckereiabteilung der Tomorrow's Foundation. 2011 nahm er den angebotenen Job dort nicht an, sondern arbeitete in dem Fleischerladen eines Verwandten, der seiner Familie viel Geld geliehen hatte. Die Druckereiabteilung der Tomorrow's Foundation lief so gut, dass sie als nicht gewinnorientierter Betrieb separat registriert werden sollte. Sie brauchten dafür dringend Babai als Mitarbeiter, und überredeten ihn, wieder mitzumachen, und Babai entschloss sich, seiner künstlerischen Begabung zu folgen. Nebenbei bemüht er sich jetzt sogar noch um den Abschluss der 10. Klasse über das ‚Open School Exam'.

Kürzlich fragte die Indienhilfe an, ob Ex-Schüler von Shikshamitra 200 Karten gestalten könnten. Unter anderen wurde Babai deswegen kontaktiert - er kam mit dem Fahrrad vorbei, um zu sagen, dass er keine Zeit habe. Aber er wollte einen Blick auf die vorgedruckten Karten werfen - kaum hatte er die blaue Schrift und das Durga-Logo gesehen, sagte er strahlend und voller Stolz: ‚Ich habe die gesamte Order bei der Tomorrow's Foundation selbst gedruckt!'

Danke, Indienhilfe, Tomorrow's Foundation, Maura Hurley (unsere Kunstlehrerin) und alle, die Babai seit 2005 zur Seite gestanden sind.“

Die Karten liegen bei der Indienhilfe aus und dürfen bei entsprechenden Spenden als kleines Dankeschön mitgenommen werden. Es sind ganz unterschiedliche Motive, auch abstrakt - keine Weihnachtskarten. Nutzen Sie unseren Weihnachtsverkauf und Basar im Weltladen ab Freitag, den 30. November täglich außer Sonntag, von 9-18 Uhr, zu einem Besuch bei der Indienhilfe!


Aus dem Indienhilfe-Sommerinfo 2012:

Shishu Mela - die Kindheit feiern

(Elisabeth Kreuz)

 

Kindheit - Momente unbeschwerter Lebensfreude und der Lust am Dasein. Neugier auf die Welt, sich messen mit anderen, in der Geborgenheit liebevoll zugewandter wertschätzender Erwachsener. Etwas, das vielen Kindern in Indien kaum zuteil wird, die in Familien am Rande des Existenzminimums hineingeboren werden 1), wo Überlebenskampf herrscht von Anfang an, wo viele Kinder die ersten fünf Lebensjahre nicht überleben, wo Kinder hungrig aufwachen und hungrig zu Bett gehen. Wo es Kindheit als eigene Lebensphase nicht zu geben scheint, schon kleinste Kinder harte oder monotone Arbeit leisten müssen sowie häufig Misshandlung und Missbrauch ausgesetzt sind.

Das muss, das darf so nicht bleiben! Im Rahmen des Indienhilfe-Netzwerks gegen Kinderarbeit, das wir 2005 initiiert haben, arbeiten alle unsere Projektpartner an einer fundamentalen Veränderung der indischen Gesellschaft mit. Ihr Ziel ist die Durchsetzung der weltweiten Kinderrechte, zu denen sich auch der indische Staat verpflichtet hat, und die flächendeckende Ächtung jeglicher Form von Kinderarbeit in ihren Projektgebieten in Westbengalen und Orissa 2).

Die Netzwerk-Aktivitäten werden von Sibani Chakraborty, der Leiterin des Indienhilfe-Büros in Kalkutta, koordiniert. Das Los der „Kinder ohne Kindheit“ zu ändern ist ihr ein Herzensanliegen; ohne ihre motivierende und inspirierende Kraft, ohne ihre innovativen Ideen bei gleichzeitiger Professionalität hätte sich bis heute nicht so viel bewegt. Mit langem Atem, unermüdlich und sehr systematisch schiebt sie die Partner an. Denn die erste Hürde war es tatsächlich, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisationen vom Mythos abzubringen, dass Kinderarbeit eine unvermeidbare Folge von Armut ist, gegen die sich nicht wirklich etwas tun lässt!

Fortbildungen durch Rechtsanwälte vom Human Rights Law Network Kolkata, Sensibilisierungsmaßnahmen wie Wandkalender in Schulen, Rathäusern, Amtsstuben, Kirchen, Tempeln und Moscheen mit Infos, Gesetzestexten und Zeichnungen zu Kinderarbeit, öffentliche Anschlagtafeln für Informationen und Beiträge von Schülern, der Aufbau und die Begleitung eines Netzwerkes von „Youth Action Groups“ - Jugendaktionsgruppen, die sich eigenständig für die Durchsetzung der Kinderrechte in ihrem Distrikt engagieren, das Modellprojekt für drei kinderarbeitsfreie Kommunen im North-24-Parganas Distrikt bei Kalkutta und im Rayagada Distrikt in Orissa mit Aufklärungskampagnen in den Dörfern sowie Brückenschulen für die Rehabilitation älterer Kinderarbeiter - all das sind Bausteine unserer Netzwerk-Arbeit.

Ein weiterer Baustein ist die Durchführung von Shishu Melas, Kinderfesten auf Distriktebene, durch alle unsere Partner. Erstmals fanden sie in den ersten Monaten dieses Jahres statt und sollen zum jährlichen Ereignis werden. Alle Partner hatten aus unserem Etat für das IH-Netzwerk gegen Kinderarbeit ein Budget von 10.000 Rupien, ca. 170 Euro, für die Durchführung zur Verfügung, ein Betrag, den sie durch vor Ort eingeworbene Mittel und Beiträge der Teilnehmer aufstockten. In allen Distrikten wurden einheitliche Siegerurkunden, Anstecknadeln für die Teilnehmer, Banner mit dem Netzwerk-Slogan „Combat Child Labour, Call for Child Rights“ verwendet und nach einem gemeinsamen Raster vorgegangen. Polizei und Behörden wurden aktiv einbezogen.

Samaj ist froh, dass er seit der Shishu-Mela wieder mit seinen Freunden in die Schule gehen kann und nicht mehr im Süßwarenladen schuften muss.
 Foto: EVS

Saraswati Mondal, die Leiterin unserer Partnerorganisation EVS 3), berichtet über die Shishu Mela am 14. Januar, auf dem Festplatz eines abgelegenen Adivasi-Dorfes im West-Midnapur Distrikt, während der traditionellen Feiertage für „Poush Sankranti“, dem bengalischen Frühlingsfest, das auch von den Adivasi auf ihre Weise begangen wird: „Es gibt manch große Veranstaltung in unserer Gegend, aber zum ersten Mal hatten wir ein Fest des Kindes im wahrsten Sinn des Wortes, eine Feier der Kindheit. Es war ein Tag für Kinder, bei dem die Erwachsenen sie nicht hinderten. Die Kinder spielten, hatten Spaß und lernten viel Neues, und wir fanden heraus, dass jedes von ihnen eine Botschaft an uns hatte, wenn wir mit ihnen redeten. So ein Kinderfest ist wichtig für uns hier im „Jungle Mahal“, um das Lächeln auf den Kindergesichtern wieder herzustellen, nach Monaten der Angst vor Anschlägen der maoistischen Guerilla.“

Bei der feierlichen Eröffnung mit Entzündung der traditionellen Öllampe durch lokale Würdenträger wurde herausgestellt, was jeder Einzelne zur Förderung von Kindern und der Einhaltung der Kinderrechte beizutragen hat. Staatliche Bildungs-, Gesundheits-, Ernährungs- und Kinderrechts-Beauftragte, aber auch Schuldirektoren beteiligten sich gemeinsam mit Projektmitarbeitern an Ausstellungsständen zur Information der Dorfbewohner über ihre Rechte, z.B. Sozialprogramme für Schwangere, Mütter, Säuglinge, Jugendliche, das Bildungssystem usw. Die Shishu Mela richtet sich an Kinder und ihre Eltern. Während es für die Kinder Geschicklichkeits-, Mal-, Rede- und Rezitationswettbewerbe und ein Wettsticken von Sal-Blättern gab, wurden die Eltern über Kinderrechte informiert. Die Wettbewerbspreise wie Schulranzen, Geo-Dreieck, Kugelschreiber wurden wegen der fortgeschrittenen Stunde erst am nächsten Vormittag verteilt. Mehr als 600 Essenscoupons wurden in Midnapur an die Teilnehmer gegen einen Obolus verkauft.

Für einige Kinder brachte die Shishu Mela gleich eine positive Wendung in ihrem Leben: Der ständig betrunkene Vater des zwölfjährigen Samaj hatte seinen Sohn aus der Schule genommen und zum Arbeiten in einen Süßwarenladen gebracht. Weil er plötzlich bei der Hausaufgabenbetreuung von EVS fehlte, suchten die EVS-Mitarbeiter Samajs Familie auf, um herauszufinden, wo der Junge ist. Daraufhin sprachen sie mit dem aggressiven Ladenbesitzer - ohne Erfolg. Zufällig traf der Bildungskoordinator von EVS im Dezember 2011 Samaj und erfuhr, dass der Ladenbesitzer ihm wenig zu essen gab und ihn misshandelte. Gern wäre er wieder zur Schule gegangen. Die Shishu Mela bot nun die Gelegenheit, am Info-Stand in ungezwungener Atmosphäre mit dem Vater über Kinderrechte zu sprechen und ihn mit Hilfe der von EVS entwickelten Info-Materialien davon zu überzeugen, seinem Jungen zu erlauben, nach Hause zu kommen und wieder zur Schule zu gehen. Der Leiter der Ökoclubs bei EVS brachte den glückstrahlenden Samaj innerhalb einer halben Stunde ins EVS-Büro, und am nächsten Tag wurde er in der nächstgelegenen High School in die 6. Klasse eingeschult. Er kommt wieder regelmäßig zur Hausaufgabenbetreuung, und der alkoholkranke Vater hat akzeptiert, dass seine Kinder eine Schule besuchen.

Der Bürgermeister von Chatra (3. v.l.) informiert sich bei der Shishu-Mela über die Aktivitäten der von der Indienhilfe unterstützten Jugend-Ökoclubs. Foto: IH

Ein weiteres Resultat der Shishu Mela: Im Anschluss konsultierte die zuständige Sub-Schulinspektorin EVS bezüglich der Eröffnung zweier Internate an Orten mit schwer erreichbaren Primarschulen, in denen die Kinder vor allem während der Regenzeit keine Chance haben, die Schulen in bis zu fünf Kilometern Entfernung zu Fuß zu erreichen. Ein neues Gebäude zur Unterbringung der Kinder ist inzwischen bereits errichtet.

Dies sind erste Schritte, doch weitere Anstrengungen im Kampf gegen Kinderarbeit sind nötig. Für die Aktivitäten im Rahmen des Indienhilfe-Netzwerks gegen Kinderarbeit benötigen wir in diesem Jahr fast 30.000 Euro.

Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Kinderarbeit“!

 

 

1) Meist handelt es sich um Kinder aus Adivasi- und Dalitfamilien und aus der ebenfalls besonders armen muslimischen Bevölkerung Westbengalens.

2) Nach dem Zensus 2001 arbeiten in Westbengalen mehr als 4 % der Kinder zwischen 5 und 14 Jahren, das sind 1,2 Millionen Kinder. (Quelle: State Action Plan, Gvt. of WB). In Orissa schätzen NGOs den Anteil an arbeitenden Kindern zwischen 5 und 14 Jahren gar auf 15 %.

3) Ektagram Vikas Samiti, unser Partner für das Adivasi Health and Education Projekt

 

 


Aus dem Indienhilfe-Herbstinfo 2011:

Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch - Indienhilfe verabschiedet Selbstverpflichtung

(Sabine Dlugosch)

Aufgeregt kommen die Mädchen in das Projektzentrum unseres Partners Lake Gardens Women & Children Development Centre gelaufen. Es dauert eine Weile, bis die Mitarbeiterinnen herausgefunden haben, was passiert war: auf dem Schulweg hat sie ein Mann verfolgt, der sie unter einem Vorwand in eine dunkle Gasse lockte. Dort fing er an, sich zu entkleiden und anzügliche Bemerkungen zu machen. Bevor er zudringlich werden konnte, liefen die Mädchen weg. Nach einer Anzeige bei der Polizei und wiederholtem Nachhaken der Projektmitarbeiterinnen konnte der Täter gefasst werden - er ist nicht das erste Mal auffällig geworden. Doch eine Verurteilung ist unwahrscheinlich.

Dass dies kein Einzelfall ist, zeigt die vom indischen „Ministerium für die Entwicklung von Frauen und Kindern“1) in Auftrag gegebene Studie „Study on Child Abuse: India 2007“, die das Erleben von Missbrauch und Gewalt von Kindern in 13 indischen Bundesstaaten untersucht. Die Ergebnisse sind erschreckend: Zwei von drei Kindern wurden körperlich misshandelt, 88% von ihnen durch die eigenen Eltern. Mehr als die Hälfte (65%) der Schulkinder berichtet von körperlicher Züchtigung durch Lehrkräfte in der Schule - einer der Gründe, warum Kinder die Schule vorzeitig abbrechen und in die Kinderarbeit abrutschen. Sexuellen Übergriffen ist über die Hälfte (53%) der Kinder ausgesetzt und jedes zweite Kind berichtet von emotionaler Gewalt. Täter sind in den meisten Fällen Eltern, Erziehungsverantwortliche oder nahe Vertrauenspersonen. Insbesondere Straßenkinder, Kinderarbeiter und Kinder, die einen großen Teil ihrer Zeit in Institutionen verbringen, berichten vermehrt von Missbrauch und Misshandlungen.

Wie sowohl der Forschungsbericht aus Indien als auch die Medienberichte zum Ausmaß von Missbrauch und Misshandlungen in deutschen Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen im letzten Jahr deutlich gezeigt haben, sind Einrichtungen und Projekte für Kinder und Jugendliche nicht automatisch gewaltfreie Zonen. Auch in Entwicklungsprojekten können derartige Vorkommnisse nicht ausgeschlossen werden. Um in den von uns geförderten Projekten Gewalt gegen Kinder in jeglicher Form möglichst präventiv zu bekämpfen, hat die Indienhilfe im September 2011 die „Arbeitsgruppe Kinderschutz“ ins Leben gerufen. In einem ersten Schritt hat sich die Arbeitsgruppe auf eine umfangreiche Selbstverpflichtung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen2) verständigt, die die Mitgliederversammlung der Indienhilfe am 22. Oktober 2011 verabschiedet hat.

In den nächsten Monaten wird die „Arbeitsgruppe Kinderschutz“ in enger Zusammenarbeit mit Sibani Bhattacharya, Leiterin des Indienhilfe-Büros in Kalkutta, und den Partnerorganisationen Instrumente ausarbeiten, wie diese Selbstverpflichtung in der Praxis umgesetzt werden kann. An erster Stelle steht die Risiko-Analyse aller Projekte, um besondere Gefährdungspotentiale (enger Kontakt zwischen Kindern und Projektmitarbeitern z.B. in Brückenschulen, Arbeit mit Kindern/Menschen mit Behinderungen etc.) zu identifizieren. Im nächsten Schritt sollen präventive Maßnahmen ausgearbeitet werden, beispielsweise Vorgaben für das Personal wie die Vorlage von Führungszeugnissen und Selbstverpflichtungen aller Mitarbeiter. Konkrete Handlungsrichtlinien und klare Meldewege sollen in Verdachtsfällen innerhalb wie außerhalb der Organisation und der Projekte Handlungssicherheit und schnelles Eingreifen ermöglichen und eine Verschleierung aus Angst vor Sanktionen vermeiden helfen. Fortbildungsangebote sollen die Mitarbeiter für die Thematik sensibilisieren, insbesondere für jegliche Form von Gewalt und Missbrauch innerhalb der Familie, die gerade bei den sehr beengten Wohnverhältnissen nicht selten sind.

Die Einführung der Kinderschutz-Richtlinien ist für die Indienhilfe ein weiterer Schritt, die Qualität der Arbeit zu verbessern und unserem obersten Ziel, dem Wohl der Kinder in allen Lebensbereichen, näher zu kommen.

Alle Projekte der Indienhilfe haben die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern aus besonders armen Familien zum Ziel. Wenn Sie Ihre Spende ohne Angabe eines bestimmten Projektes überweisen, setzen wir sie da ein, wo gerade der größte Bedarf besteht.

 

1) Ministry of Women and Child Development

2) Diese entspricht weitgehend dem Kodex Kinderschutz von VENRO, dem Verband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen, dem auch die Indienhilfe angehört.


Indienhilfe-Sommerinfo 2009:

„Es gibt noch viele Farmanias!“
Vikas Kendra startet neues Kinderprojekt in „Dorf-Slums“

Sabine Dlugosch

Grundsteinlegung für das Child-Development Centre im Adivasi-Dorf Farmania      Foto: Kiran Mukherjee

Für die 44 Adivasi-Familien der Siedlung Farmania im Projektgebiet von Vikas Kendra (SEVA) bedeutet der bengalische Neujahrstag am 15. April 2009 einen wahren Neu-beginn: Die Grundsteinlegung für das neue Kinderzentrum eröffnet ihnen Perspektiven aus generationenlangem Analphabetismus und extremer Armut. Das Child Development Centre wird eine Kinderkrippe für die Betreuung der Kleinsten und einen Förderkindergarten (SVK) zur Vorbereitung der Einschulung für die Drei- bis Sechsjährigen beherbergen. Den vorzeitigen Schulabbruch der Älteren, der meist mit Kinderarbeit endet, verhindern Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Medizinische Betreuung, zusätzliche Nahrungs-Rationen und das Anlegen von Küchengärten verbessern den Gesundheitszustand der Kinder und Mütter und bekämpfen die weit verbreitete Unterernährung mit ihren bleibenden Schäden1).

Dank der Armutsbekämpfungsprogramme der indischen Regierung haben sich die Lebensbedingungen im ländlichen Indien zwar etwas verbessert, doch Farmania ist bei weitem kein Einzelfall. Überall stoßen wir bei unseren (stets privat finanzierten) Projektbesuchen auf Dörfer bzw. Dorfteile, in denen noch immer unvorstellbares Elend herrscht. Meist gehören die Bewohner ausgegrenzten Kasten oder den Adivasi an, häufig haben sie sich als Umweltflüchtlinge an fremdem Ort niedergelassen. Jeden Tag beginnt der Kampf ums Überleben aufs Neue: findet ein Familienmitglied Arbeit als Tagelöhner oder muss die Familie wieder hungrig zu Bett gehen? Nur wenige Kinder werden eingeschult und beenden die Grundschule. Die meisten brechen die Schule vorzeitig ab und gehen schon in jungen Jahren schwerer körperlicher Arbeit nach. Ihre Chancen, jemals den Teufelskreis aus Hunger und Armut zu durchbrechen, sind gering.

Um die Kinder in gerade diesen „vergessenen Winkeln“ und um ihre Familien will sich Vikas Kendra künftig gezielt kümmern. Gemein-sam haben wir ein ganzheitliches Projektkonzept mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit und Ernährung ausgearbeitet. Dabei werden die Fachabteilungen des Entwicklungszentrums Vikas Kendra in Atghara (Bildung, Vor-schulen/SVKs, Gesundheit, Landwirtschaft) zunächst in den ärmsten Vierteln zwanzig ausgewählter Dörfer intensiv in einem Team zusammenarbeiten - stets das Wohl der Kinder als oberstes Ziel im Auge behaltend.

Alle Mitarbeiter - von der Dorfebene bis zum Koordinator - verbringen viel Zeit in „ihren“ Dörfern und erstellen anhand ihrer detaillierten Kenntnisse der örtlichen Lebensbedingungen individuelle Dorfentwicklungspläne. Aufgaben und Tagespensum der Erzieherinnen und Nachhilfelehrer/innen werden erweitert - sie werden zu umfassenderen Dorfanimatoren und „Child Development Workers“ fortgebildet, die neben der täglichen Arbeit in den Nachhilfezentren bzw. Förderkindergärten (SVKs) die Anlage von Küchen- und Heilkräutergärten in allen Haushalten anleiten sowie intensiven Kontakt zu den Familien halten und ihnen beratend zur Seite stehen. Die in allen zwanzig Dörfern einzurichtenden Kinderrechts-Komitees sorgen für die Identifizierung und Wieder-Einschulung von Schulabbrechern und Kinderarbeitern. Um die Dorfbewohner bei der Nutzung der staatlichen Entwick-lungsprogramme zu unterstützen, arbeitet das Team eng mit den Regierungsstellen zusammen. Besonders Frauen werden motiviert, sich in Selbsthilfegruppen (SHGs) zu organisieren und sich kommunalpolitisch zu engagieren, z.B. in Dorf-Entwicklungskomitees oder gar als Bürgermeisterin.

Geplant ist, jedes Dorf nach sechs Jahren in die Eigenständigkeit zu entlassen. Zunächst wird jedoch das neue Konzept in einer zweijährigen Pilotphase erprobt und, je nach Bedarf, angepasst. Mit dem neuen Projekt „Child Centred Development“ will Vikas Kendra einen besonders wirksamen Ansatz entwickeln, um die Kinder der „Ärmsten der Armen“ zu befähigen, ihr Schicksal jenseits von Hunger und Armut selbst in die Hand zu nehmen. Wir begleiten die Ent-wicklungen mit großer Aufmerksamkeit und Neugier!

Herzlichen Dank an die Weltläden in Rosenheim und Brannenburg, sowie an den AK 'Dritte' Welt Bayreuth für die wichtige regelmäßige Unterstützung für Vikas Kendra! Für dieses Jahr haben wir knapp 30.000 € be-willigt und sind dringendst auf weitere Spenden angewiesen! Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Vikas Kendra“!

Besonders danken wir dem Impact on Health e.V. Bad Homburg und dem Soroptimist International Club Fünfseenland Herrsching, die durch ihre großzügigen Spenden den Bau in Farmania ermöglicht haben, sowie Kiran Mukerji für sein großartiges Engagement bei der ehrenamtlichen Ausarbeitung der Baupläne und der persönlichen Überwachung der Baufortschritte vor Ort. Für die Fertigstellung und Ausstattung des Kinderzentrums fehlen uns jedoch noch Sonderspenden in Höhe von 3.000 €  - Spenden-Stichwort „Farmania“

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1) Ausführliche Informationen zu Farmania finden Sie im Sommerinfo 2008, das Sie bei uns anfordern können, oder im Internet unter www.indienhilfe-herrsching.de/ Farmania.html, wo es auch Fotos zum Baufortschritt in Farmania gibt.